Montag, 25. Juli 2016

Shanghai Alltag: Transportmittel

Ob man’s glaubt oder nicht, aber auch in einer Stadt muss der Mensch manchmal von A nach B kommen. In einer Mega-Metropole wie Shanghai umso mehr. Alleine schon, weil die Stadt einfach so riesig ist. Wie also kommen wir hier von einem Ort zum anderen? Und wie machen das die anderen Leute hier?

 

 

Zu Fuß

 

Klar, zu Fuß kommt man von A nach B. Und ich mache das auch wirklich gerne. Allerdings dürfen die beiden Punkte dann nicht allzu weit auseinander liegen. Daran scheitert es dann manchmal, denn 45 Minuten einfache Strecke an einer vielbefahrern Straße entlang laufen, um dann zum Beispiel im Park zu spazieren und dann wieder zurück laufen, das schlaucht auf Dauer. Und wer sich mal eine Karte der Stadt anschaut und vielleicht mal mit seinem eigenen Wohnort maßstabsgetreu vergleicht merkt schnell: In Shanghai liegen A und B sehr oft weiter auseinander, als es zu Fuß angenhem zu bewerkstelligen ist. Vorteil jedoch ist, dass wir einfach den Kinderwagen nehmen können und es sonst nicht viel zu organisieren gibt.

 

Früher sind wir manchmal einfach losgeganegn, haben uns durch die Straßen treiben lassen, mal was irgendwo gegessen, unterwegs kalte Getränke im Family Markt gekauft und sind gelaufen, bis wir müde ware – um uns dann von einem Taxi wieder nach Hause bringen zu lassen. Heute ist das halt so nicht mehr drin, weil wir mit dem kleinen Raben und Kinderwagen am Straßenrand nicht einfach ein Taxi nehmen können...

 

 

Fahrrad

 

Fahradfahren in Shanghai kann je nach Stadtteil von super toll über eigentlich nicht erlaubt bis lebensgefährlich sein. Ganz toll ist es, wenn auf der Strecke ein eigener, meist mit Büschen von der Fahrbahn getrennter (damit die Autos ihn nicht einfach nutzen, den einen einfachen Strich auf der Straße ignoriert man hier) Rad- und Mofaweg ist. Das ist oft an großen Straßen der Fall. Sehr schwer ist es, den Hungapu river zu überqueren (also zwischen Pudong und Puxi), weil man dazu entweder illegal über eine Brücke oder mit der Fähre und dann entweder illegal auf der anderen Seite oder einen riesen Umweg fahren muss. Und tja, lebensgefährlich ist es immer dann, wenn es keinen extra abgetrennten Radweg gibt. Oder man eine größere Kreuzung überqueren muss.

 

 

Bus

 

Ich bin in Shanghai bis jetzt ganz genau einmal mit dem Bus gefahren. Denn: ALLES ist NUR auf Chinesisch. Also habe ich keinen blassen Dunst, welche Nummer wann wohin fährt. Es gibt aber viele Busse und die sind soweit ok. Also soweit sauber, gut in Schuss und alles. Ich würde sagen etwas besser als der durchschnittliche Bus in Deutschland. Höchstens mit Punktabzug für die Plastiksitze und die fehlende Klimaanlage. Und halt die Fahrweise der Fahrer, die durch die Straßen jagen, als sei der Leibhaftige hinter ihnen her. Und Bus fahren hier ist richtig, richtig günstig!

 

 

Metro

 

Mein liebstes Transportmittel in Shngahi ist die Metro. Das Metronetz ist das größter der Welt (588 km). Und man kommt auch wirklich fast überall mit der U-bahn hin. Alle Stationen und automatischen Ansagen sind auf Chinesisch und Englisch, die Fahrkartenautomaten kann man auch auf Englisch stellen und sogar manche Mitarbeiter an den Servicepoints sprechen ein paar Worte Englisch. Außerdem gibt es keinen Stau. Dazu ist es sauber (!). Und günstig ist es auch.

 

Einzige Wehrmutstropfen:

-          Die schweinegefährlichen Türen, die einfach schließen – egal, ob da noch was dazwischen ist, oder nicht. Ich bin schon ein paar mal mit einem Teil meines Rucksacks außerhalb der Tür gefahren. Aber es gibt in den Stationen Mitarbeiter, die vor er Abfahrt kurz schauen, dass nicht noch ein halber Passagier herausguckt, damit niemand ernsthaft zu Schaden kommt. Und, ehrlich gesagt, könnte man die Türen mit Knopfdruck öffnen oder gäbe es Lichtschranken, dann kämen kein Zug JEMALS aus der Station heraus...

-          Die unerträglichen Menschenmasse, insbesondere zur Rushhour. Und die Chinesen sind dann halt weder zivilisert (auf den Boden rotzen mitten im Zug keine Seltenheit), noch nehmen sie Rücksicht (da wird gedrängelt und geschubst, man kommt kaum aus der Bahn, weil andere hinein wollen und sich volle Breitseite vor der Tür aufbauem um hinein zu drängeln, obwohl der halbe Zug erstmal aussteigen will/muss etc pp).

-          Mit dem Kiwa wird es ein wenig schwer, weil man dann den Aufzug nehmen mus. Den muss man aber erstmal rufen und da spricht die Person auf der anderen Seite nur Chinesisch.

 

 

Motorroller / Motorrad

 

Hier sind soooo viele Elektroroller unterwegs, das ist der Hammer. Für die Umwelt finde ich das immer ganz gut. Also besser Elektro als die Knatterpötte aus Bali. Die fahren aber auch wie die Irren. Mehr als einmal wurde ich schon auf dem Gehweg wehement und aggressiv ausgehupt, weil ich es gewagt habe, nicht in einen Hauseingang zu springen, sondern einfach weiter auf dem Gehweg zu laufen und der Roller nicht an mir vorbei konnte. Und ich übertreibe nicht. Auf der Straße hingegen fädeln sich die meisten Roller zwar frech, aber einfach geschickt überall durch, sind jedoch ein bisschen wengier aggressiv – denn gegen Autos oder Busse haben sie ja keine Chance.

 

 

Tuk-Tuks

 

Sie sind zwar nicht ganz so ominpräsent wie in Thailand und sehen ein bisschen anders aus, als ich sie auf Ko Lanta oder in Bangkok gesehen habe, aber auch hier gibt es TuckTucks. Es sind meist umgebaute Elektroroller bzw. Dreiräder mit einem Wägelchen, in dem 1-2 Leute sitzen können. Die Preise sind Verhandlungssache, aber günstig. Die TukTuks stehen meistens vor den Ausgängen der Metro, um die ganz Faulen (oder die, die halt weit weg von der Station wohnen) zu chauffieren. Aber auch da, wo sich sonst viele Taxis finden (zum Beispiel vor Bars, Krankenhäusern, etc). Weit fahren wollen die Fahrer normalerweise nicht, sodass man bei über 30 Minuten Fußweg tendenziell eher Kopfschütteln bekommt.

 

 

Taxis

 

Lange Zeit (vor dem kleinen Raben) waren neben der Metro Taxis für uns hier DAS Transportmittel der Wahl. Die Straßen der Stadt sind voll mit den VW Santanas. Sie quietschen, sie schaukeln, sie stinken (vorwiegend nach Rauch), es gibt keine Gurte auf der Rücksitzbank. Aber sie bringen einen schnell und mehr oder minder bequem von A nach B. Die Fahrer sprechen kein Wort Englisch (ganz wenige Ausnahmen abgesehen), aber dafür gibt es ja Smartshanghai und Co. mit ihren Taxiprintouts, also den Adressen aller möglichen Orte in chinesischen Schriftzeichen. Wichtig ist dabei, nicht nur Straße und Hausnummer, sondern immer auch die nächste Kreuzung mit anzugeben. Nach Hause ließen wir uns bis jetzt immer nur mit Angabe der nächsten Kreuzung fahren.

 

Taxis lassen sich an jeder Straße 24 Stunden am Tag problemlos herbeiwinken. Einzige Ausnahme ist die Rushhour oder wenn es regnet. Dann wird es ein bisschen schwer. Und seit man mit Didi Dache und anderen Apps ein Taxi vorbestellen kann (wovon die Chinesen exessive Gebrauch machen), wurde es nochmal eine Spur schwerer.

 

Aber da Taxis inzwischen wegen der fehlenden Gurte mit dem kleinen Raben weitestgehend flach fallen, ist das nur noch halb so wild für uns.

 

 

Uber

 

In Deutschland ist Uber ja offenbar irgendwie ein Streitthema. Hier nicht. Hier ist es genial! Also dass man überhaupt ein Auto rufen kann. Und dann riechen die gut bis gar nicht. Die Fahrer sprechen ebenfalls kein Englisch, aber die Autos sind um Längen besser als die Taxis. Es gibt Gurte und genug Platz im Kofferraum für Gepack von mehreren Personen. Ein Traum!

 

Doof nur für uns: Selbst, wenn man die App einrichtet und das Bezahlsysthem und alles, rufen die Fahrer einen grundsätzlich IMMER an, um die Fahrt zu bestätigen. Und sprechend dann halt kein Englisch. Aber dafür gibt es halt bei uns jetzt Grabtalk un wir kommen mit von Grabtalk gerufenen Ubers auch samt kleinem Raben in der Babyschale* von A nach B. Deutlich teurer als ein Taxi zwar, aber angeschnallt.

 

 

Eigenes Auto

 

Ein eigenes Auto ist in Shanghai ein Luxus. Kein riesen Luxus, aber ein Shanghaier Kennzeichen kostet ab rund 10.000 USD aufwärts. Zusatzlich zum Auto und den damit laufenden Kosten. Also nur das Kennzeichen. Und dann ist das Them das Parken... Und, für alle Ausländer, die Tatsache, dass die Chinesen Fahren wie die Irren. Einen Führerschein zu machen (man braucht einen chinesischen Führerschein, der deutsche oder auch internationale reicht nicht aus) ist gar keine soooo große Hürde, wie man denken würde. Aber das Fahren... Ufff. Oft wird mir schon als Beifahrer ganz anders. Also GANZ anders. Ich muss das mal bei Gelegenheit näher ausführen, aber es herrscht Chaos auf den Straßen und es kracht auch oft genug. Für mich wäre die Vorstellung, mich auch noch in einer gummibereiften Blechkiste mit hinein zu stürzen in dieses Gewusel, der blanke Horror.

 

Und tatsächlich kenne ich auch kaum jemanden, der selbst ein Auto besitzt und fährt. In Deutschland ist es ja eher ungewöhnlich, wenn man nicht gleich mit 18 seinen Führerschein und ein gebrauchtes, eigenes Auto hat. Hier ist es eher die Ausnahme, wenn man mit unter 35 schon ein eigenes Auto fährt.

 

Ich kenne genau zwei Auslander, die ein eigenes Auto hier fahren (einer davon hat seines bereits 3 Mal geschrottet!). Und von den Chinesen sind es vielleicht so 5-10.

 

Trotzdem sind die Straßen VOLL. Aber gut, bei (inoffiziell) 30 Millionen Menschen kommt halt auch viel Blech zusammen.

 

 

Eigener Fahrer

 

So manch verwöhnter Expat (ich schiele jetzt zwinkernd und mit einem Grinsen in eine ganze bestimmte Richtung... ;-) ) leistet sich den Luxus (oder bekommt von seiner Firma den Luxus geleistet), einen eigenen Fahrer mit Auto anzustellen. Das ist genauso luxuriös, praktisch und beneidenswert, wie es klingt. Glaube ich. Hatte ich ja nie. Deshalb sage ich mal ganz neidisch, dass das nur was für verwöhnte Expats ist... ;-) Ist allerdings auch wirklich nur in diesen Kreisen verbreitet. Die Chinesen würden sich dann, alleine schon als Statussymbol, eher selbst ein Auto kaufen und selbst fahren.

 

Aber im Ernst: Für uns würde sich das kaum lohnen. Ich fahrer mit dem Rad zur Arbeit und bin da in der Rushhour schneller, als ich es mit Fahrer jemals sein könnte. Und ansonsten sind wir nicht soooo viel unterwegs, dass es sich rentieren würden, dafür jemanden zu bezahlen, der immer auf Abruf bereit steht.

 

 

 

 

*Noch passt er in diese hinein. Nicht mehr lange, jedoch. Und dann wird es schwer...

Samstag, 23. Juli 2016

Vom Durchschlafen

“Und, schläft er denn schon durch?”. Die Frage haben mir viele Kollegen gestellt, als ich wieder ins Büro kam und mein Baby ein halbes Jahr alt war. „Nein.“ War dann immer so die Quintessenz meiner Antwort, worauf die Reaktionen recht unterschiedlich waren.

 

 

Die Sorgenvollen

 

Der gerade selbst frischgebackene Papa  meinte – vielleicht ein wenig ängstlich ob dem, was ihm da noch so blühte? – er habe gehört, mit etwa 6 Monaten könnten die Babies das doch.

 

Ähnliches kam von der schwangeren Kollegin oder der mit dem 4 Monate alten Säugling.

 

Ja, theoretisch stimmt das ja schon. Dann ist normalerweise der Magen mit einem halben Jahr in etwa groß genug, damit ein Baby ausreichend trinken oder vielleicht sogar schon essen kann, um damit dann die Nacht über auszukommen. Aaaaber nur weil etwas theoretisch möglich ist, heißt das ja noch lange nicht, dass es auch praktisch so sein muss. Und außerdem hat das mit dem Schlafen bzw. durchschlafen können ja auch mit der Hinentwicklung zu tun, die nun einmal ganz individuell abläuft. Sonst würde ja kein einziger Erwachsener mitten in der Nacht aufwachen. Tun wir aber ja doch. Die einen öfter, die anderen seltener. Und ein Baby ist halt genauso ein Individuum, wie ein Erwachsener auch.

 

Ich gab ihnen auch noch die gute Nachricht mit, dass es besser wird und IRGENDWANN jedes Kind durchschläft. Und dass er oder sie sich von der Schwiegermutter da nicht verunsichern lassen soll.

 

 

Die Mitfühlenden

 

Die Kinderlosen nahmes es einfach so hin oder erkundigten sich, ob ich denn dann nicht immer sehr müde sei.

 

Die Mütter mit etwa gleichalten Babies seufzten solidarisch.

 

Woraufhin ich dann immer – ganz besondere mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass in China so oft Milchpulver gefüttert wird (und welche Ammenmärchen hier so noch in den Köpfen stecken) – ein wenig ausgeholt habe. Denn: Mir macht es grundsätzlch gar nicht so viel aus, dass der kleine Rabe nicht durchschläft. Wir stillen nachts nämlich. Ganz einfach und unkompliziert. Brust aus, Baby dran. Und wenn man keine Großbeleuchtung einschalten, in die Küche rennen, ein Fläschchen auf die richtige Temperatur bekommen, dass das verfüttern, dabei vielleicht noch kleckern und dann alles wieder wegräumen muss, dann ist so eine nächtliche Unterbrechung auch halb so wild. Noch dazu schlafen wir in einem Bett, wo ich ihn trotzdem nicht erdrücke oder im Schlaf über ihn rolle. Damit bedient er sich nachts sogar manchmal selbst und ich werde nicht einmal richtig wach. Alles halb so wild.

 

Ich erzählte das alles natürlich nicht, um mich selbst als super duper Übermutter zu profilieren. Sondern um den jungen Mädels und Mamas, die hier in China diesbezüglich nicht sonderlich viel Info oder Untertützung bekommen, zu zeigen: Hey, schau mal. So kann es auch laufen. Stillen ist kein Hexenwerk und Co-Sleeping ist es ebensowenig. Und wenn du stillst und bei deinem Baby schläfst, ist das für dein Baby UND für dich vielleicht einfach entspannter und schön. Du musst es nicht auf Teufel komm raus, und wenn es nicht so funktioniert, dann ist das halt so, aber du kannst es ja einfach mal versuchen...

 

 

Die Entspannten

 

Und die meisten Eltern mit Kindern jenseits der 6 Monate erzählten, wann in etwa ihre Kleinen durchgeschlafen hatten. Was bei einer Glücklichen bereits mit 4 Monaten war. Und bei einer anderen Kollegin gerade in der Vorwoche, kurz nach dem 2. Geburtstag ihrer Tochter, der Fall gewesen war.

 

Die Grundaussage der Entspannten war immer: Ach, keine Sorge, irgendwann schlafen sie durch. Worauf ich dann grinste und nickte. Soviel weiß ich ja auch. Ich selbst habe damals ganze 3 Jahre gebracuht, mein Bruder genauso. Aber irgendwann schläft jedes Kind durch. Oder schafft es zumindest, sich dann in der Nacht wieder selbst zu regulieren und alleine einzuschlafen. Ich kenne zumindest niemanden, der als Teenager noch nachts von Mama in den Schlaf gestillt oder getragen werden musste... ;-)

 

 

Die Schlaftrainer

 

Und manch einer fragte, ob wir das Schlafen nicht trainieren würden. Die Schwiegermutter habe erzählt, man solle die Kleinen einfach schreien lassen und dann würden sie das lernen.

 

Das war dann immer der Moment, wo ich mich ein kleines bisschen zurückhalten musste, um die Schwiegermütter meiner Kollegen nicht zu beleidigen. Aber mit leicht erhöhtem Puls fasste ich dann kurz zusammen, dass schreien lassen Stress für das Kind beeutet und nicht gut ist (auch, wenn es wissenschaftlich nicht 100% gesichert ist, packte ich dann auch das Argument mit den Stresshormone und der Hirnentwicklung aus). Und dass ein so kleines Baby doch aus verschiedenen Gründen aufwachen könnte, beispielsweise wegen Bauchweh oder einem Alptraum oder Hunger oder Durst und dass es doch einfach keine andere Möglichkeit hätte, das zu äußern. Und man würde doch selbst auch nicht gerne hilflos, durstig nach einem Alptraum im Bett liegen, unfähig, selbst aufzustehen, um Hilfe rufen und niemand käme. Und dass die ganzen Geschichten von wegen die Babies würden das nur tun, um die Eltern zu „ärgern“ totaler Schwachsinn sind, weil ein so kleines Baby gar nicht in der Lage ist, soweit zu denken, sich in andere hinein zu versetzen und so gemein zu sein. Und riet, beim nächsten Mal einfach die Schwiegermutter zu ignorieren.

 

Auch hier war meine Absicht nicht, den Moralapostel zu spielen oder mich als Heldin aufzuspielen. Aber wer halt immer nur hört, dass „man“ das so zu machen hat und niemals auch nur auf die Idee gebracht wird, dass es auch anders geht, der lässt seine Kinder dann später mit 6 Monaten durchschreien, bis sie durchschlafen. Und der Gedanke daran tut mir in der Seele weh. Und wenn ich auch nur bei einer einzigen Kollegin dazu beitragen konnte, dass sie später ihr Kind nicht hilflos schreien lässt, dann bin ich gerne die nervige Trulla, die sich in Sachen einmischt, die sie nichts angehen.

 

 

Und schläft er denn jetzt durch?

Nö. Der kleine Rabe ist auch mit einem Jahr noch weit vom Durchschlafen entfernt. Manche Nächte sind besser, manche sind härter. Manchmal wacht er nur ein oder zweimal auf und sucht kurz nach der Brust, um dann wieder ein paar Stunden zu schlafen. Und manchmal schäft er sehr unruhig, weckt mich alle ein bis zwei Stunden auf, will ununterbrochen nuckeln und tritt mich dabei ständig. Aber glücklicherweise ist letzteres die Ausnahme. Und so lange das so ist, soll es mir recht sein.

 

Ich sehe keine Notwendigkeit, mit ihm Schlafen zu üben. Das kann er schon. Und ich wache doch auch immer mal wieder auf. Das Haselchen ist regelmäßig nachts von 4:00 bis 5:00 oder gar 6:00 Uhr morgens wach. Und irgendwann wird der kleine Rabe mich nicht mehr brauchen, um zurück in den Schlaf zu finden. Irgendwann, wenn er es einfach kann, weil er dann soweit ist. Noch braucht er ja auch meine Hände, um sich daran festzuhalten, damit er stehen kann. Und ich käme doch auch nicht auf die Idee, ihm die wegzunehmen und zuzusehen, wie er sich volle Lotte auf die Nase legt, damit er das lernt und dann gefälligst auch ohne Hilfe stehen kann.

 

Und auch das nächtliche Stillen oder Nuckeln will ich ihm nicht bewusst abgewöhnen. Ich finde nämlich, dass wir sowieso schon nicht genug Zeit miteinder haben. Und ich merke ganz oft, dass er besonders dann lange und ausdauernd nuckeln will, wenn ich viel gearbeitet habe. Er muss also noch seine Portion Mama tanken. Und da das tagsüber halt meist nicht geht, holt er es in der Nacht nach. Und wenn ich dabei doch mal richtig wach werde, dann stecke ich meine Nase in seine Haare oder streiche ihm über den Kopf und denke daran, dass er schon so bald so groß sein wird und die Zeit, die wir jetzt so innig miteinander haben, etwas ganz Besonderes ist.

Mittwoch, 20. Juli 2016

Shanghai Alltag: Einkaufen

Jedes Mal, wenn ich in Deutschland bin, will ich am liebsten den ganzen Drogeriemarkt und dann auch noch den halben Supermarkt leerkaufen! Man denkt ja gar nicht drüber nacht, wie sehr man sich an bestimmte Produkte und Annehmlichkeiten beim Einkaufen gewöhnen kann - und WIE sehr man das dann vermissen kann, wenn man es nicht mehr hat!

 

Denn das Einkaufen hier in China geht anders von statten, als man das aus Deutschland gewohnt ist.

 

 

Einkaufszentren

 

Shopping malls gibt es hier zwar nicht wie Sand am Meer, aber schon in etwa so, wie Muscheln am Strand. Die riesigen, glitzernden, leuchtenden Klötze aus Beton, Stahl und Glas stehen in Shanghai an jeder zweiten Ecke. Spannend ist vielleicht zu wissen: Oft finden sich in malls die besseren (insbesondere internationalen) Restaurants und Cafes. Beispielsweise „unser“ Teppanyaki ist auch in einer mall. Ansonsten findet man dort so gut wie alles, was das Herz begehrt. Vor allem (Marken-) Kleidung, Schuhe, Accessoires etc. Aber auch Sportläden, Elektronikgeschäfte oder ab und zu einen Expat-Supermarkt findet man in malls. Genauso wie Babyausstattung, Spielzeug und Kosmetika. Dabei sind malls 7 Tage die Woche geöffnet, meistens so irgendwann ab Vormittag bis in den Abend hinein (grob 9 – 22), wenn ich mich recht entsinne (war halt lange nicht mehr in einer drin).

 

Weil: truth be told, ich HASSE malls. Eigentlich betrete ich sie ausschließlich für die darin liegenden Restaurants. Ansonsten mache ich einen großen Bogen drum. Das liegt nicht daran, dass ich so intensiv Kapitalismuskritik üben würde oder was auch immer. Aber erstens sind Einaufszentren hier schweineteuer und man bekommt die genau gleichen Artikel auf taobao für einen Bruchteil des Preises (weil Mieten in der Stadt halt so scheiß teuer sind und weil die Leute es halt zahlen). Zweitens hasse ich shoppen wie die Pest. Und drittens haben die am Ende eh nichts, was mir gefällt.

 

 

Supermarkt

 

Unser normale „Standard-Supermarkt“ hier ist der Lianghua. Das sind mal größere, mal kleinere Supermärkte einer chinesischen Kette, die so das grob gewöhnliche Supermarktsortiment abdecken. Obst, Gemüse, Fleisch, Milch, Jogurt, Getränke mit und ohne Alkohol, Reis, Öl, Nudeln, Frühstücksflocken, Süßigkeiten, Regenschirme, Unterhosen, Damenbinden (allerdings fast nie Tampons – die benutzt man hier kaum), Windeln, Feuchttücher, Pappbecher, Teekannen, Tupperdosen, Besteck, Putzzeug, Gewürze, Zigaretten, Klopapier, Zahnpasta. Halt so alles, was man im Alltag mal mehr und mal weniger dringend braucht. Die meisten Sachen sind Chinesisch, aber es gibt auch importierte Produkte und internationale Marken (zum Beispiel Ritter Sport, Pampers, spanischen Wein, deutsches Bier, Snickers etc). Geöffnet sind die Läden dann meist so 8 – 20 Uhr und auch 7 Tage die Woche (hier hat grundsätzliche bis auf Banken ALLES 7 Tage die Woche auf).

 

Aber auch an den chinesichen Supermärkten stören mich ein paar Dinge. Zum einen sind die sowas von chaotisch! JEDER Laden hat eine eigene „Ordnung“ und „Logik“ dafür, was wo zu finden ist. Und die ist teilweise so logisch wie... Wie halt nur Chinesen es sein können. Dass Mehl zu Instantnudeln, Zucker zu Öl und Chips zu Trockenobst gehören oder zwischen Zahnbürsten und Zahnpasta mindestens zwei Reihen Abstand sein müssen, wusstet Ihr ja bestimmt auch noch nicht. Und Salz gehört auch nicht zu den Gewürzen, sondern mit der Suppenbrühe zusammen neben das Glutamat, die Stärke und die eingelegten Gurken und Chillies, um die Ecke beim Essig, aber weit weg von der Sojasoße (und dem Mehl und dem Zucker, natürlich). Aber nur in diesem einen bestimmte Laden. Sobald man den nächsten betritt, beginnt die Suche wieder ganz von vorne. Das kann recht nervig werden, wenn man halt nur noch schnell irgendwas bestimmtes besorgen will. Und dann haben die halt auch alle ein leicht unterschiedliches Sortiment. Einer bei uns in er Nähe hat zum Beispiel keine Feuchttücher, dafür aber Trockenobst und Nüsse, die ich im anderen bis jetzt vergeblich gesucht habe. Bei einem gibt es kein Obst und Gemüse, dafür aber sechs verschiende Sorten losen Reis, den man im anderen nur im 20 kg Beutel bekommt.

 

Ein anderer Punkt, der mich vor allem jetzt mit dem kleinen Raben total nervt: Diese Supermärkte sind in etwa so kinderwagentauglich wie ein altes Kloster. Fast alle sind nur über Stufen zu erreichen (ich befürchte fast, die Rampe wird weggelassen, damit keiner mit dem Mofa reinfährt, das traue ich den Chinesen schon zu...). Und wenn man es doch hinein geschafft hat, dann muss man gleich wieder raus, weil es viel zu eng ist, um einen Kinderwagen zwischen den Regalen zu bewegen. Selbst mit einem Rucksack auf dem Rücken tue ich mir schon manchmal schwer damit, mich umzudrehen, ohne einmal komplett die Auslage abzuräumen. Es gibt dementsprechend natürlich auch keine Einkaufswägen, sondern nur Körbchen. Mit Kind, das nicht selbst läuft, ist ein Einkauf daher extrem schwer bis ganz unmöglich.

 

Und dann nervt mich halt manchmal auch einfach das Sortiment an sich. Mit fehlen da nämlich oft Dinge, die ich aus Deutschland einfach gewohnt bin. So wie Vollkornbrot, Backzutaten (schon so basics wie Butter oder Schokostreusel gibt es hier GAR nicht), Milchprodukte (außer Milch und künstlichen, gesüßten Jogurt gibt es NICHTS), Babynahrung, Kräutertees, Kaffee, bestimmte Süßigkeiten (Gummibärchen, Doppelkekse usw.), BIO-Lebensmittel und so.

 

 

Minimarkt

 

Minimärkte, auch Convenience stores genannt, gibt es hier wirklich an jeder Ecke. Also wirklich. Du gehst normalerweise nie länger als 15 Minuten, bis du am nächsten Minimarkt vorbei kommst. Meist sind es so 5. Es gibt einige große Ketten wie „7 Eleven“, „Q“ oder, hier allen voran, „Family Markt“. Aber es gibt auch kleine, namenlose Stores so wie den bei uns im Compound. Die meisten Minimarkts sind 24 Stunden, 7 Tage die Woche geöfnet, was sie VERDAMMT praktisch macht. Und je nach Größe des Ladens ist das Sortiment erstaunlich. Manch ein großer Family Markt kann mit dem Sortiment eines kleinen Lianghua locker mithalten oder ihn überbieten. Grundsätzlich gibt es immer kalte Getränke (im Winter auch heiße), Snacks, Süßigkeiten, Instant-Nudeln und Zigaretten. Dazu dann je nachdem Fertiggerichte, Hygieneartikel, Eis, Kaffee, Kosmetika, Regenschirme und – vorne an der Kasse – Kondome, Gleitgel, Schwangerschaftstest und Ovulationstests.

 

 

Obst- und Gemüseläden

 

In Puxi noch öfter als in Pudong, aber auch hier gibt es vor allem in kleineren Straßen überall kleine Obst- und Gemüseläden. Interessant ist vielleicht: Die sind meist voneinander getrennt. Dort bekommt man, oh wunder, Obst. Seltsamerweise öfter Obst, als Gemüse. Aber auch Gemüse. Und manchmal, je nach größe des Lädchens, auch Tofu, Fleisch, Fische aus dem Aquarium, Reis etc. Die Läden sind von den Konditionen her meistens in etwa so wie Märkte. Das Gemüse steht dann halt einfach in Kisten auf dem Boden und in alten Regalen herum, das Obst liegt auf Tischen angerichtet. Auch in unserem Compound haben wir so einen Gemüser, der Obst und Gemüse anbietet. Hier ist es etwas hygienischer weil gefliest und es wird regelmäßig ordentlich geputzt. Wenn wir nicht gerade Bio-Sachen auf taobao bestellt haben, dann kaufen wir hier unser Obst und Gemüse ein. Offenbar recht saisonal, zumindest das Obst wechselt (bis auf basics wie Äpfel und Nashi) nämlich ständig. Und unsere Erdnüsse, die haben sie nämlich auch.

 

 

Sontige kleine Läden

 

Es gibt sonst auch immer mal wieder kleine Läden, die bestimmte Sachen anbieten. Zum Beispiel Geschäfte, bei denen man nichts außer (einzeln verpackten) Süßigkeiten, Mini-Küchlein und Snacks bekommt. Oder Läden mit allerlei getrockentem – von Banenenchips und gesalzenen Plaumen zu Nüssen, Bohnen und Lotus-Samen.

 

 

Multistores

 

Ebenfalls sehr klein sind Geschäfte, die wir als „Multistores“ bezeichnen. Dort findet man Nadel und Faden, Putzzeug, Siebe, Steckdosenleisten, Batterien, Teekannen, Wäscheklammern, Plastikschüsseln, Schlüsselanhänger, Geschirr, Besteck, Nagelclipser, Haargummies,... Einfach alles, was man halt so brauchen könnte. Total chaotisch in die staubigen Regale geschmissen, sodass man es zu Hause erstmal sauber machen muss. Aber einfach um die Ecke und super günstig (mit Potential zum Verhandeln).

 

 

Mini-Baummärkte

 

Eine besondere Unterart der Multistores sind die Mini-Baummärkte. Dort bekommt man Steckdosenleisten, Batterien, Kabelbinder, Werkzeug, Glühbirnen, Rohre, Silikon, etc pp und bei entsprechender Größe des Ladens auch mal Toilettenschüsseln, Waschbecken usw. Aber man darf sich da jetzt keinen riesen Baumarkt vorstellen. Mehr so ein 20 Quadratmeter Lädchen, das abends beim Abschließen und Herunterlassen des Tors dann fast aus allen Nähten platzt, weil tagsüber die Hälfte der Auslage auf den Bürgersteig ragt.

 

 

Markt

 

Gemüse, Obst, Fisch (oft noch lebend) und Fleisch kann man zudem auch auf dem Markt kaufen. Ebenfalls findet man hier Reis und Frösche, Schlangen oder Schildkröten (die letzten drei normalerweise lebendig). Unter der Saison auch Krabben (ebenfalls lebendig). Wohl auch Tauben und andere kleine Vögel, aber ich habe selbst noch keine gesehen.

 

Die Märkte finden aber nicht, wie in Deutschland üblich, auf Marktplätzen an bestimmten Tagen statt, sondern eigentlich täglich, dafür aber an bestimmten Orten, die jedoch meist überdacht sind. Es gibt Markthallen, die einfach so irgendwo stehen oder mitten in einem Compund liegen.

 

Die hygienischen Verhältnisse sind von Markt zu Markt unterschiedlich, aber insgesamt würde ich persönlich sie allgemein unter „geht so“ einordnen. Nicht für empfindliche Gemüter oder Mägen allerdings. Also auf Bali der Markt war ekelhaft (da rannten die Ratten überall rum, es stank, alles was ungekühlt und es sah so aus, als würde nie geputzt). Hier gibt es teilweise große Kühltruhen und ich habe schon gesehen, wie die Fliesen am Ende des Tages mit dem Hochdruckreiniger abgespritzt wurden. Andernorts allerdings saugte der blanke Beton alles auf und gekühlt wurde nur durch die alte, ratternde Klimaanlage...

 

 

Expart-Supermärkte

 

Wer es sich leisten kann, den importierten Sachen auf taobao nicht traut (oder kein Taobao hat) und gerne importierte Dinge haben will, der geht in das, was ich einen “Expat-Supermarkt” nennen. Der bekannteste dabei ist wohl City Shop. Ich war bis jetzt nur einmal in so einem (da ich taobao habe und mir die importirten Sachen die geforderten Preise dort NICHT wert sind), daher bin ich mit dem Sortiment nicht so vertraut. Aber Essen und Getränke sind es in jedem Fall.

 

Hier ist grundsätzlich (fast) alles importiert. Und dementsprechend sau teuer. Für manche Sachen kann es einem das wohl mal wert sein. Aber als Bekannte von uns allen Ernstes 2 mikrig kleine Gurken rumliegen hatten, die zusammen in etwa so groß waren wie eine normale Salatgurke, die dick in Plastik gewickelt waren und auf denen ein Preisschild von 18 RMB prangte, habe ich mir nur noch an den Kopf gefasst. Wer bitteschön kauft ne Gurke für 2,40 Euro?!?

 

 

Hypermärkte

 

Eine ganze Nummer größer als ein gewöhnlicher Supermarkt sind die Hypermärkte. Die bedienen dann meist sowohl das gewöhnliche Supermarktsortiment (also das chinesische), als auch ein paar weitere Sachen wie Kleidung, Spielsachen, Babysachen, Haushaltselektronik, große Kühlthekenbereiche mit Milchprodukten (ein paar, manchmal sogar Käse) und Fleisch und Wurst und so. Außerdem Aquarien mit Fischen und Frösche, Schlangen, Krabben, Schildkröten, Hummer etc pp.

 

Hyppermärkte finde ich toll und könnte Stunden darin verbringen. Tue ich oft auch einfach deshalb, weil ich etwas suche und auch hier manchmal so die chinesische Logik der Warenanordnung greift...

 

Es gibt auch Carreefour und Metro, aber da hatten wir nie einen in der Nähe. Da gibt es wohl etwas mehr Importiertes. Aber auch der chinesische Century Mart erfüllt meine Wünsche. Ok, fast. Geburtstagskerzen oder Backzutaten habe ich auch da nicht gefunden. Aber gut, ich lebe halt auch in China und nicht in Deutschland.

Montag, 18. Juli 2016

Der erste Haarschnitt

Wir haben uns heute endlich dran getraut, dem kleinen Raben zum ersten Mal die Haare zu schneiden.
 
Schon seit Wochen hatten wir darüber geredet. Denn: Er hat offenbar die Locken seines Papas geerbt. Und er hatte schon bei der Geburt recht viele Haare, die dann nie ausgefallen, sondern einfach immer weiter gewachsen sind. Und nun ist es hier halt heiß. Heißer, als in Deutschland. Und schwül ohne Ende. Auf jeden Fall schwitze der arme kleine Rabe. Wie irre und ganz besonders am Kopf.
 
Also beschlossen wir, ihm die Haare zu schneiden. Für mich ein bisschen schweren Herzens. Denn sein zauberhaft zarter Babyflaum wäre damit dann ja auch irgendwie weg. Und überhaupt ist halt der erste Haarschnitt so ein erstes Mal, so ein weiterer Schritt weg von der Babyzeit und hin zum Kleinkind.
 
Aber, machen wir uns nichts vor, das hält man doch eh nicht auf. Warum also den armen Jungen schwitzen lassen?
 
Heute dann war es soweit.
 
Es gibt ja auch Kinderfrisöre. Und vielleicht ist das für ältere Kinder ganz interessant. Vor allem, wenn man dann halt irgendwann auch wirklich eine Frisur haben will, die diesen Namen auch verdient hat.
 
Aber bei uns ging es mehr darum, die Babyhaare halt ein bisschen zu kürzen. Das muss nicht akkurat geschnitten, adrett gestylt und hochmodern sein. Einfach nur ein paar Zentimeter kürzer.
 
Also haben wir dem Raben und uns den Stress erspart, extra zu einem Kinderfrisör zu fahren. Stattdessen haben wir ihm zu Hause selbst die Haare geschnitten.
 
Da es ja sein erster Haarschnitt war, haben wir erst einmal vorsichtig mit der Babynagelschere eine Strähne abgeschnitten, um sie in sein Babybuch zu kleben und aufzubewahren. Das ging noch.
 
Dann nahm ich ihn auf den Arm und das Haselchen machte sich mit der Haarschneidemaschine ans Werk.
  
Die Haarschneidemaschine 

Eigentlich kennt der kleine Rabe die ja. Wir schneiden uns ja regelmäßig gegenseitig den Undercut bzw Sidecut nach und der Kleine sitzt dabei immer direkt vor uns und schaut zu. Aber offenbar ist das halt doch nochmal ne andere Hausnummer, wenn die eigene Haare ab sollen...
 
Also obwohl er auf dem Arm war und wir ihm beide gut zuredeten, brüllte er wie am Spieß. Er ließ sich zwischenzeitlich ein bisschen beruhigen, indem wir stillten und ihn fragten, wo die Lampe, der Kratzbaum etc ist. Da zeigte er nämlich immer ganz ruhig und neugierig in die entsprechende Richtung (woran wir dann auch festgemacht haben, dass es ihm einfach nicht gefällt und er nicht gerade Todesängste durchstehen muss - in letzterem Fall hätten wir natürlich sofort abgebrochen und eine andere Lösung gesucht).
 
Aber da er insgesamt seinen Kopf halt nie mehr als ein paar Sekunden still hielt, dauerte es gefühlt eine Ewigkeit und das Ergebnis ist... Öhm... Ja also die meisten Haare sind irgendwie kürzer als vorher. Nicht alle. Hier und da schauen doch noch lange Strähnen heraus und es ist alles ein bisschen ungleichmäßig geschnitten.
 
Aber was soll's. Er muss morgen keinen Schönheitswettbewerb gewinnen. Für uns bleibt er das schönste und süßeste Kind der Welt. Und soooo schlimm ist es nun auch wieder nicht... ;-)

Das sind die Haare, die der kleine Rabe heute gelassen hat 

Samstag, 16. Juli 2016

Der schlimmste Tag meines Lebens

Triggerwarnung: In diesem Beitrag geht es um Fehlgeburt, Schmerz und Gewalt, insbesondere Gewalt durch Ärzte.

 

 

Warum ich diesen Beitrag schreibe

 

Ich weiß nicht, wie ich diesen Artikel anfangen soll. Und ich weiß eigentlich auch nicht, warum ich mir das eigentlich antue und alles hier noch einmal im Details aufschreibe. Alleine bei dem Gedanken daran, dass ich diesen Blogpost schreiben würde, sind mir in den letzten Wochen schon die Tränen in die Augen gestiegen. Und auch jetzt gerade sitzt mir ein dicker Klos im Hals und ich muss erstmal schlucken. Ja, auch zwei Jahre später sitzt das Trauma noch tief. Und das wird es wohl auch immer tun. Ein Trauma kann man nicht überwinden und hinter sich lassen. Man kann damit leben und umgehen. Man kann auch versuchen, es zu verdrängen, aber das ist nicht so ratsam. Dann werden die seelischen Narben tiefer, als sie es sein müssten.

 

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ich euch heute über den schlimmsten Tag meines Lebens (bis heute zuminest*) erzählen will. Weil es manchmal raus muss. Der Schmerz, die Trauer und die Wut. Aber auch, weil es weiter geht. Das Leben geht weiter, ganz egal, welche Scheiße einem passiert. Hier und jetzt und heute bin ich nämlich so unglaublich glücklich, dass ich platzen könnte. Und das kann mir niemand wegnehmen. Egal, was morgen kommt. Das Wissen darum, wie sich pures Glück anfühlt, werde ich ein Leben lang mit mir tragen – ebenso wie das Wissen darum, wie ich eine Ausschabung ohne Schmerzmittel anfühlt. Aber so ist das Leben. Gut und Schlecht. Licht und Schatten. Nicht umsonst ist mein „Motto“ ein Zitat Goethes: „Himmelhochjauzend zum Tode betrübt – glücklich allein ist die Seele, die liebt“.

 

 

Kinderwunsch und Freudentaumel

 

Frühsommer 2014. Das Haselchen und ich hatten beschlossen, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen war, unseren Kinderwunsch in die Tat umzusetzen. Denn dass wir beide Kinder wollten, am liebsten so 3-5, das wussten sowohl er, als auch ich, schon seit unserer Jugend. Also begannen wir das „Basteln“. Und BÄM – gleich im ersten Übungszyklus klappte es und am 2. Juli 2014 hielt ich zum ersten Mal in meinem ganzen Leben einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand. Wir freuten uns beide so überschwänglich wie noch nie zuvor über irgend etwas. Sofort begannen wir, Pläne zu schmieden, den ET zu errechnen (gut, wenn Frau genau weiß, wann sie ihren Eisprung hat!), Namen auszusuchen und so weiter. Noch am gleichen Tag ging ich in das nächstgelegenene Krankenhaus (hier in China geht man für alles ins Krankenhaus, niedergelassene Ärzte gibt es nicht) und die Schwangerschaft wurde mir per Bluttest bestätigt. Für einen Ultraschall sei es noch zu früh und ich solle in 4 Wochen wiederkommen, bis dahin sollte man dann auch schon einen Herzschlag sehen können.

 

Wir waren in einem wahren Freudentaumel. Nicht einen Gedanken verschwendeten wir daran, dass wir nicht Ende März ein kleines Baby im Arm würden halten können. Natürlich las ich auch von der theoretischen Möglichkeit einer Fehlgeburt. Aber es war eben genau das: Eine theoretische Möglichkeit.

 

 

Der Anfang vom Ende

 

Genau zwei Wochen später hatte ich eine unruhige Nacht und träumte wirres Zeug. Ich wachte mit leichten Krämpfen auf. Und mit großer Panik. Ich wusste, dass etwas nicht stimmte. Aber ich versuchte, diese Stimme in meinem Kopf zu beschwichtigen. Ich ging ins Bad und ich wusste ganz genau: Wenn ich jetzt But auf dem Toilettenpapier finden würde, dann hätte ich mein Baby, unser Baby verloren. Und da war es. Mein Herz schlug bis zum Hals. Aber ich versuchte auch weiterhin, mich zu beruhigen. Alt und braun. Das kommt schonmal vor in der Frühschwangerschaft. Das haben ganz viele Frauen. Das muss erstmal nichts heißen. Aber es wäre doch gut, es vom Arzt abklären zu lassen.

 

Also nahm ich mir einen halben Tag sick leave und fuhr – erst einmal alleine – zum Krankenhaus. Im Taxi wurde aus dem leichten Ziehen im Unterbauch ein richtiger Schmerz. Ich hatte Krämpfe und muste mich am Türgriff festklammern. Aus Angst, lächerlich zu wirken, veratmete ich die Krämpfe nicht (total bescheuert, ich weiß!), sondern biss die Zähne zusammen. Dann stieg ich aus und musste noch ein paar hundert Meter bis zum Eingang zur VIP Station über den Krankenhausparkplatz gehen. Auf diesen paar hundert Metern klappte ich fast zusammen. Ich musste mich an einem Baum absützen, weil mein Kreislauf schlapp zu machen drohte. Irgendwie schaffte ich es dann doch ins Gebäude und den Aufzug und hoch in die VIP Section. Während ich an der Rezeption stand, kam mir die Übersetzerin (dieses Krankenhaus hatte keine englischsprachigen Gynekologen, sondern stellte eine Übersetzerin) entgegen und fragte: „What are you doing here?You were supposed to come in two weeks!“. „Something is wrong. I have cramps and bleedings.“. Also wurde die Ärztin gerufen. Ich sollte derweil warten. Natürlich aber erst, nachdem ich meine consultation fee bezahlt hatte. Während ich so vor mich hin wartete, konnte ich vor Schmerzen und Kreislaufproblemen kaum noch sitzen und mir wurde sehr, sehr kalt. Also half einer Schwester mir, mich auf einer Bank auf die Seite zu legen, brachte mir eine Decke und ein Glas Wasser.

 

 

Traurige Gewissheit

 

Dann kam die Ärztin. Gemeinsam mit der Übersetzerin gingen wir ins Behandlungszimmer. Sie schaute kurz in meine Akte. Dann wurde mir ein frisches Papier auf den alten, ranzigen Gynäkologenstuhl gelegt und ich sollte mich darauf setzen. Beim Ausziehen sah ich, dass das nicht mehr nur ein bisschen altes, braunes Blut war. Die Ärztin untersuchte mich, wobei sie gefühlte drei Kilometer Gazestreifen in mich und mein Blut tunkte. Ich vermute mal, um besser sehen zu können, was in mir so los war. Keine Ahnung, denn mit mir sprach niemand.

 

Kaum wieder angezogen kamen dann die Worte, die ich nicht hatte hören wollen: „You are having a miscarriage.“. Obwohl ich es ja eigentlich schon gewusst hatte, traf es mich wie ein Schlag und schnürte mir die Luft ab. In meinen Ohren rauschte es. Ich wollte zusammenbrechen. Ich wollte weinen. Ich wollte in den Arm genommen werden. Und weinen und trauern um mein Baby, dass ich niemals würde in den Arm nehmen können. Aber ich saß da, in diesem Behandlungszimmer, und wurde einfach weiter abgefertigt. Weder die Ärztin, noch die Übersezterin, ließen mir Zeit. Auch an Mitgefühl kann ich mich nicht erinnern. Stattdessen wurde ich sofort weiter sachlich und trocken aufgeklärt.

 

 

Die Einverständniserklärung

 

Der Zervix sei mit Gewebe blockiert. Das müsse in einem kleinen Eingriff abgesaugt werden. Hier, dafür müsse ich diesen Zettel unterschreiben. Dabei wurde mir ein kleiner, etwa DIN A5 großer Wisch mit chinesischen Schriftzeichen darauf vorgelegt. Ob das wirklich notwendig sei? Ja, das wäre es, denn sonst könnte ich unkontrollierbare Blutungen bekommen, das sei sehr gefährlich. Was genau gemacht würde? Das Gewebe, das den Zervix blokiert, müsste entfernt werden. Ob man denn nicht vielleicht doch einfach abwarten könnte? Nein, das ginge nicht, das sei viel zu gefährlich. Mir fiel das englische Wort für „Ausschabung“ nicht ein. Und in meinem Schock kam ich natürlich nicht darauf, es online nachzuschlagen. Kam nicht auf den Gedanken, in Zweifel zu ziehen, dass diese ältere Ärztin wisse, was sie tue, und nur mein Bestes wolle.Also fragte ich nur:

 

„And will I need a narcosis for this?“ – “No, that is not necessary.”

 

Was ich den da unterschreiben sollte? Die Erklärung, dass ich mit dem Eingriff einverstanden sei und über die möglichen Risiken aufgeklärt worden bin. Welche das denn wären? Es könnte zu stärkenen Blutungen kommen, die man aber ja dann im Krankenhaus gut behandeln könnte. Ich solle doch jetzt bitte endlich unterschreiben, das sei notwendig. Also unterschrieb ich mit zitternden Fingern.

 

Dann riet die Ärtzin mir, ich solle mich zu Hause entspannen und etwas Essen. Ich würde meine Kräfte brauchen. Jetzt würde man noch schnell einen Ultraschall machen und dann sollte ich um 14:00 Uhr zurückkommen.

 

Dann war die Ärztin weg.

 

 

Der Ultraschall

 

Eine Schwester schob mich nun in einem Rollstuhl erst zurück an die Rezeption, um für den Ultraschall zu zahlen und dann durch die Klinik, in den Bereich, in dem die Ultraschallaufnahmen gemacht werden.** Unterwegs brachte ich das Haselchen auf den aktuellen Stand und kämpfte mit den Tränen. Warum, weiß ich bis heute nicht. Also ich meine, warum ich überhaupt kämpfte und sie letztendlich erfolgreich unterdrückte.

 

Da ich aus der VIP Abteilung kam, mussten wir keine Nummer ziehen und warten, sondern ich kam sofort dran. Es wurde herumgeschallt und nach einigen Minuten fragte die US-Ärztin skeptisch:

 

„You are pregnant?!“ – „I was, at least.“ – “Well, now you are not.”

 

Nächste Fausschlag direkt in die Magengrube. Vielen Dank auch für dieses Übermaß an Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl. Entschuldigung bitte, dass ich ihre wertvolle Zeit damit verplempere, sicherzustellen, dass da nicht doch vielleicht noch ein kleines Menschlein in mir wächst, dessen Leben man VIELLEICHT noch hätte retten können.

 

 

Warum nochmal nachtreten?!

 

Natürlich hätten auch ein paar nett gemeinte Worte oder eine unbeholfene Hand auf der Schulter oder sonst eine Geste mein Baby nicht zurück gebracht. Natürlich kann niemand etwas daran ändern, dass ich eine Fehlgeburt hatte. Das ist eine Tatsache. Aber warum zum Teufel muss man denn in gerade so einem Moment, wenn man vor sich einen Menschen hat, dem es gerade richtig beschissen geht, so kalt und hart sein? Emotional nochmal nachtreten, wenn der andere doch eh schon auf dem Boden liegt? Ja, ein nettes Wort hätte mir mein Baby nicht zurück gebracht. Aber wenigstens hätte es mir nicht noch mehr weh getan, als die Situation an sich es schon tat. Nette Worte ändern nie etwas an einer beschissenen Situation. Nette Worte bringen keine Toten zurück und lindern keinen körperlichen Schmerz (oder zumindest nicht stark). Trotzdem sprechen wir sie. Trotzdem kümmern wir uns normalerweise doch auch um die Menschen um uns, denen es „nur“ emotional schlecht geht. Nicht so jedoch diese Ärzte. Nicht in diesem Krankenhaus. Hier war ich kein Mensch. Hier war ich nichts als eine Nummer, die abkassiert, abgearbeitetet und abgehakt werden musste. Fertig. Der nächste! (ohne „bitte“).

 

Gerne möchte ich ja glauben, dass es dem System hier in China geschuldet ist und dass so etwas in Deutschland niemals passieren könnte. Ich befürchte jedoch anhand vieler Berichte, die ich online gelesen habe, dass das reines Wunschdenken wäre. Auch hier in China habe ich – in einem anderen Krankenhaus nit anderen Ärzten und unter anderen Bedingungen - die Erfahrung gemacht, dass man auch menschlich behandelt werden kann. Und leider müssen offenbar auch viele Frauen in Deutschland und dem Rest der Welt die Erfahrung machen, dass der seelische Schmerz einer Fehlgeburt – inbesondere einer frühen Fehlgeburt – einfach ignoriert wird. Passier ja schließlich so oft. Damit muss Frau rechnen, wenn sie schwanger wird. Da soll Frau sich nicht so anstellen. Kleiner Spoiler: JEDER Mensch muss sterben. Ob die gleichen Ärzte wohl auch meinen, damit muss man halt leben, wenn sie gerade jemandem erklären, dass sein/e Mutter/Vater/Tante/Onkel/Oma/Opa gestorben sind?! Schließlich sterben ja alle. Oder dass der Patient selbst nicht gerettet weren kann? „Was weinen Sie denn? Sie wussten doch, dass Sie nicht ewig würden leben können.“ ?! Oder liegt es vielleicht daran, dass so ein kleiner Embyo/Fötus halt erst so kurz gelebt hat? Also ich hatte mit meinem Ungeborenen eindeutig eine stärkere Verbindung – sowohl körperlich, als auch emotional – als beispielsweise mit den meisten meiner Kollegen. Aber würde hier im Büro jetzt plötzlich jemand tot umfallen, dann hätte JEDER Verständnis dafür, dass ich geschockt wäre und trauern würde...

 

Ich weiß nicht, woran es liegt. Und letztenlich istes auch egal. Fakt ist: Ganz egal, wie kurz man erst schwanger war – ein ungeborenes Kind zu verlieren tut weh. Seelisch wie körperlich. Und eine Frau in diesem Moment wie ein Stück Vieh zu behandeln und kalt abzufertigen, ist scheiße. Egal, von wem und egal wann oder wo.

 

 

Leider nicht das End’ vom Lied

 

Es wäre schön, wenn hier die traurige Geschichte schon zu Ende wäre und nichts als die Trauer über den Verlust und die Wut über solche menschliche Kälte geblieben wäre. Aber leider ging es weiter.

 

Ich fuhr also wieder mit dem Taxi nach Hause. Das Haselchen kam runter und holte mich direkt an der Autotür ab. Inzwischen hatte ich den ersten Schock tatsächlich verdaut und war soweit gefasst. Ich würde trauern müssen. Ich würde die ganzen Emotionen, die ich jetzt gerade nicht fühlen konnte und wollte, zulassen müssen. Das war mir bewusst. Aber jetzt stand noch das „Absaugen des Gewebes“ vor mir und machte mir Angst. Außerdem gab es Organisatorisches zu klären. Und erst einmal wollte ich aus den blutigen Klamotten raus.

 

So informierten wir unsere Familien. Und ich schrieb meinem Teamleiter, was passiert war und dass ich nicht am Mittag ins Büro würde kommen können. Die Antwort kam promt: Ganz viel Mitgefühl und jegliche Unterstützung, wenn wir welchen bräuchten. Um die Arbeit sollte ich mir keine Gedanken machen und wieder auf die Beine kommen. Und dann kurz darauf: nach Abklärung mit HR habe ich jetzt 15 Tage maternity leave***. Währenddessen zwang ich mich dazu, etwas zu essen. So,wie die Ärtzin es mir ja auch geraten hatte. Und ich suchte im Internet nach Informationen darüber, was da am Nachmittag wohl gemacht werden würde, fand aber keine passenden. Schließlich sollte ja nur Gewebe, das den Zervix blockiert, abgesagt werden und es sei keine Narkose notwendig. Das traf auf nichts zu, was ich online fand.

 

Ein wenig ratlos und sehr, sehr nervös fuhren wil also am Mittag wieder ins Krankenhaus.

 

 

Prelude

 

Wie genau wir von der Rezeption in der VIP Abteilung vor den OP-Saal kamen, weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall hatten wir erst bezahlen müssen, so wie immer. Und dann standen wir vor der Schleuse. Eine Schwester war bei uns. Ich hatte Angst. Ich hatte solche Angst! Ich wusste noch immer nicht wirklich, was jetzt mit mir passieren würde. Niemand hatte mir irgend etwas mehr erklärt, als die Ärztin am Morgen es getan hatte. Aber ich musste da jetzt rein. Sonst könnte ich unkontrollierte Blutungen bekommen und womöglich sterben. Und das wollte ich ja auch nicht. Das Haselchen war bei mir und war stark für mich. Aber plötzlich sagte die Schwester, er müsse jetzt draußen bleiben. Er dürfe nicht mit hinein. Kurz noch versuchten wir, zu protestieren. Aber das ginge nicht. Und so fügte wir uns. Die Schwester ging mit mir in die Schleuse. Ich bekam kein Krankenhaushemdchen. Ich sollte mich nur unternherum ausziehen. Dann auf den Gynekologen-OP-Stuhl legen. Die Beine hoch und weit auseinander wurden sie mit Klettverschlüssen in den Halterungen fixiert. Ich fragte nicht, weshalb. Ein Teil von mir wollte es gar nicht wissen. Der andere wollte einfach nur weglaufen.

 

Und dann war ich erst einmal kurz alleine. Alleine mit meiner zugeschnörten Kehle, meinem vor Angst und Kälte zitternden Körper und dem Rauschen des Butes in meinen Ohren. Ich starrte an die Decke und wollte nur endlich alles hinter mir haben und nach Hause gehen und mich in mein Bett legen. Mich in den Armen meines Mannes zu einer Kugel einrollen, weinen, die Katze streicheln, weinen und schlafen. Reden und kuscheln und dann, in ein paar Wochen, verdammt nochmal wieder schwanger werden und ein Baby bekommen.

 

Selbst jetzt, während ich diese Zeilen schreiben, zittern meine Finger und mein Fluchtreflex setzt ein. Ich bekomme richtige, körperliche Panik. So mit Tunnelblick und Herzrasen. Ich will weglaufen und mich in eine Ecke verkiechen. Statdessen bleibe ich sitzen und schreibe auf, was mir passiert ist. JETZT würde das Weglaufen auch nichts mehr bringen...

 

Dann kamen die Ärztinnen/Schwestern. Meiner Erinnerung nach waren es allesamt Frauen. Wie viele weiß ich nicht mehr. Sie bereiteten neben meinen Beinen, außerhalb meines Blickfelds, die Gerätschaften vor. Ich hörte Metall auf Metall. Sie trugen alle OP-Masken. Ich konnte kein Gesicht erkennen und ich versuchte es auch gar nicht weiter. Ich starrte an die Decke, fixierte einen Punkt dort und wünschte mich weg und versuchte, mich in mich selbst zu verkriechen. Alles auszublenden, über mich ergehen zu lassen. Dissoziation kann ich. Unwillentlich zu disoziieren ist ein wenig blöd, aber einen entsprechenden Zustand bewusst herbeizuführen, kann manchmal hilreich sein.

 

 

Die Ausschabung

 

Es wurde kalt zwischen meinen Beinen, als man mich größflächig mit rotbraunem, anntiseptischem Zeug einrieb. Ich zitterte und starrte stumm an „meinen“ Punkt an der Decke. Dann kam das – den meisten Frauen wohl so bekannte wie unangenehme – Gefühl der „Schuhlöffel“. Von irgendwo her glaube ich auch ein „Relax!“ gehört zu haben. Hahaha ha ha. Klar. Sonst noch irgendwelche Wünsche? Mein Kiefer spannte sich an. Ich spürte ein starkes Stechen, als mein Muttermund weiter geöffnet wurde. Ich biss die Zähne zusammen. Das ist der Zervix. Genau da muss ja irgendwas entfernt werden, damit der nicht blockiert. Das kann nicht lange dauern. Das ist gleich wieder vorbei. Es geht gleich wieder vorbei. Sie sind gleich fertig. Vielleicht kommt jetzt gleich ein gruseliges Geräusch, so wie beim Zahnarzt, aber dann ist es auch gleich wieder vorbei. Mir traten die Tränen in die Augen.

 

Dann begann scheinbar die „richtige“ Ausschabung. An diese kann ich mich, glaube ich, nicht komplett zusammenhängend in zeitlicher Abfolge erinnern, was ja für ein Trauma nicht unbedingt verwunderlich ist. Alles in allem hat es wohl nur so 10-15 Minuten gedauert, es kam mir jedoch vor, als habe ich mehrere Stunden dort ausgeliefert, hilflos und gequält auf dem OP-Stuhl gelegen.

 

Und so sehr ich auch versuchte, zu disoziieren und mich von meinem körperlichen Empfinden zu trennen – derartige Schmerzen hatte ich noch nie erlebt (und auch seitdem nie mehr wieder – trotz schmerzhafter Geburt) und sie holten mich sofort wieder zurück. In meinen Körper im Hier und Jetzt. Das war nicht mehr nur Demütigung und Angt. Da war nur noch Schmerz in mir. Schrecklicher Schmerz ganz tief in meinem Körper. Dort, wo noch vor wenigen Stunden ein kleiner Mensch in mir gewachsen war, wurde jetzt die Schleimhaut an der Innenseite meiner Gebärmutter mit metallischen Instrumenten abgekrazt. Und ich war live dabei.

 

Unbewusst und unkontrolliert zuckte ich im Stuhl und brüllte durch zusammengepresste Lippen und fest aufeinander gebissene Zähne.

 

Eine Frau fuhr mich an: „Don’t move!“. Aber ich konnte nicht anders. Ich zuckte weiter. Ich glaube es war eine andere Frau, die nun auch zu meinem Kopf kam und mir eindringlich, mit Sorge in ihrer Stimme aber in einem harschen Ton erklärte: „Your can scream. Scream as loud as you can. Scream it all out. But do not move. If you move, we can pierce your uterus. DO NOT MOVE!”.

 

Und es ging weiter. Ich verwendete allen Willenkraft, die ich hatte, um meinen Körper mit Gewalt ruhig zu halten. Und ich schrie. Ich schrie lauter und schriller, als ich gedacht hatte, dass ich es kann. Ich schrie vor Schmerzen und ich hatte Todesangst. Vor meinen Augen begann es zu flimmern und ich hoffte mit jeder Faser meines Seins, ich möge bitte einfach ohnmächtig werden. Das Bewustsein verlieren, um das nicht mehr miterleben zu müssen. Aber mein Körper war nicht so gnädig mit mir. Nach Minuten, die mir wie Stunden vorkamen, hielt ich es nicht mehr aus. Schreiend und brüllend und weinen und flehend rief ich mit sich überschlagender Stimme: „No! No! No! Stop! I will move!“. Ich glaube, irgend jemand versuchte, mit mir zu sprechen, aber ich rief einfach immer weiter „Stop! Please! Stop! I can’t take this any more! I can’t help it, I will move!Please! Please stop!“.

 

In eine kurze Atempause meinerseits hinein hörte ich dann: „We already stopped. We are not doing anything right now.“. Und tatsächlich: Es fühlte sich noch immer so an, als würden mir Messer im Unterleib stecken. Aber immerhin wurden sie nicht weiter durchgerührt und neue Klingen hinzugefügt. Ich hyperventilierte heftig und weinte und wimmerte immer wieder etwas wie „Please, make it stop. Just put me under. Give me something...“. Dabei nahm ich am Rande wahr, wie das OP-Team sich auf Chinesisch beriet. Nach einigen Momenten ging jemand weg und kam mit jemand anderem wieder. Eine Anästesistin. Die fragte mich dann, wann ich zum letzten Mal etwas gegessen habe. Wahrheitsgemäß erzählte ich von den Nudeln und dem Apfel, die ich mir mittags hineingewürgt hatte. Weil mir ja die Gynäkoligin am Morgen ausdrücklich gesagt hatte, ich müsse etwas essen. Dann, so das niederschmetternde Ergebnis, können sie nichts für mich tun. Und ging wieder. Ich brüllte ihr hinterher „But the doctor told me so!“. Doch es half nichts.

 

Ich war am Boden zerstört. Und wütend. Und verzweifelt. Dann sprach wieder die gleiche Schwester oder Ärztin wie zuvor mit mir. Sie müssten jetzt weitermachen. Sie müssten die OP zu Ende führen. Denn wenn zu viel Gewebe zurückbleiben würde, sei das sehr gefährlich. Ich weinte. Aber ich musste aufhören. Weil ich beim Schluzen bebte und mich ja nicht bewegen durfte.

 

Und wieder blieb mir nichts, als aus Leibeskräften zu schreien und mich mit Gewalt zum Stillhalten zu zwingen. Denn die Vorstellung, die Ärzte könnten meine Gebärmutter verletzen – wovon ich wusste, dass es bedeuten könnte, niemals Kinder haben zu können – war effektiv. Hätte man mir ein Messer an die Kehle gehalten – ich hätte nicht stiller daliegen können. Und so ähnlich fühlte ich mich auch. Bedroht, hilflos, ausgeliefert, erniedrigt, verletzt und verängstigt. Um ein paar meiner Emotionen zu nennen. Wäre ich gläubige, hätte ich wohl gebetet. Darum, dass es endlich aufhört. Und darum, dass es gelingt. Ich keine Komplikationen davontrage und Kinder bekommen kann. Aber vor allem, dass es endlich aufhört.

 

Aber ich bin nicht gläubig. Und so schrie ich. Und schrie. Und schrie „How much longer?“.Und die Ärztin sagte “Maybe five minutes.”. Ich versuchte, die Seunden zu zählen, aber schaffte es nicht. Ich versuchte, mir selbst einen Countdown zu schaffen. Ein Ufer zu sehen, auf das ich zusteuern und an dem ich aus diesem Meer an Schmerz aussteigen konnte, bevor ich darin ertrinken würde. Aber diese Zahl. 300. 300 Sekunden. Es hätten genauso gut 300 Tage sein können. Oder 300 Jahre. Das würde ich nicht schaffen. Nicht aushalten. Nicht durchstehen.

 

Ich glaube, ich weinte. Ich weiß es nicht genau. Auf jeden Fall jedoch rief ich wieder zwischen meinen schrillen Schmerzenensschreien „And now? How much longer?“. „Just one more minute. We are nearly done.”. Auch die Zahl 60 war zu groß, um sie abzuzählen. Beziehungsweise war der Schmerz zu groß, um so lange konzentriert bleiben zu können, um so weit zu zählen. 10, das hätte ich vielleicht noch schaffen können. Glaube ich. Ich weiß es nicht.

 

Irgendwann, eine gefühlte Ewigkeit später, fragte ich (also brüllte ich in meine Schmerzensschreie hinein) wieder: „How much longer?“ und wieder bekam ich die selbe Antwort: „Just one more minute. We are nearly done.”. Jetzt stieg wieder Panik in mir auf. Die Panik, als müsse ich nun für immer hier liegen bleiben und miterleben, wie meine Gebärmutter ausgekrazt wird. Da sollte doch ein Baby drin sein! Keine metallenen Dinger, mit scharfen Kanten, die durch mein Gewebe stechen und mich umbringen oder unfruchtbar machen könnten. „You are fucking lying to me! You just fucking said that before! Stop lying!”.

 

Dann konnte ich nicht mehr. Endgültig. Ich konnte das nicht mehr ertragen. Die Panik übermannte mich. Die Panik und der Schmerz und die Wut und nochmal der Schmerz. Meine Belastungsgrenze war erreicht. Ich konnte einfach nicht mehr. Und so schrie ich aus vollen Lungen „No! Please! Please stop! I can’t! I just can’t! Please, stop it! Please! I beg you!“. Ich lag auf dem OP und bettelte und flehte und weinte und schrie. Das Team beriet sich nochmal kurz und beschloss dann, es gut sein zu lassen. Ich müsste allerdings in zwei Tagen nochmal für einen Ultraschall kommen um zu sehen, ob wirklich genug Gewebe abgetragen worden war oder ob ich noch einmal in den OP müsste. Die Vorstellung war grausam, aber ich konnte wirklich nicht mehr. Meine Kraft, um still zu halten, war aufgebraucht.

 

Dann bekam ich noch eine Plastiktüte mit Antibiotika und Anweisungen, wie ich diese einnehmen sollte. Danach dufte ich mich wieder anziehen und auf ein normales Bett legen. Mit diesem wurde ich dann auf ein Zimmer geschoben, wo ich zwei Stunden zur Beobachtung bleiben sollte.

 

 

„Abortion“

 

Irgendwo bei diesem Prozedere fiel dann ein Wort, dass ich auch zwei Tage später beim Ultraschall wieder zu hören bekam und dass mich zutiefst verletzte und wütend machte: „Abortion“. Ja, so nannte man hier offenbar auf Englisch der Einfachheit halber jede Ausschabung. Aber verdammt nochmal. Ich hatte keine Abtreiung. Ich hatte eine Fehlgeburt. Ich WOLLTE diese Schwangerschaft nicht beenden. Das war alles nicht meine Entscheidung. Ich WOLLTE das doch alles nicht. Ich WOLLTE ein Baby, dieses Baby, behalten. Dann zu hören, ich hätte eine Abtreibung gehabt, tat verdammt weh. So ähnlich muss es sich wohl für ein Vergewaltigungsopfer anfühlen, wenn ihr hinterher noch gesagt wird, sie habe es doch auch gewollt... Wäre ich dazu emotional und körperlich in der Lage gewesen – ich wäre den jeweiligen Leuten am liebsten mit dem nackten Arsch ins Gesicht gesprungen. Aber das war ich nicht und so korrigierte ich jeweils nur, einmal ton- und kraftlos, einmal scharf gezischt „Miscarriage!“.

 

 

Zur Beobachtung

 

Als ich auf dem Zimmer lag, in das immer wieder der gestank von Zigarettenrauch zog, lies man endlich das Haselchen zu mir.

 

Und so lag ich, eingerollt in der Embryonalstellung, in diesem Krankenhausbett und blutete vor mich hin. Ich muss wohl wie ein richtiges Häufchen Elend ausgesehen haben. Gefühlt habe ich mich so allemal. Ich war leer und aufgebraucht. Ich hatte keine Kraft mehr, konnte kaum einen Finger heben. Ich weinte leise und immer wieder ächzte und stöhnte ich vor Schmerz auf und krümmte mich zusammen. Ich konnte kaum sprechen. Das Haselchen hielt meine Hand, streichelte mir über den Kopf und litt mit mir. Jedes Mal, wenn ich aufstöhnte, konnte ich sehen, wie er alterte. Er hatte Sorge um mich und in diesen zwei Stunden hat er seine ersten grauen Haare bekommen.**** Er weinte nicht. Nicht in diesem Moment. Aber wenngleich er in seinem Leben selbst in der Vergangenheit Dinge durchmachen musste, die man niemandem wünscht und die manch Anderen vielleicht komplett kaputt gemacht hätten, selbst wenn er – traurigerweise – sozusagen „erprobt“ im Durchmachen von traumatishen Erlebnissen ist, hat dieser Nachmittag ihn gezeichnet. Uns beide.

 

Zwischendrin versuchte er, eine Schwester zu finden, die mir doch endlich Schmerzmittel geben sollte. Aber die vertröstete nur auf später, es würde ja gleich besser werden, und ward nie wieder gesehen. Später dann suchte er vergebens nach einer Krankenschwester, wollte mich aber auch nicht zu lange alleine lassen oder zu weit weg gehen. Irgendwann dann dämmerte ich weinend weg.

 

Als die zwei Stunden vorbei waren, kam endlich zufällig jemand vorbei und bejahte, dass wir jetzt nach Hause gehen dürten. Ich wurde nicht untersucht oder angeschaut, kein Blutudruck gemessen oder sonstwas. Obwohl ich noch immer kaum stehen konnte, bekamen wir auch keine Hilfe, geschweigedenn einen Rollstuhl. Also stütze mich das Haselchen (oder trug er mich?) und wir gingen durch die leeren Krankenhausflure zum Parkplatz und fuhren mit dem Taxi wieder nach Hause.

 

 

Nach“sorge“

 

Bei der Kontrolle zwei Tage später trafen wir wieder auf die Ärztin, die gemeint hatte, eine Narkose sei nicht notwendig. Das Haselchen brüllte die halbe VIP-Abteilung zusammen, aber sie ignorierte ihn einfach als sei er Luft und sagte mir dann, das sei in China so üblich und ich wäre dann halt wohl besonders empfindlich. Wie sich diese verbale Ohrfeige angefühlt hat, muss ich wohl nicht genauer ausführen. Allerdings hat sie mich weiger hart getroffen, als ich vermutet hätte. Denn dass ich nicht einfach nur eine Mimose bin, die sich anstellt, war mir voll bewusst. Wäre das alles so easy peasy, dann wäre der Standard keine Vollnarkose. Letztendlich konnte ich über diese Ärztin nur den Kopf schütteln.

 

Niemand hat sich jemals bei mir entschuldigt für die falschen Informationen oder den Vorgang an sich. Wir haben das Ganze dann nicht mehr weiter verfolgt. Nicht noch mehr Kraft und Nerven investiert. Aber ich warne hiermit eindrücklich davor, jemals das Changning District Central Hospital (VIP Section) zu betreten!

 

 

Was bleibt

 

Es war dann zum Glück alles soweit ok, dass ich nicht ein zweites Mal in den OP musste. Und – wie man hier ja überall nachlesen kann – weniger als ein Jahr später habe ich ein wunderbares, gesundes, tolles kleines Baby bekommen.

 

Für mich ging also letzendlich doch alles gut aus.

 

Das Trauma wird wohl bleiben. Jede vaginale Untersuchung ist für mich ein Graus und ohne ganz viel Selbstbeherrschung und Konzentration nicht zu schaffen. Aber trotzem hatte ich Glück. Ich hatte das Glück, dass es keine Komplikationen gab. Ich hatte das Glück, dass ich einen liebenden Mann an meiner Seite hatte, der sich um mich gekümmert hat. Ich hatte Glück im Unglück.

 

Ich will mir gar nicht vorstellen, wie viele Frauen auf der ganzen Welt ähnliche Situationen erleben und nicht so viel Glück haben.

 

Für mich leite ich aus dem schlimmsten Tag in meinem leben drei Dinge ab:

 

1. Ganz egal, welche Scheiße dir passiert: Du kannst trotzdem glücklich werden! Vielleicht nicht heute und vielleicht auch nicht morgen, aber du hast so lange du lebst die Chance, dein Glück zu finden. Immer. Und das kann dir nichts, was gestern passiert ist oder was heute passiert, kaputt machen.

 

2. Ärzte sind bei Weitem nicht unfehlbar. Natürlich wusste ich das schon vorher. Aber vielleicht sollten sich das manchmal auch Ärzte bewusst machen. Genauso wie die Tatsache, dass Ärzte nur Menschen sind – ihre Patienten jedoch auch. Und so sollte man sich einander auch behandeln und begegnen.

 

3. Liberale Abtreibungsgesetze sind verdammt wichtig. Ich will mir gar nicht genauer überlegen, wie viele Frauen und Mädchen weltweit genau solche Schmerzen durchstehen, wie ich sie an diesem Tag hatte, dabei aber in irgend einem schmuddelligen Hinterzimmer liegen und aufgrund der hygienischen und sonstigen Bedingunen und der fehlenden Antibiotika ganz real und wirklich um ihr Leben bangen müssen. Und es vielleicht sogar in der Folge verlieren. Oder danach niemals Kinder bekommen können. Oder erst viel Geld bezahlen und dann dafür auch noch ins Gefängnis müssen. Nur, weil ein paar „Konservative“ (ich würde in dem Zusammenhang ja den Begriff „frauenfeindliche Arschgeigen“ vorziehen) in ihrem jeweiligen Land Gesetze durchgesetzt haben, die eine Abtreibung in ihrer Situation illegal machen (so, wie in Polen jetzt JEGLICHE Abtreibung verboten und mit bis zu 5 Jahren Haft bestraft werden soll – auch bei Lebensgefahr, nach Vergewaltigung oder Inzest usw.). Sowas darf einfach nicht sein. Keine Frau, kein Mädchen, sollte so etwas über sich ergehen lassen müssen. Egal, aus welchen Gründen.

 

 

So. Und jetzt fühle ich mich tatsächlich besser. Also vielleicht noch etwas gelernt: Wenn dir etwas Schlimmes passiert, rede darüber und fresse es nicht in dich hinein.

 

 

 

 

*Nein, das ist nicht pessimistisch. Das ist reiner Realismus – da ich nicht vorhabe, Morgen Früh tot umzufallen, kann noch viel passieren. Tolles, sowie auch schreckliches, bevor mich das zeitliche segnet.

 

** In China läuft das alles ein wenig anders. Auf jeden Fall mussten wir dazu einmal quer durch ganze Krankenhaus, in einen Bereich, in dem Männer gar keinen Zutritt haben und in dem nur geultraschallt wird – mehrere Frauen gleichzeitig im gleichen Raum, teilweise eben auch vaginale US, weshalb auch keine Männer rein dürfen. Im Übrigen auch keine werdenen Väter...

 

*** DAS ist was Gutes am Chinesischen Arbeitsrecht: Für eine Fehlgeburt vor dem 4. Monat bekommt man 15 Tage bezahlten Mutterschutz, um sich davon erholen zu können. Danach sind es 42 Tage.

 

**** Kein Witz und keine Rhetorik

Donnerstag, 14. Juli 2016

Gothic Friday: Wo ich gerne bin

Und wieder ist es Zeit für einen neuen Gothic Friday auf Spontis. Diesen Monat hat das Team sich ein sehr schönes Thema ausgesucht, wie ich finde. Nämlich: Orte. Wo fühle ich mich besonders wohl, wo zieht es mich hin, wo bin ich gerne? Mir kamen dabei sofort mehrere Orte in den Sinn – was wohl ein bisschen die Krux ist, wenn man viel reist und an verschiedenen Orten gelebt hat, denn dann gibt es leider immer auch viel zu vermissen... Tatsächlich hat mich jetzt beim Schreiben gleich zweimal das Heimweh gepackt.





Madrid – meine Stadt der Liebe



Wenn ich eine Stadt liebe, dann Madrid. Und wenn ich die freie Wahl hätte, dann würde ich nicht einen Augenblick zögern und sofort wieder hierher ziehen. Leider jedoch ist meine Wahl nicht ganz frei, und manchmal siegt halt doch Kopf über Herz. Leider.



Aber niemals und nirgends habe ich mich jemals so lebendig gefühlt, wie hier. In Madrid habe ich jede Morgen das Fenster geöffnet, eingeatmet und mich einfach so unglaublich voll von Leben und Energie gefühlt, dass ich hätte Bäume ausreißen können. Hier konnte ich morgens um 5 Uhr aufstehen, Joggen gehen, duschen, zur Arbeit fahren, nach der Arbeit noch zum Sprachkurs gehen und dann kochen, ohne auch nur im Ansatz müde zu werden. Klar, körperlich im Sinne von „Zeit zu schlafen“, aber nicht im Sinne von „Uff, ich bin fix und alle“. Als würden die Sonne und der Wein und die Tapas direkt zu Lebensfreude und Energie verstoffwechselt. Und das, obwohl ich eigentlich emotional eine nicht sooo tolle Zeit hatte (um es mal nett asuzudrücken), weil ich mich Hals über Kopf verliebt hatte und sicher war, dass diese Fernbeziehung zum Scheitern verurteilt sein würde (Spoiler: Sie ist nicht gescheitert, sondern besteht jetzt seit über 7 Jahren und hat ein Kind hervorgebracht).



Ich liebe die Madrilenos für ihre hilflosen versuche, Englisch zu sprechen und mich dann doch einfach auf Spanisch zuzutexten, selbst wenn ich nur ein „Yo no hablo espaniol“ hervorstottern kann. Ich liebe die Demonstrationen an Puerta del Sol. Ich liebe die spanische Sprache, die zu sprechen einfach richtig Spaß macht. Ich liebe das Wetter in Madrid. Ich liebe die Lebensart, im Sommer auch mal 2 Stunden Mittagspause zu machen, eine Flasche Wein dabei zu trinken und nachmittags für das ganze Büro Eis zu holen, weil es doch eh zu heiß ist, um produktiv zu sein. Ich liebe die Freunde und Bekannten, die miteinander feiern und füreinander da sind (und beispielsweise einen Freund, der seinen Job verloren hat und nicht weiß, wie er im nächsten Monat die Miete zahlen soll, dann halt zum Essen und auf ein Bier einladen – nicht als Almosen, nicht um sich als Retter aufzspielen, sondern damit auch jemand, der pleite ist, das Leben genießen und im Freundeskreis dabei sein kann – und wenn es gar nicht anders ist, dann bekommt er auch von mindestens drei Leuten einen Platz auf der Couch angeboten). Ich liebe die kleinen „Chinos“ bei denen man immer noch was zu essen und zu trinken bekommt (nach Ladenschluss in der Innenstadt dann auch einfach direkt aus dem Karton, wo sie am Gehweg sitzend Getränke und Snacks verkaufen). Ich liebe die Bars und Tapas (so sehr, dass ich auch nach 7 Jahren noch immer regelmäßig von Corquetas de Jamon im El Tigre träume und dann ganz enttäuscht auffwache). Ich liebe es, wenn sonntags morgens um 6 Uhr der erste Zug in die Metrostation fährt und die Wartenden applaudieren und pfeifen. Ich liebe die Schuhläden, in denen ich günstige und bequeme Sandalen finden kann (in Deutschland für mich ein schweres Unterfangen). Ich liebe den Palacio Real, den Retiro, die Gran Via, Cueca, El Capricho. Ich liebe die Madrider Compounds. Die Nachtbusse. Die Metro. Ok, der „666 Gothic Club“ oder insgesamt die schwarze Szene in Madrid ist ein bisschen mehr „geht so“. Aber da ist man halt aus Deutschland einfach total verwöhnt. Und Konzerte gibt es trotzdem noch einige. Und im Vergleich mit Shanghai ist es ein absoluter Traum!



Also ja, ich liebe Madrid.



Heute steht der Bär, das Symbol der Stadt, an einer anderen Ecke des Platzes 




Templo de Debod – Madrid meets Ägyten



Dass ein Ort einen bestimmten „Zauber“ haben kann, sodass man immer wieder dorthin zurückkehren will, wurde mir in Madrid bewusst. Dass ich Madrid als Stadt liebe, habe ich ja schon wortreich ausgeführt. Aber der Templo de Debod ist dann in der Stadt noch einmal mein absoluter Lieblingsort.



Es handelt sich dabei um einen altägyptischen Tempel, der beim Bau des Assuan Staudamms überflutet worden wäre. Er wurde stattdessen komplett abgebaut, an Spanien verschenkt und dann in Madrid wieder aufgebaut. Nun steht er unweit des Palacio Real, in direkter Nachbarschaft des Plaza Espana (mit dem Cervantes Monument) in einer wunderschönen Parkanlage, von der aus man eine tolle Aussicht auf den Palast, Casa de Campo und die Stadt hat.



Die Parkanlage ist wunderschön und die Aussicht ist einfach toll. Hier mit einem Stück Tortilla in der Hand und einer Flasche Sangria – gut gekühlt vom Chino um die Ecke – könnte ich ganze Tage, Abende und Nächte verbringen. Auf dem Gras im Schatten sitzen, Menschen beobachten, Gedanken nachhängen und einfach sein.



Und dazu kommt dann halt ein ägyptischer Temepl. Für mich ein kleines Heiligtum, da ich das alte Ägypten liebe. Mit ca. 11 Jahren fing es an, ich holte mir alle Sachbücher dazu aus der Bibliothek, ich versuchte, Hieroglyphen zu lernen und ich träumte davon, Ägyptologie zu studieren. Es blieb bis heute ein Traum, aber auch, wenn ich keine Hieroglyphen lesen kann, bleibt trotzdem meine Faszination erhalten. Und so bin ich jedes Mal wieder glücklich über eines der wenigen Beispiele altägyptischer Architektur, die außerhalb von Ägypten besichtigt werden können.





Bali – Bat Cave, Muttertempel und mehr



Im gleichen Jahr, in dem ich Madrid lieben gelernt habe, habe ich ebenenfalls ein knappes halbes Jahr auf Bali gelebt. Und auch hier habe ich mich verliebt. Nicht in eine Stadt und nicht in einen Menschen, sondern in die Insel und ihre Tempel. Auf der Insel habe ich viel gelernt und mich menschlich weiter entwickelt. Hier habe ich Dankbarkeit und Demut gelernt für das Glück, das ich habe und die Privilegien, die ich und wir alle als Europäer genießen.

Sonnenuntergang am Strand von Kuta 


Einer der Spitznamen Balis ist „Insel der Götter und Dämonen“ und ich kann nur immer wieder betonen, dass dem wirklich so ist. Auf der Insel, und dort ganz besonders bei den Tempeln, spürt man, dass etwas anders ist, als an anderen Orten der Welt. Es ist eine Präsenz da, dort wo die Balinesen einen Ort als besonders heilig erachten. Das ist übrigens auch der Grund, weshalb ein Tempel oder Schrein auf Bali NIEMALS versetzt werden kann – selbst, wenn ein Haus auf dem gleichen Grund gebaut werden soll, dann wir der Tempel oder Schrein einfach auf dem Hausdach oder in einer Nische dazwischen oder sonstwie wieder aufgesetllt. Denn an einem heiligen Ort muss den Göttern oder Dämonen Tribut gezollt werden. Immer. Aber ob das auf dem Dach oder sonstwo passiert, das ist nicht ganz so wichtig. Ob diese Präsenz tatsächlich aus dem Übernatürlich direkt stammt und man sie deshalb empfindet, oder ob es vielleicht der Glaube ist, der sich hier in solch geballter Ladung versammelt, dass er sich auch für die eigentlich Ungläubigen als echte Empfindung manifestiert, vermag ich nicht zu sagen (wobei gegen letzteres sprechen würde, dass ich auch in altern christlichen Gotteshäusern so gut wie nie dieses „Präsenz“ empfunden habe wie in den balinesischen Tempeln...).



Aber ich schweife mal wieder ab. Sorry, das passiert mir inbesondere wenn es um Bali geht so schnell, weil es für mich halt viel mehr als eine Urlaubsinsel ist, sondern ich mich dort ein bisschen zu Hause fühle...



Auf jeden Fall sind die Tempel Balis ein ganz besonderer Ort für mich. Zu meinen liebsten Tempeln zählen dabei der Pura Goa Lawah, Goa Gajah und Pura Besakih.



Der Pura Goa Lawah ist as goth as it gets. Es handelt sich dabei nämlich um ein Heiligtum in einer Fledermaushöle. Wie tief die Höle ist, weiß niemand. Denn sie ist heilig und darf nicht betreten werden. Aber sie ist tief und dort leben tausende von Fledermäusen. Außerdem auch mindestsn zwei Riesenschlagen. Die Tiere sind auch alle heilig und werden in Ruhe gelassen, während sie fröhlich auf die Opfergaben im Eingangsbereich der Höhle kacken. Trotz dieser profane Wortwal an dieser Stelle: Hier habe ich immer wieder das Bedürfnis, mit den anwesen Hindus gemeinsam zu beten. Und Fledermäuse sind halt auch einfach cool.





Die Goa Gajah ist eine in den Stein gehauene Höhle in einer größeren Anlagen. Es gibt Becken, in denen man sich rituell waschen kann, im hinteren Bereich der Anlage geht es in den Dschungel und zu einem kleinen Wasserlauf. Gemeißelte Reliefs schmücken die Höhle und alles ist in einen starken, schweren Geruch der zahllosen Räucherstäbchen gehüllt. In der Höhle selbst gibt es mehrere Nischen, in denen – so erzählt man – manche Gläubigen über hundert Jahre lang ohne Nahrung oder Wasser meditiert haben. Ob man das genau so glaub oder nicht, bleibt jedem selbst überlassen. Aber auch ich hatt den Drang, mich in eine der Nischen zurück zu ziehen. Das habe mích mich letztendlich doch nicht so recht getraut (obwohl die Bali Hindus eigentlich auch alle anderen immer dazu einladen, an ihrer Religion teilzuhaben – egal, ob diese bestimmte Rituale und Bräuche kennen oder einfach „frei“ meditieren oder dabei sind, so lange sie sich respektvoll verhalten und die Abläufe nicht stören). Aber ich blieb eine ganze Weile in der Kühle der Höhle, schloss die Augen, lies mich von dem Duft benebeln, spürte den kalten Stein unter meinen Fingern und die Präsenz von Jahrhunderten an Glauben, Erkenntnissen und In-sich-Ruhens um mich herum. Und ich war einfach da. Ohne Wollen, ohne Streben, einfach nur im Moment sein.

Das Haselchen bei der rituellen Waschung vor der Goa Gajah (muss man nicht machen, nur der Sarong ist Pflicht) 

Wir beide vor dem Eingang 

Offergaben in der Goa Gajah 


Pura Besakih ist der „Muttertempel“ auf Bali. Es ist der heiligste und größte Temepel der Insel und liegt auf dem aktiven Vulkan Mt Agung. 2009 konnte ich ihn nicht besichtigen, aber 5 Jahre später war ich mit dem Haselchen dort. Und nach der Besichtigung saßen das Haselchen und ich noch eine ganze Weile schweigend nebeneinander im Schatten in der Tempelanlage und ließen diesen besonderen Ort auf uns wirken.







Gili Meno – Meeresschildkröten und Sterne



Von Bali aus ist es nur eine kurze Bootstour bis zu den Gili Islands. Hier ist meine liebste die mittlere Insel, Gili Meno. Ohne die Partypeople und die laute Moschee von Gili T und doch etwas besser entwickelt als Gili Air. In unter zwei Stunden kann man einmal komplett am Strand um die gesamte Insel herum gehen. Aber das ist nur halb so spannend, wie am Strand schnorcheln zu gehen. Nur wenige Meter vom Strand entfernt beginnt das Korallenriff. Man kann unter Wasser hören, wie die Korallen „singen“ (klingt wie knistern) und so miteinander kommunizieren. Bunte Fische sind überall. Mich hat ein frecher, kleine Nemo angegeriffen, als ich zu nahe an seine Annemone kam. Und, für mich das beste überhaupt, ich bin fast 2 Stunden lang mit einer Meeresschildkröte geschwommen. Und war zutiefst beeindruckt.



Ein weiterer Grund, Gili Meno zu lieben, waren für mich die Sterne. Eine halbe Nacht habe ich am Strand verbracht. Auf einer Liege. Und einfach den Wellen gelauscht und in die Himmel gesehen. In dieses endlose Schwarz und zu den abermillionen von Sternen.



Oh, und die Katzen! Es gab nicht einen einzigen Hund auf der Insel, aber viele, viele Katzen. Überall.



Auf den Gili Islands gibt es keine Autos 

Dafür viele Katzen 

Und das Meer 




Wald – ein Luxus in Shanghai



Wir wünschen uns immer das, was wir nicht haben können. Traurig, aber wahr. Und so sehne ich mich seit ich in Shanghai lebe immer öfter nach Wald. Am Rande des Odenwalds aufgewachsen gehörte es früher für mich ganz selbstverständlich dazu, stundenlang auf Pfaden unter Bäumen wandern zu gehen (und ich fand es auch als Jugendliche gehörig uncool). Und so spannend der Großstadtdschungel sein kann – so wenig hat er doch mit einem echten Wald gemein. Daher vermisse ich es hier sehr, nichts als grüne Bäume um mich zu haben. Keine – oder wenigstens kaum – andere Menschen (Menschen sind nicht so meins...) um mich herum. Keine Autos hupen, sondern Vögel zwitschern und Blätter rauschen. Käfer krabbeln (und in einem deutschen Wald ja auch alle soweit ungiftig, wenn man mal von Zecken mit ihrer Borreolose und FSME absieht), Schnecken wuseln herum, mit ein bisschen Glück sieht man einen Hasen auf einer Lichtung oder ein Reh. Seit ich das alles nicht mehr haben kann, merke ich erst, wie entspannend und schön das ist.


Burgruinen und Bäume gibt es im Odenwald viele 

Auf einem Trimmdichpfad abhängen 

Meister Lampe im Feld 

Wir haben sie nicht gegessen, weil Fuchsbandwurm, aber *hach*


Sogar Nacktschnecken kann man vermissen




Unter der Decke – egal, wo



Für meinen letzten Lieblingsort auf der Liste brauche ich kein Flugzeug und kein Boot und muss nicht einmal das Haus verlassen. Ich liebe es, unter einer Decke zu stecken. Ganz egal, wo. Am liebsten natürlich zu Hause im Bett. Aber sogar das Sofa mitten im Büro ist mir recht, so lange ich Pause habe und mich die Welt um mich herum in Ruhe lässt. Sogar auf einer Party haben meine beste Freundin und ich uns schon gemeinsam eine Decke über den Kopf gezogen und dann darunter gesessen, geredet und gekichert als wären wir alleine. Denn wir waren ja unter unserer Decke, in unserer eigenen kleine Höhle. Ich mag es einfach, mir eine Decke über den Kopf zu ziehen und den Rest der Welt draußen zu lassen. Im übertragenen genauso wie im wortwörtlichen Sinn.