Donnerstag, 3. Dezember 2015

Shanghai Alltag: Auf Kuschelkurs

Jeder Mensch hat ja so seine "comfort zone", seinen "Tanzbereich" oder wie auch immer man das nennen möchte. Deswegen fühlt man sich in einem vollen Aufzug oder einer überfüllten Bahn nicht so richtig wohl. Wildfremde Menschen kommen einem da einfach körperlich zu nah.

Im Studium habe ich gelernt, dass die Größe dieses "Tanzbereichs" kulturell bedingt ist. Wir haben in der Vorlesung damals herzlich über die Anekdote vom deutschen Diplomaten gelacht, der in Brasilien (glaube ich) vom Balkon fiel. Er hatte sich nämlich mit einem brasilianischen Kollegen unterhalten. Und während dieser immer weiter auf den Deutschen zukam, weil er ihm für ein nettes Gespräch so weit weg erschien, machte der Deutsche immer wieder einen Schritt zurück, weil ihm der Brasilianer so unangenehm auf die Pelle rückte. Bis zur Brüstung. Und dann darüber hinaus.

Wir Deutschen haben also einen recht großen "personal space". Und soviel kann ich nach 4 1/2 Jahren sagen: Die Chinesen nicht! Die mögen es eher kuschelig.

Als Beispiel könnte ich jetzt hier anführen, dass gefühlt die halbe Stadt meinen kleinen Raben antatschen will, wenn wir spazieren gehen. Aber während eine russische Bekannte ob dieser Erzählung ganz verdattert war und nicht verstehen konnte, wie jemand überhaupt auf die Idee kommen kann, ein wildfremdes Baby zu befummeln, scheint es ja auch in Deutschland so zu sein, dass für Babys diesbezüglich die gleichen 'Regeln' wie für Schoßhündchen angesetzt werden. Süß + beißt nicht = streicheln.

Ähnliches gilt auch für das Bauchtatschen in der Schwangerschaft. Da gibt es ja sogar einen passenden Sketch von den Ladykrachern. Nichtsdestotrotz fand ich es ein wenig befremdlich, als eine Kollegin im Büro mich mit Babybauch am Wasserspender richtiggehend 'überfiel'. Statt - ob gefragt oder ungefragt - eine Hand auf meinen Bauch zu legen, sprang sie freudig heran und umarmte mich mit Inbrunst von hinten, sodass ihre Arme mich beide komplett umschlossen und ließ ihre Hände auf meiner Kugel kreisen. Dazu qietschte sie "Oh, so nice! So happy! Baby Baby!". Kein Mist. Diese Szene hat sich tatsächlich ganz genau so abgespielt. Ja, ich war auch ein wenig perplex. Aber, wie wir immer wieder sagen (den nächsten Satz bitte mit der "This is Spartaaa" - Intonation aus dem Film lesen: This... Is... CHINAAA!

Die ticken hier halt a Weng anders. Wäre ich Fledermamix würde ich sagen: Die spinnen, die Chinesen. Aber in Wahrheit haben sie einfach kulturell bedingt eine sehr viel kleinere "comfort zone". Und kuscheln gerne.

Denn diese - für mich als "distanzierte" Deutsche - ungewohnten, plötzlichen Umarmungen fingen auch schon vor der Schwangerschaft an. Mehr als einmal fühlte ich mich richtig gehend überrumpelt, wenn Kolleginnen sich bei Gruppenfotos richtig angekuschelt haben, sich beim Warten auf den Aufzug bei mir einhakten oder einfach so bei einem Gespräch einen Arm um mich legten. Sowas war ich aus Deutschland gar nicht gewohnt. Aller, aller höchstens mit wirklich guten Freundinnen. Aber selbst da nicht so... Dabei empfand ich das nie als "negativ", als wolle man mich überrumpeln. Viel mehr kam ich selbst mir komisch stocksteif vor. So wie damals in Frankreich, als ich das mit den Küsschen zur Begrüßung nicht kapiert habe...

Die Jungs haben mich bis jetzt übrigens noch nicht geknuddelt - ich schätze, damit ist auch nicht zu rechnen, Männlein und Weiblein sind hier doch sehr auf diesen Unterschied bedacht. Es wäre aber glaube ich auch echt nochmal eine ganze Spur seltsamer, wenn mich plötzlich ein männlicher Kollegen ungefragt und ohne Vorwarnung umarmen würde. Das gäbe wohl eher einen Satz heißer Ohren...

Bisweilen sehr amüsant können die kulturellen Unterschiede bezüglich Nähe / Distanz übrigens auch in einer Unterhaltung werden. Auf die Frage "How are you?" beispielsweise antworte ich meist mit etwas wie "Great, just a bit tired... Waiting for the weekend!". Oder so. Hier habe ich tatsächlich schon gehört "I feel somehow sick. I was on the toilet already four times today..." öhm, ja... Too much information...

Allerdings ist mir das so auf jeden Fall lieber, wie ein automatisches und unehrliches "Great, thank you. And you?". Dann doch lieber too much information und ab und an eine unerwartete Umarmung. Hat irgendwie mehr Charme. Und sie kuscheln halt gerne, die Chinesen.

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[*txt] ist ein Projekt von Dominik Leitner. Alle 3 Wochen gibt es ein neues Wort, zu dem jeder, der mitmachen möchte, einen Text verfasst. Die anderen Texte und alles bisherigen Wörter findet ihr auf seinem Blog.

Kommentare:

  1. Das ist mir auch schon aufgefallen. In der vollen U-Bahn in Peking drückten die Leute manchmal ungeniert ihre verschwitzten Bäuche und Arme an mich. Ich sehe schon ein, dass es wenig Platz hat, aber sich an Fremde anlehnen, das muss ja nicht sein.

    Ebenfalls befremdend fand ich, wie ungeniert nach der Höhe meines Gehalts gefragt wird. Aber das sind eben die kulturellen Unterschiede und für mich genau das, was das Leben in einem fremden Land übehraupt erst interesant macht.

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    1. Ja, in der U-Bahn ist das Kuscheln manchmal echt unangenehm. Zum Glück halten die meisten halt von einer Frau doch ein wenig Abstand.

      Die Frage mit dem Gehalt finden ich an sich ok. Ich verstehe da eher nicht, warum wir Deutschen da so ein Geheimnis draus machen. ;) Allerdings ist es bei uns in der Firma so, dass im Vertrag ausdrücklich steht, dass das Gehalt 'confidential' ist. Ich vermute mal, damit die Chinesischen Kollegen sich nicht ärgern, wie viel mehr die Laoweis verdienen...

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