Dienstag, 6. Oktober 2015

Shanghai Alltag: Verkehr

Der Verkehr in Shanghai ist irre. Großstädte scheinen dafür ja allgemein anfällig zu sein (ich komme aus 'nem kleinen Ort - bei uns gibt's Stau, wenn auf der Hauptstraße ein Tracktor fährt, daher kenne ich die Zustände in anderen Großstädten hauptsächlich aus Hörensagen...). Ist ja auch nicht sooo verwunderlich, wenn halt mehrere Millionen Autos auf engstem Raum herumfahren. Da kann man noch so viele elevated roads über und unter einander bauen. Besser als in Moskau oder Darmstadt ist es hier schon gelöst. Aber wenn halt so ein paar Milliönchen PKW herumgurken, wird es eng (insbesondere wenn halt drumherum auch noch gelebt und gearbeitet wird und die Stadt nicht nur aus Straße besteht).

Und die Fahrweise der meisten Chinesen macht das jetzt nicht unbedingt besser...

Vorfahrt hat der, der halt vor fährt und lauter hupt.

Und hupen tun sie gerne, oft und ausdauernd. Da wird auch mal an der roten Ampel so lange unaufhörlich (!) auf die Hupe gedrückt, bis der Vordermann sich in Luft auflöst oder die Ampel auf Grün schaltet - je nachdem, was zuerst passiert. Mofas scheinen manchmal einfach alle paar Sekunden zu hupen, einfach um auf sich aufmerksam zu machen.

Die eingezeichneten Fahrspuren sind ein grober Richtwert, genauso wie Geh- oder Radwege. Gefahren wird da, wo man hinpasst. Das gilt ganz besonders für Zweiräder. Ihr glaubt nicht, wie oft ich schon auf dem Gehweg von hinten ein penetrantes "möp möp" "möööööp möööööp mööööööp" zu hören bekam, weil ein Mofa da jetzt durch wollte (ggf weil auf der Straße von den Autos eine dritte und vierte Spur eingerichtet wurde, auf der aber auch nichts mehr ging, weil irgendwo einer parkte oder abbiegen wollte oder die Kreuzung verstopft war oder oder) und ich halt nicht in den nächsten Obstladen oder Hauseingang gesprungen bin und das Mofa aber nicht anders an mir vorbei kam. Ich bin dann unglaublich stur und habe meine helle Freude daran, wie der Fahrer immer mehr die Nerven verliert. Denn einfach so umfahren tun sie einen dann meist doch nicht. Also meist. Einmal habe ich einem mit Schmackes meinen Regenschirm irgendwo hin gepfeffert (keine Ahnung, wo ich ihn getroffen habe, aber er hat "ahgrmpf - aaa" gemacht), als ich selbigen reflexartig beim zur Seite springen vor mich gehalten habe. Und einmal hat das Haselchen so einen Helden fast vom Mofa gehauen, nachdem der mich von hinten angedozt hatte, sodass ich einen blauen Fleck am Arm bekam (der Gehweg war so schmal, dass wir hintereinander liefen). Tatsächlich hatte ich da in Deutschland aber schon krassere Geschichten...

Was ich immer wieder faszinierend zu beobachten finde (und mich selbst als Autofahrer auf die Palme bringen würde) ist, wie die Leutchen es hier schaffen, Kreuzungen immer wieder komplett zu verstopfen. Ich habe in der Fahrschule gelernt "erst dann in die Kreuzung einfahren, wenn man diese auch durchqueren kann". Hier fährt man einfach soweit wie geht, aller spätestens wenn die eigene Ampel grün zeigt. Nun stelle man sich das an einer belebten X-Kreuzung mit jeweils auch noch einer Spur für Linksabbieger vor. Für die Autos, die z.B. von rechts nach links wollen, staut es sich hinter der Kreuzung ein wenig. Statt zu warten fahren sie aber alle bei grün nach vorne, sodass die Autoschlange nun auch bei rot bis zur Mitte der Kreuzung reicht. Nun kommen die Autos die von " oben" nach "unten" wollen erstmal nicht weiter. Rollen aber schonmal vor bis es nicht weiter geht (also stehen auf dem Fußgängerübergang rum). Von "unten" nach "oben" rollt es noch. Außer für die Linksabbieger. Die machen aber einfach kurzerhand 2-3 neue Spuren auf und breit gefächert zu warten, bis es weiter geht. Ampel schaltet wieder. Links ging es inzwischen voran, aber erstmal rollen die Autos von oben vom Fußgängerübergang langsam weiter. Sind ja schließlich schon in der Kreuzung. Derweil fädeln sich die Autos von links nach rechts einen Weg zwischen die Linksabbieger von unten nach oben. Und letztere streiten mit den Autos von rechts nach links darum, wer als erstes weiterfahren kann. Zeitgleich machen die Linksabbieger von beiden Seiten wieder neue Spuren auf. Und nicht zu vergessen sind ja auch die Mofas und Roller, die sich zwischen allem hindurchfädeln, das nicht Stoßstange an Stoßstange steht. Wer sich jetzt das Chaos bildlich vorstellen kann denke sich bitte auch noch dazu, dass jeder Fahrer, der steht (inklusive dem 2. hinter der roten Ampel) hupt. Et voila: Der Grund, warum ICH hier NICHT selbst fahren werde. Wie diese gordischen Knoten übigens letztendlich aufgedrüsselt werden, entzieht sich noch heute meinem Verständnis.

Hinzu kommt, dass es eine ausgeprägte Rushhour gibt, zu der die halbe Stadt auf den Beinen (bzw. Rädern) ist. Ok, zugegeben, die Kreuzungsflechtkunst sieht man vor allem zur Rushhour.

Wir waren mal bei einem Bekannten zum Abendessen eingeladen. Laut google maps sollten wir rund 20 Minuten brauchen. Wir nahmen 40 Minuten vorher ein Taxi. Und waren dann 2 1/2 Stunden später endlich da. Allein 30-40 Minuten davon brauchten wir in einem einzigen Kreuzungs-Knoten. Durch das kreative Eröffnen neuer Fahrspuren gab es direkt bevor wir in die Kreuzung einfuhren vor unsere Nase einen Unfall (nix als Blechschaden - LKW und PKW wollten kuscheln). Und ratet mal was direkt vor unserer Nase am anderen Ende der Kreuzung passierte?! Genau! Ein Auto wollte sich an einen Bus kuscheln. Noch n Blechschaden. Und der restliche Verkehr musste sich in beiden Fällen um die Turteltäubchen von Fahrzeugen herum schlängeln. Die mussten natürlich erstmal genau dort stehen bleiben, wo es geknatscht hatte (gescheppert hatte es nicht) um auszudiskutieren, wer Schuld war.

Was aber erstaunlich ist: In diesem ganzen Verkehrschaos gibt es dann doch gefühlt recht wenige Unfälle. Mein Eindruck ist: Weil sich eh keiner an Verkehrsregeln hält, erwartet keiner, dass sich die anderen an Verkehrsregeln halten. Also nicht "Ich hab grün, ich fahr jetzt" sondern "Ich hab grün. Ich schau mal, ob was kommt oder ob ich fahren kann".

Hinter's Steuer kriegen mich hier trotzdem keine 10 Pferde! ;-)

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