Dienstag, 19. April 2016

Gothic Friday: Die Bürogruftine

Diesen Monat ist Marion Levi Gastgeberin des Gothic Friday auf Spontis. Und das Thema ist eines, über das ich mir früher sehr den Kopf zerbrochen habe und bei dem ich heute keine Kompromisse mehr eingehen will und wohl hier in China ein wenig verwöhnt wurde: Gothic sein und arbeiten.
   
Welchen Beruf übst du aus oder strebst du an?
 
Ich wollte irgendwann mal Psychologie studieren und habe dann aber begriffen, dass ich dazu selbst zu verkorkst bin. ;)
 
Dann wollte ich irgendwas mit Finanzen / Controlling machen. Denn ich mag Zahlen. Und ich wollte lieber mit Zahlen als mit Menschen arbeiten.
 
Aber, wie das Leben so spielt, ich ging nach China. Und hier bin ich - durch ein Praktikum in einem Startup und dortigen Bedarf - im Kundenservice gelandet. Jetzt ist mein Jobtitel "Senior Customer service executive" und ich arbeite bei einer großen OTA (online travel agency). Als Senior inzwischen zum Glück endlich nicht mehr im direkten Kundenkontakt. Außer, jemand verlangt unbedingt mit dem "Manager" oder "Vorgesetzten" zu sprechen. Das wäre dann doch noch ich...
  
Es gibt im Büro nicht immer blauen Kuchen. Aber wenn, dann passt meine Zunge hinterher zu meinen Haaren. 

(Wie) Lassen sich Gothic und Beruf verbinden und ist das überhaupt wichtig?
 
Ganz ehrlich und echt nicht blöd gemeint, aber ich verstehe die Frage nicht ganz, glaube ich. Ich bin Goth und ich habe einen Beruf. Punkt. Inwiefern ich mein Privatleben auch im Beruf ausleben kann, variiert ja sowieso von Beruf zu Beruf.
 
Wenn mein Beruf einen Dresscode erfordert - sei es Anzug und Schlips, Uniform oder Laborkittel oder sonstwas - dann ist das halt so. Aber dann ist das ja nicht nur für Gothics so. Wer privat am liebsten Baggypants oder kunterbunt geblümte Rüschenblusen trägt muss sich dem ja genauso beugen.
 
Wenn ein Beruf es erfordert, dass man aus hygienischen Gründe oder für die Sicherheit keine Piercings tragen kann, dann ist das halt so und die Ottonormalkollegin mit Nasenstecker muss den ebenfalls entfernen.
 
Und dass einem der Arbeitgeber die Musik vorschreibt, die man hören darf, habe ich noch nicht gehört. Ok, außer vielleicht als Tontechniker. Da muss man halt dann schon mit dem arbeiten, mit dem man arbeiten muss... ;)
 
Und schließlich ist Gothic kein Modestil, sondern ein "style of life". Und mit welcher Einstellung ich durch das Leben gehe ist und bleibt meine Sache. Ob ich sonntags zum Flohmarkt fahre oder über den Friedhof spazieren, welche Bücher ich lese oder Filme ich sehe. Worüber ich nachdenke und mich unterhalte. Welche Menschen ich mag. Was mich bewegt. Was mir wichtig ist und woran ich glaube. All diese Dinge (und mehr) machen es doch aus, Gothic zu sein. Und die haben mit dem Beruf, den man ausübt, in aller Regel überhaupt nichts zu tun.
 
Und wenn doch ein Beruf sich nicht mit meiner Lebenseinstellung vereinen lässt, dann kann ich diesen Beruf nicht ausüben. Aber das sollte wirklich die Ausnahme sein. Und auch das trifft eben wieder auf alle Menschen gleichermaßen zu und ist kein "Gothic-Problem". Ein überzeugter Tierschützer wird wohl kaum im Schlachthof arbeiten und für wen Monogamie einen hohen Stellenwert hat, der wird wohl keine Sexarbeit machen. Wer den Kapitalismus ablehnt und findet, dass Banken das personifizierte Böse sind beginnt wohl kaum eine Lehre bei der Sparkasse. So als Beispiel.
  
Da im Kundenservice an Hotline und per Mail nix dagegen spricht: Warum nicht mit frischem Tattoo ins Büro?! 

Trotzdem gilt für mich:
 
Welche Abstriche nimmst du bei deinem Äußeren im Kauf oder würdest du in Kauf nehmen?
 
Keine.
 
Also nicht mehr.
Als ich mit 17/18 versucht habe, einen Arbeitgeber für ein duales Studium zu finden, habe ich mich bei jedem Vorstellungsgespräch regelrecht verkleidet. Ich hatte einen mintgrünen und einen roten Hosenanzug. Ok, auch einen schwarzen mit Nadelstreifen. Den habe ich dann aber nur mit weißen Blusen angezogen. Bloß nicht schwarz! Alles, bloß nicht schwarz, damit die auf keinen Fall einen falschen Eindruck von mir bekommen.
 
Zu der Zeit hatte ich keine Tattoos, aber hätte ich welche gehabt, hätte ich sie abgedeckt und versteckt.
 
Nicht verstecken konnte ich hingegen meine Haare. Ok, den Undercut schon. Den hat keiner gesehen. Aber ich hatte halt schwarze Haare und einen roten Pony. Das klingt jetzt vielleicht nicht soooo krass. Aber es reichte aus, dass ich in einem Vorstellungsgespräch mal gefragt wurde, ob ich denn damit zurechtkommen würde, dass die Firma "für traditionelle Werte steht". Ok, der gleiche Personaler fragte mich im gleichen Gespräch noch, ob ich nicht später mal Kinder haben will und wie ich das dann mit der Arbeit unter einen Hut zu bringen gedenken würde (mal abgesehen davon, dass solche Fragen unzulässig sind: Ich war zu der Zeit gerade einmal 18 Jahre alt und noch nicht mit der Schule fertig. Hallo?!).
 
Damals hat mich das verunsichert. Heute bin ich froh, dass ich die Stelle nicht bekommen habe. Denn ganz ehrlich: Wie glücklich könnte ich denn mit einem Arbeitsplatz sein, an dem ich jeden Tag 8 Stunden Theater spielen muss?!
 
Heute habe ich zwei große Vorteile: Ich SEHE keine Kunden oder Partner und ich bin in China.
 
Für meine Einstiegsstelle bei meinem jetzigen  Arbeitgeber kam ich mit lilanen Haaren zum Vorstellungsgespräch. Ja, gut, auch meine Bluse war lila statt schwarz, aber das lag auch daran, dass die leichter ist und es heiß war.
 
Und letztes Jahr hat mir der Teamleiter, der damals das Gespräch geführt hat, erzählt, was sein Eindruck dazu war: "Such a bright young woman with such a bright haircolor!".
 
Und bis heute gehe ich so zur Arbeit, wie ich mich wohl fühle. Ich trage meine Haare in einem seitlichen Dutt, der meinen Sidecut offen lässt. Ich hatte lilane, türkise und wieder lilane Haare. Ich trage schwarz. Und Samt und lange Röcke und Spitze und alles genauso wie Hosen und Blusen oder Leggings und Longshirts. Einfach das, was mir gefällt. Ich trage meine Tattoos offen und lege den Schmuck an, nach dem mir ist.
 
Und ich würde es nicht mehr anders machen. Klar, ich wäre bereit, mich sofern nötig eleganter zu kleiden. Mehr busines und weniger casual. Kein Problem. Sogar einen anderen Scheitel würde ich mir ziehen, um den Sidecut zu verdecken, wenn ich jemals Kundentermine hätte. Und wenn nötig auch für bestimmte Termine lange Ärmel wegen der Tattoos tragen. Wenn es unbedingt sein muss. Für bestimmte Termine. Nicht jeden Tag. Und bitteschön weiterhin mit meiner Haarfarbe, meinen Tattoos, meinem Schmuck und in schwarz. Das bin ich. Punkt.
 
Und wenn ein Arbeitgeber damit ein Problem hat, dann ist es nicht der richtige Arbeitgeber für mich.
 
Wenn ein Arbeitgeber ein Problem mit Müttern hat, dann ist es ja auch nicht der richtige für mich.
 
Klar, meine Arbeitskraft ist die Ware auf dem Arbeitsmarkt und die Arbeitgeber sind die Käufer. Und jedes Produkt muss irgendwie attraktiv sein, um Käufer zu finden. Aber ich bin ziemlich überzeugt davon, dass ich meine Arbeitskraft auch in einer schwarzen Verpackung an den Mann bringen kann, ohne dabei zum Ladenhüter zu werden. Besser, als eine Mogelpackung zu sein.
 
Ich bin halt nun einmal ich.
 
Und wenn ich irgendwo arbeite, dann arbeite ICH dort. Und nicht ein gefaktes Abziebildchen von mir im mintgrünen Hosenanzug.
  
Nein, das ist kein mintgrüner Hosenanzug. 

Welche Vorurteile oder Probleme tauchen im Umgang mit Chefs, Kollegen oder Kunden auf?
 
Naja, ein duales Studium habe ich nicht bekommen. Allerdings bin ich mir recht sicher, dass daran nicht mein roter Pony Schuld war.
 
Und seitdem habe ich nie irgendwelche Probleme gehabt.
 
Mit Kunden habe ich nur per Email oder Telefon zu tun und von Vorgesetzten und Kollegen habe ich durch die Bank hauptsächlich positives Feedback bekommen.
 
Der einzige negative Kommentar war einmal, dass ich immer so böse schaue und immer die Ohrstöpsel zum Musik hören drin habe, wenn ich nicht gerade am Telefon bin und dass deshalb ein paar junge, neue Kolleginnen ein bisschen Angst vor mir hätten. Ich sollte doch einfach mal Hallo sagen, damit sie merken, dass ich eigentlich total nett bin und sich trauen, mich um Hilfe zu fragen, wenn sie was nicht wissen. Hab ich dann auch gemacht und gut war's.
 
Bei meiner letzten Bewerbung zum Teamleiter habe ich die Gruppe von TLs, für die ich eine Präsentation gehalten habe, ganz gerade heraus gefragt, ob sie glauben, dass mein Äußeres ein Problem sein könnte. Und sie haben das alle klar verneint.
 
Ich weiß nicht, ob da auch der China-Bonus eine Rolle spielt. Hier ist die Gothic-Szene so unbekannt, dass keiner damit was anfangen kann. Und keiner dementsprechend irgendwelche Vorurteile hat. Klar bin ich ein "Exot". Aber da ich ja sowieso ein Laowei bin, stört sich da keiner dran. So wie es in Deutschland seltsam wäre, wenn jemand in einem klassisch Chinesischen Kleid rumlaufen würde. Bei einer Chinesin würde aber kaum jemand die Augenbrauen heben.
 
Zudem brüstet sich meine Firma auch ganz offensiv damit, eben offen und tolerant und international zu sein und Menschen nach ihren Fähigkeiten und ihrem Potential einzustellen und zu fördern, statt nach ihrem Aussehen (oder ihrer Herkunft / Religion / sexuellen Orientierung /...).
 
Bis jetzt bekam ich von Kolleginnen hauptsächlich zu hören "I LOVE your hair!". Und allgemein einfach Nachfragen dazu, wie und wo ich mir die Haare färbe, was meine Naturhaarfarbe ist, ob das Tätowieren sehr weh tut, welches Tattoostudio ich empfehlen kann, wie ich den Sidecut nachschneide usw. Außerdem, ob ich Rammstein bzw. Lacrimosa kenne, weil der jeweilige Kollege die jeweilige Band super findet. Und was der eine oder andere Titel bedeutet. Auch gab es die eine oder andere ehrlich neugierige Nachfrage, was für Musik ich denn höre (wenn kein Metal, wovon die meisten ausgingen).
 
Zur Geburt des kleinen Raben hatte mein Team dann sogar extra "passende" Geschenke für uns ausgesucht - einen Schädel, einen Zombie und eine Spinne aus Plüsch und eine Fledermaus-Decke.
 
Also Neugier und Akzeptanz statt Vorurteilen und Problemen.

Und sogar mein Büro-Avatar trägt Sidecut. Wenn auch eher zufällig.

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