Donnerstag, 14. Juli 2016

Gothic Friday: Wo ich gerne bin

Und wieder ist es Zeit für einen neuen Gothic Friday auf Spontis. Diesen Monat hat das Team sich ein sehr schönes Thema ausgesucht, wie ich finde. Nämlich: Orte. Wo fühle ich mich besonders wohl, wo zieht es mich hin, wo bin ich gerne? Mir kamen dabei sofort mehrere Orte in den Sinn – was wohl ein bisschen die Krux ist, wenn man viel reist und an verschiedenen Orten gelebt hat, denn dann gibt es leider immer auch viel zu vermissen... Tatsächlich hat mich jetzt beim Schreiben gleich zweimal das Heimweh gepackt.





Madrid – meine Stadt der Liebe



Wenn ich eine Stadt liebe, dann Madrid. Und wenn ich die freie Wahl hätte, dann würde ich nicht einen Augenblick zögern und sofort wieder hierher ziehen. Leider jedoch ist meine Wahl nicht ganz frei, und manchmal siegt halt doch Kopf über Herz. Leider.



Aber niemals und nirgends habe ich mich jemals so lebendig gefühlt, wie hier. In Madrid habe ich jede Morgen das Fenster geöffnet, eingeatmet und mich einfach so unglaublich voll von Leben und Energie gefühlt, dass ich hätte Bäume ausreißen können. Hier konnte ich morgens um 5 Uhr aufstehen, Joggen gehen, duschen, zur Arbeit fahren, nach der Arbeit noch zum Sprachkurs gehen und dann kochen, ohne auch nur im Ansatz müde zu werden. Klar, körperlich im Sinne von „Zeit zu schlafen“, aber nicht im Sinne von „Uff, ich bin fix und alle“. Als würden die Sonne und der Wein und die Tapas direkt zu Lebensfreude und Energie verstoffwechselt. Und das, obwohl ich eigentlich emotional eine nicht sooo tolle Zeit hatte (um es mal nett asuzudrücken), weil ich mich Hals über Kopf verliebt hatte und sicher war, dass diese Fernbeziehung zum Scheitern verurteilt sein würde (Spoiler: Sie ist nicht gescheitert, sondern besteht jetzt seit über 7 Jahren und hat ein Kind hervorgebracht).



Ich liebe die Madrilenos für ihre hilflosen versuche, Englisch zu sprechen und mich dann doch einfach auf Spanisch zuzutexten, selbst wenn ich nur ein „Yo no hablo espaniol“ hervorstottern kann. Ich liebe die Demonstrationen an Puerta del Sol. Ich liebe die spanische Sprache, die zu sprechen einfach richtig Spaß macht. Ich liebe das Wetter in Madrid. Ich liebe die Lebensart, im Sommer auch mal 2 Stunden Mittagspause zu machen, eine Flasche Wein dabei zu trinken und nachmittags für das ganze Büro Eis zu holen, weil es doch eh zu heiß ist, um produktiv zu sein. Ich liebe die Freunde und Bekannten, die miteinander feiern und füreinander da sind (und beispielsweise einen Freund, der seinen Job verloren hat und nicht weiß, wie er im nächsten Monat die Miete zahlen soll, dann halt zum Essen und auf ein Bier einladen – nicht als Almosen, nicht um sich als Retter aufzspielen, sondern damit auch jemand, der pleite ist, das Leben genießen und im Freundeskreis dabei sein kann – und wenn es gar nicht anders ist, dann bekommt er auch von mindestens drei Leuten einen Platz auf der Couch angeboten). Ich liebe die kleinen „Chinos“ bei denen man immer noch was zu essen und zu trinken bekommt (nach Ladenschluss in der Innenstadt dann auch einfach direkt aus dem Karton, wo sie am Gehweg sitzend Getränke und Snacks verkaufen). Ich liebe die Bars und Tapas (so sehr, dass ich auch nach 7 Jahren noch immer regelmäßig von Corquetas de Jamon im El Tigre träume und dann ganz enttäuscht auffwache). Ich liebe es, wenn sonntags morgens um 6 Uhr der erste Zug in die Metrostation fährt und die Wartenden applaudieren und pfeifen. Ich liebe die Schuhläden, in denen ich günstige und bequeme Sandalen finden kann (in Deutschland für mich ein schweres Unterfangen). Ich liebe den Palacio Real, den Retiro, die Gran Via, Cueca, El Capricho. Ich liebe die Madrider Compounds. Die Nachtbusse. Die Metro. Ok, der „666 Gothic Club“ oder insgesamt die schwarze Szene in Madrid ist ein bisschen mehr „geht so“. Aber da ist man halt aus Deutschland einfach total verwöhnt. Und Konzerte gibt es trotzdem noch einige. Und im Vergleich mit Shanghai ist es ein absoluter Traum!



Also ja, ich liebe Madrid.



Heute steht der Bär, das Symbol der Stadt, an einer anderen Ecke des Platzes 




Templo de Debod – Madrid meets Ägyten



Dass ein Ort einen bestimmten „Zauber“ haben kann, sodass man immer wieder dorthin zurückkehren will, wurde mir in Madrid bewusst. Dass ich Madrid als Stadt liebe, habe ich ja schon wortreich ausgeführt. Aber der Templo de Debod ist dann in der Stadt noch einmal mein absoluter Lieblingsort.



Es handelt sich dabei um einen altägyptischen Tempel, der beim Bau des Assuan Staudamms überflutet worden wäre. Er wurde stattdessen komplett abgebaut, an Spanien verschenkt und dann in Madrid wieder aufgebaut. Nun steht er unweit des Palacio Real, in direkter Nachbarschaft des Plaza Espana (mit dem Cervantes Monument) in einer wunderschönen Parkanlage, von der aus man eine tolle Aussicht auf den Palast, Casa de Campo und die Stadt hat.



Die Parkanlage ist wunderschön und die Aussicht ist einfach toll. Hier mit einem Stück Tortilla in der Hand und einer Flasche Sangria – gut gekühlt vom Chino um die Ecke – könnte ich ganze Tage, Abende und Nächte verbringen. Auf dem Gras im Schatten sitzen, Menschen beobachten, Gedanken nachhängen und einfach sein.



Und dazu kommt dann halt ein ägyptischer Temepl. Für mich ein kleines Heiligtum, da ich das alte Ägypten liebe. Mit ca. 11 Jahren fing es an, ich holte mir alle Sachbücher dazu aus der Bibliothek, ich versuchte, Hieroglyphen zu lernen und ich träumte davon, Ägyptologie zu studieren. Es blieb bis heute ein Traum, aber auch, wenn ich keine Hieroglyphen lesen kann, bleibt trotzdem meine Faszination erhalten. Und so bin ich jedes Mal wieder glücklich über eines der wenigen Beispiele altägyptischer Architektur, die außerhalb von Ägypten besichtigt werden können.





Bali – Bat Cave, Muttertempel und mehr



Im gleichen Jahr, in dem ich Madrid lieben gelernt habe, habe ich ebenenfalls ein knappes halbes Jahr auf Bali gelebt. Und auch hier habe ich mich verliebt. Nicht in eine Stadt und nicht in einen Menschen, sondern in die Insel und ihre Tempel. Auf der Insel habe ich viel gelernt und mich menschlich weiter entwickelt. Hier habe ich Dankbarkeit und Demut gelernt für das Glück, das ich habe und die Privilegien, die ich und wir alle als Europäer genießen.

Sonnenuntergang am Strand von Kuta 


Einer der Spitznamen Balis ist „Insel der Götter und Dämonen“ und ich kann nur immer wieder betonen, dass dem wirklich so ist. Auf der Insel, und dort ganz besonders bei den Tempeln, spürt man, dass etwas anders ist, als an anderen Orten der Welt. Es ist eine Präsenz da, dort wo die Balinesen einen Ort als besonders heilig erachten. Das ist übrigens auch der Grund, weshalb ein Tempel oder Schrein auf Bali NIEMALS versetzt werden kann – selbst, wenn ein Haus auf dem gleichen Grund gebaut werden soll, dann wir der Tempel oder Schrein einfach auf dem Hausdach oder in einer Nische dazwischen oder sonstwie wieder aufgesetllt. Denn an einem heiligen Ort muss den Göttern oder Dämonen Tribut gezollt werden. Immer. Aber ob das auf dem Dach oder sonstwo passiert, das ist nicht ganz so wichtig. Ob diese Präsenz tatsächlich aus dem Übernatürlich direkt stammt und man sie deshalb empfindet, oder ob es vielleicht der Glaube ist, der sich hier in solch geballter Ladung versammelt, dass er sich auch für die eigentlich Ungläubigen als echte Empfindung manifestiert, vermag ich nicht zu sagen (wobei gegen letzteres sprechen würde, dass ich auch in altern christlichen Gotteshäusern so gut wie nie dieses „Präsenz“ empfunden habe wie in den balinesischen Tempeln...).



Aber ich schweife mal wieder ab. Sorry, das passiert mir inbesondere wenn es um Bali geht so schnell, weil es für mich halt viel mehr als eine Urlaubsinsel ist, sondern ich mich dort ein bisschen zu Hause fühle...



Auf jeden Fall sind die Tempel Balis ein ganz besonderer Ort für mich. Zu meinen liebsten Tempeln zählen dabei der Pura Goa Lawah, Goa Gajah und Pura Besakih.



Der Pura Goa Lawah ist as goth as it gets. Es handelt sich dabei nämlich um ein Heiligtum in einer Fledermaushöle. Wie tief die Höle ist, weiß niemand. Denn sie ist heilig und darf nicht betreten werden. Aber sie ist tief und dort leben tausende von Fledermäusen. Außerdem auch mindestsn zwei Riesenschlagen. Die Tiere sind auch alle heilig und werden in Ruhe gelassen, während sie fröhlich auf die Opfergaben im Eingangsbereich der Höhle kacken. Trotz dieser profane Wortwal an dieser Stelle: Hier habe ich immer wieder das Bedürfnis, mit den anwesen Hindus gemeinsam zu beten. Und Fledermäuse sind halt auch einfach cool.





Die Goa Gajah ist eine in den Stein gehauene Höhle in einer größeren Anlagen. Es gibt Becken, in denen man sich rituell waschen kann, im hinteren Bereich der Anlage geht es in den Dschungel und zu einem kleinen Wasserlauf. Gemeißelte Reliefs schmücken die Höhle und alles ist in einen starken, schweren Geruch der zahllosen Räucherstäbchen gehüllt. In der Höhle selbst gibt es mehrere Nischen, in denen – so erzählt man – manche Gläubigen über hundert Jahre lang ohne Nahrung oder Wasser meditiert haben. Ob man das genau so glaub oder nicht, bleibt jedem selbst überlassen. Aber auch ich hatt den Drang, mich in eine der Nischen zurück zu ziehen. Das habe mích mich letztendlich doch nicht so recht getraut (obwohl die Bali Hindus eigentlich auch alle anderen immer dazu einladen, an ihrer Religion teilzuhaben – egal, ob diese bestimmte Rituale und Bräuche kennen oder einfach „frei“ meditieren oder dabei sind, so lange sie sich respektvoll verhalten und die Abläufe nicht stören). Aber ich blieb eine ganze Weile in der Kühle der Höhle, schloss die Augen, lies mich von dem Duft benebeln, spürte den kalten Stein unter meinen Fingern und die Präsenz von Jahrhunderten an Glauben, Erkenntnissen und In-sich-Ruhens um mich herum. Und ich war einfach da. Ohne Wollen, ohne Streben, einfach nur im Moment sein.

Das Haselchen bei der rituellen Waschung vor der Goa Gajah (muss man nicht machen, nur der Sarong ist Pflicht) 

Wir beide vor dem Eingang 

Offergaben in der Goa Gajah 


Pura Besakih ist der „Muttertempel“ auf Bali. Es ist der heiligste und größte Temepel der Insel und liegt auf dem aktiven Vulkan Mt Agung. 2009 konnte ich ihn nicht besichtigen, aber 5 Jahre später war ich mit dem Haselchen dort. Und nach der Besichtigung saßen das Haselchen und ich noch eine ganze Weile schweigend nebeneinander im Schatten in der Tempelanlage und ließen diesen besonderen Ort auf uns wirken.







Gili Meno – Meeresschildkröten und Sterne



Von Bali aus ist es nur eine kurze Bootstour bis zu den Gili Islands. Hier ist meine liebste die mittlere Insel, Gili Meno. Ohne die Partypeople und die laute Moschee von Gili T und doch etwas besser entwickelt als Gili Air. In unter zwei Stunden kann man einmal komplett am Strand um die gesamte Insel herum gehen. Aber das ist nur halb so spannend, wie am Strand schnorcheln zu gehen. Nur wenige Meter vom Strand entfernt beginnt das Korallenriff. Man kann unter Wasser hören, wie die Korallen „singen“ (klingt wie knistern) und so miteinander kommunizieren. Bunte Fische sind überall. Mich hat ein frecher, kleine Nemo angegeriffen, als ich zu nahe an seine Annemone kam. Und, für mich das beste überhaupt, ich bin fast 2 Stunden lang mit einer Meeresschildkröte geschwommen. Und war zutiefst beeindruckt.



Ein weiterer Grund, Gili Meno zu lieben, waren für mich die Sterne. Eine halbe Nacht habe ich am Strand verbracht. Auf einer Liege. Und einfach den Wellen gelauscht und in die Himmel gesehen. In dieses endlose Schwarz und zu den abermillionen von Sternen.



Oh, und die Katzen! Es gab nicht einen einzigen Hund auf der Insel, aber viele, viele Katzen. Überall.



Auf den Gili Islands gibt es keine Autos 

Dafür viele Katzen 

Und das Meer 




Wald – ein Luxus in Shanghai



Wir wünschen uns immer das, was wir nicht haben können. Traurig, aber wahr. Und so sehne ich mich seit ich in Shanghai lebe immer öfter nach Wald. Am Rande des Odenwalds aufgewachsen gehörte es früher für mich ganz selbstverständlich dazu, stundenlang auf Pfaden unter Bäumen wandern zu gehen (und ich fand es auch als Jugendliche gehörig uncool). Und so spannend der Großstadtdschungel sein kann – so wenig hat er doch mit einem echten Wald gemein. Daher vermisse ich es hier sehr, nichts als grüne Bäume um mich zu haben. Keine – oder wenigstens kaum – andere Menschen (Menschen sind nicht so meins...) um mich herum. Keine Autos hupen, sondern Vögel zwitschern und Blätter rauschen. Käfer krabbeln (und in einem deutschen Wald ja auch alle soweit ungiftig, wenn man mal von Zecken mit ihrer Borreolose und FSME absieht), Schnecken wuseln herum, mit ein bisschen Glück sieht man einen Hasen auf einer Lichtung oder ein Reh. Seit ich das alles nicht mehr haben kann, merke ich erst, wie entspannend und schön das ist.


Burgruinen und Bäume gibt es im Odenwald viele 

Auf einem Trimmdichpfad abhängen 

Meister Lampe im Feld 

Wir haben sie nicht gegessen, weil Fuchsbandwurm, aber *hach*


Sogar Nacktschnecken kann man vermissen




Unter der Decke – egal, wo



Für meinen letzten Lieblingsort auf der Liste brauche ich kein Flugzeug und kein Boot und muss nicht einmal das Haus verlassen. Ich liebe es, unter einer Decke zu stecken. Ganz egal, wo. Am liebsten natürlich zu Hause im Bett. Aber sogar das Sofa mitten im Büro ist mir recht, so lange ich Pause habe und mich die Welt um mich herum in Ruhe lässt. Sogar auf einer Party haben meine beste Freundin und ich uns schon gemeinsam eine Decke über den Kopf gezogen und dann darunter gesessen, geredet und gekichert als wären wir alleine. Denn wir waren ja unter unserer Decke, in unserer eigenen kleine Höhle. Ich mag es einfach, mir eine Decke über den Kopf zu ziehen und den Rest der Welt draußen zu lassen. Im übertragenen genauso wie im wortwörtlichen Sinn.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen