Montag, 28. November 2016

Wir können sie nicht beschützen

Immer mal wieder lese ich in Texten davon, dass Mütter Ihre Kinder vor der bösen Welt da draußen beschützen wollen. Ich meine das nicht mit einem sarkastischen Unterton, der sich über diese Mütter lächerlich macht. Ich kann nämlich diesen Wunsch voll und ganz nachvollziehen. Auch für mich ist der erste Impuls: Ich will nicht, dass der kleine Rabe jemals etwas schlimmes erleben muss. Ich will nicht, dass er leiden muss – egal, ob es um emotionale oder um körperliche Leiden geht. Ich würde mir wünschen, dass ich ihm nie erklären müsste, warum Menschen andere Menschen verletzen. Ja, Themen wie Tod, Krankheit oder Trauer blieben auch in einer perfekten Welt ein Thema. Aber da müsste ich meinem Kind nicht irgendwann erklären, warum Menschen andere Menschen hassen, nur weil sie in einem anderen Land geboren wurden oder eine andere Sexualität ausleben, als die meisten. Oder warum „man“ Jungs auslacht, die rosa tragen. Oder Mädchen, die sich die Haare kurz schneiden lassen. Dann würde ich nicht bei dem Gedanken an eine Tochter auch an die Gefahr denken, dass sie später im Leben Opfer einer Vergewaltigung werden könnte (ja, das passiert auch Männern und wird leider wie zu oft totgeschwiegen, aber da die Assoziation nicht so schnell). Dann würde mich nicht jetzt schon hin und wieder der Gedanke heimsuchen, wie sicher so ein Schulweg wohl ist, wenn ich in den Nachrichten von Kindesentführungen lese. Aber Fakt ist leider:

 

Diese Welt ist nicht perfekt

 

Far from it. Leider. Wir leben in einer sehr, sehr imperfekten Welt. Teilweise sogar einer mensch-gemachten Hölle, wenn ich beispielsweise an Krieg, Flucht und Diktaturen denken. Das sind alles Dinge, die es auch heute gibt. Genau jetzt gerade werden auf dieser Welt irgendwo Menschen gefoltert, brutal verfolgt, aller Würde beraubt und von Bomben und Gewehren umgebracht. Von anderen Menschen. Ja, wir sind in der unglaublich glücklichen Situation, weit weg von diesen Dingen zu leben, aber sie geschehen. Und bei uns zünden hasserfüllte Vollidioten dann noch die Notunterkünfte an, die die Menschen beherbergen, die vor all diesem Horror geflüchtet sind. Zeitgleich fordern Parteien, dass man Kindern schon ab dem Kindergarten indoktrinieren muss, dass „anders“ sein schlecht ist und wer nicht heterosexuell ist und heiratet und Kinder bekommt ist minderwertig. Oder zumindest darf man ihnen nicht beibringen, dass jeder Mensch so gut ist, wie er ist. Und diese Parteien bekommen teilweise 20% der Wählerstimmen. Und dann rennen Horroclowns durch die Gegend und attackieren Menschen auf offener Straße mit Messern und Baseballschlägern. Und auf der Autobahn sterben Unfallopfer, weil die Leute keine Rettungsgasse für den Krankenwagen freihalten. Ich könnte noch ewig weiter machen mit Beispielen. Das IST die Welt, in der wir Kinder gesetzt haben. Das würde ich gerne ändern (also die Welt, nicht das Kinder reinsetzen), aber ich kann die Welt nicht von heute auf Morgen umkrempeln. Diese Welt ist voll von Schlechtem, Gefährlichem und Bösem. Es ist überall und wir können ihm nicht entkommen.

 

Beschützerinstinkt vs Realität

 

Dann, so der nächste Impuls, beschütze ich mein Kind davor. Das ist absolut verständlich und auch ich will mein Kind schützen. Ich schütze ihn vor Kälte. Ich gehe mit ihm weg, wenn es irgendwo zu laut ist. Ich schnalle ihn im Auto in einer Babyschale bzw. einem Kindersitz an. Ich würde mit ihm niemals in ein Krisengebiet reisen. Das alles gebietet ja auch einfach der gesunde Menschenverstand. Ich behüte ihn und liebe ihn, ich gebe ihm Nähe, Wärme, Nahrung und Schutz. Wir teile uns ein Bett, weil er auch in der Nacht die Gewissheit braucht, dass jemand bei ihm ist und er sonst Angst leiden müsste. Ich schütze ihn vor übergriffigen Omis und haue denen auf die Finger, wenn sie ihm zu nahe kommen. Aber wie kann ich das in Zukunft weiter führen? Der kleine Rabe ist noch keine 1 ½ Jahre alt und die meiste Zeit bei uns zu Hause. Aber: Mit dem Umzug nach Deutschland planen wir ebenfalls, zumindest mittelfristig, einen Kindergartenplatz für ihn zu suchen. Da wird er wohl mit viele Bakterien und Viren in Verbindung kommen, die sein Immunsystem bis jetzt noch nicht kannte, und öfter krank werden. Aber er wird auch mit Rollenbildern und Erwartungshaltungen in Kontakt kommen, die wir zu Hause nicht an ihn stellen. Gruppenzwang kennen schon Kindergartenkinder. Schon dort werden beispielsweise Jungs ausgelacht, die Kleider tragen oder Pink mögen. Wenn man Pech hat. Schon dort herrscht Druck, auch von „oben“. Und vielleicht wird er dort nicht glücklich. Dann habe ich die Möglichkeit, ihn zu schützen und kann ihn aus dem Kindergarten nehmen und zu Hause zu betreuen. Aber dennoch sollte er ja nicht nur daheim eingesperrt werden, sondern auch mit anderen Kindern in Kontakt kommen. Und da wird er auf die gleichen Ansichten, Rollenbilder und Erwartungen aus der Peergroup heraus treffen. Und sobald er 6 Jahre alt ist, muss er in die Schule gehen. Berechtigte Kritik am deutschen Schulsystem jetzt mal ganz beiseite: Schulpflicht besteht in Deutschland. Und dann? Spätestens dann kann ich ihn nicht mehr vor allem beschützen. Klar, ich könnte ihn täglich bis ins Klassenzimmer begleiten und von dort wieder abholen, um die Gefahr von Entführungen oder Prügeleien auf dem Schulweg etc. Zu minimieren. Dennoch könnte ich Ausgrenzung, Mobbing oder Gewalt innerhalb der Schule nur sehr, sehr bedingt verhindern oder unterbinden. Und sobald er lesen kann, kann er die Zeitung lesen und erfährt von all dem, was auf dieser Welt passiert und ich muss ihm den Krieg, Mord und Totschlag und die Brandanschläge erklären.

 

Irgendwann bin ich tot

 

Und er wird ja nicht kleiner. Er wird immer größer und selbstständiger werden und irgendwann ist er ein junger Erwachsener. Und irgendwann ist er ein erwachsener Erwachsener. Und bleibt dabei ja doch immer mein Sohn, mein Kind. Wir bleiben ein Leben lang das Kind unserer Eltern. Kann ich ihn dann noch schützen vor dem Schlechten in der Welt? Ich könnte es versuchen, ja. Er könnte, um das mal ins Extrem zu denken, zu Hause wohnen bleiben, ich segne seinen Freunde/-innen ab und halte ihn so unselbstständig wie möglich, damit ich ihn vor falschen Entscheidungen beschützen kann. Und dann? Irgendwann bin ich tot. Spätestens dann kann ich ihn nicht mehr beschützen. Vor nichts und niemandem mehr, weil ich nicht mehr da bin. Und dann würde er dastehen und wäre nicht fähig, sein Leben selbst zu leben. Und mein unausweichliches Ableben würde sein Leben komplett ruinieren.

 

Vorbereiten und Begleiten statt nur schützen

 

Genau deshalb denke ich, dass es nicht unser Ziel sein sollte, unsere Kinder immer vor allem zu schützen. Ja, schützen und behüten können und müssen wir, wo es Sinn macht. Aber müsste ich den kleinen Raben vor Konflikten mit anderen Kindern beschützen? Müsste ich ihn vor schlechten Nachrichten schützen? Vor dem Kontakt mit – aus meiner Sicht falschen – Ideologien, Rollenbildern, Erwartungshaltungen? Muss ich ihn vor Fakten schützen? Ich glaube nicht. Ich glaube, das kann ich gar nicht. Ich kann ihn ebensowenig davor schützen, irgendwann auf dem Schulweg angesprochen und mit Süßigkeiten oder oder was auch immer gelockt zu werden. Ich kann ihn nicht davor schützen, dass seine Freunde ihn vielleicht später dazu drängen, zu rauchen, weil das „cool“ ist. Ich kann ebensowenig davor schützen, vielleicht keine Freunde zu haben und ein Außenseiter zu sein. Ich kann ihn nicht abschirmen, wenn Idioten auf der Straße „Ausländer raus!“ skandieren. Ich kann ihn nicht davor schützen, als Jugendlicher von anderen Halbstarken angepöbelt zu werden. Und ich glaube, ich muss es auch nicht. Meine Aufgabe als Mutter ist nicht, alles Schlechte von ihm fern zu halten, sondern ihn darauf vorzubereiten und ihm beizustehen. Ich kann ihm Liebe geben, ihn mit einem sicheren Rückzugsraum aufwachsen lassen. Ich kann meine Werte und Ansichten mit ihm teilen und darauf hoffen, dass er die Guten übernimmt. Ich kann sein Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein stärken. Ich kann ihm beibringen, „Nein!“ zu sagen. Ich kann ihn begleiten und zur Seite stehen, wenn er mich braucht. Und das ist meine Aufgabe als Mutter. Nicht, ihn immer abzuschirmen und zu schützen, sondern ihm das Handwerkszeug und die Chance zu geben, mit dem Schlechten in der Welt selbst fertig zu werden. Ich muss ihm Wurzeln geben, aber ich darf ihm die eigenen Flügel nicht verwehren.

 

Was ich NICHT sage

 

All das heißt NICHT, dass ich finde, wir sollten unsere Kinder „abhärten“, weil die Welt da draußen so schlecht ist und ein verweichlichtes Kind darin untergehen würde. Wir sollten sie stärken. Stärken ist nicht gleich abhärten. Ich sage auch NICHT, dass beispielsweise das Betreuen von Kindern zu Hause statt Kindergarten oder sogar das Homeschooling per se falsch sind. Ja, jeder Mensch ist ein Individuum. Das gilt für Kinder ganz genauso wie für Erwachsene. Manche Kinder brauchen mehr Zeit und mehr Schutz, als andere. Dennoch bleibt es ein schmaler Grat, den wir als Eltern balancieren müssen. Und ich merke schon jetzt, dass dieser Balanceakt nicht leicht wird. Aber genauso wenig müssen wir verzweifeln, wenn unsere Kindern mit etwas Schlechtem Berührung gekommen sind. Wir müssen nicht verzweifelt ausrufen „Davor wollte ich ihn doch beschützen!“ und uns deswegen Vorwürfe machen. Das klappt nicht und nutzt doch am Ende nichts.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen