Donnerstag, 8. Oktober 2015

Wie ich um meine Sternchen getrauert habe

Dieser Artikel hier, auf den ich mehr zufällig denn gewollt gestoßen bin, hat mich dazu bewogen, auch hier über meine Erfahrungen mit dem Thema Fehlgeburt zu berichten. Denn vor dem kleinen Raben hielt ich schon 2 positive Schwangerschaftstests in der Hand und musste die Kleinen wieder ziehen lassen.

Darüber allerdings, ob und wenn ja warum Fehlgeburten ein Tabu sind, will ich hier gar nicht schreiben. Für mich waren sie es nie. Aber unter anderem deshalb fühle ich mich halt auch in der schwarzen Szene so zu Hause - weil es hier kaum Tabus gibt und eben auch Dinge wie Schmerz und Tod ganz offen behandelt werden.

Ich ging nicht blauäugig in dieses Abenteuer "Kinderkriegen" hinein. Ich wusste um die statistische Wahrscheinlichkeit einer Fehlgeburt genauso wie darum, dass ich eigentlich zwei Brüder hätte, aber einer still geboren wurde, und dass meine Schwiegermama gleich 4 Fehlgeburten in Folge gehabt hatte, bevor das Haselchen eine kleine Schwester bekam.

Nichtsdestotrotz freute ich mich erstmal ungetrübt, als ich am 2. Juli 2014 einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand hielt. Beim Arzt hieß es, es sei noch zu früh für einen Ultraschall, aber der Bluttest war positiv und ich solle 4 Wochen später wiederkommen. Aber dazu kam es nicht mehr...

Das Haselchen und ich waren überglücklich. Wir begannen, über Namen nachzudenken und die Zukunft zu dritt zu planen. Dennoch sagten wir bis auf unseren Eltern erstmal niemandem etwas. Einfach aus Aberglaube heraus (es bekam z.B. auch niemand außer den Großeltern vor Ablauf von 40 Tagen ein Foto vom kleinen Raben wegen dem "bösen Blick" - Russen sind unglaublich abergläubisch!).

Bei aller Freue beschlich mich doch ständig wieder ein ungutes Gefühl. Das Baby, da war ich sicher, würde ein Junge werden. Und dabei hatte ich doch davon geträumt (also echt geträumt, nicht im Sinne von gehofft), mein erstes Kind würde ein Mädchen. "Das ist das falsche Baby" schoss mir manchmal abends vor dem Einschlafen durch den Kopf.

Dann hatte ich eine besonders unruhige Nacht und wachte mit Krämpfen auf. Und ich wusste: Falls ich jetzt Blut, und sei es noch so wenig, sehe, dann habe ich eine Fehlgeburt. Und so war es dann auch. Über den genauen Ablauf werde ich vielleicht ein ander mal schreiben. An dieser Stelle nur so viel: Ich habe nie zuvor und nie danach solche körperlichen Schmerzen erleiden müssen, wie sie mir an diesem Tag angetan wurden.

Ich hatte mich schon am Morgen zunächst für 1 Tag krank gemeldet und informierte dann meinen Teamleiter darüber, was los war. Der war ganz geschockt und kümmerte sich gleich darum, dass ich meine 15 Tage bezahlten "maternity leave", der einem in China bei einer Fehlgeburt vor dem 4. Monat zusteht, bekomme. Also konnte ich 2 Wochen zu Hause bleiben.

Die ersten Tage waren hart. Ich kam kaum aus dem Bett, weinte viel und starrte an die Wand, während ich mir volkommen unbegründete Vorwürfe machte oder panische Ängste a la " was, wenn das immer wieder passiert und ich nie ein Kind bekomme?!" hatte. So ging es etwa eine Woche lang. Bis ich beschloss: Schluss jetzt!

Ich habe zwar nie eine offozielle Diagnose bekommen, aber ich war jahrelang depressiv. Und ich wollte nicht wieder zurück in dieses Loch fallen, aus dem ich mich doch erst kurz zuvor mit viel Kraft und viel Hilfe über Jahre hinweg in kleinen Schritten befreit hatte. Und so "riss ich mich am Riemen". Nicht im Sinne von "Zähne zusammenbeißen", um irgendwie zu funktionieren. Nein, sowas bringt nichts. Außer, dass man sich innerlich noch schlechter fühlt. Stattdessen erinnerte ich mich ständig daran, an etwas Positives zu denken. Und ich begann ganz aktiv, nach vorne zu sehen. Gegen meine irrationalen Ängste und die Vorwürfe laß ich medizinische Fakten und redete dagegen an, indem ich dem Haselchen eben diese Fakten erzählte. Und ja, ich sagte mir auch immer wieder Dinge wie " Jetzt daran zu verzweifeln, ändert auch nichts. Schau positiv in die Zukunft und alles wird gut!" und sogar das so 'verpöhnte' "Anderen ergeht es noch viel schlimmer". Das sind ja sonst so ziemlich genau die Sätze, die man einem Trauernden NICHT sagen sollte. Und wäre das von jemand anderem gekommen, wäre es vielleicht auch kontraproduktiv gewesen. Aber für mich von mir selbst aus war es genau das, was ich in diesem Moment brauchte.

Einmal bekam ich in dieser Zeit sogar zu hören, ich würde meine Trauer verdrängen und ich müsse sie unbedingt erst noch richtig verarbeiten. Und wenn ich dann mit anderen Mädels im Internet verglich, schien ich mich wirklich ungewöhnlich schnell wieder gefangen zu haben. Also begann ich kurz sogar daran zu zweifeln, wie ich mit der Situation umging. Aber ich verwarf diese Zweifel bald wieder. Denn: Ich wollte definitiv nicht wieder zurück in dieses schwarze Loch fallen. Ich verbot mir ja auch keine negativen Gefühle und ich versuchte nicht, die Trauer zu unterdrücken. Ich hatte eine ganze Weile noch immer wieder Tränen in den Augen, wenn ich eine Schwangere sah. Aber ich ließ es nicht zu, dass meine Trauer Überhand über mein gesamtes Denken und Sein nahm. Und so war es tatsächlich ganz echter Optimismus, dass alles gut wird, der sich bald durchsetzte.

Bei der zweiten Fehlgeburt war es so, dass ich nicht einmal Zeit gehabt hatte, mir die Schwangerschaft beim Arzt bestätigen zu lassen, als nur wenige Tage nach dem positiven Test auf der Arbeit die Krämpfe und Blutungen einsetzten. Ich nahm mir den Rest des Tages frei, heulte eine Weile in den Armen meines Haselchens und sagte dann "Ok, ich sollte nicht mehr so früh testen. Ansonsten wäre das jetzt einfach als verspätete Periode durchgegangen... Aber ich glaube jetzt wird es klappen." Und tja, ich sollte Recht behalten...

Einen Tag ließ ich mich trotzdem vom Telefondienst befreien und machte nur Emails, da mir halt dann doch nicht gleich wieder nach freundlich lächeln war.

Ich weiß, dass andere Frauen anders trauern und eine Fehlgeburt als einen heftigeren Schicksalsschlag empfinden. Ich vermute immer wieder, dass es vielleicht auch daran lag, dass ich beide Sternchen schon so früh verloren habe. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht.

Aber ich habe um meine Sternchen nur kurz getrauert. Ich werde sie nicht vergessen, aber ich werde mich auch nicht in "Was hätte sein können, wenn..."-Gedanken verlieren. Die Welt dreht sich weiter, mein Leben geht weiter und nichts geschieht ohne Grund - und sei es, dass wir daran als Person wachsen.

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