Freitag, 18. November 2016

Anders als gedacht - Streit nach dem Baby-Jahr

Aus der schier endlosen Reihe „Das hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt“ kommt heute: Streit. Also vor allem, dass man sich – entgegen aller schlauen Ratgeber – auch nach den Anstrengungen und der neuen Rollenbildung des Babyjahres noch streitet.

 

  

Die Vorstellungen von vor der Geburt

 

Vor der Geburt habe ich ein paar Ratgeber-Webseiten gelesen. Babycenter und so. Da wurde immer wieder angesprochen, dass so ein neues Familienmitglied natürlich die Paarbeziehung verändert. Mann und Frau müssten ihre Rollen neu definieren und sich als Vater und Mutter zusammen finden. So wird das da immer schön postuliert und erklärt. Dazu gibt es noch ein paar gute Ratschläge. Man solle sich trotz allem Zeit füreinander nehmen und sich aber auch Zeit miteinander lassen. Aufeinander eingehen und nichts erzwingen wollen. Macht ja Sinn, ist verständlich. Und sei dann, gemäß der schlauen Ratgeber, aber auch nur ein Temporäres Problem. So nach den ersten paar Monaten, allerspätestens nach dem anstrengenden Babyjahr, hat man sich zusammengerauft und alles ist wieder Friede-Freude-Eierkuchen. Das Baby wird ja dann zum Kleinkind und dann wird alles gut.

 

 

Das erste Jahr in echt

 

Unser kleiner Rabe wurde geboren und nun wartete ich fast schon darauf, dass das Haselchen und ich, so als frischgebackene Eltern, mit wenig Schlaf, viel Stress und neuen Rollen in der Partnerschaft, streiten würden. Wir gehören noch nie zu den Paaren, bei denen alles immer so ekelhaft klebrig stinkend harmonisch ist. Manchmal fliegen bei uns die Fetzen, beziehungsweise es knallen die Türen und wir schreien uns nicht so nette Dinge entgegen. Aber irgendwie blieben diese Situationen aus. Praktisch die ganze Schwangerschaft über waren wir nicht über ein kurzes Zischen und höchstens eine halbe Stunde böse Gucken hinweg gekommen. Und das änderte sich auch nach der Geburt nicht. Ja nicht einmal mit Schwiegermutter zu Besuch. Klar, wir waren  nicht immer einer Meinung und wir diskutierten auch mal den einen oder anderen Punkt aus, ohne dabei vorbildlich pädagogisch wertvoll zu bleiben. Vor allem, nachdem ich wieder arbeiten musste. Denn ja, nach 4 Stunden Schlaf in der Nacht, aufgeteilt auf 8 Etappen, dann voller Arbeitstag bei mir und voller Babytag inklusive Mittagsschlaf nur in der Trage und dadurch Rückenschmerzen beim Haselchen ist man irgendwann nicht mehr in der Stimmung für ein liebevoll gesäuseltes „Ich verstehe ja, dass du einen harten Tag hattest. Aber ich würde mich trotzdem freuen, wenn du meine Anstrengungen mehr wertschätzen könntest, indem du deine Sachen ein wenig ordentlicher platzieren könntest und deine übelriechenden Socken nicht einfach liegen lassen würdest“. Da grunzt man irgendwann halt einfach nur „Räum deinen Scheiß doch mal weg! Vor allem deine stinkenden Socken, verdammt!“ und der andere grunzt dann halt auch nicht zurück „Oh, Verzeihung. Ja , du hast Recht. Tut mir Leid.“, sondern eher „Orrrrr, nerv nicht!“. Aber es hielt sich alles wirklich in Grenzen. Und auch diese Frage der „Rollenfindung“ gab es nicht. Also nicht aktiv und mit Konflikt beladen. Natürlich haben wir uns in unserer Beziehung zueinander geändert. Und zwischendurch mussten wir auch ein paar kleine Kurskorrekturen machen, um nicht voneinander weg zu driften. Aber das lief ohne richtigen Streit ab.

 

 

Eierkuchen? Pustekuchen!

 

Der erste Geburtstag des kleinen Raben kam und ging. Und nun, so hatten die weisen Elternratgeber prophezeit, würde Streit der Vergangenheit angehören und es würde eine neue Ära der Harmonie zu Hause einkehren. Ja Pustekuchen! Die Zeit kurz nach dem ersten Geburtstag war bei uns die, in der wir uns in den letzten zwei Jahren am dollsten in die Haare bekommen haben. Denn: Gar so viel mehr Schlaf bekommen wir noch immer nicht (also vor allem ich mit dem Stillen des Öfteren nicht und auch an den freien Tagen ist der kleine Rabe ja morgens um eine normale Zeit wach und lässt einen nicht einfach mal so bis in den Nachmittag hinein den ganzen Schlaf der letzten Woche nachholen). Dazu hat der Kleine aber nun auch manchmal schlechte Laune und kreisch-heult den halben Tag nur herum. Außerdem ist er inzwischen mobil geworden und die Ära „Es ist so still, was macht das Kind... ACH DU SCHANDE!“ hat begonnen. Beides nicht unbedingt hilfreich zum Stressabbau. Oder wenn man als Pärchen endlich mal wieder wenigsten ein bisschen miteinander SPRECHEN möchte. Und dazu kommt halt auch noch, dass wir beide ziemlich unterschiedliche Ansichten zum Thema Kindererziehung haben. Was bei einem Baby erstmal egal war – dass man ein Baby nicht erziehen muss, bzw. das gar nicht kann, sondern da einfach nur kümmern und lieben und Bedürfnisse erfüllen möglich ist, da sind und waren wir uns einig. Aber jetzt, jetzt sieht das ein wenig anders aus. Also die Einigkeit in en Überzeugungen. Und so schwelten die Uneinigkeiten eine Weile unausgesprochen vor sich her, um sich dann hier und da zu entladen. Mit Blitz und Donner. Mit Vorwürfen, dem Ausgraben alter Geschichten, vom Hundertsten ins Tausendste kommend und dann beleidigt, wütend und besorgt ab. Und letztendlich des Pudels Kern doch unausgesprochen gelassen. Teils, weil man dann gerade zu sauer war, um sich richtig zu öffnen und teils, weil uns manches auch nicht ganz bewusst war. Bei letzterem unter anderem, wie tief doch das Trauma noch saß, direkt nach der Geburt von unserem Baby getrennt worden zu sein. Statt er bewussten Erkenntnis waren da nur dumpfe Gefühle, die ich teilweise ein Ventil gegen den anderen suchten.

 

  

Und jetzt?

 

Ja, jetzt. Jetzt haben wir wohl tatsächlich das Stadium erreicht, in dem es weitergehen darf. Es scheint, als hätten wir unsere Kämpfe für’s Erste ausgefochten und uns selbst endlich so weit reflektiert, dass uns einiges deutlicher ist. Und manchmal kann es echt hilfreich sein, sich bewusst zu machen, WARUM man sich gerade so fühlt, wie man sich fühlt und dann von dort aus die Sache anzugehen. Wir sind noch immer nicht in allen Belangen der gleichen Meinung. Weit davon entfernt. Aber wir haben unseren Weg gefunden. Der einzige Tipp, den ich dabei habe: Reden. Reden, reden reden. Oder halt auch schreiben. Wir haben teilweise unsere Unterhaltungen auf die Einschlafbegeleitung verlegt – während ich den kleinen Raben ins Bett bringe, liege ich dann mit dem Handy in der Hand bei ihm und schreibe mit dem Haselchen Nachrichten in Wechat. Denn wir haben für uns gemerkt: Das größte Konfliktpotential haben wir, wenn wir etwas nicht aussprechen. Manche Dinge waren früher diesbezüglich einfacher. Wir waren ausgeschlafener und mehr aufeinander fokussiert und merkten dem anderen manche Stimmung schon an, ohne dass es extra gesagt werden musste. Das klappt heute einfach nicht mehr so gut, weil wir beide immer ein bisschen müde und oft ein bisschen gestresst sind. Oder einfach mit den Gedanken woanders. Also müssen wir es halt einfach mal laut sagen. Egal, ob uns irgendwas auf die Nerven geht, belastet, immer wieder durch den Kopf kreist oder auch besonders positiv auffällt. Damit werden wir sicherlich nicht bis ans Ende aller Tage glücklich und ohne ein missmutiges Wort zusammen leben. Klar. Aber es läuft.

  

  

Fazit

Und was lernen wir daraus? Sprecht miteinander. Und glaubt nicht alles, was Erziehungsratgeber so schreiben.

Kommentare:

  1. Ja, reden (schreien), es einfach rauslassen hilft. Wer es in sich hineinfrisst, nicht sagt was ihn WIRKLICH bedrückt/ärgert/nervt, explodiert irgendwann und holt fiese alte, fast vergessene Geschichten ans Tageslicht, mit denen dein Gegenüber meist nichts mehr anfangen kann. Man fühlt sich unverstanden, der andere falsch beschuldigt und schon dreht sich alles im Teufelskreis.
    Das kenne ich nur zu gut. Aber man lernt ja immer dazu. Wir müssen uns immer als Familie neu finden, wenn ein neues Mitglied dazu kommt. Das ist nicht immer einfach - jeder hat einen neuen Platz im Gefüge. Da sind Reibereien natürlich und gut. Bei uns gibt es immer einen Punkt, an dem sich alles entlädt. Bei NotYet war es nach etwa 9/10 Monaten, bei BusyBee nach 5 Monaten. Es war anstrengend, aber auch reinigend und gut. Ich bin mir sicher, dass auch Kind 3 eine solche Phase mit sich bringt. Sie bietet uns aber auch immer die Chance im Gespräch zu bleiben, denn es gibt nichts schlimmeres, als wenn man nicht mehr streiten/reden kann.

    Liebe Grüße
    Mother Birth

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    1. Oh ja, ganz besonders dem letzten Satz kann ich nur zustimmen! Die Vorstellung, sich nichts mehr zu sagen zu haben und nicht einmal streiten zu können, vielleicht weil einem der andere nicht einmal dafür wichtig genug ist, ist die traurigste...

      Ich drücke die Daumen, dass das Entladen bei eurem dritten Wunder ohne zu viel böses Blut funktioniert und ihr alle fünf euren neuen Platz im Familiengefüge gut findet. :)

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    2. Danke <3
      Aber manchmal muss sich auch etwas entladen, dass man nicht in einer Sackgasse stecken bleibt, sondern sich weiterentwickeln kann. Dazu sind solche kleinen Gewitter sehr erfrischend ;-) ...

      Liebe Grüße
      Mother Birth

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  2. Zum Thema Erziehungsratgeber: vielleicht entwickeln sich Eltern genauso unterschiedlich wie Kinder. Eltern sein muss man ja auch erst einmal lernen.

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