Samstag, 19. Dezember 2015

Die Mär vom introvertierten Goth?

Es gibt so viele Definitionen von und Erklärungsansätze für "Gothic" und so viele Diskussionen innerhalb der Szene, dass es schwer fällt, einen für die Szene gültigen "kleinsten gemeinsamen Nenner" zu finden. Und wenn ich von der Szene rede oder schreibe kommt für mich erschwerend hinzu, dass ich mich eben seit rund 13 Jahren inzwischen in dieser bewege und befinde. Somit sind meine Gedanken und Ideen zur schwarzen Szene sehr, sehr subjektiv. Ich vermute, dass inzwischen viele der Klischees, von denen ich glaube, dass Stinos¹ sie "uns" gegenüber hegen, gar nicht mehr aktuell sind. Sind Grufties noch die Katzen opfernden Satanisten? Oder sind wir inzwischen die schwarz verkleideten Stinos und die Fetisch Freaks? Ich weiß es nicht.

Daher weiß ich auch nicht, inwiefern das Klischee der introvertierten Goths allgemein bekannt ist oder nicht. Aber scheinbar traut man uns zumindest keine Freunde zu... Hierzu wurde neulich auf Spontis (sehr lesenswerter Blog zur schwarzen Szene, übrigens!) diskutiert. Und tatsächlich gehörte die Mehrheit der Kommentatoren tatsächlich der Spezies "Einzelgänger" an. Daher möchte ich dieses Thema heute aufgreifen. Ganz subjektiv und ohne auch nur den geringsten Anspruch auf Gültigkeit, versteht sich.

Ja, ich denke es ist ein existierendes Klischee, dass Grufties eher introvertiert sind. Denke ich an Klischees, fallen mir Spaziergänge auf Friedhöfen ein. Und Gedichte schreiben, lesen oder sich alleine im abgedunkelten Zimmer den Klängen einer neuen CD hingeben. Denke ich an die Realität, fällt mir das Nähen ein. Und die Tatsache, dass in einem schwarzen Club jeder für sich tanzt. Ehrlich, ich kann mir gar nicht vorstellen, dass jemand jemanden "antanzen" könnte und ich glaube in den meisten Stino Clubs wäre es auch ungewöhnlich, dass Leute mit geschlossenen Augen tanzen. Ganz für sich. Und ja, auch aus den Unterhaltung im virtuellen und im realen Leben, die ich in der letzten Dekade geführt habe, ergibt sich ein Bild von ruhigen, introvertierten und einzelgängerischen Goten.

Auch auf mich trifft das absolut zu. Ich hatte in der Schule wenig Freunde, ich wurde gemobbt und ich konnte (auch schon vor dem Mobbing) mit den meisten meiner Klassenkameraden nicht viel anfangen. Ich spielte lieber für mich alleine, schrieb Gedichte und Geschichten oder saß später auf Klassenfahrt alleine im Schein eines Grablichts im Kellergewölbe des alten Klosters, in dem wir untergebracht waren, und dachte über Gott, die Welt, das Leben und den Tod nach. Im Unterricht waren die mündlichen Noten mein größtes Problem. "Du bist zu ruhig. Wenn du dich mehr melden würdest, könnte ich dir eine 2 geben..." ²...

Und auch heute würde ich mich auf jeden Fall als introvertiert bezeichnen. Mein Teamleiter meinte bei unserem letzten 1on1 Gespräch, ich sollte doch mehr auf die Kollegen zugehen. Die neuen hätten oft Angst vor mir und trauten sich nicht, mich anzusprechen, daher sollte ich auf sie zugehen. Außerdem sollte ich nicht immer mit dem mp3 Player auf den Ohren herum laufen. Da hat er ja bestimmt Recht, aber mein Problem ist: Ich will meist mit niemandem reden. Ich bin schon ständig am Telefon. So viel Menschen ertrage ich kaum, geschweige denn, dass ich es genießen würde. Klar brauche ich auch soziale Kontakte. Wenn ich nur zu Hause sitze, fällt mir die Decke auf den Kopf. Aber soziale Interaktion mit praktisch Fremden wird mir ganz schnell zu viel. Ich sitze gerne auch mal mittendrin - aber lieber einfach als stiller Beobachter...

Wie aber passt dann das scheinbar so extrovertierte Auftreten vieler Gothics in dieses Bild? All die Lack und Leder Leute, die (halb oder auch ganz) nackten Gothic Models oder die kunterbunten, im Dunkeln leuchtenden Cyber? All die, so könnte man ja argumentieren, sind eigentlich keine Grufties, sondern werden nur in Ermangelung eigener Subkulturen und aufgrund kleiner Berührungspunkte im Musikgeschmack dem dunkelbunten Schmelztiegel "schwarze Szene" zugeordnet. Allerdings: Auch so ein richtig klassischer Grufti mit Pikes, schwarzen Gewändern, viel Silberschmuck und hochtoupierten Haaren fällt ins Auge und kann sich nur schwer als graue Maus in einer Masse an Stinos verstecken.

Klar, für viele ist das Auftreten auch einfach ein Stück weit Selbstverwirklichung. Sich einfach so stylen, wie man sich selbst schön findet und dabei auf gängige Schönheitsideale pfeifen.

Aber zumindest für mich (und ich denke auch für andere) gehört auch eine äußerliche Abgrenzung dazu. Vielleicht mal um zu provozieren oder sogar zu schockieren. Um der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten.³ Aber auch, um ein Stück weit in Ruhe gelassen zu werden. Ohne Mist, eine der Begleiterscheinungen, als ich damals anfing, in schwarz herum zu laufen (und es natürlich total übertrieb und jeden Tag mit langem schwarzen Ledermantel, schwarzen Nägeln, Augen und Lippen im Bus zur Schule saß ^^) war, dass die Mitfahrer plötzlich Angst vor mir hatten. Nicht jeder wollte neben mir sitzen und wer es doch tat, ließ mich in Ruhe. Keine aufgezwungenen Gespräche, kein Smalltalk. Einfach Ruhe. Ja sogar meine Zigaretten vor und meinen Kaffee in der Schule konnte ich ruhig für mich haben - mit den ganzen Abdrücken von schwarzem Lippenstift an Filter und Pappbecher wollte niemand mehr einen Zug oder einen Schluck von mir schnorren.

Heute rauche ich nicht mehr und kann meinen Kaffee für mich haben. Ich laufe im Alltag nicht mehr so krass und übertrieben herum wie vor 12, 13 Jahren. Aber ruhig mag ich es trotzdem noch immer lieber. Und bin es selbst. Und - ohne Anspruch auf allgemeine Gültigkeit - dem Gros der schwarzen Szene geht es da nicht anders.

¹ Ich weiß nicht einmal, ob das Wort nun allgemein bekannt ist oder nicht - Stino steht für Stinknormal

² Ein Hoch auf das deutsche Schulsystem, ne?!

³ ASP fand ich früher ganz toll und möchte daher hier "Hässlich" zitieren: "Hässlich will ich für euch sein [...] der Spiegel eures Innern, ihr wisst es nur noch nicht. Ich zeig euch eure Seele in meinem hässlichen Gesicht"

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[*txt] ist ein Projekt von Dominik Leitner. Alle 3 Wochen gibt es ein neues Wort, zu dem jeder, der mitmachen möchte, einen Text verfasst. Die anderen Texte und alles bisherigen Wörter findet ihr auf seinem Blog.

Kommentare:

  1. Liebe Fledermama, das weckt Erinnerungen. Ich ging noch zur Schule, als die ersten Gothics auftauchten. Die Gothics oder Grufties, die ich damals kannte, waren vielleicht introviert, das weiß ich nicht mehr. Ich habe aber deutliche Erinnerungen an sehr sanfte, liebenswürdige Menschen, was ich bei dem etwas wilden Äußeren gar nicht erwartet hätte.

    Grüße von der Trippmadam

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    1. Ja, wir sind meist handzahm ;-) Ich muss da immer wieder an ein Bild von vor 10 Jahren denken. Wir waren nach der schwarzen Disko noch mit rund 10 Leuten zum KFC gefahren. Der einzige Laden, der noch offen hatte. Direkt gegenüber dem A5, einer "normalen" Disko mit Techno Hip Hop und Schlager Floor. Auf dem Parkplatz stand dann eine ganze Horde böser Gothics, in schwarz und mit Nieten überall. Jeder umarmte jeden und wünschte sich eine gute Heimfahrt, während direkt daneben eine Hand voll 'Freunde', die in ihren rosa und hellblauen Polohemden gemeinsam aus dem A5 getorkelt waren aufgrund einer Nichtigkeit einen Streit anfingen und sich gegenseitig aber sowas von wie auf die Fresse gaben, dass es nicht mehr feierlich war...

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