Dienstag, 18. Oktober 2016

Shanghai Alltag: Laowei

Wie ihr vielleicht gemerkt habt, bezeichne ich uns selbst hier immer mal wieder als Laoweis. Wer schon mal in China gelebt hat weiß, was das heißt. Für alle anderen will ich es mal ein bisschen erklären:

 

Die Übersetzung

Laowei ist, oh Wunder, Chinesisch. Und heißt übersetzt wortwörtlich sowas wie „alter Außenseiter“. Dazu muss man jetzt wissen, dass alt sein her nicht negativ belegt ist, sondern mit Respekt und Wertschätzung einher geht. Also für eine Gesellschaft, in der Beziehung das absolute A und O ist, ist Laowei eigentlich ein Oxymoron. Denn es steht für einen „wertgeschätzten Außenseiter“.

 

Die Verwendung

Verwendet wird es für Ausländer. Überwiegend für Westerners. Beispielsweise ein Koreaner wäre wohl weniger Laowei, als ein Europäer. Und ein Schwarzer würde wohl auch eher nur bedingt so genannt werden, weil vielen da dann die Wertschätzung fehlt. Ja, Rassismus ist in China ein riesiges Problem. Muss ich auch mal gesondert drüber schreiben. Wobei, auch Laowei hat eine rassistische Note...

Es ist nämlich mit diesem Wort hier so ähnlich wie mit den Gringos, wenn man Spanisch spricht. Je nach Situation und Umständen, je nach Intention des Sprechenden und nach Empfindung des Hörenden, kann Laowei mal größte Wertschätzung ausdrücken (der gebildete, gesittete Laowei in Kontrast zum kulturlosen chinesischen Landbewohner), Verständnis (wenn ein Laowei gesellschaftliche Normen halt nicht kennen kann), ein Sich-drüber-lustig-machen (haha, schau mal wie lustig der Laowei versucht, mit Stäbchen zu essen) oder blanke Verachtung (die sollen dahin gehen, wo sie hergekommen sind). Oder alles dazwischen. Auch gemischt.

Also es ist nicht leicht, diesen Begriff zu fassen.

In unserem Fall verwenden wir es meist irgendwie witzig / ironisch. Beispielsweise hieß mein letztes Team auf der Arbeit „Laowei Team“, weil wir nur Ausländer waren. Oder wir „berufen“ uns auf diesen Status, wenn wir irgend etwas nicht auf die Reihe kriegen. Oder Werbeanrufe nerven.

 

Ewige Außenseiter

Ja, manchmal ist es ganz cool, wenn man als Laowei eine Extrawurst bekommt und Servicepersonal sofort hüpft. Oder niedlich, wenn kleine Kinder einem freudig winken und versuchen, Englisch mit einem zu sprechen.

 

Manchmal ist es ein wenig nervig, wenn man als Außenseiter betrachtet wird und damit beispielsweise übers Ohr gehauen werden kann, ohne dass das gesellschaftlich geächtet wäre. Deutlich spürbar ist das bei den Preisen, zum Beispiel. Unsere Dusche ist kaputt - Handwerker kommt und verlangt 1000 RMB. Eine Chinesische Kollegin fragt „ihren“ Handwerker für den genau gleich Fall, was sowas kostet und bekommt gesagt 300-500 RMB. Gut, ne? Und so geht es bei viele, vielen Sachen. Weil wir Laoweis sind. Weil wir Außenseiter sind und nicht dazu gehören. Und das werden wir auch nie. Ganz egal, wie lange wir hier leben, ob wir mal perfekt Chinesisch sprechen, alles wurscht. Wir haben runde, grüne Augen, helle Haare und eine lange Nase. Damit sind wir immer Außenseiter. Laowei for life. Aber nicht mehr lange...

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