Freitag, 6. Mai 2016

Erziehung auf Chinesisch: Milchpulver #2 - Der Milchpulver-Skandal

Ihr habt bestimmt alle mehr oder weniger davon gehört, dass es in China einen großen Skandal mit gepanschtem Milchpulver gab.

Lebensmittelskandale in China

Lebensmittelskandale sind hier leider an der Tagesordnung. In den letzten 5 Jahren habe ich beispielsweise mitbekommen: Als Lamm verkauftes Rattenfleisch, 30 Jahre altes Gammel-TK-Fleisch, Fleisch von an unbekannten Krankheiten verendeten Schweinen im Verkauf, gefälschter Reis aus Plastik und Papier und Spülmittel in der Milch. Kann sein, dass ich da noch was vergessen habe, aber das fiel mir jetzt so auf Anhieb ein.

Nichts davon jedoch hat sich so tief ins Gedächtnis gebrannt, wie der Milchpulverskandal, der 2008 aufgedeckt wurde. Das mag wohl auch damit zusammen hängen, dass hier einfach so viel Milchpulver verfüttert wird.

Gepanschte Milch

Kurz gesagt wurde Milchprodukten Melanim, ein Kunstharzgrundstoff, beigemischt, um die Milch verdünnen und dennoch einen normal hohen Proteingehalt vortäuschen zu können. Also aus reiner Profitgier.

Wie lange genau so gepanscht wurden, ist unbekannt und es wäre gegebenenfalls auch gar nicht weiter aufgefallen. Denn für Erwachsene ist Melanim nicht besonders giftig. Und der durchschnittliche Erwachsene ernährt sich ja auch nicht ausschließlich von Milch. Spread your poison und so.

Tödliche Säuglingsnahrung

Doch 2008  wurde dieser Betrug auch bei Milchpulver für Säuglingsnahrung begangen. Und da Säuglinge nun einmal ein wenig "empfindlicher" sind und ausschließlich bzw zumindest hauptsächlich von Milch leben, kam es zu schweren Erkrankungen. Die betroffenen Babies bekamen Nierensteine und ihre Nieren versagten. Offiziell mussten 6 Kinder ihr Leben lassen und 300.000 erkrankten.

Die Regierung versuchte, mit "strengem Durchgreifen", vielen Verurteilungen und zwei Hinrichtungen, das öffentliche Bild der chinesischen Milchwirtschaft wieder gerade zu rücken, aber so richtig ist das nie gelungen.

Importierte Milch

Bis heute ist es so, dass jeder, der es sich leisten kann, importierte Milch kauft. Unsere Milch hier im Büro kommt aus Neuseeland oder Australien und zu Hause trinken wir Arla.

Aber selbst wer es sich eigentlich nicht leisten kann, macht einen Bogen um chinesischen Säuglingsnahrung, der so weit wie nur möglich ist.

Die leeren Regale

Ich weiß nicht, inwiefern ihr sowas schon mitbekommen habt. Aber ich habe gehört, dass viele Geschäfte in Europa Milchpulver nur noch einzeln verkaufen. Also maximal eine Dose pro Person pro Einkauf. Grund dafür ist nicht (wie wohl irgendwo im Internet behauptet wird) die derzeitige Flüchtlingssituation in Deutschland, sondern "Schuld" haben die Chinesen, die am liebsten die Regale komplett leerkaufen würden.

Photo - Shop - Stories

Auf Taobao gibt es unzählige Angebote für Milchpulver, insbesondere aus Deutschland.

Das scheint ganz hoch im Kurs zu stehen und hat den Ruf, besonders gut und – das ist das wichtigste – sicher zu sein. Deutsche Qualität und so. Und um zu beweisen, dass das jeweilige Milchpulver auch wirklich aus Deutschland kommt, ist im Lieferumfang dann auch gleich der Kassenzettel enthalten. Und im Angebot wird jeweils mit Fotos genau dokumentiert, wie jemand eine Dose Milchpulver in Deutschland kauft. Ohne Mist, das sind dann so Fotostrecken, auf denen man die Regale deutscher Drogerie- oder Supemärkte sieht, mit der Hand, die nach der Dose Milchpulver greift und dann am Ende die Dose und den Kassenzettel etc.

Milchpulver als Urlaubsmitbringsel

Und wer ins Ausland reist, der bringt neben den üblichen Dingen wie Schokolade oder Gummibärchen dann eben grundsätzlich immer auch mindestens eine große Dose Milchpulver mit. Entweder für sich selbst, oder für Freunde, Verwandte oder Bekannte oder zur Not auch einfach just in case, falls irgend jemand im Umfeld es brauchen könnte.

Meine Kollegen waren beispielsweise ganz baff erstaunt, dass ich letztes Jahr, als im Januar viele Nach Amsterdam zum Firmentreffen flogen, kein Milchpulver mitgebrcht bekommen wollte. Schließlich war ich doch schwanger und selbst, wenn man plant zu stillen, sollte man doch immer eine Dose Milchpulver zu Hause haben und dann hätten sie es mir doch direkt und günstiger aus Europa mitbringen können. Eine Kollegin bot mir dann auch hinterher noch an, dass sie noch eine Dose hätte, die sie mir geben könnte.

Das wirkt alles auf den ersten Blick erst einmal ein bisschen amüsant. Tatsächlich aber zeigt es, wie groß die Unsicherheit oder Angst tatsächlich ist.

1 Kommentar:

  1. Hallo,
    es ist schön die ganze Geschichte mal erzählt zu bekommen. Danke!
    Hier bei uns im Großraum von Hamburg ist es tatsächlich so dass einige Sorten Pulver stets ausverkauft sind. Generell stehen überall Schilder dass höchstens 2 oder 3 Packungen pro Einkauf gekauft werden dürfen...

    Unser Kollege fliegt oft nach China. Für seine Bekannten dort bringt er auch immer Pulver mit.

    Viel Spaß weiterhin mit dem kleinen Raben. Ich lese hier immer mal wieder gerne mit.

    Liebe Grüße
    Kaya mit der Lütten 14 Monate

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