Freitag, 13. November 2015

Kleine Gruftitanzstunde

Disclaimer: Der folgende Text ist todernst. Sollte jemand ihn lustig finden, muss er zum Lachen in den Keller gehen. Alles andere ist zu ungruftig.

Seit ich in China lebe, bin ich auf Entzug. Normalerweise sollte sowas nach 4 1/2 Jahren ja irgendwann auch mal vorbei sein, aber bei mir wird das einfach nicht besser... Die Droge meiner Wahl ist aber halt auch kein Stoff, weder flüssig, noch fest. Ich bin auf Tanz-Entzug.

Bei der Clubszene in Shanghai mag das komisch klingen. Bzw mit dem ganzen öffentlichen Gruppentanzen an allen möglichen Plätzen hier. Aber ich bin halt auch ein Grufti. Als solcher ist ja schon das Tanzen an sich eine eigene kleine Wissenschaft (dazu gleich mehr). Und wild zu irgendwelchem Techno-Gewummer oder Lady Gaga abzuzappeln verbietet sich dann ja von selbst.¹

Ein paar mal habe ich mich schon über dieses ungeschriebene Goten-Gesetz hinweggesetzt. Nach 10 Jahren Szenenzugehörigkeit stehen einem bis zu 6 solcher Regelverstöße pro Jahr zu, die als ironisch, sarkastisch oder wahlweise als gesellschaftskritische Performancekunst gewertet werden können. Vorher oder bei häufigeren Verstößen wird einem nach und nach die Trueness aberkannt, bis man wieder von vorne als "Babybat" "wannabegoth" oder auf Russisch "herka" anfangen muss, sich seinen Status als echter Gruftie zu erarbeiten.

Nein, als echter Gruftie kann man nicht einfach abzappeln.

Erstens muss die Musik stimmen. Tanzen auf solch verpönte Bands wie Combichrist oder Blutengel hat fast den gleichen Effekt wie zu Scooter oder Helene Fischer. Grundsätzlich gilt: Je älter die Band, desto besser. Ich sage bewusst nicht "unbekannt", denn so richtig Underground kennt dann halt auch in der Szene wieder kein Schwein und die ganze Trueness verpufft im Unverständnis der Betrachter. Annehmbar zum Tanzen ist zum Beispiel Suicide Commando (Dark Electro) oder Nitzer Ebb (EBM). Noch besser ist es allerdings, auf Klassiker wie Sisters of Mercy oder Bauhaus zu warten . Sopor Aeternus geht natürlich auch immer.

Und wie darf man nun tanzen? Hier gibt es (zumindest im Rhein-Main-Gebiet) eine Auswahl an zulässigen Tänzen:

1. Stompen
Zu EBM hüpft man im Dreieck, dreht sich dabei immer wieder und haut mit den Ellbogen um sich. Je nach Pit (= Gruppe der Stompenden) geht es dabei auch schon recht deftig zu. Ein Bekannter torkelte mal auf dem Mera Luna aus dem Pit mit den Worten "Total geil heute!" - mit blutender Nase und zerissenem T-Shirt. Daher normalerweise eher Männersache. Ein Grund mehr, weshalb ich stolz darauf war, sogar mit Absätzen stompen zu können.

2. Ellenbogenschwinger
Meistens wird so auf "Electro" getanzt. Also Dark Electro, aber auch Harsh EBM, Aggrotech, manchmal EBM oder Synth Pop usw. Man stellt sich mehr als hüftbreit hin und geht leicht in die Knie (klingt nach Gymnastik ^^) und hebt abwechselnd im Takt die Fersen (für Fortgeschrittene den ganzen Fuß) vom Boden. Zeitgleich dreht man die jeweilige Schulter nach hinter und oben. Selbiges tut man mit dem Ellenbogen des zugehörigen Arms. Zur Abwechslung kann man die selbe Seite mehrfach heben, mit den Händen fuchteln, die Luft boxen oder sogar das Haupthaar enthusiastisch mitschwingen lassen. Je nach Gemütszustand des Tänzers und Aggressivität der Musik kann man dabei den Menschen hinter einem theoretisch die Nase brechen. Daher wird so faktisch die Frage "Mein Tanzbereich - dein Tanzbereich" schnell geklärt. Beim Tragen sehr kurzer Röcke ist vom allzu hohen Heben des Fußes auch für Fortgeschrittene abzuraten.

3. Der geht immer
Auf wahllos jedes Lied kann man sich von einer Seite auf die andere wiegen. Die Hüfte beschreibt dabei in etwa eine liegende 8. Zusätzlich kann man mit den Händen fuchteln.

4. Der Totengräber
Der gruftigste aller Tänze wird schon von Kontrast in "Einheitsschritt" besungen - "Drei Schritten vor und drei zurück, sie bewegen sich im Einheitsschritt, drei Schritt zurück und drei Schritt vor in ihrem schwarzen Trauerflor". Und, oh Wunder, für den Totengräber läuft (oder besser schreitet) man vor und zurück. Dabei kann man sich je um 180° drehen und mit den Händen herum fuchteln. Und warum jetzt Totengräber? Nun, viele machen beim letzten Schritt nach vorne eine Art Verbeugung - was dann eben so aussieht, als würden sie ein frisches Grab ausheben. So goth...

Und wisst ihr, wer das alles (bis aufs Stompen) hier von den Chinesen auch schon alles gesehen hat? Die Security Guards, die jeweils bei uns daheim und im Büro für die Überwachung der Aufzüge verantwortlich sind. Mp3 Player und die Sucht siegt...

¹Oder macht einem mit unter 2‰ einfach echt keinen Spaß.

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[*txt] ist ein Projekt von Dominik Leitner. Alle 3 Wochen gibt es ein neues Wort, zu dem jeder, der mitmachen möchte, einen Text verfasst. Die anderen Texte und alles bisherigen Wörter findet ihr auf seinem Blog.

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