Samstag, 19. September 2015

Geburtsbericht des kleinen Raben

Eigentlich wäre es für einen Geburtsbericht inzwischen schon ein bisschen spät. Schließlich ist mein Kleiner Rabe inzwischen schon 11 1/2 Wochen alt. Aber da ich zuvor nicht gebloggt habe und trotzdem finde, dass irgendwann in der Retrospektive etwas fehlen würde, wenn nicht alle meine Kinder hier ihren Geburtsbericht finden könnten, schreibe ich ihn trotzdem. Außerdem ist es ja meist ratsam, eine Geschichte am Anfang anzufangen. Ok, das wäre in dem Fall die Zeugung, aber die bleibt dann doch ganz zwischen dem Haselchen und mir. ;-)

Da die Geburt des kleinen Rabe nicht besonders schön war rate ich schwangeren Erstlingsmamas, den Bericht erst nach ihrer ersten Geburt zu lesen. Es wird jetzt nicht super brutal und blutig, aber ich hätte mehr Angst vor der Geburt gehabt wenn ich gewusst hätte, wie schwer der kleine Rabe es haben würde, zu schlüpfen...

Geboren wurde der kleine Rabe am 2.7.2015 um 3:54 morgens mit 51 cm und 3560 gr.

Es ging am 1.7. morgens gegen 9:00 los: Erst konnte ich den Schmerz nicht 100% zuorden - ich war davon ausgegangen, dass Wehen sich wie starke Menstruationsschmerzen, so wie die Senkwehen, anfühlen würden. Aber nachdem mein Bauch dabei hart wurde, der Schmerz regelmäßig kam und ich mit dem Veratmen anfangen musste, war mir klar: Das sind Wehen.

Nachdem die Abstände auch nach einer warmen Dusche und ein wenig ausruhen (ich hatte nachts wegen Durchfall sehr schlecht geschlafen) immernoch regelmäßig bei 5 Minuten lagen, sind wir gegen Mittag ins Krankenhaus gefahren. Ich wurde ans CTG angeschlossen und gleich in den Kreissaal aufgenommen.

Über Stunden hatte ich alle 5 Minuten Wehen, die immer schmerzhafter wurden. Ich durfte herumlaufen, aber ich musste mich ständig beim Schmerz vorbeugen und mit Tönen veratmen. Da war ich noch guter Dinge. Dann allerdings gegen 18:00 Uhr VU: Mumu bei 1 cm. Und so wehte ich weiter vor mich hin. Eine halbe Stunde später musste ich mich zum ersten Mal nach einer besonders schmerzhaften Wehe übergeben. Dann kamen die Wehen alle 3 Minuten. Ich musste mich wieder übergeben. Kurz vor 20:00 Uhr: Mumu 1.5 cm offen. So langsam sank meine Stimmung.

Kurz nach 21:00 Uhr waren wir endlich bei 2-3 cm und ich bekam eine PDA angeboten. Nach einer Weile überlegen (da ich usprünglich keine gewollt hatte) habe ich dann zugestimmt. Die Wehen kamen so oft und taten so weh, dass ich nicht mehr konnte. Nach einer Weile im Sitzen versuchte ich, mich zu entspannen (da ich hundemüde war), aber fühlte mich am Ende total benommen, schwindelig und wie auf Drogen. Laufen oder Stehen ging sowieso nicht mehr, da dann die Wehen alle 2 Minuten kamen und eine Minute dauerten. Die PDA wurde dann gegen 22:00 gelegt. Ab da ist mein Zeitgefühl so ziemlich weg. Unangenehm war nur, dass ich während des Legens ständig Wehen hatte, aber mich gar nicht bewegen durfte und die Anestesistin etwas länger brauchte.

Als die PDA saß hoffte ich der Schmerz würde nun komplett aufhören. Aber pustekuchen. Einige Male stöhnte ich laut auf und das Medikament wurde dann nach und nach auf die höchste Dosis aufgedreht. Da ich mal für kleine Mädchen musste, wurde mir eine Bedpfanne gegeben. Klappte aber nicht so recht, weshalb ich einen Katheter bekam.

Trotz der höchsten Dosis kamen die Wehen weiter recht heftig. Die Ärztin erklärte mir, dass die PDA den Schmerz reduziere, aber ich offenbar sehr schmerzhafte Wehen hatte. Mumu war inzwischen bei 5 cm. Dank der Besserung durch die PDA schaffte ich es dann, zwischen den Wehen halb einzunicken. Ich war soooo müde. Aber die nächste Wehe riss mich aus jeder Entspannung. Allerdings ließen sie sich eine Weile lang ganz gut veratmen. Eine Weile später: Mumu immernoch 5 cm. Die Wehen kamen dann wieder öfter und heftiger, sodass ich nicht mehr wirklich entspannen konnte. Und dass wir immernoch so lange vor uns hatten, zehrte ziemlich an meiner Moral.

Irgendwann weit nach Mitternacht (ich glaube gegen halb 1) dann der Befund: Mumu bei 7 cm. Aber das Baby lag nicht richtig ins Becken eingedreht. Daher dann der Vorschlag: Blasensprengung, um die Wehen hoffentlich effektiver zu machen und um das Baby durch Positionswechsel und falls nötig manuell richtig eindrehen zu können. Die Idee kam mir gut vor. Zu dem Zeitpunkt wäre mir wohl alles gut vorgekommen, dass ein Ende in Sicht stellte... Also wurde alles vorbereitet und die Fruchtblase gesprengt. Das tat überhaupt nicht weh und mein Mann war total erstaunt über die Menge an Fruchtwasser. Das Fruchtwasser war normal. Dann sollte ich mich auf die rechte Seite legen, um eine richtig Drehung des Babys zu erreichen.

Nach einigen nun echt heftigen Wehen merkte ich plötzlich, dass ich bald einen Pressdrang verspüren würde. Die Ärztin kam, checkte mich und gab mir das ok, bei den nächsten Wehen mit dem Pressen anzufangen. Es kamen noch mehr Ärztinnen und Schwestern dazu und ich begann mit dem Pressen. Das war irgendwo zwischen 1:30 und 2:00. Leider lag unser Schatz noch immer nicht optimal, sodass die Ärzte immer wieder nach dem Köpfchen fühlten. Das Pressen fiel mir total schwer. Der Pressdrang war minimal (ich hätte die Presswehen auch gut veratmen können) und ich war mit den Kräften am Ende.

In welcher Reihenfolge weiß ich nicht mehr genau. Aber irgendwann stand dann eine Schwester auf einem Stuhl neben mir, um von oben beim Pressen nach unten zu drücken. Zeitgleich saß eine Ärztin zwischen meinen Beinen und half, das Baby vorsichtig richtig einzudrehen und das Köpfchen zu führen. Ich bekam dann auch noch Oxytocin, weil meine Wehen nicht stark genug beim Pressen halfen. Und Glukose, weil ich körperlich so erschöpft war. Ich presste und presste und presste. Alle im Raum, allen voran mein Mann, feuerten mich an und versuchten, mir Mut zu machen. Ich konnte nicht mehr. Zwischen dem Pressen schwankte ich zwischen leichtem Hyperventilieren (eine Schwester tat laum etwas anderes, als ruhig mit mir zu atmen) jammern, "I can't do this anymore" und zwischendrin sogar weinen.

Mein Mann sah zum ersten Mal ein Stück vom Köpfchen im Geburtskanal und wurde total euphorisch, feuerte mich an und versprach mir nach jeder Wehe, dass es nicht mehr lange dauern würde. Irgendwann war der Druck im Geburtskanal echt heftig und plötzlich wurden alle ganz aktiv. Ich wurde ein wenig nervös, bis die Ärztin sagte, dass die Geburt vorbereitet würde. Mein Mann jubelte, als er die ersten Haare herausschauen sah.

Ich presste und presste, aber es tat sich nicht mehr. An dem Punkt erklärte die Ärztin, dass sie leider einen Dammschnitt würden machen müssen, damit ich die Geburt schaffen könnte. Mein Mann wurde in Scrubs, Haarnetz, Munschutz und Handschuhe gepackt, um die Nabelschnur zu durchschneiden. Mir war inzwischen alles recht, um endlich mein Baby zu haben. Also bekam ich eine lokale Betäubung und hörte dann unter der nächsten Wehe ein "Schnipp, schnipp".

Eine weitere Wehe kam, ich presste mit aller Kraft und wusste plötzlich, dass es jetzt soweit war. Wie auf echt harten Drogen und mit meinen lezten Kraftreserven, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie hatte, presste ich so gut ich konnte und hatte das Gefühl, gleich in Ohnmacht zu fallen. Und hörte meinen Mann jubeln " He's out! He's out!". Ob ich nochmal gepresst habe, ald der Körper geboren wurde, oder ob die Ärztin das gemacht hat, weiß ich nicht mehr. Mein Mann durchtrennte dann die Nabelschnur.

Ich wollte unseren Schatz gleich auf die Brust gelegt bekommen. Da erklärte mir die Ärztin dann, dass die lezten Schwalle an Fruchtwasser (die beim Pressen noch heraus kamen) kontanimiert waren und der Kleine abgesaugt werden müsse. Da bemerkte ich dann außer ein wenig Blut auch den grünen Schleim an meinem Oberschenkel. Im Nebenraum wurde er also abgesaugt, ein wenig gesäubert und angezogen. Nach etwa einer Minute hörten wir einen wunderschönen Schrei. Dann bekam ich ihn endlich auf die Brust gelegt. Er schrie und war so wunderschön und ich streichelte sein Köpfchen und redete mit ihm und er beruhigte sich und schaute mich an.

Dann erklärte die Ärztin mir, dass der Kleine unter der Geburt offenbar sehr viel Stress hatte (weshalb das Mekonium abgegangen war) und genauer überwacht werden müsste. Daher könne er leider nicht bei uns bleiben, sondern würde im Inkubator überwacht, während man mich im Kreissaal überwachen wollte und gegen 6 könnten wir dann zusammen unser Zimmer auf der Station beziehen. Mein Schnitt wurde genäht und dann lag ich euphorisch, zitternd (vor Erschöpfung und da ich seit dem Abend des 30.6. nichts gegessen hatte) und klatschnass geschwitzt auf dem Kreisbett. Bis wir soweit waren, war es dann nach 4:30, sodass wir nicht schlafen wollten. Dann kam 6:00 Uhr und eine Schwester mit Rollstuhl und frischen Klamotten für mich.

An dem Punkt dachten wir, wir bekämen jetzt unseren Schatz und kämen auf's Zimmer. Dann allerdings eröffnete man uns, dass der Kleine zu schnell atmen würde und die Ärzte ihn noch weiter überwachen und die Resultate eines Bluttests abwarten wollen würde. Das würde 1-2 Stunden dauern. Da war es etwa 6:30.

Ich zog daher erstmal (wie ich dachte) alleine auf's Zimmer. Mein Mann ging vorest nach Hause, um zu duschen, sich umzuziehen und ein wenig zu schlafen. Ich nickte dann auch ein wenig ein. Gegen 8 ging ich an den Empfang (ich habe tatsächlich nicht ein einziges Mal nach der Schwester geklingelt) und fragte nach meinem Sohn. Ich durfte ihn dann vorest zu mir auf's Zimmer holen. Aber ich sollte ihn nicht anlegen. Er spuckte dann erstmal und ich hielt ihn eine Weile auf dem Schoß und streichelte und betrachtete ihn neben mir ihm Babybettchen. Irgendwann wachte er auf und schmazte. Mir war klar, dass er Hunger hatte. Das bekundete er dann auch mit lautem Gebrüll, ließ sich aber mit gutem Zureden und streicheln beruhigen. Kurz darauf kam eine Schwester und gab mir die schlechte Nachricht: Die Entzündungswerte seien schlecht und der Kleine müsse in ein spezielles Kinderkrankenhaus verlegt werden. Also kam mein Mann. Vor der Abfahrt durfte ich den Kleinen wenigstens noch einmal kurz anlegen.

Während mein Mann dann mit dem Kleinen unterwegs war, kamen immer mehr schlechte Nachrichten. Am Ende lag unser kleiner Rabe mit der Diagnose "Mekoniumaspiration mit Verdacht auf Lungenentzündung" auf der Intensivstation des besten Kinderkrankenhauses in Shanghai und es hieß, er müsse etwa 2-3 Wochen dort bleiben. Leider gibt es keine VIP Abteilung mit Intensivstation für Neugeborene. Und auf einer "normalen" Intensivstation gilt in China: Keinerlei Besucher. Auch keine Eltern. Kein Stillen, kein Bonding, nicht einmal ein Glasfenster um das Baby wenigstens sehen zu können...

Letztendlich hatten wir jedoch Glück im Unglück und durften den kleinen Raben nach genau 1 Woche abholen. Er hatte das Mekonium offenbar doch "nur" geschluckt und den Infekt sehr gut überstanden. Ein großer Kämpfer, unser kleiner Rabe. :-)

Kommentare:

  1. Oh nein, das mit der Intensivstation ist ja furchtbar! In der Hinsicht sind die leider echt ein bisschen rückständig. In welchem Kinderkrankenhaus wart ihr? Ich hab gesehen, dass du auch in Pudong wohnst, wart ihr sonst zufällig im SEIMC? Ich glaube, da hab ich euch nämlich vor Stehen sehen.

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    1. Ja, schön ist irgendwie anders... Aber es ging ja zum Glück alles nochmal gut. :-)

      Wir waren im Shanghai East hospital VIP Section, also micht die international Clinic. Die könnten wir uns nicht leisten (und haben keine Versicherung, die das übernehmen würde)...

      Und den kleinen Raben hatten sie ins SCMC eingeliefert.

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