Dienstag, 9. Februar 2016

Gothic Friday: Wie ich zur schwarzen Szene kam

Auf Spontis wird (wieder) zum Gothic Friday geladen. Fragen aus der schwarzen Szene an die schwarze Szene. Da bin ich dabei!
 
Im Februar fragt der Wizard of Goth die versammelte Leserschaft "Wie bist du in die Szene gekommen?".
 
Kurz gefasst könnte ich jetzt sagen: Über eine Freundin, die mir 'ihre' Musik gezeigt und mich auf meine erste Gothic Party mitgenommen hat. Damit war ich angefixt und kam nicht mehr los.
 
Aber ich kann mich ja so schlecht kurz fassen und das ist so ein schönes Thema, um etwas länger auszuholen und zu erzählen. Also hier die Langfassung:
 
Ich war eigentlich schon immer ein kleines bisschen anders, als die Mehrheit meiner Altersgenossen. Ich wollte als Kind zu Fasching nie Fee oder Prinzessin sein, sondern lieber Ritter oder Pipi Langstrumpf. Und etwas später dann Vampir. Ich wollte lieber auf Bäume klettern und im Matsch spielen und interessierte mich auch später, als die frühpubertären Klassenkameradinnen einander zu selbigen luden, weder für Kaffeekränzchen, noch für die dort besprochenen Modetrends. Bis heute erschließt es sich mir nicht, warum ich etwas tragen sollte, nur weil alle anderen es tragen. Oder warum ich mir vorschreiben lassen sollte, was ich jetzt schön zu finden habe und was nicht. Aber gut.
 
Dann kam die Pubertät. Und mit ihr das Mobbing. Ich wurde zum Außenseiter. Und ich begann mit der Suche nach mir selbst. Und nach einer sozialen Gruppe, in der ich mich würde wohlfühlen können.
 
So probierte ich einiges durch. Ich hörte Hiphop und lernte Missy Elliott Texte auswendig. Aber irgendwie bekam ich das mit dem Style nicht richtig hin und war einfach awkward. Ich hörte Techno, Trance und Schranz und gab sogar einen guten Teil meines Ersparen für eine weite, glänzende Hose aus. Aber ich fand die Musik auf Dauer einfach langweilig. Genau wie die Leute, die ich traf. Dann hörte ich zum ersten Mal Nirwana und stieg musikalisch erstmal Richtung Rock ein. So dümpelte ich ein wenig vor mich her.
 
Ziemlich zeitgleich entwickelten sich neue Freundschaften. Zusammen mit drei Mädels, die auch nicht zu den "beliebten" gehörten, hatte ich zum ersten Mal so etwas wie eine Clique. Wir hingen in der Schule zusammen oder trafen uns, um zum Beispiel Ska Punk zu hören und uns Rastazöpfe zu flechten. Zwei der drei waren große HIM Fans. Aber während ich den Typen schon ganz hübsch fand, gefiel mir die Musik ganz und gar nicht.
 
Dann musste eine der drei in die Klinik. Magersucht und bipolare Störung. Vergleichsweise schockierend, da wir als Freundinnen das nicht hatten kommen sehen... Als sie wiederkam, hatte sie nicht nur etwas mehr Gewicht (glücklicherweise, denn endlich wieder in ein gesunden Rahmen) und Psychopharmaka im Gepäck, sondern auch neue Musik kennen gelernt. Außerdem fing sie an, noch mehr schwarz zu tragen, als zuvor schon.
 
Ich fand schwarz und Spitze und Samt und Satin sowieso schon verdammt schön, aber dass man sich damit täglich in die Schule trauen konnte und nicht auf Halloween oder Fasching warten musste, war eine kleine Offenbarung für mich.
 
Dann kam diese schicksalshafte Stunden im Kunstunterricht. 90 Minuten zum Zeichnen und die Erlaubnis, dabei Musik zu hören. Meine Freundin packte ihren tragbaren CD Player aus und bot mir einen der beiden Inear-Knöpfchen an. Ich steckte ihn mir ins Ohr und... An dieser Stelle müsst ihr euch das wie in einem Film vorstellen. Nahaufnahme des Kopfhörers, wie er mit dem silikonbenoppten Teil (oder war es so einer komplett aus hartem Plastik?) im Gehörgang versenkt wird - Nahaufnahme eines grün-blauen Auges - nichts als ein Herzschlag zu hören - der Puls erhöht sich - die Pupille weitet sich in Erstaunen. "Was'n das?" "ASP". "Und das?" "69 Eyes." (einen Faible für Finnen hatte die Gute einfach) "Und das?" "Lacrimosa.". So ging es praktisch die gesamte Doppelstunde über. Über die damalige Musikauswahl mag man wohl streiten können und heute fände ich das meiste davon auch nicht mehr so toll. Aber für mich hatte sich eine neue Welt geöffnet.
 
Nicht allzu lange Zeit später ließen wir uns von einem unserer Eltern zum ersten Mal zu einer Gothic Party fahren. Wir waren tierisch nervös. Schließlich waren wir erst 15 oder 16 und hätten da eigentlich noch nichts verloren gehabt. Aber wir bekamen unseren Stempel (und Trolli Gummi-Vampirzähne). An dieser Stelle bitte wieder wie in einem Film vorstellen: Der Vorhang, der den Vorraum ein wenig schallisoliert wird beiseite geschoben und das Bild einer noch halb leeren Gothicdisko taucht dahinter auf. Grablichter auf den Tischen. Tarnstoff an der Wand. Alle Gäste in schwarz. Schwarze Augen, schwarze Stiefel, Korsetts, Undercuts, Bandshirts. Überall. Wie die Mitglieder eines seltsamen Kults tanzen alle um eine Säule in der Mitte des Raumes und heben einen Fuß nach dem anderen im Takt der aggressiven elektronischen Musik. Und wieder weitet sich die Pupille eines grün-blauen Auges und aus dem Off schallt die innere Stimme "Shit, das ist doch genau das, was du gesucht hast!". Denn auf allen Parties, auf denen ich zuvor war, hatte mir immer etwas gefehlt. Und hier war es da. In der Musik und im Tanz, in der Atmosphäre und ganz besonders in der Grundstimmung der Leute.
 
Wir fingen nun an, regelmäßig gemeinsam auszugehen. In den Schulferien donnerstags in den BiGa (der nun leider schließt) und samstags in den Bruch. Zu letzterem gab es auch ein eigenes Forum im Internet, in dem sonntags immer die Playlist des Vorabends geposted wurde. Die ging ich zu Hause dann immer durch und suchte mir von jeder Band, die mir gefallen hatte, 2-3 weitere Lieder auf Emule. So erweiterte ich ganz langsam meinen musikalischen Horizont.
 
Natürlich lernten wir dann auch nach und nach mehr Leute kennen, die die gleichen Parties besuchten. Und ich war komplett hin und weg von der Szene.
 
Menschen, mit denen man wirklich gute Gespräche führen konnte. Menschen, die einen so akzeptierten, wie man war. Menschen, die sich trauten, mitten in einem Club zu weinen. Und andere Menschen, die nicht nur gafften, sondern die Weinenden in den Arm nahmen. Menschen, die einem als erstes in die Augen sahen, statt auf die Label der Klamotten oder in den Ausschnitt. Menschen, für die Miteinander und Füreinander wichtiger war als Gegeneinander. Menschen, die ihre Differenzen mit Worten auf Augenhöhe anstatt mit Fäusten oder passiv-aggressiven Hinterlistigkeiten klärten. Menschen, die Sehnsucht und Weltschmerz zuließen statt sich zu betäuben. Menschen, die meist irgendwie kaputt waren und auch nicht so taten, als seien sie makellos. Einfach Menschen, in deren Gesellschaft ich mich wohl fühlen kann.
 
Äußerlich übertrieb ich es zu Anfang aus heutiger Sicht ein wenig. Dass meine Klamotten langsam immer schwärzer wurden ist nicht verwunderlich. Auch, dass meine blonden Haare plötzlich schwarz mit roten Strähnen daherkamen (und mein Papa mich beim Abholen vom Friseur erw nicht erkannte XD) ist ok. Aber ich ging tatsächlich jeden Tag im langen, schwarzen Kunstledermantel und mit dick schwarz geschminkten Augen und Lippen aus dem Haus. Und aus heutiger Sicht hörte ich teilweise echt schlimme Musik. Aber ich hatte endlich gefunden, wonach ich gesucht hatte. Und noch heute fühle ich mich in der schwarzen Szene einfach am wohlsten und kann einfach ich selbst sein.

Sowas müsste man ja eigentlich verstecken... Aber so sah ich mit 16 aus. 

Bloß nicht lächeln... 

Das ist ein Jahr später. Geht sogar aus heutiger Sicht fast noch.

Mein erstes Mera Luna mit 18. 2005, das Sintflut-Mera... 

Und oh Goth, das Bild ist inzwischen auch schon 10 Jahren alt. 

Kommentare:

  1. Oh Mann, also das letzte Bild finde ich echt schlimm, sorry. ;) Ich kann dir aber gar nicht sagen, warum nur das. Haben deine Eltern damit eigentlich ein Problem gehabt oder haben es? Also außer, dass dein Papa dich nicht erkannt hat?

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    1. Ja, schön ist schon anders... ;)

      Meine Eltern haben sich anfangs schon so ihre Sorgen gemacht und waren nicht begeistert. Wir hatten nie wirklich Stress deswegen (ich vermute, sie hatten auch das Mantra "Es ist nur eine Phase!" im Kopf ^^). Sie haben halt immer wieder versucht, mich davon zu überzeugen, doch mal wieder fröhliche, bunte Farben zu tragen.

      Aber im Laufe der Jahre haben sie sich dran gewöhnt und festgestellt, dass diese ganzen schwarzen Gestalten gar nicht so böse sind, wie sie aussehen. Noch dazu fing dann auch mein kleiner Bruder an, auf die selben Parties zu gehen und meine alten CDs zu hören. XD

      Heute finden sie es gut, dass ich mir selbst treu bleibe und mich nicht von gesellschaftlichen Zwängen und Normen verbiegen lasse.

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  2. Reife ist in Deinem Fall kein Makel ;) Besonders bildlich empfand ich die filmischen Einspieler mit der aufgerissenen Pupille. Es ist spannend, wie du Dich entwickelt hast. Offensichtlich hast du auch 2016 noch nicht die Nase voll und machst immer weiter. Deine Einblicke zeigen mir, dass du Dich nicht nur für Musik und Klamotten interessierst, was Dich damals schon sehr sympathisch gemacht hat. Bisher ist davon nichts verloren gegangen. Ich freue mich schon auf ein Wiedersehen!

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    1. Reife ist nie ein Makel. Höchstens Überreife. Bei Bananen und so... ;)

      Und Stillstand bedeutet Tod. Leben ist immer Wandel, Veränderungen und Entwicklung...

      Ich freue mich auch schon auf ein Wiedersehen (voraussichtlich beim Spontis Treffen auf dem WGT) - dann aber ohne Kamerateam! ;)

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  3. Sehr anschaulich geschrieben, mit hohem Wiedererkennungswert. Zum Beispiel, was den obligatorischen Kunstledermantel betrifft.

    Als ich damals, um 1999 herum, unter anderem in London auf einer Sprachreise war, habe ich dort diese Teenies gesehen, die nur schwarz trugen und diese Halsbänder mit extrem spitzen, langen Nieten umhatten. Es gab dort relativ viele dieser Läden, die einen bereits auf dem Bürgersteig mit ihrem intensiven Räucherstäbchen-Duft anlockten. Dort gab es all das Equipment, das ich in Deutschland noch nie gesehen hatte. Und da viele Teens dort auf der Straße diesbezüglich relativ exzentrisch auftratetn, dachte ich, dass es legitim wäre, es ihnen in meiner Heimat gleichzutun. Meine Eltern hingegen waren nicht so gnädig und tolerant, wie deine - was mich natürlich nur provoziert hat.

    Dein Vergleich zur Kameraführung einer Filmszene hat mich zum Schmunzeln gebracht. Sehr gut.


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    1. Den Kunstledermantel ersetzte ich dann noch durch einen echten Ledermantel. Den habe ich noch immer und habe ihn sogar mit nach China genommen. ;)

      Meine Eltern waren auch anfangs so gar nicht begeistert. Aber was hätten sie auch tun sollen? Sicherlich, wir hatten den einen oder anderen Streit. Aber letztendlich mussten sie sich halt damit abfinden, dass ich diese "Phase" wohl durchziehen würde... ;)

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