Freitag, 22. Januar 2016

Ayi, Kiga und preschool - von der Kinderbetreuung

In der Villa Schaukelpferd tagt der Elternrat und gibt mir den Anstoß, über Kinderbetreuung nachzudenken. Ich entschuldige mich gleich vorneweg mal dafür, dass das ein langer Text werden wird. Aber da die Situation hier in China einfach eine andere ist, als in Deutschland, muss ich ein wenig ausholen.

Die Norm in China - ab der Geburt

Der erste Monat nach der Geburt ist für das Wochenbett reserviert und die frischgebackene Mama sollte die Wohnung gar nicht verlassen. Auf die sinnigen und unsinnigen Regeln für diese Zeit gehe ich irgendwann nochmal en Detail ein. Aber für den ersten Monat sollte die Mama hier nur Mama sein. Sogar den Haushalt und alles sonstige übernimmt jemand anderes. Traditionell die Familie (meist zieht eine der Omas bei der frischgebackenen Familie mit ein), aber es gibt auch spezielle "Hotels" oder man stellt eine Ayi ein.

Bei uns ab der Geburt

Ich habe die ersten Wochen mit dem kleinen Raben auch hauptsächlich im Bett und auf dem Sofa verbracht. Er wollte fast ständig stillen und zum Spazierengehen war es zu heiß und schwül. Da ich das große Glück habe, dass mein Mann von zu Hause aus arbeitet, ging das ohne Probleme. Außerdem hatten wir auch schon vorher eine Ayi, die einmal pro Woche zum Putzen kommt.

Die Norm in China - nach dem 1. Monat

Auch, wenn Frau wieder auf den Beinen ist, bleibt die Ayi oder die Oma im Haus und hilft mit. Manche Chinesen schwören gar darauf, dass eine Ayi für die Nacht, die dann das Füttern und Wickeln übernimmt, absolut unverzichtbar sei, damit man genug Schlaf bekommt.

Bei uns nach dem 1. Monat

Bei uns änderte sich nach dem 1. Monat erstmal nichts. Die Vorstellung, jemanden einzustellen, der mir das Baby nachts gegen Bezahlung komplett "abnimmt" fände ich aber auch schrecklich. Also sorry, wem sein Baby schon nach einem Monat nachts zu viel ist, der hätte kein Baby bekommen sollen. Hilfe im Haushalt, ok, das verstehe ich. Mal eine Entlastung, kein Thema. Aber sowas... Nee, da ist bei mir auch mit "jedem das seine" Ende. Geht gar nicht!

Die Norm in China - nach dem 4. Monat

Hier hat Frau 98 Tage Mutterschaftsurlaub. Bis zu 2 Wochen kann man vor dem ET nehmen, den Rest danach. Mehr ist nicht. Also gesetzlich nicht und ich habe bis jetzt nur von Firmen gehört, die sich selbst darum drücken wollten und noch nie von welchen, die mehr bieten würden. Also muss die neue Mama nach 4 Monaten wieder arbeiten gehen. Oder unbezahlten Urlaub nehmen, falls der genehmigt wird. Oder komplett kündigen. Letzteres muss man sich aber natürlich auch erst einmal leisten können. Kindergeld, Betreuungsgeld oder sonstwas gibt es hier nicht. Also bleibt das Baby dann meist bei der Oma (die ja eh mit eingezogen ist und sowieso darüber entscheidet, wie das Kind erzogen wird). Alternativ kommt jetzt auch bei Expat-Familien die Ayi ins Spiel.

Bei uns nach dem 6. Monat

Dank eines netten Arbeitgebers konnte ich nach dem Mutterschaftsurlaub noch 2 Monate unbezahlten Urlaub anhängen und war für meinen kleinen Raben 6 Monate voll da. Und konnte unseren kleinen Flaschenverweigerer auch 6 Monate fast voll stillen (fast, weil er einfach schon vorher auf sein erstes Fingerfood bestand). Wie bereits erwähnt sind wir in der glücklichen Situation, dass das Haselchen nicht das Haus verlassen muss, um seine Firma zu führen. Und so ist er nun tagsüber zu allererst Papa und dann Hausmann und dann erst selbstständig.

Aber etwas anderes wäre für uns auch nie in Frage gekommen.

Unsere Familien leben ein paar Flugstunden entfernt und können uns müssen doch jetzt nicht alle Zelte abbrechen, ihre Arbeit kündigen und zu uns ziehen. Ginge auch alleine aus Visa-Fragen nicht.

Und bei aller Liebe: Einer Ayi würde ich mein Baby nicht anvertrauen. Nicht 9-10 Stunden pro Tag. Das ist ein wildfremder Mensch mit einem vollkommen anderen kulturellen Hintergrund, anderen Ansichten zum richtigen Umgang mit Babies und zumindest einer gewissen Spachbarriere. Und die Ideen, die ein Gros der Chinesen zum Umgang mit Babies hat... Nein, das geht einfach gar nicht. Das fängt bei Basics wie Hygiene an (nicht, dass ich da super penibel wäre, aber für mich muss sowas wie Hände waschen nach der Toilette schon sein - für viele Chinesen nicht), geht über ergonomisch sinnvolles Verhalten (z.B. kleine Babies, die noch lange nicht sitzen können, nach vorne schauend sitzend im Buggy rumschieben) und Ernährung bis zu schreien lassen. Klar kann man versuchen, das alles zu besprechen und Interviews führen und so weiter. Aber trotzdem könnte ich es nicht, mein Baby den ganzen Tag einer Fremden anzuvertrauen. Dann hätte ich lieber gekündigt und wäre wieder nach Deutschland gegangen. Ja, zur Not dann auch ohne Job. Einen neuen Job finden kann man. Eine einmal verletzte Kinderseele aber wird niemals wieder so, wie sie einmal war.

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Warum für uns in China kein Kindergarten in Frage kommt

So weit sind wir heute. Natürlich haben wir aber auch schon ein wenig in die Zukunft geplant und uns schlau gemacht, was es hier so an Möglichkeiten gibt.

Die Kurzform ist: Der kleine Rabe wird so lange von seinem Papa zu Hause betreut, bis wir wieder in Europa leben.

Ja, es gibt hier gute Kindergärten und - Krippen. Aber die sind so sauteuer, dass wir uns das nicht leisten können. Wir gehen finanziell nicht auf dem Zahnfleisch, aber mal eben 1000-2000 Euro können wir uns nicht für einen Kindergarten aus dem Ärmel schütteln. Nicht jeden Monat. So teuer ist der Spaß, weil das alles internationale, private Einrichtungen sind. Wir kennen sogar eine Deutsche, die hier in einer deutschen Kita arbeitet. Das ist eine nonprofit Elterninitiative. Kostet rund 1500 Euro im Monat. Jup. Nope, das Kleingeld haben wir leider nicht mal eben über.

Dazu kommt außerdem auch noch: Viele Kindergärten hier, auch die internationalen, sind eher preschools. Beim Schuleintritt in die internationalen Schulen müssen die Kids schon Tests absolvieren. Das heißt sie müssen bereits lesen und schreiben und rechnen können, um in der Grundschule aufgenommen zu werden. Und weil solche Kenntnisse nicht vom Himmel fallen, fallen für uns auch preschools, in denen Kleinkinder schon keine Kinder mehr sein dürfen, sondern einem rigorosen Lehrplan folgen, aus dem Raster.

Dann gibt es natürlich auch noch günstigere Kindergärten. So die zweisprachigen Zweige der chinesischen Kindergärten. Aber genau da ist das Problem. Es sind Chinesische Einrichtungen. Und hier hat man mehr den Gedanken an preschool, an Zucht und Ordnung, die die Kinder lernen müssen und an Lernstoff, denn den Gedanken an Förderung, Spiel, Spaß und Bewegung. Das gesamte Chinesische Bildungssystem ist darauf ausgerichtet, aus Kindern funktionierende Bürger zu machen, die wie blinde Roboter funktionieren, ohne jemals zu hinterfragen und die möglichst viel Faktenwissen abrufen können (am besten auswendig gelernt ohne die Zusammenhänge tatsächlich zu überblicken). Und damit fängt man natürlich am besten gleich mit den Kleinsten an.

Nun will ich mein Kind aber nicht zu blindem Gehorsam erziehen und ich glaube auch nicht, dass ein Kleinkind Disziplin lernen muss. Oder mit Zwang Lesen und Schreiben. So sollte KEIN Kind, egal welchen Alters, lernen müssen for that matter...

Zudem gab es in Chinesischen Kindergärten eine ganze Reihe von Skandalen, die mir jedes Vertrauen in dieses System genommen haben. Da gab es zum Beispiel die Kindergärtnerin, die Videos von sich in sozialen Netzwerken postete. Unter anderem, wie sie einen Jungen, der nicht das getan hatte, was sie ihm gesagt hatte, an den Ohren hoch hob. Während der Kleine vor Schmerzen brüllte, lachte sie und fand das total witzig. Der Frau wurde nicht wegen der Misshandlungen an sich gekündigt, sondern nur, weil sie die Videos online geposted hatte und die Eltern dem Kindergarten Druck machten. Oder es gab die Vorfälle in einem anderen Kindergarten, bei dem kleine Jungs als Bestrafung für Fehlverhalten mit Nadeln in den Penis gestochen wurde. Und dann war da natürlich auch noch das Kind, das ins Koma fiel und wohl dauerhafte Hirnschäden erlitten hat. Mit irgendwas um die 2 Jahren saß dieses Kind im Unterricht nicht still, zappelte herum und redete dazwischen. Als Bestrafung hob die Kindergärtnerin es an den Füßen hoch und ließ es auf den Kopf fallen. Mehr als Fassungslosigkeit bleibt nicht, wenn man von solchen Begebenheiten hört...

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Ein kleiner Blick in die Zukunft

Nun wollen wir ja in nicht all zu ferner Zukunft wieder nach Deutschland ziehen. Und einer der Gründe ist in der Tat die Kindergarten-Frage. Nicht, dass das Haselchen nicht gerne Zeit mit seinem Kind verbringen würde. Aber wir sind der Meinung, ab etwa 3 Jahren ist ein Kindergarten einfach sinnvoll. Für die Struktur und die sozialen Kontakte genauso, wie für das Spielen (bei dem ein Kiga einfach mehr Angebot haben kann, als zu Hause) und den Umgang mit einer neuen Situation. Für das langsame Lösen von den Eltern und das Schaffen neuer Bindungen. Soweit unsere Theorie.

Mein Traum ist es ja, in Deutschland wenigstens beim letzten Kind dann selbst mindestens 3 Jahre pausieren zu können. Und dann vielleicht erst mal halbtags zu arbeiten, sodass wir als Familie ab dem Mittagessen zusammen sein können.

Nicht, dass ich meinem Mann die Kinderbetreuung bei mehr Kids nicht zutrauen würde. Er ist eine ganz tolle zweite Mama und wäre das sicherlich auch mit einem ganzen Stall voller Kinder. Auch nicht, weil ich in Deutschland einer Kita nicht trauen würde. Sondern zum einen, weil mein Haselchen ja schon auch mal Zeit zum Arbeiten braucht (auch, wenn er sie sich frei einteilen kann) und ganz schlicht und ergreifend, weil ich mehr Zeit mit meinem Kind (bzw für die Zukunft mit meinen Kindern) verbringen möchte.

Jetzt ist der kleine Rabe 6 1/2 Monate alt und ich arbeite vollzeit. Ich sehe ihn je nach Schicht nur noch morgens zum Fertigmachen oder abends beim ins Bett gehen. Und er fehlt mir. Jeden Tag. Tierisch! Ich muss mich praktisch täglich zusammen reißen, um nicht zwischendrin doch zu heulen, weil ich ihn so schmerzlich vermisse.

Natürlich könnte sich das ändern und in zwei Jahren, wenn er seine eigene Autonomie entdeckt, bin ich vielleicht froh, mich gut begründet 'aus dem Staub machen' zu können. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.

Vielleicht finden wir auch in Deutschland keinen Kindergarten, in dem der kleine Rabe sich wohl fühlt. Oder vielleicht doch.

Wir planen zwar ein wenig und machen uns so unsere Gedanken, aber letztendlich kann man mit Kindern das Leben nicht durchplanen...

Kommentare:

  1. Liebe Fledermama,
    was habe ich deinen Beitrag verschlungen!! Vielen Dank für deine spannenden Einblicke ins chinesische Kindergartenleben und direkt dein Vergleich, wie ihr es gemacht habt. Dass die Kindergärten so teuer sind ist ja unglaublich! Und auch, wie sehr die Kleinen schon gedrillt werden (obwohl das ja leider keine große Überraschung ist). Toll, dass ihr das eurem Raben ersparen wollt, aber eben dennoch nicht komplett auf die Kindergartenzeit verzichten möchtet. Ich drücke euch jetzt schon mal ganz viel Glück, dass ihr einen schönen Platz für ihn hier findet, wenn ihr wieder in Deutschland seid.
    Ganz liebe Grüße ans andere Ende der Welt ;-)
    Christine

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    1. Hallo Christine,

      Danke. :) Ja, die Preise sind krass... 'Traditionell' sind die teuren Kindergärten und internationale Schulen halt auch eher für Expats, die entsendet wurden und bei denen dann die Firma zahlt, denke ich. Und gut ausgebildete, erfahrene, mehrsprachige Pädagogen lockt man halt auch nicht nur für eine Schüssel Reis am Tag aus dem Ausland an, um dann hier Kinder zu betreuen...

      Und ja, den Drill hier finde ich ganz gruselig. Das Perfide ist dabei: Die Kinder müssen zeitgleich schon Englischunterricht und was weiß ich nicht alles machen, werden aber dennoch wie Babies behandelt. Eine Kollegin hat einen Sohn von inzwischen knapp 3 Jahren. Der muss Englisch und Lesen und Schreiben lernen. Sie spricht aber immer von "My Baby", er bekommt noch immer Milchpulver-Milch aus der Trinklernflasche, wird nur auf dem Schoß gehalten und gefüttert, während er schreiend Essen durch die Gegend wirft und das dann aber vollkommen ok ist, weil er kann halt noch nicht alleine ordentlich essen... Diese Diskrepanz finde ich als Betrachter schon verwirrend...

      Und ich habe halt an meine Kindergartenzeit selbst viele positive Erinnerungen und denke, dass es in einer guten Einrichtung das Richtige ist. :)

      Viele Grüße aus dem eiskalten Shanghai! :)

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