Sonntag, 16. Oktober 2016

Wie die Mutterschaft mich verändert hat

Die liebe Frida vom 2KindChaos hat zur Blogparade aufgerufen. Und wenn auch etwas spät, will ich mich trotzdem mit einreihen. Denn die Frage gefällt mir: Wie habe ich mich als Mutter verändert?

 

Dass so ein kleines Wesen, das erste eigene Kind, unser Leben ziemlich durchwirbeln würde, das war uns ja von Anfang an klar. Aber dass auch ich selbst mich dabei ziemlich ändern würde, damit hatte ich nicht in diesem Ausmaß gerechnet. Klar, ich bin immer noch ich. Ich trage noch immer (fast) ausschließlich schwarz. Meine Haare sind an einer Seite glatt rasiert, an der anderen lang und immer in verschiedenen, knallig bunten Farben gefärbt. Ich mag den Geruch von Patchouli. Ich mag und habe Tattoos und plane noch immer mindestens eine full sleeve. Ich höre noch immer die gleiche Musik, die querbeet durch den musikalischen Garten der Nachtschattengewächse geht. Ich schaue noch immer gerne Horrorfilme. Ich trinke noch immer gerne Wein und esse Käse, liebe chinesisches Essen und gehe gerne Spazieren. Ich trinke gerne Kaffee, schlafe gerne lang und schlurfe wenn ich frei habe am liebsten im Schlafanzug durch die Wohnung. Ich habe noch immer tierisch Angst vor Spiegeln im Dunkeln, finde Puppen bei Nacht gruselig, präferiere Katzen, telefoniere nicht gerne, pople in der Nase, bin oft nah am Wasser gebaut. Ich weigere mich, erwachsen zu werden, Verantwortung zu tragen finde ich erschreckend und ich bin ein Flausenkopf. Ich bin immer noch ich. Aber zeitgleich habe ich mich entwickelt.

 

Ich habe Angst

 

Unglaublich viele Dinge, die ich früher erfolgreich verdrängt habe, machen  mir heute viel mehr Angst. Ich habe viel Angst um die Zukunft dieser Welt. Schließlich ist es die Welt, in die ich mein Kind gesetzt habe und in der er eines Tages selbstständig wird leben müssen. Und ich weiß, dass ich ihn beispielsweise im Falle eines Weltkriegs nur bedingt würde schützen können. Ich kann ihn nicht vor Naturkatastrophen schützen. Nur sehr bedingt vor der Gesellschaft, Krankheit, Verkehrsunfällen. Es gibt viele Dinge, denen der einzelne Mensch ziemlich hilflos ausgeliefert ist. Und das macht mir große Angst. Zudem habe ich, seit er ganz klein war, immer wieder ganz komische, plötzliche Ängste. Wie dass ich ihn in der Küche auf dem Arm habe, ungeschickt stolpere und er aus dem Fenster im 20. Stock fällt. Oder dass er auf dem Boden sitzt und spielt, das Haselchen geht vorbei, fällt plötzlich hin und landet auf dem Kleinen und zerquetscht ihn. Sowas in der Art. Komplett irrational, aber sehr beängstigend, weil halt auch nicht 100% unmöglich...

 

Ich habe Heimweh

 

Noch mehr als ohnehin schon habe ich seit der Schwangerschaft mit dem kleinen Raben gemerkt, wie verdammt gut es einem in Deutschland geht. Das Gesundheitssystem, wenn auch nicht perfekt, ist verdammt gut. Lebensmittel sind, trotz aller Skandale (die sich neben dem, was man hier so findet, als Lappalien ausnehmen) sicher. Die Luft ist sauber, es kommt Trinkwasser aus der Leitung. Es gibt öffentliche Spielplätze, bezahlbare Kindergärten (kurz gefasst: wenn man hier nicht will, dass das Kind geschlagen wird, wenn es mit 2 Jahren im Unterricht, der dann bereits rigoros stattfindet, nicht stillsitzen kann, muss man mit ab 2000 EUR pro Monat rechnen). Es gibt Kindergeld, for god’s sake! Und Arbeitslosengeld, wenn man seinen Job verliert. Als Arbeitnehmer in Vollzeit hat man 20 Tage Urlaub (ich habe hier 15 und damit Glück – gesetzliche vorgeschrieben sind 5) und kann sich bis zu 10 Tage pro Jahr frei nehmen, wenn das Kind krank ist. Aber nicht nur wegen diesen harten Fakten vermisse ich Deutschland. Ich vermisse das Essen meiner Kindheit, ich vermisse die Freizeitaktivitäten wie Schwimmbad, Zoo, Jahrmarkt, Pfarrfest, Kerb, Kinderdisko. Ich vermisse Straßenmalkreide und Brausepulver, ich vermisse Radhelme für Kinder und Laugenbrezeln. Ich vermisse Schaukeln und Sandkästen. Ich vermisse normale Supermärkte und Drogerien. Und allem voran vermisse ich Natur. Ich will zurück nach Deutschland, nach Hause, weil es das Beste für uns als Familie ist. Denn ja, ich würde ab und an auch an all diese Dinge denken, wenn ich kein kind hätte. Aber dann würden wir noch mindestens 2-3 Jahre hier bleiben, weil Shanghai (als Kinderlose, die rumreisen, sich die Nächte um die Ohren schlagen, Party machen etc können und wollen) eine tolle Stadt ist. Und danach würden wir vielleicht nach Thailand gehen oder nach Spanien oder sonstwo hin...

 

Ich bin chic

 

Das hatte ich ja schon mal genauer ausgeführt. Es klingt vielleicht komisch, aber ich sehe, seit ich Mama geworden bin, in aller Regel besser aus, als vorher. Also dass ich mich selbst, mein Gesicht als auch meinen Körper, schöner finde, ist dabei eine Sache. Aber ich achte tatsächlich (meist) heute mehr darauf, wie ich aussehe. Früher schlurfte ich praktisch jeden Tag ungeschminkt, in Leggings und XXL-Shirt ins Büro. Heute trage ich viel öfter auch mal elegante Sachen, schöne Kleider, Bluse, Rock, etc und versuche zumindest, täglich meine Augenringe abzudecken, ein bisschen Lidstrich zu ziehen und ein wenig Parfum aufzulegen. Klappt zwar zeitlich nicht immer, aber ich versuche es zumindest.

 

Ich bin für mehr echte Gleichberechtigung

 

Ich bin mir gar nicht ganz sicher, ob das mit dem kleinen Raben alleine zu tun hat oder auch das Bloggen und die sich dadurch aufgebaute Filterbubble eine Rolle spielt. Aber auf jeden Fall ist mir heute mehr denn je bewusst, wie viele Rollenklischees es noch immer gibt und wie diese sich ganz konkret auf die Lebensplanung von Frauen und Männern auswirken. Wie viele Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern bestehen. Wobei in manchen Belangen auch Männer benachteiligt werden. Denn Jungs und Männer sind nicht per se die „Bösen“, sondern als Individuen erst einmal genauso Opfer des Systems, wie Frauen auch. Und deshalb denke ich heute nicht mehr, dass Feministinnen die unrasierten Kampflesben sind, die einfach nur Männer hassen. Sondern ich würde mich selbst als Feministin bezeichnen. Und das Haselchen gleich dazu.

 

Ich schlafe gut

 

Ich hatte seit meiner Jugend, also seit ich ein Teenager war, Schwierigkeiten mit dem Schlafen. Hauptsächlich mit dem Einschlafen. Ich lag oft noch eine gefühlte Ewigkeit wach im Bett, konnte nicht schlafen und die Gedanken drehte sich fröhlich im Kreis. Ganz egal, wie müde ich war, wie gut ich auf meine Schlafhygiene achtete, ob ich noch einen entspannende Tasse Kräutertee oder heiße Milch mit Honig (mit oder ohne Schuss) oder ein Glas (oder eine Flasche) Rotwein getrunken hatte oder direkt aus der Disko kam, egal ob ich Sport trieb oder den ganzen Tag auf dem Sofa lag, egal ob ich pflanzliche Schlafmittel nahm oder Sex hatte. Ich brauchte im Schnitt immer etwa eine Stunde, bis ich eingeschlafen war. Und ich brauchte viel Schlaf. Ok, teilweise lag das als Teenager auch an einer Schilddrüsenunterfunkltion. Aber auch, als diese richtig eingestellt war, brauchte ich viel Schlaf. Wenn ich im Wochenschnitt weniger als 9 Stunden pro Nacht geschlafen hatte, blieb ich oft am Wochenende mindestens an einem Tag bis weit in den Nachmittag hinein im Bett liegen und wurde einfach nicht richtig wach. Heute lege ich mich hin und bin binnen Minuten weg. Expressway ins Land der Träume. Und das ist sowas von genial! Außerdem komme ich plötzlich mit viel weniger Schlaf aus. Klar. Ich bin auch oft müde und trinke viel Kaffee. Aber ich fühle mich plötzlich nach einer Nacht mit 7 Stunden Schlaf so fisch und fit wie zuvor eigentlich nie. Vor allem, wenn ich noch dazu mal ganze 3 oder sogar mehr Stunden an einem Stück schlafen konnte. Hammer! Und nein, das liegt nicht nur daran, dass man ja dann als ganz frisch gebackene Mama überhaupt kaum schläft und einem die kleine Verbesserung im Laufe der Monate plötzlich so gut vorkommt. Ich vergleiche das tatsächlich mit den letzten 15-18 Jahren. So gut, wie als Mama, habe ich in dieser Zeit nie geschlafen.

 

Ich bin öko

 

Die extreme Verschwendung hier in China fand ich schon immer unangenehm und ich nehme schon immer lieber Leinentaschen mit, statt mit Plastiktüten geben zu lassen und so. Aber seit der kleine Rabe auf der Welt ist, denke ich sehr viel mehr über Nachhaltigkeit nach. Ich habe nahezu aufgehört, Fleisch zu essen (außer ab und zu mal Bio oder aus Versehen wenn es irgendwo drin war). Ich versuche mehr denn je, Wasser, Strom und Verpackungsmüll zu sparen. Ich wickle den kleinen Raben mit Stoffwindeln. Ich versuche den Mann dazu zu bewegen, mehr Bio zu kaufen und ebenfalls Plastik, Strom und Wasser zu sparen und mit Stoff zu wickeln – derzeit noch mit mäßigem Erfolg... Und würde ja auch regional kaufen, aber dann müssten wir auf sehr viel verzichten (Milch und Käse beispielsweise, da wir hier der Qualität in China nicht trauen). Leider ist das alles in China eher schwer umzusetzen. Umso mehr freue ich mich auf Deutschland, wenn wir Müll trennen, regional kaufen, etc können. Aktuell planen wir auch, uns erstmal kein Auto anzuschaffen, viel zu laufen usw.

 

Die Gesellschaft kann mich mal

 

Die Gesellschaft, in der wir leben, fand ich noch nie sonderlich toll. Die meisten Menschen sind Idioten oder verhalten sich zumindest so. Gier, Neid, Missgunst, Gewalt, Hass, Egozentrismus, Egoismus wohin man auch blickt.* Und gerade für Mütter, so scheint es, ist diese Gesellschaft ein besonders schlimmes Haifischbecken. Wie man es macht, macht man es falsch und jeder Hanswurst glaubt, sich einmischen zu müssen. Mir wurde allen erstes schon online von wildfremden anderen Müttern (!) vorgeworfen, ich sei pädophil, weil ich den kleinen Raben mit über einem Jahr noch stille. Andere finden, wir sollten mit Kind nicht fliegen, weil das die anderen Fluggäste stören könnte. So als kleine Beispiele. Da fällt einem echt nichts mehr ein. Außer: Leckt mich doch am Arsch! Egal, wer was von mir will oder erwartet, wer was über mich denkt, es interessiert mich nicht. Noch weniger, als je zuvor. Natürlich gibt es ein paar Menschen, die mir nahe stehen und deren Meinung mir wichtig ist. Und wer mir gute, logische und am besten belegbare Gründe für dies oder jenes geben kann, der kann mich auch von etwas überzeugen. Aber etwas tun oder lassen, so oder so machen, weil „man“ das so macht? Weil sich das so „gehört“? Fickt euch.

 

Und von Hierarchien, Strukturen, struktureller Gewalt, dem Wirtschaftssystem, der Politik, der gesellschaftlichen Ordnung als Ganzes will ich lieber gar nicht anfangen. Denn die ist einfach rotten to the core, aber eine wirkliche, gut durchdachte, durchsetzbare, faire Lösung habe ich leider auch nicht parat...

 

*Nein, ich bin kein Übermensch. Auch ich bin neidisch, manchmal gierig, kann sehr egoistisch sein und bin kein wandelnder Engel. Ich bin ein Mensch und ich mache Fehler. Aber ich versuche, der beste Mensch zu sein, der ich sein kann, aus meinen Fehlern zu lernen und sie in Zukunft zu vermeiden.

 

Ich bin glücklich

 

Nein, ich war vor der Geburt des kleinen Rabe jetzt nicht dauernd todunglücklich. Aber ich lebte hauptsächlich halt so vor mich hin. Es gab immer mal wieder Highlights im Jahr, auf die ich mich freute (Urlaub, Festival, Geburtstag, Halloween, sowas halt), aber meistens war es so ein ganz normaler Alltag. Natürlich habe ich den auch heute noch. Ich gehe zur Arbeit, bin genervt, bin müde. Ich orrrrre manchmal vor mich hin und habe Tage, and denen ich alles anzünden will. Aber ebenfalls habe ich seit der kleine Rabe endlich bei uns ist jeden einzelenen Tag mindestens einen Moment, in dem ich vor Glück zerspringen könnten. Oft treibt es mir dann auch die Freudentränen in die Augen. Einfach so. Einfach, weil da dieses wunderbare, zauberhafte, niedliche, neugierige kleine Wesen ist. Nicht nur in den „großen“ Momenten. Ganz oft in den kleinen. Wenn er im Schlaf seufzt, wenn er etwas neues ausprobiert und Cracker durch ein Sieb zerkrümelt, wenn er mich in die Schulter beißt, wenn er lacht, wenn er sich den Finger in die Nase steckt, wenn er sich vor etwas erschreckt, wenn er mich mit einem angelutschten Stück Keks füttert, wenn er mir beim Stillen in die Augen sieht. Einfach, wenn er ist. Einfach nur, weil es ihn gibt und es ihm gut geht. Ein solch vollkommenes Glück kannte ich nicht, bevor ich Mutter wurde. 

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