Donnerstag, 19. Januar 2017

Tätowieren in der Stillzeit

Ich habe mich in der Stillzeit tätowieren lassen. Nun habe ich mich natürlich vorher ein wenig schlau gemacht. Die meisten Stellen raten grundsätzlich einfach davon ab und meinen, man solle unbedingt bis zum Ende der Stillzeit warten, bevor man sich Farbe unter die Haut stechen lässt. Weil just in case. Man weiß ja nie. Etwas differenzierter hat beispielsweise Regine Gresens auf Ihrer Website „Stillkinder.de“ dazu geantwortet (http://www.stillkinder.de/taetowierungen-in-der-stillzeit/). Und da ich es ja letztendlich getan habe, hier mein persönlicher Wissenstand und meine Erfahrungen:


Selbstverständlichkeiten

Vorweg will ich nur ganz kurz festhalten, dass sich diese Informationen natürlich darauf beziehen, dass man sich bei einem guten Tätowierer stechen lässt, der sauber arbeitet, sterile Einwegnadeln verwendet, seine Sachen im Autoklav sterilisiert, ordentliche Farben verwendet und so weiter. Wer sich gerne im Hinterhof mit Autolack und wiederverwerteten Nadeln ein Tattoo stechen lassen möchte, der sollte sich also auf das, was ich hier sage, nicht verlassen. Aber der hat dann wahrscheinlich ja sowieso ein derartiges Gottvertrauen, dass man nicht mehr viel dazu sagen muss... 


Geht die Farbe in die Milch?

Die Farbpigmente, die in die zweite Hautschicht gestochen werden, gehen aller Erkenntnis nach nicht direkt in die Muttermilch über. Also die Milch wird nicht bunt und das Kind kotzt keine Regenbögen. Und der Trägerstoff für Tattoofarbe ist meist destilliertes Wasser, was kein Problem darstellt. Was ein Risikofaktor sein kann sind die Schwermetalle, die in manchen Farben enthalten sein können. Diese können in die Milch übergehen, wie auch zum Beispiel das Quecksilber aus zu viel Thunfisch. Hier lohnt es sich, gegebenenfalls nochmal ein genaueres Auge auf die Farbe zu werfen, die der Inker verwendet.


Infektionsgefahr

Ja, beim Tätowieren kann man sich eine Infektion holen. Die großen Schreckgespenster, HIV und Hepatitis B, stellen jedoch bei einem sauber arbeitenden Tattoostudio keine wirklich reale Gefahr dar. Denn für diese müssten man zum Beispiel mit dem Blut oder anderen Körpersekreten eines Infizierten in Kontakt kommen. Was ja nun nicht passiert, wenn sauber gearbeitet wird.

Nun kann sich natürlich auch das frisch gestochene Tattoo infizieren und entzünden. Keime schweben ja schließlich ständig um uns herum und ein Tattoo ist nun mal sowas wie eine Schürfwunde. Also schon offen. Das ist ein reales Risiko, ja. Daher ist es auf jeden Fall – egal, ob stillend oder nicht – wichtig, sein frisch gestochenes Tattoo gut zu pflegen und sauber zu halten. Ich sage bewusst nicht sauber und trocken, weil ich Anhänger des wet healing bin, aber dazu gleich noch mehr. Wenn man allerdings genau dies tut, also das Tattoo regelmäßig wäscht, nur mit sauberen Tüchern abtupft, keinen Schmutz darauf bekommt etc, dann ist letztendlich das Risiko einer Wundinfektion bei einem Tattoo nicht viel größer als bei jeder anderen Verletzung auch. Und wenn ich in der Stillzeit hinfalle und mir das Knie aufschürfe, dann renne ich ja auch nicht vor Panik ob einer möglichen Infektion schreiend im Kreis. Obwohl das dann beim Straßenschmutz eigentlich sogar wahrscheinlicher wäre...


Allergierisiko

Ebenfalls besteht das Risiko einer allergischen Reaktion. Manche Leute können auf die Tattoofarbe an sich eine Allergie entwickeln. Andere reagieren allergisch gegen die Pflegecreme. Wenn das Immunsystem der Mutter auf irgend etwas überreagiert, kann das beim Stillen ebenfalls nachteilig sein. Außerdem würde ich in dem Zusammenhang bedenken, dass man in der Stillzeit gegebenenfalls empfindlicher ist und daher schneller eine Allergie entwickeln kann.

Bei mir war es zum Beispiel so, dass ich auf den gleichen Tattoobalsam, mit dem ich meine Flügel abgeheilt hatte, plötzlich reagiert habe. Es gab kleine Pusteln und es brannte wie Feuer. Also richtig fies. Dann platze die Haut auch noch ein bisschen auf. Also angenehm war anders. Ich musste dann eine andere Methode zum Abheilen nutzen. Obwohl ich den Balsam eigentlich ja schon kannte und gute Erfahrungen damit gemacht hatte. Aber meine Haut war einfach plötzlich viel, viel empfindlicher.


Haut nimmt die Farbe ggf anders an

Abseits von allen gesundheitlichen Risiken wollen viele Inker stillende Frauen nicht tätowieren, weil die Haut gegebenenfalls anders reagiert. Wie genau, das lässt sich nur schwer voraussagen. Bei manchen ist wohl alles einfach ganz normal wie immer. Bei anderen nimmt die Haut die Farbe gar nicht an und suppt sie mit viel Lymph-Flüssigkeit wieder aus.

Bei mir war es so, dass meine Haut allgemein eher empfindliche war. Der Artist, von dem ich meine Tattoos in der Stillzeit bekommen habe, arbeitet ohnehin so, dass er jedes Tattoo mindestens zweimal sticht: Vorsichtig, nicht zu tief mit wenig Farbe und dann eben nochmal nachstechen, bis es perfekt ist. Vorteil dabei ist, dass er nicht zu tief sticht. Somit verläuft die Farbe nicht, die Linien bleiben auch nach dem fertigen Abheilen klar und es gibt keine Narben auf der Haut. Nachteil ist für mich der doppelte oder dreifache Schmerz und die doppelte oder dreifache Wundheilung und für ihn die doppelte oder dreifache Zeit und Arbeit. Und bei mir war es jetzt eben so, dass wir Teile des Tattoos gleich zwei oder sogar drei Mal nachstechen mussten, weil meine Haut die Farbe nur schlecht annahm. Das merkte man schon beim Tätowieren selbst. Da glitt die Nadel über die Haut, es tat auch entsprechend weh, aber kaum wischte er mit dem Tuch nach war alles noch so hautfarben wie vorher. Also an manchen Stellen. Da mussten wir nochmal drüber. Und nochmal. Ouch. Und dann fiel auch beim Abheilen vergleichsweise viel Farbe wieder aus. Nein, ich hatte keine Kruste und habe auch nicht geknibbelt. Es suppte einfach und die Lymphe wuschen mehr Farbe mit aus, als zum Beispiel bei meinem Mann, der zur gleichen Zeit vom gleichen Inker einen full sleeve verpasst bekam.


Die Wundheilung

Niemals vergessen sollte man bei einem Tattoo die Wundheilung. Mit einer guten Pflege nach dem Stechen steht und fällt oftmals, ob ein Tattoo gut aussieht oder verhunzt wird. Da kann sich der Inker vorher noch so viel Mühe gegeben haben. Und auch hier kann eben in der Stillzeit vieles anders sein, als vorher oder nachher. Meistens ist es so, dass das Abheilen dann länger dauert.

Ich finde ja die Heilung bei einem Tattoo sowieso immer am schlimmsten. Stechen kann ich gerne auch 5, 6 Stunden am Stück ertragen. Aber wenn es dann in der Nacht noch immer brennt... Argh! Und meine Wundheilung des Tattoos war in der Stillzeit richtig blöd. Vorher kannte ich es so: Etwa 2-3 Tage war das frische Tattoo offen, wund und brannte oder spannte. Dann war die offene Wunde verheilt und die Silberhaut fertig drüber. Nach etwa 2 weiteren Tagen dann wurde die Haut trocken und schälte sich einmal ab (oder auch nur teilweise, je nach Heilmethode vorher). Nach etwa 2-3 Tagen war auch das vorbei und alles war fertig abgeheilt. Summa summarum machte das aso etwa eine Woche vom Stechen bis zu „Ok, fertig. Jetzt halt ab und zu mit Bodylotion geschmeidig halten.“. In der Stillzeit dauerte das alles bei mir fast doppelt so lange. Vor allem die Zeit, in der das Tattoo noch brannte und sich heiß anfühlte war sehr lang. Nach jeder Sitzung wollte ich in der dritten Nacht danach fast verzweifeln. Und bei Bewegung gespannt hat es nach fast einer Woche noch immer. Erst dann begann das Abschälen und Jucken und den Punkt „Ok, jetzt geht es auch mal, wenn ich nicht ständig creme“ hatte ich erst nach 10 Tage bis zu 2 Wochen.


Würde ich es wieder tun?

Nach all den Schilderungen klingt das jetzt erstmal bescheuert, aber ja, ich würde mich jederzeit wieder auch in der Stillzeit tätowieren lassen. Ganz besonders in der Situation, in der ich mich dafür entschieden habe, hatte ich einen wirklich tollen Artist an der Hand, der kurz darauf allerdings das Land verlassen hat und jetzt ganz woanders lebt und dort als Musiker arbeitet. Also echt eine einmalige Chance.

Und ja, ich würde mich auch später wieder unter die Nadel legen, obwohl ich noch laktiere. Allerdings würde ich wohl etwas länger warten als diesmal. Denn zu der Zeit, zu der ich mich habe stechen lassen, haben wir noch sehr, sehr viel gestillt. Beinahe noch voll. Und ich vermute, dass auch die Stillfrequenz ein wenig damit zu tun hat, wie sehr der Körper noch anders reagiert. Außerdem würde ich mir heute andere Termine suchen, sodass ich nach dem Stechen am besten 1-2 Tage frei habe. Diesmal war es so, dass ich meist schon am nächsten Tag wieder ins Büro musste, wo es mit dem Pflegen des Tattoos zwar klappte, aber halt doch unbequem und stressig war.


Soll ich mich in der Stillzeit tätowieren lassen?

Ob du persönlich dich jetzt in der Stillzeit tätowieren lassen sollst, das kann ich dir natürlich nicht sagen. Diese Entscheidung musst du selbst treffen und dabei die Vor- und Nachteile in deiner persönlichen Situation abwiegen. 
Ich würde dir jedoch auf jeden Fall von einem Tattoo in der Stillzeit abraten, wenn es dein aller erstes sein würde. Ich hatte zu dem Zeitpunkt, zu dem ich mich während der Stillzeit habe stechen lassen bereits 10+ Stunden Nadelerfahrung. Das heißt ich wusste bereits zumindest ungefähr, wie ich das Tätowieren vertrage, wie die Heilung bei mir abläuft etc. Es gibt Leute, die klappen beim Stechen zusammen und vertragen es vom Kreislauf her nicht. Es gibt Leute, die allergisch gegen die Farbe oder die Pflegecremes sind. Es gibt Leute, die Probleme mit der Wundheilung haben und bei denen das Abheilen eines Tattoos mehrere Wochen dauert. Es gibt Leute, deren Haut die Farbe schlecht annimmt und viel wieder aussuppt. Es gibt Leute, die zu Infektionen neigen und die daher bei einem neuen Tattoo ganz extrem vorsichtig sein müssen. Und das alles halt ohne, dass die Stillzeit zu alledem noch „erschwerend“ hinzu kommt. Ob du zu einer oder mehrerer dieser Gruppen gehörst, das weißt du erst, wenn du dich schon mal hast tätowieren lassen. Und wenn du bereits wüsstest, dass zum Beispiel die Heilung bei dir fast einen Monat dauert, dann würdest du wohl auch nicht riskieren, das ganze während der Stillzeit durchzuziehen. Und natürlich ist da auch noch die Frage der Unsicherheit. Ich weiß, dass ein Tattoo anfangs brennt, sich heiß anfühlt, gerötet ist etc. All das KANN aber auch auf ein behandlungsbedürftige Entzündung des Tattoos hindeuten. Und, wie bei allem im Leben, macht auch hier bei der Unterscheidung die Übung den Meister. Nach meinem ersten Tattoo war ich da nämlich total verunsichert und hätte mir wohl, wenn ich zeitgleich gestillt hätte, tierische Sorgen gemacht. Vollkommen unnötig, weil diese Reaktion ganz normal war und nix entzündet war.

Und wenn du wirklich nicht mehr warten willst und zeitgleich noch stillt, dann wäre mein Rat, erstmal mit einer kürzeren Sitzung anzufangen. Also nicht gleich den vollen Tag mit 8 Stunden inken ausbuchen, sondern sich erstmal vorsichtig rantasten. Vielleicht erstmal etwas, das in einer halben Stunde gestochen ist. Denn natürlich macht es einen unterschied, ob der gesamte Oberarm aufgeschürft wird, oder man sich ein finger-großes Areal aufgekratzt hat.


Tattoowundheilung mit Muttermilch

Einen letzten Tipp noch. Mir hat das nach dem Fiasko mit der Reaktion auf den Balsam wohl das Tattoo gerettet und auch in der Folge viele Sorgen und Probleme erspart. Ich habe meine Tattoos in der Stillzeit mit meiner eigenen Milch abgeheilt. Stillmütter wissen, wie toll Muttermilch hilft, wenn das Kind wund ist. Und genauso gut hilft sie, wenn man selbst eine Wunde abheilen will.

Ich fahre ja ohnehin schon mit dem wet healing am besten. Also mit der Heilmethode, bei der man das frische Tattoo für etwa 3 Tage unter einer Folie abgedeckt lässt und das Trocken und die Krustenbildung verhindert. Natürlich ist es dabei sehr wichtig, das Tattoo mehrmals täglich zu waschen, sauber zu halten, vorsichtig trocken zu tupfen und erst dann wieder einzucremem und abzudecken, weil sich sonst in dem feucht-warmen Klima auch Keime super wohl fühlen. Aber so heilen meine Tattoos einfach am besten.

Nun habe ich nach dem Stechen die erste Folie nach den angerateten 4 Stunden abgemacht. Dann das Tattoos mit milder Waschlotion (Ärtzeseife geht auch gut, nur nichts aggressives oder parfümiertes) und lauwarmem Wasser abgewaschen (das dauerte – Vaseline runter waschen ist nervig!), vorsichtig trocken getupft und vielleicht 5 Minuten trocknen lassen. Dann habe ich frisches, sauberes Küchenkrepp mit Muttermilch getränkt, in dicken Lagen auf das Tattoo aufgelegt und alles wieder in Folie eingepackt. Es war eine Wohltat sondergleichen, wenn ich die frischen Tücher auflegte! Das habe ich dann alle 2-4 Stunden wiederholt. Außer nachts natürlich, da bliebt es auch ein paar Stunden länger drauf. Die Ränder habe ich jeweils mit medizinischem Klebeband aus dem Verbandskoffer abgeklebt, damit nicht gar so viel Milch-Supp-Gemisch sich in meiner Kleidung verteilte. Das roch nämlich nicht soooo lecker (die Fecken stanken halt einfach schnell nach saurer Milch). Das habe ich so dann für 4 Tage durchgezogen. Danach habe ich das Tattoo mit Kokosöl eingecremt, bis es fertig abgeheilt war.

In der Stillzeit tätowiert: Die Lichtgestalt, die sich aus dem Kokon befreit 

Ebenfalls in der Stillzeit tätowiert: Ein Rabe. Dazu das verkürzte Zitat von Goethe: Glücklich allein ist die Seele die liebt. 




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