Montag, 22. August 2016

Shanghai Alltag: Lärm

Das Leben in der Stadt ist laut. Klar, das wundert nicht. Aber das Leben hier in Shanghai ist, so glaube ich, nochmal eine Spur lauter, als es in einer vergleichbar großen Stadt anderswo auf der Welt wäre. Das liegt hauptsächlich an den Menschen, die den Lärm verursachen. Aber hier hat man echt kaum einmal eine Minute Ruhe. Richtig bewusst geworden ist mir das bei meinen Eltern zu Hause, als ich im Garten saß und NICHTS hörte bis auf ein paar Vögelchen und das Rauschen des Windes in den Blättern. Das kommt hier nicht vor. Nie. Selbst nachts um drei donnern die LKW durch die Straße oder irgendwer brüllt wie bescheuert in sein Handy...

Verkehr

Einer der Hauptverursacher von Lärm in Shanghai ist der Verkehr. Das liegt zum einem großen Teil an der schieren Anzahl an Autos und Mofas und Rollern und Fahrrädern und LKW, die hier 24 Stunden täglich unterwegs sind. Klar, die sind laut. Aber es liegt auch ein bisschen daran, dass die Chinesen gerne hupen. Beispielsweise wenn ein Auto an der roten Ampel steht und gerade aus fahren will und der Hintermann gerne rechts abbiegen möchte (was er auch bei rot dürfte), hupt der Hintermann einfach mal die ganze Rotphase durch. Ob er versucht, den Vordermann dazu zu bringen, sich in Luft aufzulösen oder selbst abzubiegen oder ob er sich einfach nur ärgert und dem Luft machen will – keine Ahnung, mir erschließt sich diese Logik ja nicht... Manche Mofas hupen einfach alle par Sekunden, egal wo sie sind und was sie tun, um nicht übersehen zu werden. Oder weil es Spaß macht. Keine Ahnung. Außerdem hupt man beim Überholen, beim Einfahren in eine Kreuzung, beim Herauskommen aus einer Ausfahrt, einfach so an der roten Ampel, im Stau, vor einem Zebrastreifen, beim Einfahren in eine Einfahrt, wenn einem danach ist... Also es wird viel gehupt.

Und wenn das in der Straße nicht schon genug wäre, wohnen wir am Fluss. Und manche Kapitäne scheinen Spaß mit dem Schiffshorn zu haben. Es gibt hier zum Beispiel ein Boot, dass regelmäßig an unserem Haus vorbei fährt und dabei DURCHGÄNGIG auf einer Strecke von mehreren Kilometern alle paar Sekunden das Horn betätigt. IMMER. Selbst, wenn auf dem ganzen Fluss weit und breit nicht ein einziges anderes Schiff zu sehen ist. Einfach so. Gerne auch mal um Mitternacht. Heute ist es nur noch nervig, sehr geärgert hat es mich, als der kleine Rabe eine Phase hatte, in der die Schiffshörner ihm Angst gemacht haben und er jedes Mal zu weinen anfing, wenn man ihn nicht ganz schnell auf den Arm nahm. Heute findet er es spannend und wird dann immer ganz hibbelig, wenn er gerade wach ist. Auch doof, aber wenigstens weint er nicht mehr deswegen.

Und dann ist da halt auch noch das Ding mit den Baustellen. Shanghai wächst und ändert sich in einem atemberaubenden Tempo. Dementsprechend wir immer irgendwo gebaut. Derzeit halt direkt bei uns vor der Tür. Die Hauptstraße „vorne“ wird komplett überarbeitet (und Tunnel darunter gebaut für Autos und die Metro) und der ganze Bereich zum Fluss hin wird ebenfalls bebaut und verändert. Da war bis jetzt nix und nun sollen da Compounds und Einkaufszentren und Parkanlagen hin. Das ist ja alles ganz ok, aber es geht halt auch mit viel Lärm und vielen LKW einher. Und hier wird 24 Stunden täglich an den Baustellen gearbeitet und vor allem nachts fahren die großen LKW den Schutt oder die Erde herum, weil dann kein Verkehr ist.

Menschen

Die Chinesen sind laut. Mag man vielleicht bei dem klischeehaften Bild einer zurückhaltenden Asiatin nicht gleich denken. Aber die Leute sind laut! Und das ist meistens tatsächlich kulturell bedingt.

Insbesondere Männer mit geringerem Bildungsstand sprechen in einer Lautstärke, dass einem fast die Ohren wegfliegen. Warum? Ganz einfach: Weil leise sprechen als ein Zeichen von mangelndem Selbstbewusstsein gilt. Klar, wer kaum hörbar vor sich hin säuselt wird gegebenenfalls überhört. Aber wir reden hier nicht von einer normalen Gesprächslautstärke, sondern echt von Gebrüll, das manchmal schon arg an der Schmerzgrenze kratzt. Direkt neben einem im Aufzug, zum Beispiel.

Aber auch sonst machen die Leute viel mehr Krach, als ich es aus Deutschland gewohnt bin. Kinder, beispielsweise, werden dauernd und penetrant übertönt und beschallt. Baby weint? Ganz laut plappern und singen und Geräusche machen! Wenn man es nicht hören kann, dann weint es auch nicht wirklich, oder so. Oh, ein niedliches Kleinkind! Sofort Bawawawalalalala schmatz schnalz schnalz dududud - sobald das Kind woanders hinschaut, hat man verloren. Wenn also zwei Tanten Aufmerksamkeit wollen, müssen sie sich gegenseitig übertönen...

Und dann sind da auch noch die anderen Geräusche, die Menschen so machen. Schlurfen, zum Beispiel. Oder Schmatzen, Rülpsen und Rotzen. Der menschliche Körper ist ein Quell schier unermesslicher Geräuschkulissen. Und das wird ausgelebt. Was raus muss, muss raus und so...

Und dann gibt es auch noch zu allem Überfluss Geräte, die Krach machen können. Kinderspielzeug, zum einen. Das ist hier grundsätzlich mit Lautsprechern ausgestattet, die einen absolut infernalischen Lärm machen. Der kleine Rabe zum Beispiel hat ein Polizeiauto, das war so derart laut und nervtötend, dass das Haselchen die Lautsprecher kaputt machen musste. Und am Lenkrad des Rutscheuatos waren die Batterien genau 4 Stunden drin, bevor wir sie - voraussichtlich für immer – wie ausgebaut haben. Und was dem Kind sein Seifenblasen-schießender-Krach-Delfin, das dem Erwachsenen sein Smartphone. Videos schaut man hier grundsätzlich auf dem Handy ohne Kopfhörer. Auch in der Metro, zum Beispiel. Lauter drumherum, weil Menschen rumbrüllen reden, telefonieren, schmatzen, selbst Videos schauen,...? Kein Problem, macht man einfach sein Handy lauter! Und was dem Erwachsenen bis zum mittleren Alter das Handy, dass dem Chinesischen Rentner dann das Radio. Wie so ein 90er Gang Kid haben sie dann ihre Radios in verschiedenen Größen dabei und beschallen die Umwelt mit Vorliebe mit Bejing Opera. Dat Zeuch klingt, als würden da Katzen am Schwanz gezogen! Ich weiß, es ist Kultur und Kunst und so, aber ich kann mich mit dem Gejaule wirklich nicht anfreunden. Also echt nicht. Und wenn sie nicht alleine Musik hören wollen (und weiblich sind), dann stellen sie einen großen Ghettoblaster auf und lassen schrecklichsten Dudel-Pop dudeln und tanzen dann in der Gruppe dazu. Ich muss das echt nochmal filmen und mit „Zombienation“ unterlegen, bevor wir hier wegziehen... XD

Bauen und Renovieren

Wie gesagt, gebaut wird immer und das 24/7. Und sobald das Gebäude dann steht ist Ruhe? Neihein! Weit gefehlt. Denn dann wird im etwa jährlichen Turnus renoviert. Wie oder warum das so ist, weiß ich nicht, aber scheinbar wird dann jeder Streifen Tapete eben einmal im Jahr von der Wand geholt. Mit der Schlagbohrmaschine.

Ehrlich, sowas habt ihr noch nicht erlebt. Also nicht, wenn ihr noch nie in China gelebt habt. Ich weiß wirklich nicht, wofür man so oft und so lange und so viel bohren muss. Herrje, ich habe mehrer Jahre meines Lebens überhaupt keine Bohrmaschine besessen und wir haben jetzt zwar eine, aber die in den 5 Jahren, die wir hier leben, genau 3 Mal eingesetzt. Und das dann jeweils für ein paar Minuten und dann war’s das auch. Und einmal wurde von Profis gebohrt, um den neuen Boiler einzubauen. Was auch binnen unter einer Stunde getan war. Hier wird trotzdem über Wochen hinweg immer und immer wieder gebohrt. Und sobald eine Wohnung dann fertig ist und von da Ruhe herrscht, fängt ein anderer Nachbar seine Renovierungsarbeiten an. Und so läuft das jedes verdammte Jahr. Seit 5 Jahren. Ab etwa März bis etwa Oktober, also so lange es warm ist. Und die ganz großen Helden fangen damit auch gerne mal abends um 22:00 – 23:00 Uhr an. Und hören dann ganz schnell wieder auf, bevor die Nachbar herausgefunden haben, wo es herkam, und sich beschweren.

Gesetzliche Ruhezeiten

Aber wenigstens gibt es gesetzlich geregelte Ruhezeiten, ne? Ja, gibt es. Glücklicherweise. Also die regeln so das ganz Grobe. Wann die Straße NICHT komplett mit dem Presslufthammer aufgerissen werden darf oder wann der Nachbar eben nicht die Wand Zentimeter um Zentimeter mit der Bohrmaschinen einreißen darf. Diesbezüglich „Ruhe“ gehalten werden muss von 20 Uhr bis 8 Uhr morgens. Und sonntags und feiertags. Ansonsten darf ungehindert 12 Stunden am Stück, 6 Tage die Woche durchgebohrt werden. Was auch fleißig genutzt wird. Und schlaucht. Zum Beispiel wenn wochenlang die Luft richtig mies ist und man nicht raus kann und dann drei Nachbarn auf einmal renovieren und man zwischen den Wänden hockt, die fleißig vibrieren und brummen. Und das 12 Stunden am Tag. Jeden Tag. Und manchmal noch ein bisschen mehr. Da wirste bekloppt bei!

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