Sonntag, 21. Februar 2016

Shanghai family: Stillen in der Öffentlichkeit

In Deutschland tobt mal wieder eine Debatte. Das Thema: Stillen in der Öffentlichkeit. Vor Kurzem hatte ich dazu auf Facebook schon eine Diskussion. Die fand hauptsächlich mit Amerikanern statt und ich ging davon aus, die 'Gegenseite' sei halt einfach zu sehr von der amerikanischen Prüderie und Bigotterie geprägt. Jetzt allerdings bekomme ich mit, dass es in Deutschland offenbar viel mehr genau solche Hornochsen zu geben scheint, als ich dachte. Da gibt es wirklich Menschen, die allen Ernstes Frauen das Stillen ihrer Babies verbieten und sich an selbigem stören. Und die anderen, die das unterstützen. Und ich rege mich an sich auch gar nicht so sehr über den Vorgang in diesem Cafe in Berlin auf. Da hat sich anscheinend auch die Mutter nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Aber die Argumentation in der zugehörigen Diskussion bringt mich in drei Sekunden von 0 auf 180...

Da schreiben Frauen, so etwas unästhetisches wie eine stillende Mutter würden sie beim Essen auch nicht sehen wollen, da verginge ihnen der Appetit. Andere meinen sie hätten auch nur zu Hause gestillt und so gehöre sich das. Mit hungrigem Baby sollte man nach Hause gehen und nicht in einem Cafe sitzen. Männer fragen, wozu denn sonst die Flasche erfunden worden sei. Und manch einer spricht sogar von "Hängeschläuchen", die Frau gefälligst auf dem Klo auspacken soll. Und natürlich wird immer wieder die Natürlichkeit des Stillens mit der Natürlichkeit des Urinierens verglichen, was man ja auch nicht überall täte.

Ja Himmel Arsch und Zwirn! Was zum Teufel ist mit dieser Gesellschaft los?! Haben die denn alle den Arsch offen?! Schreien will ich, wenn ich sowas lese. Schreien und Toben. Ich meine, was denken sich diese geistigen Tiefflieger bitteschön? Mir vergeht auch beim Anblick so manch einer Visage der Appetit. Trotzdem zwinge ich hässliche Menschen nicht dazu, sich ne Papiertüte über den Kopf zu ziehen. Ich schaue, wenn mich etwas stört, ganz einfach woanders hin (wobei ich auch nicht nachvollziehen kann, was am Stillen 'unästhetisch' sein sollte...). Natürlich sollte man sich beim Stillen jetzt nicht sofort alle Kleider vom Leib reißen und allen Umstehenden erstmal rechts und links mit der Brust um die Ohren schlackern. Aber genauso wenig muss man sich doch bitteschön als stillende Mutter zu Hause einsperren. Und manchmal passiert es einfach, dass man beim Stillen ein bisschen mehr Haut zeigt, als man möchte. Zum Beispiel weil das Baby sich nicht unter einem Tuch abdecken lassen will oder aus welchen Gründen auch immer immer wieder abdockt und herum schaut. Aber meist bekommen unbeteiligte Dritte doch kaum etwas zu sehen.

Unser Grundgesetz sagt doch bitteschön noch immer "Die Würde des Menschen ist unantastbar.". Nicht "des Erwachsene". "des Menschen"! Auch Babies sind Menschen und verdienen eine menschenwürdige Behandlung. Es ist nicht menschenwürdig, jemandem, der bereits vor Hunger oder Durst verzweifelt, die Nahrung und das Trinken zu verweigern. Sowas nennt sich Folter. Noch ist es menschenwürdig, jemanden dazu zu nötigen, auf einer öffentlichen Toilette zu essen. Das ist einfach nur ekelhaft und unhygienisch. Und wer verlangt, dass ein Baby, ein absolut hilfloses, argloses, schutzbedüftiges kleines Menschenkind (das später mal unser aller Rente mit zahlt, übrigens) derart menschenunwürdig behandelt wird, der hat doch echt den Schlag nicht gehört!

Beinahe hoffe ich ja schon, dass uns mal jemand doof kommt. Unterhaltsam wäre das auf jeden Fall...

Aber hier in China ist damit nicht zu rechnen. Und damit kann ich jetzt zu dem Thema überleiten, von dem ich eigentlich schreiben wollte. Nämlich die Situation in China bezüglich Stillen in der Öffentlichkeit. Und das ist echt unglaublich entspannt!

In China kannst du dein Kind grundsätzlich immer und überall stillen. Die meisten Chinesinnen stillen nicht lange oder nicht voll. Dazu werde ich nochmal gesondert schreiben. Aber insgesamt ist es hier etwas tolles, wenn Frau stillt (offenbar auch Langzeit, aber bevor ich das bewerte, will ich damit erstmal Erfahrungen sammeln). Und alle Chinesen, die ich getroffen habe, haben vollstes Verständnis dafür, dass ein Baby gestillt werden muss und respektieren dabei die Privatsphäre der Mutter.

Die meisten Chinesinnen sind sehr, ähm, zurückhaltend (um nicht verklemmt zu sagen) und geben eben oft die Flasche und so sieht man normalerweise recht selten, dass in der Öffentlichkeit gestillt wird. Das ändert aber nichts an der guten Einstellung der Leute.

An vielen Orten gibt es extra Nursing rooms. Ich war zum Beispiel in denen im Flaschenöffner unten und die waren der Hammer! 4 separate Kabinen mit Licht, Strom, Pflänzchen und bequemem Sessel, dazu ein Wickeltisch, eine Wartebank, ein Waschbecken und ein hypermoderner Fläschchenwärmer. Ich fand es ein wenig zu heiß drin, aber das ist ja dann doch eher ein Luxusproblem.

Aber auch ohne nursing room ist das Stillen draußen hier sehr entspannt (so lange die Schwiegermama es nicht so übertreibt...).

OK, in Cafés oder Restaurants habe ich bis jetzt noch nicht gestillt. Cafés sind hier nicht so meins und Essen lassen wir Faulpelze uns derzeit lieber liefern... Aber ich habe mir sagen lassen, dass man stillenden Mütter auch mal den VIP room anbietet. Nicht wegen der anderen Gäste, sondern damit Mutter und Kind mehr Ruhe haben. Und selbst in den kleinen Lamian-Läden, die muslimisch geführt werden, wurden schon Frauen gesichtet, die ihr Baby anlegten und dann weiter geräuschvoll ihre Nudeln schlürften.

Ich selbst habe nun doch auch ein paar Mal außerhalb unserer vier Wände gestillt und war positiv überrascht.

Dazu sollte man vielleicht wissen, dass die Chinesen es sonst so mit der Rücksichtnahme und Privatsphäre nicht so eng sehen. Sowohl das Haselchen, als auch ich, werden regelmäßig angegafft und ungefragt fotografiert und gefilmt. Da stellen sich auch mal ganz ungeniert 3-4 Jungs direkt vor dich, heben die iPhones und knipsen ohne Vorwarnung mit lautem Shutter-Sound und Blitz die unvorteilhaftesten Bilder. Die ganz mutigen und höflichen fragen auch mal nach einem gemeinsamen Bild. Die sind aber die Ausnahme. Nun hatte ich dementsprechend meine Sorgen, wenn dann auch noch ein kleines, blondes, blauäugiges Laowei-Baby im Spiel wäre, dass das noch krasser würde. Und dass dann auch recht egal wäre, ob diese "Attraktionen" gerade stillen oder nicht. Meine Sorgen waren bis dato jedoch unbegründet.

Ich habe mir halt immer eine Bank gesucht, die jetzt nicht gerade auf einen belebten Platz zeigte und habe den kleinen Raben angelegt. Und zu meiner großen Freude haben die Passanten uns alle in Ruhe gelassen. Selbst die 'wilden Dörfler', die kurz zuvor noch mit dem Finger auf uns zeigten, mit offenem Mund starrten und ihre Freunde riefen, damit die uns auch begaffen konnten, ließen uns in Frieden. Sobald klar war, dass ich stillen würde oder auch es gerade tat drehten sie sich alle sofort um und schauten woanders hin, um unsere Privatsphäre in diesem Moment zu respektieren. Manchmal warteten sie tatsächlich einige Meter entfernt, bis wir fertig waren, um dann gucken zu kommen. Aber wie nervig oder sogar übergrifflich sie sonst waren - stillen kann Frau hier überall.

Das bis jetzt interessanteste Erlebnis hatte ich, als meine Eltern hier waren. Da gingen wir nämlich zum Shanghai World Financial Centre, dem Flaschenöffner-Wolkenkratzer. Und fuhren auch hoch auf die Aussichtsplattform. Und dort, im 97. Stockwerk, auf 410 Metern, hielt der kleine Rabe das Warten dann nicht mehr geduldig aus. Und da ich mein Kind weder foltere, noch aus sonstigen Gründen hungern, dursten oder schreien lasse, haben wir gestillt. Da es dort keine Sitzgelegenheiten gibt, zog ich mir kurzerhand die Schuhe aus und setzte mich im Schneidersitz vor eines der Deckenhohen Fenster. Während ich die Aussicht genoss und der kleine Rabe sich satt trank, kam ein älterer Herr mit Kamera vorbei, sah uns, entschuldigte sich (obwohl er ja nichts getan hatte) und fotografierte aus einem anderen Fenster heraus die Stadt von oben. Die einzige Reaktion des anwesenden Personals war es, den kleinen Raben freudigst anzustrahlen.

Also was das Verhalten gegenüber dem Stillen in der Öffentlichkeit angeht können sich die Deutschen von den Chinesen noch eine richtig dicke Scheibe abschneiden.

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