Sonntag, 19. Juni 2016

One night in Huangpu river oder: Die schlechteste Party ever

Eigentlich hatte ich ja nicht vor, darüber hier groß zu schreiben. Aber nachem das ganze jetzt sogar noch Nachwehen hat und ich merke, wie nachhaltig ich gefrustet bin, muss das mal raus. Außerdem gibt es schöne Fotos! XD

Also, am Freitag war das Sommerfest hier vom Büro. Das erste, das ich besuchte. Die anderen Laowei-Kollegen hatten mir schonmal so nebenbei erzählt, also sich unter Hand tierisch darüber aufgeregt, wie schlecht die Sommerparties immer waren. Ich habe iuch davon in meiner Vorfreude aber nicht abbringen lassen. Zum einen, weil vielleicht würde es ja diesmal gut und zum anderen weil es gibt halt Leute, die regen sich gerne über vieles auf, was ich selbst gar nicht immer ganz so nachvollziehen kann.

Also freute ich mich vor auf „One night in Huangpu river“ (yep, in statt on – richtige Präpositionen sind wohl nicht jedermanns Sache, aber wir mussten wenigstens nicht schwimmen...).

Der Dresscode sollte „Vintage“ sein und es wurde ein „best dressed team award“ angekündigt. Also brainstormten wir im Team und ich schlug Steampunk als Thema für unser Team vor. Das fand Anklang . Aber niemand hatte etwas passendes. Also durchwühlte ich meinen Schrank und den des Haselchens und stellte für jeweils drei Kolleginnen und Kollegen Outfits zusammen. Dazu bestellte ich ein paar Accessoires und Deko auf Taobao und verbrachte einen KOMPLETTEN Abend von 20Ö30 bis 0:30 damit, bronzefarbene Zahnräder auf Hüren, Halsbändern und Handschuhen festzunähen.

Das Haselchen war schon recht genervt und meckerte die ganze Zeit über diese Zeuitverschwendung, aber ich ließ mich nicht von meiner Vorfreude abbringen.

Ich brachte alles mit ins Büro.

Am Freitag hatte ich den Tag frei und genoss die Zeit zu Hause. Bis ich um 15:40 merkte, dass es schon 15:40 war. Ich wollte bzw. musste nämlich um 16:00 los, weil ich für den Bus um 17:15 eingeteilt war und noch Accessoires mitbringen und den Kolleginnen beim Anziehen helfen musste.

Also sprang ich in Windeseile in Reifrock und Korsett, schminkte mich in Rekordgeschwindigkeit und sputete mit Zyliner auf dem Kopf und in „voller Montur“ zur Metro. Ich half den Kolleginnen, die noch nie in ihrem Leben ein Korsett angehabt hatten, und saß auch schon im Bus.

Soweit, so gut.

Trotz ein wenig Verwirrung seitens des Fahrers kamen wir rechtzeitig am Hafen an und die Busladung Leute watschelte im Gäsemarsch durch den Security check zum Boot.

Dort angekommen war ich erstmal sehr positiv überrascht. Der River cruiser war groß (ok, das jmusste er für 200-300 Leute, die wohl kommen würden, auch sein) und chick. Vier Stockwerke, inklusive dem offenen Deck ganz oben. Das sah vielversprechend aus. Ich blieb zunächst in der ersten Etage, dem „Ballsaal“. Dort standen Getränke bereit. Hauptsächlich jedoch wartete ich noch auf eine weitere Kollegin, die die Anfahrt selbst organisiert hate und für die ich noch einen Reifrock dabei hatte. Die kam dann auch, zog sich den Reisrock drunter und alles war gut.

Viele Kollegen wollten Fotos von uns und von mir machen. Denn kaum jemand hatte sich auch noch ansatzweise an einen Dresscode gehalten und mit meinem 4-Meter Reifrock war ich halt noch auffälliger als sonst ja schon. Damit hatte ich ja gerechnet und bei Kollegen stört mich das auch nicht.

Dann kamen die Leute aus der zweiten Busladung (also aus den 3 oder 4 Bussen) zusammen reis. Die Türen wurden geschlossen, das Licht gedimmt und die Musik fing an.

Und ich wollte am liebsten von Bord springen! Hätte ich das mal besser gemacht – die paar Meter zurück zum Uer hätte ich auch noch schwimmen können.

Musikalisch wurden wir von „Mystery DJ“ (hätten sie mal besser „mysery“ angekündigt...) verwöhnt. Mit Rap. Mit CHINESISCHEM Rap. Dessen *ähem* Besonderheit er noch damit unterstützte, dass er VERSUCHTE mitzurappen und zwischendurch immer mal wieder ein (rythmisch absolut deplaziertes) „Yo yo“ ins Mikrophon zu rotzen.

Grausam!

Erlösung kam dann in Form einer Trainerin, die – immer wieder kurz unterbrochen von der Musik, die der DJ irgendwie nicht gescheit laut oder leise drehen konnte, und dem Mikro selbst, dass immer wieder kurz aussetzte – uns alle herzlichen willkommen hieß.

Dann rief sie ein Team auf die Bühne.

Ein paar Gestalten kamen auf die Bühne und gingen wieder runter. Alle klatschten. Also alle, die überhaupt schon mitbekommen hatten, dass auf der Bühne irgendwas los war. Schließlich verteilten sich alle auf vier Stockwerke. Aber nun ja... JETZT wurde erklärt, dass das für den best dressed team award gewesen war. Und dass einer der TLs eine App auf seinem Handy habe, die die Lautstärke messen können. Und dass das Team gewinnen würde, für den am lautesten geschrien wurde. Also klatschten und schrien alle nochmal.

Dann wurde das nächste Team aufgerufen. Und das nächste. Und das nächste.

Ich stand ein wenig verwirrt herum, denn von meinem Team war weit und breit niemand zu sehen. Dann fand mich mein Teamleiter, der genaus planlos war, wie ich. Und wir hofften einfach gemeinsam darauf, dass der Rest der Mädels (denn die restlichen beiden Herren der Schöpfung hatten einfach NICHTS von dem, was ich ihnen vorbereitet und mitgebracht hatte, angezogen , sondern waren in Shorts und T-Shirt gekommen, ohne natürlich mir mal VORHER Bescheid zu geben, dass sie keinen Bock hatten) noch rechtzeitig eintrudeln würde.

Da hatte ich ja eigentlich auch schon keinen Bock mehr.

Toll war nämlich an dem Voting auch, dass – auch beim Klatschen und Schreien für die Abstimmung – der DJ immer mal wieder Musik spielte. Und dann mal nicht. Mal laut, mal leise.

Also ehrlich, wenn ich so wenig Ahnung davon habe, wie eine Musikanlage funktioniert, dann lass ich meine Wurstfinger da einfach draußen. Aber der junge Mann hatte sich auch gestyled, indem er sich eine schwarze Kapuze mit einem Schneidermaßband um den Hals gebunden hatte (dazu einen Sonnenbrille auf dem Kopf (also auf der Kaputze) und ein viel zu großes kariertes Hemd mit Shorts und Kniestrümpfen)...

Unsere Mädels kamen dann noch rechtzeitig. Wir besprachen kurz, wie wir uns präsentieren wollten.

Derweil konnten wir die anderen Teams kaum sehen. Die Bühne war nämlich so ca. 2 Treppenstufen hoch, das heißt ab der 4. Reihe etwa konnte man nichts außer Köpfen sehen. Und ich bin hier ja mit 170 cm ein echter Riese...

Aber gut. Wir wurden aufgerufen, wir gingen auf die Bühne, wir gingen von der Bühne runter, wir versuchten – so, wie alle anderen Teams auch – so nahe wie möglich an das messende Handy zu kommen und so laut wie möglich selbst zu schreien.

Am Rande bekam ich dann noch mit, dass andere Teams „Vintage“ als „schwarze Capes und Vendetta-Masken“ oder auch „Alltagsklamotten und billigste Venezianische Masken“ sowie „Chinesische Kinderuniformen“ (wie sie Kinder in China in der Militärschule tragen, so blau-grau mit roten Halstüchern) interpretiert hatten. War mir jetzt aber auch egal.
 
Ich fuhr mit dem Fahrstuhl hoch aufs Oberdeck, um ein bisschen Skyline zu gucken und frische Luft zu schnappen.
 
Während ich die Aussicht und Luft und relative Ruhe genoss, wurde offenbar das Buffet eröffnet. Was ich total verpasst hatte.
 
Bis ich also wieder rein ging, hatten bereits über 200 Chinesen das Buffet geplündert. Für mich war damit noch Broccoli da. Und Spaghetti. Und Salat (ohne Soße, weil bereits leer) sowie ein paar kümmerliche Stückchen Wassermelone. Ich hätte auch noch Fleisch in rauen Massen essen können. Und in Speck gewickelte Würstchen. Aber nein danke.
 
Es hatte offenbar auch Schrimps und Lachs gegeben. Und mehr Obst. Und sehr appetitlich aussehenden Schokoladenkuchen. Das weiß ich aber nur, weil ich zuschauen konnte, wie die Leute diese Sachen in Massen von ihren benutzen Tellern in den Müll warfen. Da war ein Teller dabei, der für mich noch komplett voll aussah - mit Lachs und Schrimps. Alles Müll. Ein Mädel warf 5 Stück Schokoladenkuchen weg. Lauter so Szenen, die mir fast schon körperlich weh tun... Aber nun, ich ändere wohl die Chinesen auch nicht mehr. Leider.
 
Mir blieben jetzt nur noch ein paar Minuten zum Essen. Aber dank dieser fast schon perversen Verschwendung um mich herum war mir sowieso zwischenzeitlich der Appetit ein wenig vergangen. So war ich schnell fertig und ging wieder runter in den Ballsaal.
 
In dem hatte man Spiele aufgebaut, für die sowieso niemand Zeit hatte und die nun auch von einem mitgefahrenen Polizisten zwangsabgebaut wurden, weil sie im Casino-Design gehalten waren und Glücksspiele streng verboten sind.
 
Und dann war auch schon alles vorbei. Damit wenigstens das nicht weggeworfen werden müsste, packte ich dann noch 5 Bier ein und dackelte mit anderen Kollegen zur Metrostation.
 
Auf dem Weg hatte ich wohl die angenehmste Unterhaltung des ganzen Abends...
 
Und als Nachwehen? Nein, kein Kater am nächsten Tag. Dafür eine Nachricht von einer Kollegin, der ich ein Kleid und den Reifrock und ein Korsett ausgeliehen hatte: Sie hat mein Korsett in der Metro verloren. Es tut ihr furchtbar leid und sie kauft mir ein neues. Da werde ich jetzt aber drauf bestehen, dass sie mir auch bitteschön genau das kauft, das sie verloren hat. Das war nämlich zwar zum Glück hier gekauft, aber ein Annzley für umgerechnet rund 50 Euro.
 
Ich meine WTF?! Wie kann man etwas verlieren, dass einem für einen einzigen Abend ausgeliehen wurde? Wenn ich etwas habe, dass mir nicht gehört, passe ich darauf doch besonders gut auf. Klar, wenn einem eine Freundin ein T-Shirt leiht und dann liegt das wochenlang bei einem zu Hause rum und irgendwie findet man es nicht mehr, das kann mal passieren. Aber ein Korsett, das man für einen Abend bekommen hat in der Metro verlieren ist schon ein starkes Stück...
 
Meine Moral von der Geschicht: Partys organisieren können die Chinesen nicht. Und bevor ich das nächste mal jemandem etwas ausleihe, überlege ich mir das wohl zweimal...







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