Dienstag, 21. Juni 2016

Gothic Friday: Jahresurlaub in Leipzig

Hier ist es immernoch alles sehr WGT lastig irgendwie, ne? Aber das Treffen nimmt halt einmal für uns einen besonderen Stellenwert ein. Insbesondere jetzt, da wir in China leben und verrückt genug sind, dafür mit Baby 12 Stunden Flug anzutreten (ok, auch für Besuch bei der Familie, aber trotzdem). Ich meine, ich habe ganze 15 Tage Urlaub im Jahr. Und wir verbringen davon 5 in Leipzig. Das ist ein Drittel meines Jahresurlaubs. Mit An- und Abreise noch mehr.
 
Und nun geht es auch beim diesmonatigen Gothic Friday der Spontis um das Wave Gotik Treffen. Und ein bisschen um andere Festivals noch.
 

Warum fährst du zum WGT?
 
Ursprünglich mal, weil man das als Gothic halt so macht. Beziehungsweise aus den selben Gründen, aus denen man auf andere Festivals fährt. Um Konzerte zu sehen, Lesungen zu besuchen und, im Falle des WGT wohl besonders wichtig, zum „sehen und gesehen werden“.

Heute hat sich das minimal geändert. Oder besser gesagt kann ih es heute noch genauer definieren, warum „ausgerechnet“ das WGT und eben derzeit kein anderes Festival.
 
Wegen der Musik. Denn DIESE Auswahl, die man in Leipzig geboten bekommt, findet man auf keinem anderen Festival. Große Namen und unbekannte Bands und alle Genre, die die schwarze Szene zu bieten hat. Besonders wichtig ist mir dabei heute, dass ich – normalerweise – immer zu Bands gehe, die ich bis dato noch nicht kannte oder die ich noch nie live gesehen habe. Zum dröfzigsten mal VNV Nation oder ASP oder Welle:Erdball oder Suicide Commando oder In Extremo oder was auch immer brauche ich dabei nicht. Einerseits, weil die großen Hallen mir meist zu voll sind, andererseits, weil man diese Bands auch sonst immer mal wieder sehen kann – sei es auf Einzelkonzerten das ganze Jahr über oder auf anderen Festivals.

Und dann ist da natürlich auch noch der "T" - Aspekt. Also das Treffen. Wir haben viele Freunde und Bekannte, die in alle Himmelsrichtungen verstreut sind. Margo und Tim, die wir aus Shanghai kennen und die in Holland wohnen. Russische Freunde aus Russland, Deutschland und den USA. Chinesische Freunde, die jetzt in England wohnen. Ganz "normal" Deutsche aus Deutschland. Freunde aus Spanien. All diese Menschen unter einen Hut zu bekommen, ist praktisch unmöglich. Zum WGT aber sehen wir sie alle.
 
Und letztlich müssen wir jetzt halt auch an die Familienfreundlichkeit denken. Camping und Betrunkene, Gruppenduschen und Waschtröge, und nicht zuletzt ein Fokus auf lauten Open-Air Konzerten, also insgesamt das, was man typischerweise mit Festivals verbindet, ist nichts für Kinder. Wir sind jetzt aber nun einmal Eltern. Und das WGT ist kein Festival. Zumindest kein typisches. Auf dem WGT kann tatsächlich die gesamte Familie Spaß haben.
  
Familienurlaub in Leipzig 

Wie war dein letztes WGT?
 
Wie unser letztes WGT genau war, könnt ihr hier auf dem Blog ja en Detail nachlesen (Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag, Montag). Zu kurz war es. Und ein klitzekleines Bisschen enttäuschend war es. Weil mit Baby vieles halt einfach ganz anders ist, als man das so kennt. Und wie man sich das so vorstellt. Aber, so habe ich mir sagen lassen, beim nächsten mal wird das schon besser. Vielleicht weil der Rabe dann größer ist, vielleicht weil wir uns dann schon etwas mehr dran gewöhnt haben.
 
Aber schön war es trotzdem. Allein schon wegen Margo. Meiner einzigen wirklichen Freundin, die ich seit 2 Jahren nicht gesehen hatte und mit der es doch sofort wieder so war, als wären wir erst am Vorabend auseinander gegangen.
 
 
Wie dein erstes?
 
Mein erstes WGT war extrem anstrengend. 2007 war das. Ich hatte mein Abi in der Tasche und wartete auf den Studienbeginn im Oktober.
 
Ein bisschen saß ich zwischen zwei Welten. Räumlich wie auch gedanklich. Vor allem jedoch fühlte ich mich, mit dem Ende der Schulzeit, so frei wie noch nie. Was für mich auch und gerade auch in meinem Besuch beim WGT Ausdruck fand. Schließlich konnte ich ja endlich fahren, was mir noch in den Jahren zuvor wegen fehlender Schulferien verwehrt geblieben war.
 
Aber es soll ja ums WGT gehen und da kann ich nur sagen: Viele Anfängerfehler!
 
Dummerweise machten mein damaliger Freund und ich den Fehler, einer Anfrage für eine Doku zuzusagen. Also dackelte uns das gesamte Wochenende über ein Kamerateam hinterher. Nun ja. Wenigstens wurde nicht ein Mal erwähnt, wie würden „Kostüme“ tragen und wir wurden nicht als Kinder fressende Satanisten dargestellt.
 
Noch dümmer war es im Nachhinein eigentlich nur, freiwillig gezeltet zu haben. Ich weiß, es gibt viele Leute, die lieben das Zelten auf dem WGT und finden, alles andere sei Frevel. Ich gehöre efinitiv nicht dazu. Dazu ist mein Schlafbedürfnis dann doch zu ausgeprägt. Ich war nämlich in diesem Jahr dann bereits Samstag Mittag so platt, dass ich mich nur noch mit Mühe und Not dazu zwingen konnte, den Zeltplatz überhaupt zu verlassen. Richtig Spaß machte das alles dann auch nicht mehr, was auch dadurch nicht besser wurde, dass es ein Unwetter gabe. Das war ja noch ganz nett, mit Freunden aus der Zeltbhurg unter der plane, in einer Hand das duct tape, in der anderen was zutrinken und dazwischen Witzchen vom Himmel, der uns jetzt auf den Kopf fällt. Doof war dann allerdings, später ins eigene Zelt zu krabbeln und dort festzustellen, dass das Zelt nicht mehr dicht war und es reingeregnet hatte...
 
Ach ja, und eine sehr doofe Idee war es auch, nur ein einziges Paar Schuhe mitzunehmen. Und das auch noch billige Demonias mit hohen Absätzen. Meine Füße konnte ich damit nämlich auch so ab Freitag Abend eigentlich wegschmeißen. Ich musste mich auf ihnen aber ja noch das rechtliche lange Wochenende herumschleppen und so sah ich dann auch fast alle Konzerte nur noch vom Boden aus, auf den ich mich bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit setzen musste.
 
  
Was ist dein schönstes Festivalerlebnis?
 
Das war dann wohl der Moment, als das Haselchen und ich 2010 in Leipzig während des WGTs unsere Ringe kauften. Eigentlich „nur“ als Verlobungsringe gedacht (und die Frage gestellt seinerseits und beantwortet meinerseits hatten wir zu dem Zeitpunkt schon ein paar Tage zuvor). Seitdem nicht mehr abgelegt. Und auch zur Hochzeit keine neuen gekauft (statt neuer Ringe haben wir Tatoos stechen lassen – die halten länger und die kann man nicht mal eben verlieren).
  
Unsere Ringe 

Was war dein eindrücklichstes Konzert?
 
Das war Lustmord auf dem WGT 2011 (?). Ich hatte zuvor noch nie Dark Ambient gehört und war eigentlich nur mitgegangen, weil das Haselchen ihn unbedingt sehen wollte und meinte, das dürfe ich keinesfalls verpassen. Ich hatte also eigentlich gar keine Erwartungen. Dann jedoch wurde ich von diesem Klangteppich so in den Bann gezogen, dass ich richtiggehen geflasht war. Die Musik versetzte mich tatsächlich in einen fast schon meditativen Zustand, den ich so noch nie zuvor erlebt hatte. Nach dem Konzert verließen wir die Kuppelhalle. Und aus baffem Erstaunen heraus, weil ich wirklich Stein und Bein hätte schwören können, dass es tiefe Nacht sein müsste (wobei es erst später Nachmittag war), rief ich laut aus "Es ist ja noch hell?!". Ein anderer Besucher sah mich mit einem Augenzwinkern an und stellte fest: "Ah, hat er dich auch gekriegt!".
 
 
Welche Festivals sind noch Teil deines schwarzen Planeten?
 

Unglaublich viel Spaß hatte ich immer auf dem Mera Luna. Da ist die Musikauswahl deutlich begrenzter, aber dafür kann man auch einfach bequem vorm Zelt sitzen bleiben und hört die Main Stage trotzdem noch. Die Wege sind kurz und ich muss mir keinen Stress darum machen, wann ich wo hinfahren muss und was ich sehen will. Ich kann mich einfach spontan treiben lassen, ohne jemals das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen. Das hat auch etwas für sich.
 
Außerdem gehört beim Mera das Zelten einfach dazu. Bis jetzt war es IMMER so, dass meine Begleitung und ich in der Einlass-Schlange mit anderen Leuten ins Gespräch kamen, spontan beschlossen, unsere Zelte zusammen zu stellen und dann ein Wochenende gemeinsam Spaß hatten.
 
Diese spontanen Kurzzeit-WGs gehören für mich genauso zum Mera, wie Calimocho zum Frühstück und Trommeln zum Abschluss.
 
Es mag sein, dass meine Begeisterung für das Mera auch der Tatsache geschuldet ist, dass das damals mein erstes Festival überhaupt war. Und dass wir total verplant waren (Salatschüsselset, aber keinen funktionierenden Campingkocher) und das Wetter scheiße war (das war das Sintflut-Mera 2005) und wir trotzdem Dank wunderbarer Zeltnachbarn überlebt haben und obendrauf noch eine tolle Zeit hatten. Aber das Mera vermisse ich schon.
 
Andere schwarze Festivals habe ich bis dato noch nicht besucht.

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