Dienstag, 22. November 2016

Shanghai Alltag: Tischsitten

Vorgestern hatten wir es ja erst davon, dass man sich hier eben NICHT so oft den Magen verdirbt, wie viele scheinbar immer annehmen. Heute möchte ich ein wenig über die Tischsitten plaudern, die mir hier so begegnet sind.


Warum rülpset und furztet ihr nicht

...hat es euch nicht geschmacket? Das soll Martin Luther einmal gesagt haben. China hat ihn gehört und beteuert lautstark, wie gut es schmeckt. Hier wird beim Essen oft lauter geschmatzt, als gesprochen. Manchmal sieht man Paare, bei denen beide in ihr Smartphone vertieft am Tisch sitzen, und die (trotzdem oder gerade deshalb) mit halb offenem Mund (wie so ein Wiederkäuer auf der Wiese) kauen, dabei lautstark schmatzen. Getränke werden ebenfalls geräuschvoll geschlürft. Und am Ende – oder auch einfach mal zwischendrin – wird ungeniert so laut gerülpst, dass man als Unbedarfter denkt da stünde ein Elch hinter einem. Gerülpst wird auch auf offener Straße einfach so. Was raus muss, muss halt raus, ne? Ein wenig befremdlich finde ich das ganze halt noch immer im Büro. Ich bin diesbezüglich eigentlich sehr unempfindlich. Aber ich habe zum Beispiel einen Kollegen, der schmatzt beim Öffnen des Mundes und dann bei JEDER einzelnen Kaubewegung derart laut, dass ich es nicht ertrage, mit ihm zusammen am Tisch zu sitzen, wenn er isst. Ebenso schlürft er JEDES Getränk bei JEDEM Schluck, als sei es brühend heißer Tee. Andere Kollegen rülpsen auch mal mitten in einem Gespräch. Neulich machte einer ein derart lautes und börksiges Bäuerchen, dass mir beinahe übel wurde (und ich bin auch hier WIRKLICH nicht empfindlich – meine Eltern können noch heute ein Lied von meinen Versuchen dazu, wie ein Rülsper möglichst laut wird, singen (Lösung: Bei mir ohne Kohlensäure, das schäumt zu sehr. Dafür mit Stillem Wasser und Strohhalm aus dem Maßkrug^^)). Es klang echt so als stecke da jetzt schon das Mittagessen wieder auf halbem Weg nach draußen... Reaktion der restlichen Belegschaft „Hahahahaha, so lustig!“.


Knochen und anderes ausspucken

In China wird etwas, das Knochen, Gräten etc hat, sehr, sehr oft auch mit eben diesen noch drin serviert. Fischfilet ist eine Seltenheit, Huhn kommt mit Knochen, Frosch sowieso. Nun wird aber am Tisch das Fleisch nicht vorsichtig um den Knochen herum abgenagt. Oft wäre man da sonst echt lange mit beschäftigt... Stattdessen nimmt man einfach einen Mund voll. Und dann kommt ein faszinierendes Talent: Filetieren IM Mund. Also die Chinese essen dann das Fleisch drumherum weg und separieren den Knochen oder die Gräten. Das muss dann aber ja auch wieder aus dem Mund raus. Während ich in Deutschland da eher dezent und verschämt zur Serviette greifen würde, wird hier nicht lange gefackelt. Kopf über eine leeren Teller, Mund auf und alles fallen lassen. Gegebenenfalls noch mit der Zunge nachgeschoben. Ganz ähnlich verfährt man mit allem, was man zwar angekaut hat, aber nicht durchgekaut bekommt. Harte Spelzen an Gemüse, vertrockne Körner im Mais, alles einfach ausspucken. Am Tisch. Wo  und wie denn auch sonst?!


Rauchen

Mit dem Nichtraucherschutz ist es in China nicht so weit her. Offiziell gilt zwar an vielen Orten Rauchverbot. Durchgesetzt jedoch wird das nur selten. So ist es vollkommen normal, dass man im Restaurant sitzt und direkt neben einem, direkt vor dem großen „Rauchen verboten“ Schild, zünden sich dann Gäste ihre Zigaretten an. Einem Hinweis auf das Rauchverbot seitens anderer Gäste wird bestenfalls mit großen Augen und Unverständnis begegnet. Schlimmstenfalls mit Aggression bis hin zu Schlägen. In manchen Nichtraucher-Restaurants versuchen die Wirte deutliche zu machen, dass Rauchen nicht gestattet ist, indem sie keine Aschenbecher zur Verfügung stellen. Den Wink mit dem Zaunpfahl ignoriert ein durchschnittlicher chinesischer Raucher aber grundsätzlich. Da wird stattdessen einfach auf den Boden oder in die Essensreste geascht und die Kippe auch dort entsorgt. *börgs*
Ich muss aber auch anmerken, dass das in den letzten Jahren schon langsam besser wurde. So gaaaanz langsam aber sicher sickert auch hier durch, dass Rauchen ungesund ist und das auch für Passivrauchen gilt und dass es nett ist, wenn man sich an ein Rauchverbot hält. Es sollen dazu auch noch schärfere Gesetze erlassen werden, die das Problem endlich ein wenig eindämmen. Hoffentlich.


Essen übrig lassen

In schlauen Büchern über die Chinesische Kultur wird einem immer geraten, man solle beim Essen immer ein bisschen was auf dem Teller übrig lassen. Das gelte als Höflich. Hierzu habe ich allerdings teilweise andere Erfahrungen und Erklärungen von den Chinesen selbst bekommen.
Ja, Ein wenig Essen übrig zu lassen ist traditionell höflich. Wenn ich bei jemand zu Hause gegessen habe. Dann bedeutet es nämlich, dass der Gastgeber mir genug aufgetischt hat und ich wirklich, wirklich satt bin. ALLERDINGS kann man es auch so verstehen, dass der Gastgeber halt ein schlechter Koch ist und es mir nicht geschmeckt hat. Daher sollte man keinesfalls zu viel liegen lassen. Ein bisschen Reis und so ein Blatt vom Gemüse reichen vollends. Wer noch hungrig wäre, der hätte das dann noch gegessen. Wem es nicht geschmeckt hätte, der hätte mehr liegen lassen. Und nein, einfach eine offene Kommunikation über Geschmack des Essens und Sättigungsgrad des Gastes ist leider in China kulturell nicht so einfach. Kann aber auch klappen, wie ich am eigene Leibe erfahren durfte. Indem uns Gäste einfach sagten "Das war sehr lecker. Aber jetzt bin ich echt satt.".
Im Restaurant ist das Liegenlassen von Essen KEINE Höflichkeitsgeste. Da gibt es nämlich meist keinen Gastgeber, der einem zu wenig auftischen könnte, sondern man selbst hat dann höchstens zu wenig bestellt. Trotzdem – oder gerade deshalb – sieht man hier regelmäßig, wie im Restaurant teilweise über die Hälfte des bestellten Essens unangetastet in den Müll wandert. Überschätzen die Chinesen so oft ihren Hunger? Kann man sich Reste nicht einpacken lassen? Doch. Einpacken kann man sich Reste ganz wunderbar lassen. Überall und immer. Machen wir auch jedes Mal. Und bei den Chinesen sind die Augen nicht größer als der Magen (hihi, mir fällt gerade auf wie politisch unkorrekt man mir diese Aussage auslegen kann^^). Der Grund ist ganz einfach, dass man damit angeben will, es sich leisten zu können, Essen zu bestellen und zu bezahlen und dann nicht zu essen. Angeben ist den Chinesen traditionell sehr wichtig. Daher kommt ja auch das Tragen von Schlafanzügen in der Öffentlichkeit („Sehr her! Ich habe so viel Geld, ich kann mir extra separate Kleidung zum Schlafen leisten!“). Und womit könnte man besser seinen eigenen „Reichtum“ und Überfluss verdeutlichen, als indem man andere Menschen dafür arbeiten lässt und bezahlt, einem Essen kochen und bringen. Und dann wirft man es einfach weg. So viel Überfluss hat man!


Trinkgeld

Da muss ich mich, glaube ich, in Deutschland dann erstmal umgewöhnen: Trinkgeld ist hier absolut nicht üblich. Ich bin mir nicht sicher, ob es tatsächlich verboten ist. Aber wir haben ins 6 Jahren kein einziges Mal mitbekommen, das irgend jemand jemals irgend jemandem Trinkgeld gegeben hätte. Einzige Ausnahme in teuren europäische restaurants. Da läuft dann halt vieles wieder westlich...


Löffel, Stäbchen und Co.

Das Essgerät der Wahl sind in China, oh Wunder, die Stäbchen. Manch einer, der es noch nicht gesehen hat, mag jetzt lachen und meinen, dass man damit viele Dinge ja aber doch gar nicht essen kann. Und die Antwort ist: Doch, kann man. Ich habe Chinesen nicht nur Geschnetzeltes und buntes Gemüse und lockeren Reis (bis auf das letzte Korn, sofern es nicht mit Soße am Teller festklebte) mit Stäbchen Essen sehen. Nein, ebenso Erbsen, Wachteleier, Schnitzel, ganze Hühnerbeine oder Pizza. Nichts davon wurde mit der Hand berührt, alles mit den Stäbchen. Und das ist kein Hexenwerk. Inzwischen kann ich das ebenso. Und Suppe? Ja, Suppe mit Stäbchen ist etwas schwerer, aber dafür gibt es ja auch in China Löffel (halt dann die Chinesischen Löffel, mit denen man besser Schlürfen kann, was ja aber normal ist) oder man trinkt die Brühe direkt aus der Schüssel und schnappt eventuelle Suppeneinlagen mit den Stäbchen raus. Ich mag das. Also das Essen mit Stäbchen und maximal noch einem Löffel. Zum einen, weil es Spaß mach und zum anderen, weil es auch hygienischer ist. Stäbchen lassen sich nämlich viel besser säubern, als die Zwischenräume der Zinken einer Gabel...


Gemeinsame Teller

In Deutschland bestellt sich im Restaurant jeder sein Essen und isst das dann. VIELLEICHT probiert man mal voneinander, das ist dann schon ungewöhnlich. MANCHMAL gibt es auch extra große Grill- oder Vorspeisenteller zum Teilen. In China läuft das ganz anders. Hier gibt es auf der Karte nicht „Ente mit Gemüse und Reis“, zum Beispiel. Es gibt „Ente“ und es gibt „Gemüse X“, „Gemüse Y“, „Gemüse Z“ und „weißer Reis“ oder „gebratener Reis“ etc. Und aus diesen Gerichten wählt man dann im Restaurant als Gruppe aus, was man essen möchte. Je nach Hunger und Anlass und Restaurant bestellt man im Schnitt etwa 2-3 Gerichte pro Person am Tisch. Und beim Bestellen gibt es auch kein Gewurschtel a la "Ich hätte gerne die Ente mit Gemüse und Reis, aber statt Reis bitte Nudeln und ist in dem Gemüse Broccoli? Wenn ja, bitte weglassen.", weil man ja einfach nur "Ente", "Wasserspinat", "Zuckererbsen" und "gebratene Nudeln" bestellt, wenn man genau das haben möchte. Das Essen wir dann in die Mitte gestellt. Vor sich hat jeder seinen eigenen, kleinen Teller und eine kleine Schüssel. Nun bedient man sich einfach nach Herzenslust vom gemeinsamen Essen. Für größere Gruppen gibt es dafür an runden Tischen extra drehbare Glasplatten, damit wirklich jeder an alles auch gut rankommt. Ganz unkompliziert, gemeinschaftlich und lecker. So kann man nämlich echt alles durchprobieren. Wenn einem irgendwas nicht schmeckt, muss man es nicht essen und wird trotzdem satt und wenn alle etwas ganz besonders lecker finden, bestellt man halt einfach noch eine Portion genau davon. Für alle gemeinsam. DAS werde ich mit Sicherheit in Deutschland vermissen!

Kommentare:

  1. Meine Kollegin muss in China aufgewachsen sein. Jedenfalls hat sie anscheinend chinesische Tischsitten. Jeden Morgen im Büro frühstückt sie ausgiebig und geräuschvoll. Vor allem geräuschvoll.

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