Dienstag, 20. Dezember 2016

Meine Lektion in Demut

7 Jahre sind eine lange Zeit. Und doch können sie sich anfühlen, als sei keine Zeit vergangen. Ja, 7 Jahre Beziehung haben das Haselchen und ich dieses Jahr auch gefeiert. Aber heute möchte ich von etwas anderem erzählen, das nun 7 Jahre her ist. Nämlich mein Aufenthalt auf Bali – und was er mich gelehrt hat.


Wie ich nach Bali kam

Im Zuge meines Studiums war ein Jahr im Ausland Plicht. Ein halbes Jahr als Praktikum, welches ich letztendlich ohne spanische Sprachkenntnisse und entgegen all meiner Versuche, einen Praktikumsplatz in Frankreich zu bekommen, in Madrid absolvierte, und ein halbes Jahr als Studium. Für das Studium wollte ich mal „ganz woanders“ hin. Nicht nur raus aus Deutschland. Raus aus Europa! Aber auch nicht in die USA... Also blieb ja irgendwie nur noch Asien. China wollte ich nicht, weil ich damals tatsächlich Angst hatte, dachte in China lebe man unter den permanenten Repressalien des kommunistischen Regimes. Dann stieß ich auf eine Organisation, die Auslandssemester an der Universitas Udayana in Depasar, Bali organisierte. Ich bewarb mich, wurde angenommen und begann das Prozedere für Visum und Co. Ich ließ mich impfen, buchte einen Flug und war mächtig aufgeregt. Nur 3 Wochen nach meiner Rückkehr aus Madrid dann ging es los und ich saß zum aller ersten mal in einem richtig großen Flugzeug, dass mich 12 Stunden lang durch die Luft ans andere Ende der Welt trug.


Party people vs. Local life

Kaum richtig angekommen musste ich schnell feststellen, dass viele meine Kommilitonen herzlich wenig Interesse an der Uni oder dem Land an sich hatten. Viele waren hergekommen mit dem erklärten Ziel, es sich ein halbes Jahr lang gut gehen zu lassen. Am Strand Bier trinken, Poolparties, Clubs. Wohnen in Villen mit eigenem Pool. Surfen. Und sich dabei immer reich fühlen, weil das Leben auf Bali halt so unglaublich günstig ist, dass man da sogar als durchschnittliche deutscher Student auf einmal richtig dick Kohle hat.

Nun bin ich kein bierernstes Kind von Traurigkeit. Das nicht. Ich habe auch meine Parties auf der Insel mitgefeiert. Ich war im Bounty, ich war bei ein oder zwei Poolparties. Ich hatte die schlimmsten Kater meines Lebens vom Bali Arrak, ich habe Bintang getrunken. Ich bin am Bombing monument vorbei gewankt. Ich habe nach einem großen Jungle Juice Karaoke gesungen. Ich hatte meinen Spaß. Aber bis auf die Tage, an denen ich tatsächlich mit Fieber und Grippe flach lag, war ich jeden Tag in der Uni. Ich habe meine Hausarbeiten selbst geschrieben, statt sie aus dem Internet herunter zu laden. Ich habe mich regelmäßig mit meiner indonesischen Bekannten getroffen. Ich war bei einer Balinesischen Familie eingeladen, um traditionell Früchte zu einem der balinesischen Feiertage zu essen. Ich habe mein Bintang zum Sonnenuntergang nicht auf der Poolside Liege im teuren Strandclub, sondern auf dem Plastikstuhl aus der Styroporkiste direkt am Strand getrunken und mich dabei mit dem Verkäufer unterhalten. Ich habe nicht Burger und Pommes im Club gegessen, sondern Nasi Campur oder Gado Gado in der Seitengasse oder auf dem Night market. Und mich dabei mit den Leuten unterhalten. Um mein Bahasa Indonesia zu üben und um mehr zu erfahren. Darüber, wie sie leben, was sie denken. Denn wo wäre der Sinn gewesen, ein halbes Jahr am Ende Ende der Welt zu leben, wenn ich dann doch strikt nur unter meinesgleichen geblieben wäre?


Anekdoten

Vier Anekdoten möchte ich euch erzählen, die mich bis heute noch tief beeindrucken und die ich wohl so schnell nicht vergessen werde.

Erste Hilfe am Strand

Während eines langen Wochenendes war ich auf den Gili Islands. Gili Meno, die mittlere und ruhigste der drei winzigen Inseln vor der Küste von Lombok, war mein Ziel. Ich könnte hier jetzt ganze Seiten mit diesen 3 Tagen füllen... Aber eigentlich will ich euch nur von dem einen Nachmittag erzählen. Ich war schnorcheln. Sehr, sehr lange (weil ich ZUSAMMEN mit einer Meeresschildkröte schnorchelte – ungelogen, sie wartete sogar auf mich, wenn sie zu schnell weg schwamm und ich nicht hinterher kam!) war ich im Wasser. In der prallen Sonne. Irgendwann kam ich wieder an Land und mir wurde erstmal ganz komisch. Mein Herz raste, ich bekam kaum Luft. Vorsichtig setzte ich mich in den Sand und hoffte, dass das gleich vorüber wäre. Da kam ein junger Mann zu mir, schaute mich an, bat um Erlaubnis und drückte verschiedene Punkte an meiner Hand. Und – ob Placebo, normale Erholung oder was anderes – es ging mir schlagartig besser.

Der Getränkeverkäufer

Eines abends saß ich beim Sonnenuntergang am Strand von Kuta und trank ein Bintang von einem der vielen Verkäufer dort. Die Jungs kaufen Bier und Limo im Supermarkt und lagern es gekühlt in Styroporkisten direkt am Strand, wo sie ein paar Plastikstühle hinstellen und dann das Bier halt für 20.000 statt für 15.000 IDR verkaufen und sich damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Wir kamen ins Gespräch und plauderten über Gott und die Welt. Als die Sonne endgültig verschwunden war, gingen wir zufällig in die gleiche Richtung. Unterwegs pfiff der Verkäufer fröhlich vor sich hin.Ich fragte ihn, was ihm so gute Laune machte. Die Antwort: „Ich habe heute genug Geld verdient, damit ich mir für eine ganze Woche Reis kaufen kann.“

Die Straßenkinder

Schon vor Antritt der Reise und dann auch vor Ort noch einmal wurden wir eindringlich „gewarnt“, Bettlern kein Geld zu geben. Ganz besonders nicht den vor allem nachts an der Partymeile bettelnden Kindern. Denn, so die Erklärung, von dem Geld, das man ihnen gibt, sehen diese Kinder nichts. Das müssen sie an die organisierten Banden abliefern, die sie in den frühen Morgenstunden mit Bussen einsammeln und zu ihren Sammelunterkünften karrten. Was ich stattdessen tat war, Gruppen von Straßenkindern, die gemeinsam bettelten, mit in den SevelEleven zu nehmen. Dort gab es dann für alle Instantnudeln, Sandwiches, Kekse und Limonade. Diese Freude über eine Tasse mit Instantnudeln, dieses Johlen über ein paar Kekse – das werde ich niemals vergessen.

Die Poolbar

Das Staatsmotto Indonesiens lautet "Bhinneka Tunggal Ika". Das bedeutet "Einheit in Vielfalt". Und wie diese Einheit in der Vielfalt gelebt werden kann, wurde mir unter anderem bei einem Besuch in einem Wasserpark klar. Dort gab es eine Poolbar. Eine indonesische muslimische Familie war dort. Alle Frauen und Mädchen der Familie trugen vollen Burkini – mit langen Ärmeln, Beinen und Kopftuch. Während die Kinder im Wasser tobten, setzte sich die Mutter der Familie an die Poolbar und trank einen frisch gepressten Saft. Neben ihr saß eine Touristin aus Australien. Diese trug einen sehr knappen Triangle-Bikini und sie trank sich scheinbar einmal quer durch das Cocktail-Menü. Sie lallte auch schon kräftig und torkelte im Sitzen. Natürlich wurden die beiden nicht beste Freundinnen. Aber sie tolerierten einander einfach vollkommen selbstverständlich. Nicht einmal einen abschätzigen Blick – egal von welcher Seite – konnte ich beobachten.


Demut und Dankbarkeit

Mich hat dieses halbe Jahr auf Bali, die aufgeführten Anekdoten und auch die sonstigen Begegnungen und Erfahrungen, die ich dort hatte, zwei wichtige Dinge gelernt: Dankbarkeit und Demut.

Ich bin dankbar für das Leben, das ich führen darf. Ich habe so viel Luxus, so viele Privilegien, das es schon fast unverschämt ist. Nie in meinem Leben musste ich Hunger oder Durst leiden, mich darüber Sorgen, wo ich nächste Woche mein Essen her bekomme. Ich hatte immer ein festes Dach über dem Kopf. Und als Deutsche kann ich mich selbst dann, wenn ich eines Tages nicht arbeiten kann und nichts hätte, auf ein soziales Netz verlassen, das mir zumindest eine Grundsicherung ermöglicht. Das ist ein riesiger Luxus! Was für ein großer, das ist mir in China noch einmal klarer geworden... Aber dazu ein anderes Mal mehr.

Und ich bin demütig geworden. Nicht im christlichen Sinne mit der Demut vor dem allmächtigen Gott. Nein. Ich glaube nicht an den christlichen Gott. Aber ich bin mir meines Platzes in dieser Welt mehr bewusst als zuvor. Ich sehe nichts mehr als selbstverständlich an. Denn nichts, was wir haben, ist selbstverständlich. Nicht einmal, dass wir leben und atmen, ist selbstverständlich. Let alone dass wir genug Kleidung, Nahrung und Wohnraum haben. Es ist ein riesiges, enormes, unfassbares Glück. Und im Bewusstsein dieses Glücks versuche ich, mein Leben so zu gestalten, dass ich mich für meine Privilegien zumindest nicht schämen muss.

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