Montag, 8. August 2016

Warum mein Kind mich nicht nervt

Oft sind Mütter (und auch Väter, for that matter) von Ihren Kindern genervt. Sie wollen ihre Ruhe haben, es soll sich mal jemand anderes um den Nachwuchs kümmern, sie brauchen Zeit für sich. Und so verständlich ich das auch alles finde*, so fremd ist es mir**.

 

Wenn der kleine Rabe mich morgens früh aufweckt, dann will ich Kaffee. Aber er nervt mich nicht. Viel mehr bekomme ich sofort gute Laune, weil einfach niemand so süß „Kaka“ sagen kann, wie er. Und wenn er dann auch noch vor Begeisterung fast ausflippt, weil der Kater aufs Bett gesprungen kommt, dann ist das einfach ansteckend.

 

Wenn er kleine Rabe beim Frühstück alles auf den Boden schmeißt, das er in die Finger bekommt, und versucht, mit einem Stäbchen oder Fächer oder sonstwas auch meine Kaffeetasse vom Tisch zu fegen, dann stöhne ich theatralisch beim Aufheben, kichere und stelle meine Tasse weiter weg. Aber er nervt mich nicht. Viel mehr mache ich mir einen Spaß daraus, beispielsweise Sachen doch noch in der Luft zu fangen und zu beobachen, wie er schon – in Erwartung eines Knalls – die Aufgen zusammenkneift und dann ganz verdattert guckt, wenn doch nichts passiert.

 

Wenn der kleine Rabe beim Spielen irgendwas entdeckt, das er unbedingt haben will, aber nicht darf (beispielsweise Papas E-Zigarette, ein Messer, eine Schere etc.) und deshalb nicht dran kommt und und pissig wird, also quäkt und motzt, dann erkläre ich ihm, was das ist und warum er damit nicht spielen darf, lege es aus seinem Blickfeld und lenke ihn mit etwas anderem ab. Aber er nervt mich nicht. Viel mehr bin ich fasziniert, dass er trotzdem noch trotzig auf den jeweiligen Schrank, die Schublade etc. zeigt, weil er weiß, dass da das Teil drin ist, das er haben will. Und ich freue mich, dass ich ihn dabei begleiten darf, die Welt der Dinge und Gefühle zu entdecken.

 

Wenn der kleine Rabe mir beim Stillen die Finger in die Augen sticht und mich in der Nase mit seinen kleinen, scharfen Fingernägel kratzt, dann mache ich die Augen zu, drehe gegebenenfalls den Kopf weg und schnappe im Spiel einfach nach seinen Fingern, weil meine Zähne etwas weniger schmerzempfindlich sind als meine Nasenscheidewand. Aber er nervt mich nicht. Viel mehr genieße ich es, wenn er vorsichtig mit meinen Wimpern spielt oder interessiert über meine Augenbrauen streicht. Und ich ginse jedes Mal wieder über die GoT-Referenz, wenn er mir mit beiden Daumen auf die Augen drückt.

 

Wenn der kleine Rabe sein Nickerchen nicht halten kann, ohne dass ich bei ihm liege und er ununterbrochen nuckeln will, dann halte ich auch ein Schläfchen oder dödel auf meinem Handy herum oder genieße unsere Nähe. Aber er nervt mich nicht. Viel mehr genieße ich die Ruhe für mich und die gemeinsame Zeit.

 

Wenn der kleine Rabe beim Mittagessen kaum Hunger hat und statt mich essen zu lassen meckert und auf meinen Arm will, dann esse ich schnell mit einer Hand und lenke ihn mit einem Spielzeug ab. Aber er nervt mich nicht. Viel mehr fühle ich mich geehrt und glücklich, dass er mich lieb hat und zu mir will.

 

Wenn der kleine Rabe nölig und knötterig wird, weil er gelangweilt ist, dann nehme ihn auf den Arm, hopse mit ihm durch die Wohnung, kitzle ihn durch oder sonstwas. Aber er nervt mich nicht. Wie könnte sein Wunsch nach Aufmerksamkeit mich denn nerven?! Er will mit mir interagieren und ich freue mich darüber.

 

Wenn der kleine Rabe sein Abendesen zermatscht, ausspuckt, dann doch wieder in den Mund steckt und sich in die Haare schmiert, dann lache ich mit ihm über die lustigen Geräusche und Formen und Farben, bade ihn hinterher und schmeiße die Klamotten in die Waschmaschine. Aber er nervt mich nicht. Viel mehr freue ich mich, dass er Essen mit wirklich allen Sinnen erfährt und genießt. Und, mal unter uns, ich esse auch gerne mit den Fingern! ;-)

 

Wenn der kleine Rabe bis nach 21:00 Uhr wach ist und ich mit dem Abendessen warten muss oder nur noch ein paar Minuten Zeit am Abend alleine mit dem Haselchen habe, dann ist das halt einfach mal so und ich bleibe bei ihm liegen, stille und kuschle ihn und singe ihm sein Schlaflied vor, bis er eingeschlafen ist. Aber er nervt mich nicht. Er wird das mit dem selbst und alleine Einschlafen irgendwann einach können und dann haben das Haselchen und ich ganz viel Zeit füreinander. Und bis dahin habe ich ganz viel Zeit am Abend für und mit meinem Kind.

 

Wenn der kleine Rabe nachts unruhig schläft, dauernd nuckeln oder stillen will und mich dabei tritt, dann schlafe ich halt schlecht, lasse ihn nuckeln oder stillen und nehme mir vielleicht am nächsten Morgen ein paar Stunden frei, um länger mit ihm liegen bleiben zu können, wenn ich zu kaputt bin. Aber er nervt mich nicht. Selbst dann nicht, wenn ich meine Tage bekomme und jeder Tritt in den Bauch so unangenehm ist wie in der frühen Schwangerschaft. Ich genieße diese Nächte nicht. Aber sie sind halt einfach so und er kann doch auch nichts dafür, dass er vielleicht einen Zahn bekommt, ihm ein Pups quer steckt oder er schlecht träumt. Viel mehr habe ich Mitleid mit ihm – und leide halt auch wirklich ein bisschen mit ihm. Aber ich bin glücklich über unsere Nähe und (Ver-) Bindung zueinander.

 

 

Etwas, das mich nervt, wünsche ich mir in diesem Moment weg. So wie Regen, andere Leute um mich, schlechte Musik im Radio, Stau, Kopfschmerzen oder auch so manche Verhaltensweise oder Angewohnheit meines Mannes, weil er es nämlich auch besser wissen müsste. Aber mein Kind? Nein, das kann mich nicht nerven. Nicht eine einzige Sekunde lang. Denn nicht für den Bruchteil einer Sekunde würde ich ihn weg wünschen. Und nichts was er tut, das mich stören könnte, ist wirklich schlimm oder beabsichtigt oder er müsste es besser wissen. Er ist einfach perfekt so, wie er ist. Und wenn er etwas besser wissen müsste, dann ist es meine Aufgabe, es ihm zu erklären, zu zeigen, erleben und verstehen zu lassen, sodass er es auch wirklich besser wissen kann. Meine Aufgabe ist nicht, davon genervt zu sein, dass er etwas, das er nicht wissen oder verstehen kann nicht weiß oder nicht versteht. Er ist kein kleiner Erwachsener, sondern ein Kleinkind.

 

Jede Minute, die ich mit meinem Kind verbringen darf, ist ein Geschenk. Nichts auf dieser Welt hat mich jemals so glücklich, so stolz und so erfüllt gemacht, wie dieser kleine Mensch. Ich liebe ihn mit meinem ganzen Herzen und meiner ganzen Seele. Viel mehr und ganz anders, als ich es jemals für möglich gehalten hätte. Und bald ist er groß. Es wird mir wie ein Augenblick vorkommen, bis er eingeschult wird, Schulabschluss feiert, auszieht und eine eigene Familie gründet. Von dem Moment seiner Geburt an wurde und wird er immer mehr und mehr unabhängig von mir. Das ist toll. Aber es ist auch ein bisschen traurig. Auf dem langen Lebensweg, den er hoffentlich vor sich hat, darf ich ihn nur ein kleines Stück wirklich intensiv begleiten. Und von dieser kurzen Zeit will ich jeden so vergänglichen Moment auskosten und genießen. Nein, mein Kind kann mich nicht nerven.

 

 

 

*hier noch einmal ganz deutlich: Ich kann es wirklich verstehen. Denn jeder Mensch ist anders, jedes Kind ist anders und ich vermute, ich würde das auch alles ein wenig anders empfinden, wenn ich zu Hause wäre und nicht arbeiten gehen müsste und daher meine zeit mit dem kleinen Raben nicht ohnehin schon so schmerzlich stark begrnzt wäre. Und es wird sich wohl auch nochmal änden, wenn der Kleine größer wird, richtige Wutanfälle hat, die Wände mit meinem besten Lippenstift anmalt oder sonstwas. Und allerspätestens dann in der Pubertät sowieso...

 

** Ok, bis auf die Zeit für sich, die brauche ich, um meine Haare in Ruhe zu waschen (die sind ziemlich lang und pflegebedürftig). Aber das ist so etwa eine Stunde pro Woche.

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