Sonntag, 24. Januar 2016

Von Vorstellungsgesprächen

Ich habe nächste Woche mein Vorstellungsgespräch für die intern ausgeschriebene Stelle als Teamleiter. Ich bin gut vorbereitet und alles. Nichtsdestotrotz bin ich nervös...

Beim letzten Mal, als ich mich für die gleiche Stelle beworben habe, wurde mir im Feedbackgespräch erklärt, dass ich sowohl im Test, als auch im Gespräch, einen guten Eindruck gemacht hätte. Man könne die richtigen Skills bei mir sehen usw. Nichtsdestotrotz bekam ich die Stelle nicht. Weil: Ich spreche kein Mandarin und das Team bestünde hauptsächlich aus Chinesen. Und wieder nichtsdestotrotz habe ich mich bei der jetzigen Ausschreibung wieder beworben. Weil das Büro inzwischen unter einer anderen Leitung steht. Und weil wir inzwischen auch schon ein "Ausländer" - Team haben und mein aktueller Teamleiter selbst Spanier ist und kein Chinesisch spricht. Inzwischen geht es also.

Auch schön ist, dass ich mich hier nicht verstellen und verkleiden muss. Es gibt in China so gut wie keine Gothics und da das niemand kennt, hat auch niemand die typischen Klischees im Kopf. Damals, nach meinem ersten Vorstellungsgespräch, nach dem ich für meine jetzige Stelle eingestellt worden war, erzählte mir der Teamleiter, der das Interview geführt hatte, mein außergewöhnliches Aussehen hätte ihn beeindruckt. Ich bin mit violetten Haaren zum Interview gekommen und der Eindruck, der hängen blieb - sagte er mir später - war "Such a bright young woman with such a bright hair color".

Das letzte mal in Deutschland, als ich viele Vorstellungsgespräche hatte, habe ich mich äußerlich viel mehr angepasst. Nichtsdestotrotz hat mich keiner genommen. Damals ging es um Stellen für ein duales Studium.

Bei der einen Firma kreuzte ich im mintgrünen Hosenanzug auf. Während des Gesprächs schaute man dann kritisch auf meine schwarz-roten Haare (ganz ohne Sidecut oder dergleichen) und fragte, ob ich denn damit klarkommen werden würde, dass das Unternehmen sehr traditionell eingestellt sei. Joar, scheinbar so traditionell, dass gefärbte Haare ein rotes Tuch sind. Vielleicht hätte ich mal erklären sollen, dass so ein durchschnittlicher Wald- und Wiesen Goth eigentlich im Kern meist ein richtiger Spießer ist und die ewige "Früher war alles besser" - Leier der meisten "traditionellen" Mitmenschen schon ab Anfang 20 bestens beherrscht. Schließlich war ja in der Szene in den 80ern alles besser und heute ist die Szene kaputt und viel zu kommerziell und dann auch noch diese bunten Cyber und die ganze Fetisch-Leute und überhaupt. Hätte ich mal erklären sollen. Und sei es nur, um die verdutzten Gesichter zu sehen. Hab ich aber natürlich nicht...

Und dann war da auch noch das Vorstellungsgespräch, bei dem mir offenbar die Tatsache, dass ich einen Uterus habe, im Weg stand. Mind you, ich war gerade 18 Jahre alt geworden und steckte mitten im Abi. Nichtsdestotrotz war dann eine der Fragen, ob ich nicht später eine Familie gründen wollen würde. Und wie ich das dann mit der Karriere machen wollen würde. Die Frage ist ja unzulässig. Nichtsdestotrotz wurde sie gestellt. Denn Gott bewahren, dass man jemanden einstellt, der vielleicht in 10-15 Jahren mal länger ausfallen könnte, ne?!

Und nun bin ich Mama und gehe am Donnerstag wieder ganz in schwarz, mit lilanen Haaren und Sidecut und voraussichtlich frisch tätowiert zu einem Vorstellungsgespräch und bin mir sicher, dass nichts davon ein Problem darstellen wird. Und bin froh darum, bei den anderen Gesprächen keine Stelle bekommen zu haben. Denn ehrlich: Wie glücklich will ich denn mit einem Job werden, für den ich mich verkleiden, verbiegen und verstecken muss oder bei dem allein das Potenzial, eine Familie gründen zu können, unerwünscht ist? Eben. Nichtsdestotrotz bin ich aufgeregt. Also bitte feste Daumen drücken! :)

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[*txt] ist ein Projekt von Dominik Leitner. Jeden Monat gibt es ein neues Wort, zu dem jeder, der mitmachen möchte, einen Text verfasst. Die anderen Texte und alles bisherigen Wörter findet ihr auf seinem Blog.

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