Dienstag, 10. Januar 2017

Jammern auf hohem Niveau

Ich befürchte, ich trete mit diesem Artikel ein paar Leute ein bisschen auf die Zehen. Daher möchte ich einmal kurz vorweg schicken: Nur, weil etwas gut ist, heißt das ja nicht, dass es perfekt ist. Und nur, weil es anderswo viel schlimmer/schwerer/anstrengender ist heißt das nicht, dass man Missstände, Fehler und Verbesserungspotential nicht anprangern bzw. aufzeigen und Verbesserungen fordern darf oder kann. Aber ich glaube manchmal verliert man den Blick dafür, wie gut es einem eigentlich – trotz Möglichkeit zur Steigerung – geht.

 

Stein meines Anstoßes ist das für mich gefühlt ewige Gemecker über die Kinderkrankentage in Deutschland. Aber ich denke auch an Krankenversicherung, Krankentage, Urlaub etc.

 

Ich vergleiche die Situation in Deutschland jetzt mal mit der in China. Dem bevölkerungsreichsten Land der gesamte Welt und der zweitgrößten Volkswirtschaft der ganzen Welt. Hier leben beinahe 1,4 Milliarden (!!!) Menschen. Und dabei arbeite ich hier bei einem internationalen Unternehmen, dass sich nicht nur fair an alle geltenden Gesetze hält (was bei weitem nicht alle Firmen tun!), sondern sogar darüber hinaus geht. So bekommen bei uns jetzt global alle Eltern minimum 10 Tage voll bezahlten parenting leave – selbst, wenn sie nicht das gebärende Elternteil sind. Das heißt mir geht es eigentlich bezüglich all dieser Arbeitsrechtlichen Dinge sehr gut. Für chinesische Verhältnisse.

 

 

Steuern, Abgaben und Sozialversicherung

 

Ich habe es mal durchgerechnet. Wenn ich in Deutschland das selbe Gehalt bekäme wie hier, hätte ich – zuzüglich 1 x Kindergeld – im Monat gerade einmal 30 EUR im Monate weniger. Das ist 1 EUR pro Kalendertag, den ich mehr an Steuern und Abgaben zahlen müsste. Dafür hätte ich in Deutschland eine Krankenversicherung für meine ganze Familie, eine Arbeitslosenversicherung und eine Rentenversicherung. Außerdem kostenlose Bildung und Freizeitmöglichkeiten wie Kinderspielplätze. Bezuschussung zur Kinderbetreuung, steuerliche Absetzbarkeit von Betreuungskosten and anderen Posten. Hier in China habe ich nichts von alledem. Ok, ich habe inzwischen eine Krankenversicherung, die allerdings mein Arbeitgeber zur Gänze alleine zahlt (ich zahle nur die Steuern auf den Krankenkassenbeitrag, der als Bonus zum Gehalt gewertet wird) und die ausschließlich mich selbst und maximal 1 Kind (und das auch erst ab der Entlassung aus der Klinik nach Geburt mit dem Vermerk „gesund“!) mit einschließt. Mein Mann oder ein zweites Kind müssten dann privat versichert werden.

 

 

Krankenversicherung

 

Überhaupt, die Krankenversicherung. Wenn ich in Deutschland krank bin, dann gehe ich zum Arzt. Ggf zahle ich meine Praxisgebühr (wobei, ich glaube die gibt es nicht mehr, oder?) und gebe dem Arzt oder wer auch immer der front office macht meine Versichertenkarte und das war’s für mich. Alles andere läuft hinter den Kulissen ab und ich muss mir da meistens keinen größeren Kopf drum machen. Hier funktioniert praktisch jede bezahlbare Versicherung so, dass ich erstmal alles bezahlen muss. Noch bevor ich überhaupt einen Arzt zu Gesicht bekomme, versteht sich. Wer nicht zahlt, wird auch nicht behandelt. Nachdem ich dann alles erstmal aus eigener Tasche bezahlt habe, muss ich alle Quittungen zusammen mit dem vollständigen Arztbericht und einem Antragsformular binnen 3 Monaten an die Krankenkasse schicken und bekomme dann binnen 2 Monaten Bescheid, ob mir die Kosten erstattet werden.

 

Dabei sind die Kosten, die Übernommen werden, auch ganz klar gedeckelt. Für einen Geburt beispielsweise zahlt die Versicherung maximal 10.000 RMB für die natürliche und 15.000 RMB für den Kaiserschnitt. Also auch für alles, was um die Geburt herum noch so anfällt. Muss man ja alles extra zahlen. Meine PDA wurde genauso extra berechnet, wie der Sauerstoff, der Wehentropf oder die Glukose, die ich noch brauchte. Und dann eben auch noch die Tage auf der Station, der Ultraschall für die Blase wurde separat berechnet, der Katheter,... Stand alles separat gelistet auf chinesisch auf der Rechnung,d die ich vor Verlassen der Klinik begleichen musste. Immerhin, 10.000 RMB für die Geburt habe ich von der Krankenkasse zurück bekommen. Hätte ich aber zur Not auch privat gezahlt – das war der VIP-Preis für den Kreissaal, bei dem der Mann mit dabei sein darf, jemand Englisch spricht und man nicht mit 5 anderen Frauen zusammen im selben Zimmer sein Kind bekommt (was dann auch das Männer-Verbot begründet...). Aber das ist ein anderes Thema...

 

Und die Arzt- und Krankenhauskosten, die wir nach der Geburt des kleinen Raben für ihn hatten, wurden gar nicht übernommen. Weil: Voraussetzung, dass ein Kind (und eben maximal eins) in die Krankenversicherung mit aufgenommen wird ist, dass es als „gesund“ aus der Klinik entlassen wurde. Der kleine Rabe allerdings hatte ja seinen Infekt direkt nach der Geburt und wurde erst eine Woche später entlassen. Wer also Pech hat und ein Kind bekommt, das niemals als vollständig gesund aus dem Krankenhaus entlassen wird, der wird niemals eine Krankenversicherung für sein Kind bekommen und muss alles selbst zahlen.

 

 

Krankentage

 

Ich habe es erst neulich wieder nachgelesen und konnte es erst kaum glauben, aber in Deutschland bekommt man für bis zu 6 Wochen am Stück für die gleiche Erkrankung sein volles Gehalt weitergezahlt. Und danach Krankengeld von der Krankenkasse, sage und schreibe 70% aufs Brottegehalt. Und das bis 78 Wochen.

 

In China gesetzlich vorgeschrieben sind 5 voll bezahlte Krankentage. Egal für welche Erkrankung. 5 Tage pro Jahr.

 

Dazu kommt, dass man sich nicht einfach mal eben für einen Tag krank melden kann. Früher hatte mein Arbeitgeber die Regelung, dass man sich bis zu 1 Arbeitstag krank melden konnte, indem man eine Email schrieb. Heute müssen wir für jegliche Krank-Zeiten über 4 Stunden ein ärztliches Attest vorlegen. Bis die 5 Tage voll sind. Dann müssen wir für jegliche Krankheit und jegliche Dauer sofort ein Attest vorlegen. Wenn ich also meine 5 Krankentage schon aufgebraucht habe und mir – als Beispiel – bei der Spätschicht nach dem "Mittagessen" um 17:00 Uhr übel wird, dann bleibe ich trotzdem im Büro. Denn: So spät hat das Krankenhaus (zumindest das, in dem jemand Englisch spricht und ich nicht im chinesischen Krankenhaussystem mit seinen Wartenummern vom Automaten etc vollkommen verloren wäre) schon zu und der Arzt stellt mir ja kein Attest für eine Erkrankung aus, die schon wieder vorbei ist und ohne Attest darf ich nicht einmal die 2-3 Stunden früher nach Hause. Also kotze ich im Büro-Klo. Oder ich bitte um urgent leave. Der dann von meinem Jahresurlaub abgezogen wird oder – falls ich den schon genommen habe – komplett nicht bezahlt wird.

 

Wer außerdem länger als die 5 Tage im Jahr krank ist, bekommt partially paid sick leave. Wie viel man da bekommt ist ein bisschen kompliziert und reicht von 60% für maximal 3 Monate (Betriebszugehörigkeit weniger als 2 Jahre) bis 100% für maximal 24 Monate (Betriebszugehörigkeit mehr als 20 Jahre). Das wird alles vom Arbeitgeber bezahlt. Weil der durchschnittliche Chinese ja keine Krankenversicherung hat.

 

 

Urlaubsanspruch

 

In Deutschland hat man Anspruch auf 24 freie Werktage pro Jahr, also 20 Arbeitstage bei einer 5-Tage Woche und 14 bei einer 6-Tage Woche. Das ist ein gesetzlicher Mindestanspruch von 4 Wochen bezahltem Urlaub.

 

In China hat man im 1. Jahr der Betriebszugehörigkeit gar keinen Urlaubsanspruch. Nach dem 1. Jahr gilt dann bei gesamter Berufserfahrung unter 10 Jahren 5 Tage, unter 20 Jahren 10 Tage und über 20 Jahren 15 Tage. Ganz egal, wie viele Tage man arbeitet. Das heißt wer eine 6-Tage Woche hat, hat bei weniger als 5 Jahren gesamt Berufserfahrung nicht ganz eine Woche Urlaub pro Jahr. Wer seit über 20 Jahren berufstätig ist und nur 5 Tage die Woche arbeitet, hat volle 3 Wochen Urlaub.

 

Meine Firma gibt allen Beschäftigten 15 Tage Urlaub. Sogar schon im ersten Jahr der Betriebszugehörigkeit (bei weniger als einem vollen Jahr halt entsprechend pro-rated). Was verdammt großzügig ist, da viele Kollegen gerade erst ihren Abschluss gemacht und noch nie woanders gearbeitet haben.

 

  

Kinderkrank-Tage

 

Nun die Kinderkrank-Tage. In Deutschland, so habe ich gegoogelt, , darf jedes Elternteil bis z u 10 Tage pro Kind, maximal 25 Tage insgesamt, pro Jahr Kinderkrank nehmen, wenn das Kind jünger als zwölf Jahre ist, der Arzt ein Attest ausgestellt hat, die Betreuung und Pflege des Kindes aus ärztlicher Sicht erforderlich ist, sowohl der entsprechende Elternteil als auch das Kind gesetzlich versichert sind und keine anderen im Haushalt lebenden Personen das Kind betreuen können. Das Kinderkrankengeld beträgt 70 Prozent des Bruttoverdienstes, maximal 90 Prozent des Nettoverdienstes.

 

Ja, das System ist garantiert nicht perfekt. Den Papierkram dazu könnte man massiv reduzieren und so.

 

Ich habe mal geschaut, was Wikipedia so zur Situation in anderen Ländern sagt und das hier gefunden:

 

„In Finnland besteht ein Anrecht auf vier Tage pro Jahr Freistellung bei Krankheit eines Kindes; dabei wird das volle Gehalt gewährt.

In Frankreich besteht ein Freistellungsanspruch bei Krankheit eines Kindes, für bis zu 120 Tage im Jahr unabhängig von der Kinderzahl, mit einer im Vergleich zu Deutschland niedrigeren Zahlung (allocation de présence parentale) an die Eltern.

In Luxemburg kann bei schwerer Krankheit eines Kindes Sonderurlaub gewährt werden. Während der Freistellung erhält der Arbeitnehmer eine dem Krankengeld in Luxemburg gleichgestellte Zahlung.

In Polen werden Eltern wegen Krankheit eines Kindes bis zu 60 Tage pro Jahr voll bezahlt freigestellt.

In Schweden werden Eltern bei Krankheit eines Kindes auch längere Zeit freigestellt.“

 

Das heißt ich finde hier drei Beispiele, wo die Regelungen ggf besser sind. Wollt ihr wissen, was es in China gibt? Nichts. Absolut gar nichts. Ok, stimmt nicht. Wenn ich Glück habe, habe ich noch Urlaubstage übrig, die ich mir nehmen kann. Das habe ich zum Beispiel gemacht, als der kleine Rabe Magen-Darm hatte und außer Stillen absolut nichts zu sich nehmen wollte. Und ich hatte Glück, dass ich einen netter Arbeitgeber habe, der mir den Urlaub so kurzfristig genehmigt hat. Denn nicht einmal den illegalen Schritt, mich selbst krank zu melden, hätte ich gehen können – weil ich ja bereits für 5 Stunden Krankmeldung am Stück ein Attest vorzeigen muss.

 

  

Kindergeld

 

Wenn ich meinen chinesischen Kollegen das Prinzip des Kindergelds zu erklären versuche, schauen die mich mit großen, ungläubigen Augen an. Und wenn ich dann auch noch erkläre, wie viel Geld man in Deutschland im Monat bekommt, fallen sie fast um. Im internationalen Vergleich habe ich nur Luxembourg gefunden, das mehr Kindergeld zahlt.

 

  

Fazit

 

Und warum habe ich das alles hier jetzt so minutiös aufgedröselt? Nun ja, zum einen, um es einfach mal festgehalten zu haben. Und zum anderen um zu sagen: Bei allem Verbesserungspotential und bei allen suboptimalen Details geht es einem in Deutschland verdammt gut!

 

„Wir Deutschen“ meckern und motzen und mosern so gerne an allem herum. Dabei sollten wir vielleicht das eine oder andere mal kurz inne halten und uns bewusst machen, dass es uns echt gut geht. Wir haben so viel Sicherheit, wie haben so viele Leistungen und Freizeit, die uns gesetzlich zugesichert sind. So viele Privilegien im Vergleich zum größten Teil der restlichen Weltbevölkerung. Einfach weil wir dort geboren wurden, wo wir geboren wurden. Dafür sollten wir öfter mal einfach dankbar sein.

 

Damit meine ich nicht, dass die prekär beschäftigte Alleinerziehende, die keinen Urlaubsanspruch mehr für das Jahr hat und deren Kind nun den 21. Tag in diesem Jahr krank ist und die ja sowieso schon kaum noch weiß, wie sie die Miete für den nächsten Monat zusammenkratzen soll, in Jubelstürme auszubrechen hat. Oder dass der Schwerkranke, er sich seit Monaten schon mit der Krankenkasse um die Übernahme seiner tatsächlich wichtigen Behandlungen streitet und langsam am Ende seiner Kräfte ankommt sich nicht über die Situation beklagen darf.

 

Wer aber (ohne jegliche Geldsorgen) nur davon genervt ist, dass man mit dem kranken Kind halt nun mal zum Arzt muss, um ein Attest zu bekommen. Sorry, dafür habe ich nur sehr, sehr begrenzt Verständnis. Oder wenn Leute bemängeln, dass das Kindergeld ja überhaupt nicht alle Kosten deckt, die so ein Kind verursacht – dann aber kein Problem damit haben, zweimal pro Jahr in den Urlaub zu fahren. Oder wenn Leute meinen da ja eine Erkältung etwa eine Woche dauert sei es doch nur logisch, dass man sich als Arbeitnehmer selbstständig und ohne Attest für eine Woche am Stück krankmelden können MUSS. Und richtig aufregen kann ich mich über Leute die behaupten, mit den Steuern und Abgaben würde man dem Staat ‘ohne jede Gegenleistung Geld in den Rachen schmeißen’. Letzteren möchte ich gerne zurufen: „Ja denn geh halt wohin, wo es dir besser passt!“

 

Allen anderen will ich einfach nur sagen: Freut euch manchmal ein bisschen mehr über das, was ihr habt. Auch bei so „trockenen“ Themen wie „Urlaubsanspruch“ oder „Krankenversicherung“ macht das manchmal das Leben schöner. Ich für meinen Teil freue mich derzeit riesig darauf, diese Privilegien bald genießen zu dürfen.

 

 

P.S.: Gegebenenfalls muss ich mich selbst natürlich an genau das selbe erinnern, wenn ich total entnervt vor irgend einem Antrag sitze... ;-)

1 Kommentar:

  1. Hallo Fledermama, dem kann ich mich zu 100℅ anschließen. Das sollten wir uns immer wieder vor Augen halten. Uns geht es verdammt noch mal sehr gut. Danke.
    Viele Grüße
    Donna-Clara

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