Montag, 28. März 2016

Erziehung auf Chinesisch: Milchpulver #1 - Chinas Stillproblem

Was den Umgang mit dem und die Erziehung des kleinen Raben betrifft, machen wir fast nichts im "Chinese way". Einfach, weil wir diesem in den meisten Punkte ganz klar widersprechen und es so handhaben, wie WIR es für richtig erachten. Dennoch sind wir, allein schon als Expats ohne zusätzliche Krankenversicherung (und damit mit Geburt im Chinesischen Krankenhaus statt in der Expat-Klinik) und dann auch noch als Expats mit (fast ausschließlich) Chinesischen Kollegen und eigenem Baby, recht nahe dran an dem, was für unser Chinesisches Umfeld der Norm entspricht. Davon will ich euch ein bisschen erzählen.

Der kleine Rabe wird gestillt. Bis heute haben wir nicht eine Dose Milchpulver gekauft. Warum auch. Wir haben von Anfang an nach Bedarf gestillt, zunächst voll und dann eben neben der Beikost (die als BLW gedacht war...) weiter. Auch jetzt bekommt er noch immer hauptsächlich Muttermilch, die ich im Büro fleißig abpumpe. Damit sind wir aber in China noch mehr als in Deutschland tatsächlich die Ausnahme.

Chinas Stillproblem

2014 haben weniger als 16% der Chinesinnen, die in der Stadt leben, ihre Babies 6 Monate lang voll gestillt. Ausnahmslos alle meine Kolleginnen sind ganz baff wenn ich erkläre, dass wir kein Milchpulver zu Hause haben. Und wenn ich erzähle, dass meine Mama mich 1 1/2 und meinen Bruder 3 Jahren gestillt hat, ist die erste Reaktion immer eine Abwandlung von "WOW, your mother is a hero!". Denn so lange hält hier kaum eine junge Mutter durch, obwohl sie gerne wollen würde...

Gründe

Aber warum sind die Raten an stillenden Müttern hier so niedrig? Es liegt ganz eindeutig nicht daran, dass so viele nicht wollen würde. Jeder, und ich meine wirklich jeder, sagt mir immer wieder, wie toll das ist, dass ich stille. Die heutige Generation an Müttern will auch gerne stillen. Sie weiß, dass das das Beste für ein Baby ist. Und dennoch scheitern die meisten schon sehr früh.

Fast 50% Kaiserschnittrate

Die Schwierigkeiten beginnen bereits bei der Geburt. Fast die Hälfte aller Babies werden in China per Kaiserschnitt geboren. Natürlich kann man auch nach einem Kaiserschnitt stillen. Aber es wird dadurch nicht unbedingt einfacher gemacht.

Unterstützung im Krankenhaus

Dann kommt die Zeit im Krankenhaus. Hier gibt es in China viel zu wenig Unterstützung für das Stillen und es werden schon ganz zu Anfang viel zu viele Fehler gemacht. Bei uns zum Beispiel war es so, dass der kleine Rabe noch beobachtet werden musste und man die Laborergebnisse des Bluttests abwartete. In der Zeit war er von mir getrennt unter Beobachtung. Und bekam ohne mein Wissen oder meine Zustimmung erstmal eine Pulle mit Fertigmilch. Als ich ihn dann kurz zu mir holen konnte hieß es, ich dürfe ihn auf gar keinen Fall anlegen. Weil er hatte sich ja ständig übergeben und er habe ja erst getrunken und so kurze Abstände zwischen den Mahlzeiten wären nicht gut. Außerdem glauben viele Chinesen wohl noch, dass Fertigmilch, da industriell hergestellt, hygienischer als die Brust wäre. Ergo: Das Kind hat einen Infekt, also keine Brust.

Letztendlich durfte ich ihn dann doch einmal anlegen. An einer Seite. Für 5 Minuten bis der Krankentransport kam. Und mir zeigte niemand, wie ich das machen sollte. Es war mehr so ein "Da, nimm das Kind. Hier ist ein Hocker. Mach hinne!". Nicht schön und nicht hilfreich.

Dann ging es bei uns damit weiter, dass er in der Kinderklinik isoliert war und mit Pulvermilch gefüttert wurde. Und auch weiterhin erhielt ich keine echte Unterstützung vom medizinischen Personal. Wenn ich wollte, erklärte mir eine Ärztin, könnte ich den Milchfluss anregen. Ich hatte noch so gut wie kein Kolostrum und ihr Tipp war, alle zwei Stunden auf dem Nippel herum zu drücken. Das tat einfach nur weh und es kam nichts. Also suchte ich mir selbst online Hilfe von einer Stillberaterin. Hätte ich nur auf die Ärzte im Krankenhaus gehört, hätte ich wohl aufgegeben und Milchpulver gekauft.

Da mein Milcheinschuss so lange auf sich warten ließ kam es letztendlich auch nicht mehr dazu, dass ich abgepumpte Milch ins Krankenhaus hätte bringen können. Als ich zum ersten Mal wirklich etwas in der Flasche hatte hieß es bereits, dass wir ihn am nächsten Tag abholen könnten. Und die Milch hätte erst noch getestet werden müssen, was bis zu 24 Stunden hätte dauern können.

Und auch, als wir ihn dann endlich in Empfang nehmen durften gab es vom Kinderkrankenhaus her keinerlei Unterstützung zum Thema Stillen (oder sonst etwas - ohne Internet hätten wir ganz schön blöd dagestanden...). Wir bekamen unser Baby in die Hand gedrückt und das wars. Punkt.

Werbung

Außerdem wird Milchpulver hier richtig aggressiv beworben. Überall schreien einen Plakate an, Hersteller geben kostenlose Kurse für junge oder werdenden Eltern ("Stillkurs bei Milupa" - wahrscheinlich so ähnlich erfolgreich wie "Endlich Nichtraucher mit Marlboro"...). Es gibt kostenlose Proben und es wird bestochen, was das Zeug hält.

Milchpulver als Statussymbol

Klingt komisch, ist aber so: Chinesen lieben ihre Statussymbole. Zu zeigen, dass man Geld hat, ist hier unglaublich wichtig. Teure Uhren, teure Autos, teure Handtaschen. Goldene Handys, weil die goldene Sonderedition mehr kostet, als das normale Modell. All sowas findet in China reißenden Absatz. Sogar das Tragen von Pyjamas in der Öffentlichkeit kommt ja daher. Aber ich schweife ab. Es gibt tatsächlich ein paar Chinesen, die deshalb Milchpulver füttern, weil es teurer ist. Stillen kostet ja nichts, das kann jeder. Aber extra aus Deutschland importiertes Milchpulver, das muss man sich erstmal leisten können!

Das Wochenbett

Für die meisten Chinesinnen geht es nach dem Krankenhaus dann in "den Monat". Dazu werde ich nochmal separat erzählen. Aber kurz: Um sich von der Geburt zu erholen, soll Frau sich einen Monat lang nur ausruhen. Sogar die Betreuung des Babys und damit die eine oder andere Fütterung obliegt dann oft der Verantwortung von Verwandten oder extra engagierten Helfern. Und was verfüttert die Ayi am besten? Genau, Pulvermilch. Abpumpen wäre ja eine zusätzliche Anstrengung für die frischgebackene Mutter.

Keine Ruhe

Nach dem ersten Monat ist die liebe Verwandtschaft aber meist nicht aus dem Haus. Denn traditionell zieht die (Schwieger)Mama bei den jungen Eltern mit ein, um sie zu unterstützen. Klingt nett gemeint. Aber wenn man bedenkt, wie sehr sich die meisten Chinesinnen genieren und wie unpraktisch es ist, zu stillen, ohne die Brust auszupacken... Oder ohne wirklich entspannen zu können. Oder ohne ständig 'tolle' Ratschläge zu hören und verunsichert zu werden. Dann wird klar, dass mit der Oma, die einem über die Schulter schaut, das Stillen auch nicht leichter wird.

Zurück ins Berufsleben

Wer nun bis hierhin durchgehalten hat, für den kommt gleich die nächste Hürde: Das Ende des Mutterschutzes. Gesetzlich muss der Arbeitgeber täglich eine Stunde Stillpause gewähren und ab 25 Mitarbeitern Stillräume zur Verfügung stellen. Theoretisch. Praktisch tun das bei weitem nicht alle Firmen. Und von der Arbeitermigration und den Müttern, die ihre Säuglinge komplett bei den Großeltern auf dem Land betreuen lassen, während sie selbst in der Stadt leben und arbeiten (und nur an Feiertagen pendeln), will ich hier gar nicht groß anfangen...

Stillen in der Öffentlichkeit

Aber selbst für die Mütter, die mit ihrem Baby zu Hause bleiben, gibt es weitere Schwierigkeiten. So sind Chinesinnen ziemlich verschämt, um nicht zu sagen verklemmt. Und wenn es irgendwo keinen extra Stillraum gibt, greifen sie lieber zur Flasche, um sich nicht entblößen zu müssen. Dabei ist Stillen in der Öffentlichkeit hier absolut akzeptiert. Aber statt der Gesellschaft steht vielen einfach das eigene Schamgefühl im Weg. Und mit abgepumpter MuMi machen wohl viele schlechte Erfahrungen, weil sie sie komplett falsch lagern. So wie meine Kollegin, die ihre Milch den halben Tag über ungekühlt auf dem Schreibtisch stehen lässt und so lange in die selbe Flasche hineinpumpt, bis diese auch voll ist. Dass das Baby dann die Pulvermilch vorzieht, ist irgendwie verständlich...

Und selbst dann hört es noch nicht auf. Denn das Unwissen, das fehlende Vertrauen und die Ammenmärchen zum Stillen sind verdammt weit verbreitet.

Fehlinformation

Was mir selbst so begegnet ist, war bis jetzt: Du musst feste Abstände zwischen den Mahlzeiten halten und natürlich auch Wasser geben. Bei jeder einzelnen Impfung wurde uns Monat für Monat erzählt, heute müssten wir dem Baby mehr Wasser geben. Ein einziges Mal habe ich versucht, der Ärztin zu erklären, dass wir voll stillen und damit kein Wasser nötig ist. Dann habe ich aufgegeben und nur noch gelächelt, genickt und ignoriert. Das mit dem Wasser ist aber sogar ein sprachliches Ding. Auf Chinesisch trinkt man nämlich keine Milch, sondern man isst sie. Damit ist gedanklich ganz tief verwurzelt, dass Milch zwar Nahrung ist, aber nicht Getränk und ergo ein Baby Wasser braucht. Und mein Versuch, der Ärztin bei der Impfung und dem Arzt beim 6-Wochen-Check zu erklären, dass wir nach Bedarf und nicht nach Uhr stillen scheiterten auch beide kläglich. Nicht an der Sprachbarriere, sondern am Unverständnis meines Gegenüber.

Du hast zu wenig Milch!

Und dann lassen sich Chinesinnen halt auch von allen Seiten verrückt machen. Von wegen "Du hast bestimmt nicht genug Milch!" zum Beispiel wenn das Baby häufig trinken will oder viel weint. Oder nicht gemäß der tatsächlich veralteten da an Flaschenbabies orientierten Tabelle zunimmt. Oder von Leuten, die Brustmassagen verkaufen wollen. Oder spezielle Nahrungsergänzung für mehr Milch.

DEINE Milch ist nicht gut

Oder von wegen "Die Fertigmilch ist doch viel besser! Da sind viel mehr Vitamine drin!". Und dann die ganzen Verbote. Wer stillt darf keinen Kaffee trinken, viele Dinge nicht essen, sich nicht die Haare färben, sich nicht die Nägel lackieren und keine Medikamente nehmen. Wer das alles möchte, muss abstillen. Und wer krank ist sowieso. Mit Erkältung kann man nicht stillen. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie oft ich inzwischen schon im Büro erklärt habe, dass ich meinem Baby auch weiterhin meine Milch füttere, auch wenn ich Kaffee trinke und bunte Haare habe. Die häufigste Reaktion ist dann immer "Also ein Chinesischer Arzt würde das nicht erlauben...". Und das ist dann gar nicht vorwurfsvoll gemeint, sondern im Sinne von "Oh, das ist ja ein Glück für dich, dass dein Arzt es erlaubt" - denn was einem der Halbgott in weiß sagt, das tut oder lässt man, ohne zu hinterfragen. Kein Sarkasmus. Nur Realität in China...

Es ist aber halt auch kein Wunder, dass sich die jungen Mütter so verunsichern lassen. Es ist ja niemand da, der ihnen sagt, dass sie auf sich selbst und die Natur vertrauen können und dass sie am Besten einfach nach Bedarf stillen, damit ihr Baby alles und genau das bekommt, was es braucht. Keine Hebammen, keine Stillberaterinnen, nichts. Es gibt keine Stillgruppen oder ähnliches.

Nur ganz viel Unwissenheit, Verunsicherung, Beeinflussung und damit dann ganz viele Konsumenten von Milchpulver, obwohl die Mütter eigentlich gerne gestillt hätten. Und das trotz des Milchpulverskandals.

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