Samstag, 23. Juli 2016

Vom Durchschlafen

“Und, schläft er denn schon durch?”. Die Frage haben mir viele Kollegen gestellt, als ich wieder ins Büro kam und mein Baby ein halbes Jahr alt war. „Nein.“ War dann immer so die Quintessenz meiner Antwort, worauf die Reaktionen recht unterschiedlich waren.

 

 

Die Sorgenvollen

 

Der gerade selbst frischgebackene Papa  meinte – vielleicht ein wenig ängstlich ob dem, was ihm da noch so blühte? – er habe gehört, mit etwa 6 Monaten könnten die Babies das doch.

 

Ähnliches kam von der schwangeren Kollegin oder der mit dem 4 Monate alten Säugling.

 

Ja, theoretisch stimmt das ja schon. Dann ist normalerweise der Magen mit einem halben Jahr in etwa groß genug, damit ein Baby ausreichend trinken oder vielleicht sogar schon essen kann, um damit dann die Nacht über auszukommen. Aaaaber nur weil etwas theoretisch möglich ist, heißt das ja noch lange nicht, dass es auch praktisch so sein muss. Und außerdem hat das mit dem Schlafen bzw. durchschlafen können ja auch mit der Hinentwicklung zu tun, die nun einmal ganz individuell abläuft. Sonst würde ja kein einziger Erwachsener mitten in der Nacht aufwachen. Tun wir aber ja doch. Die einen öfter, die anderen seltener. Und ein Baby ist halt genauso ein Individuum, wie ein Erwachsener auch.

 

Ich gab ihnen auch noch die gute Nachricht mit, dass es besser wird und IRGENDWANN jedes Kind durchschläft. Und dass er oder sie sich von der Schwiegermutter da nicht verunsichern lassen soll.

 

 

Die Mitfühlenden

 

Die Kinderlosen nahmes es einfach so hin oder erkundigten sich, ob ich denn dann nicht immer sehr müde sei.

 

Die Mütter mit etwa gleichalten Babies seufzten solidarisch.

 

Woraufhin ich dann immer – ganz besondere mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass in China so oft Milchpulver gefüttert wird (und welche Ammenmärchen hier so noch in den Köpfen stecken) – ein wenig ausgeholt habe. Denn: Mir macht es grundsätzlch gar nicht so viel aus, dass der kleine Rabe nicht durchschläft. Wir stillen nachts nämlich. Ganz einfach und unkompliziert. Brust aus, Baby dran. Und wenn man keine Großbeleuchtung einschalten, in die Küche rennen, ein Fläschchen auf die richtige Temperatur bekommen, dass das verfüttern, dabei vielleicht noch kleckern und dann alles wieder wegräumen muss, dann ist so eine nächtliche Unterbrechung auch halb so wild. Noch dazu schlafen wir in einem Bett, wo ich ihn trotzdem nicht erdrücke oder im Schlaf über ihn rolle. Damit bedient er sich nachts sogar manchmal selbst und ich werde nicht einmal richtig wach. Alles halb so wild.

 

Ich erzählte das alles natürlich nicht, um mich selbst als super duper Übermutter zu profilieren. Sondern um den jungen Mädels und Mamas, die hier in China diesbezüglich nicht sonderlich viel Info oder Untertützung bekommen, zu zeigen: Hey, schau mal. So kann es auch laufen. Stillen ist kein Hexenwerk und Co-Sleeping ist es ebensowenig. Und wenn du stillst und bei deinem Baby schläfst, ist das für dein Baby UND für dich vielleicht einfach entspannter und schön. Du musst es nicht auf Teufel komm raus, und wenn es nicht so funktioniert, dann ist das halt so, aber du kannst es ja einfach mal versuchen...

 

 

Die Entspannten

 

Und die meisten Eltern mit Kindern jenseits der 6 Monate erzählten, wann in etwa ihre Kleinen durchgeschlafen hatten. Was bei einer Glücklichen bereits mit 4 Monaten war. Und bei einer anderen Kollegin gerade in der Vorwoche, kurz nach dem 2. Geburtstag ihrer Tochter, der Fall gewesen war.

 

Die Grundaussage der Entspannten war immer: Ach, keine Sorge, irgendwann schlafen sie durch. Worauf ich dann grinste und nickte. Soviel weiß ich ja auch. Ich selbst habe damals ganze 3 Jahre gebracuht, mein Bruder genauso. Aber irgendwann schläft jedes Kind durch. Oder schafft es zumindest, sich dann in der Nacht wieder selbst zu regulieren und alleine einzuschlafen. Ich kenne zumindest niemanden, der als Teenager noch nachts von Mama in den Schlaf gestillt oder getragen werden musste... ;-)

 

 

Die Schlaftrainer

 

Und manch einer fragte, ob wir das Schlafen nicht trainieren würden. Die Schwiegermutter habe erzählt, man solle die Kleinen einfach schreien lassen und dann würden sie das lernen.

 

Das war dann immer der Moment, wo ich mich ein kleines bisschen zurückhalten musste, um die Schwiegermütter meiner Kollegen nicht zu beleidigen. Aber mit leicht erhöhtem Puls fasste ich dann kurz zusammen, dass schreien lassen Stress für das Kind beeutet und nicht gut ist (auch, wenn es wissenschaftlich nicht 100% gesichert ist, packte ich dann auch das Argument mit den Stresshormone und der Hirnentwicklung aus). Und dass ein so kleines Baby doch aus verschiedenen Gründen aufwachen könnte, beispielsweise wegen Bauchweh oder einem Alptraum oder Hunger oder Durst und dass es doch einfach keine andere Möglichkeit hätte, das zu äußern. Und man würde doch selbst auch nicht gerne hilflos, durstig nach einem Alptraum im Bett liegen, unfähig, selbst aufzustehen, um Hilfe rufen und niemand käme. Und dass die ganzen Geschichten von wegen die Babies würden das nur tun, um die Eltern zu „ärgern“ totaler Schwachsinn sind, weil ein so kleines Baby gar nicht in der Lage ist, soweit zu denken, sich in andere hinein zu versetzen und so gemein zu sein. Und riet, beim nächsten Mal einfach die Schwiegermutter zu ignorieren.

 

Auch hier war meine Absicht nicht, den Moralapostel zu spielen oder mich als Heldin aufzuspielen. Aber wer halt immer nur hört, dass „man“ das so zu machen hat und niemals auch nur auf die Idee gebracht wird, dass es auch anders geht, der lässt seine Kinder dann später mit 6 Monaten durchschreien, bis sie durchschlafen. Und der Gedanke daran tut mir in der Seele weh. Und wenn ich auch nur bei einer einzigen Kollegin dazu beitragen konnte, dass sie später ihr Kind nicht hilflos schreien lässt, dann bin ich gerne die nervige Trulla, die sich in Sachen einmischt, die sie nichts angehen.

 

 

Und schläft er denn jetzt durch?

Nö. Der kleine Rabe ist auch mit einem Jahr noch weit vom Durchschlafen entfernt. Manche Nächte sind besser, manche sind härter. Manchmal wacht er nur ein oder zweimal auf und sucht kurz nach der Brust, um dann wieder ein paar Stunden zu schlafen. Und manchmal schäft er sehr unruhig, weckt mich alle ein bis zwei Stunden auf, will ununterbrochen nuckeln und tritt mich dabei ständig. Aber glücklicherweise ist letzteres die Ausnahme. Und so lange das so ist, soll es mir recht sein.

 

Ich sehe keine Notwendigkeit, mit ihm Schlafen zu üben. Das kann er schon. Und ich wache doch auch immer mal wieder auf. Das Haselchen ist regelmäßig nachts von 4:00 bis 5:00 oder gar 6:00 Uhr morgens wach. Und irgendwann wird der kleine Rabe mich nicht mehr brauchen, um zurück in den Schlaf zu finden. Irgendwann, wenn er es einfach kann, weil er dann soweit ist. Noch braucht er ja auch meine Hände, um sich daran festzuhalten, damit er stehen kann. Und ich käme doch auch nicht auf die Idee, ihm die wegzunehmen und zuzusehen, wie er sich volle Lotte auf die Nase legt, damit er das lernt und dann gefälligst auch ohne Hilfe stehen kann.

 

Und auch das nächtliche Stillen oder Nuckeln will ich ihm nicht bewusst abgewöhnen. Ich finde nämlich, dass wir sowieso schon nicht genug Zeit miteinder haben. Und ich merke ganz oft, dass er besonders dann lange und ausdauernd nuckeln will, wenn ich viel gearbeitet habe. Er muss also noch seine Portion Mama tanken. Und da das tagsüber halt meist nicht geht, holt er es in der Nacht nach. Und wenn ich dabei doch mal richtig wach werde, dann stecke ich meine Nase in seine Haare oder streiche ihm über den Kopf und denke daran, dass er schon so bald so groß sein wird und die Zeit, die wir jetzt so innig miteinander haben, etwas ganz Besonderes ist.

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