Donnerstag, 26. Januar 2017

Von der guten Seite an Traumata

Sowohl ich, als auch ganz besonders das Haselchen, haben bis jetzt in unserem Leben unseren „fair share“ an traumatischen Erlebnissen mitgemacht. Von den zwei schlimmsten aus der jüngeren Vergangenheit – meiner Ausschabung ohne Narkose und unserer Trennung von unserem Neugeborenen – hatte ich ja hier ausführlich geschrieben. Noch können wir unsere Traumata zusammen an zwei Händen abzählen. Und ich hoffe sehr, dass dem auch so bleibt. Denn natürlich wünsche ich mir kein weiteres körperliches oder seelisches Leid. Weder für mich, noch für die Menschen, die ich liebe. Natürlich weiß ich, dass wir Schlimme Dinge niemals ganz verhindern können...

 

Aber heute will ich gar nicht von dem Schlimmen schreiben. Sondern von dem Guten, das daraus erwachsen kann.

 

Nein, ich bin mit Sicherheit kein Verfechter des „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“. Nicht, wenn es als Grund dafür hergehalten wird, Menschen „abhärten“ zu wollen. Nicht, wenn damit Menschen das, was sie anderen Menschen antun, relativieren oder rechtfertigen wollen.

 

Aber man muss an einem Trauma nicht unbedingt verzweifeln. Man kann es überwinden, man kann lernen damit zu leben und man kann daran wachsen. Das ist etwas, das mir erst vor relativ kurzer Zeit bewusst wurde und das ich früher für unmöglich gehalten hätte. Ich hatte diese Idee im Kopf, dass ein Trauma dich immer ein Stück weit zerstört und einen Schaden anrichtet, der niemals wieder gaz heilen kann. Und ja, zu einem gewissen Grad stimmt das auch. Nach den Erfahrungen seiner Kindheit und Jugend wird das Haselchen Fremden gegenüber immer misstrauisch sein. Ich werde auf einem Gynäkologen-Stuhl niemals mehr angstfrei sein können. Wir werden beide in bestimmten Situationen überreagieren und wir werden wohl beide immer ein bisschen um den kleinen Raben herum helikoptern. Aber es gibt eben noch diese andere Seite. Und über diese möchte ich heute schreiben.

 

Wie der Phoenix aus der Asche kann man etwas Schreckliches nicht nur überstehen, sondern tatsächlich einen Neuanfang daraus ziehen. Und wenn man aus der Bahn geworfen wurde, kann der Weg, auf den das Leben einen geschleudert hat, sich plötzlich als ein besserer entpuppen als der, den man zuvor gegangen ist. Natürlich MUSS das nicht so sein. Jeder Mensch ist anders, jede Situation ist eine andere und nur, weil ich eine Erfahrung gemacht und meine Schlüsse daraus gezogen habe heißt das nicht, dass ich damit Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebe.

 

Persönlichkeit

 

Ich mag die Person, die ich heute bin. Und ich liebe das Haselchen für seine Persönlichkeit. Wir sind vielleicht nicht immer ganz einfach und haben so unsere Macken. Aber – sorry, wenn das jetzt irgendwie arrogant klingt – wir haben Tiefgang. Ich mag viele Aspekte unserer (unterschiedlichen) Persönlichkeiten. Und wir wären nicht die Menschen, die wir heute sind, wenn wir nicht das Leben gelebt hätten, das wir bis jetzt gelebt haben. Beispielsweise wäre ich sonst vielleicht nicht so empathisch und diplomatisch. Das Haselchen wäre vielleicht nicht so direkt und ehrlich bis zur Schmerzgrenze (und darüber hinaus). Ich wäre vielleicht weniger emotional, warmherzig und reflektiert, er wäre vielleicht weniger fürsorglich, liebevoll und geheimnisvoll. Und uns beiden würde mit ziemlicher Sicherheit unsere Grundeinstellung von „Ach, leckt mich doch mit eurer ‘Gesellschaft‘ und euren Erwartungen und euren Normen!“ fehlen. Und damit, möchte ich sagen, ein ganz großes Stück Freiheit.

 

Im Allgemeinen übrigens ist mir einmal aufgefallen, dass die Menschen, die ich besonders gerne mag, allesamt richtig üble Scheiße in ihrem Leben durchgemacht haben. Meist sind diese Menschen ganz besonders empathisch. Inwiefern das eine das andere bedingt, kann ich nicht beurteilen. Aber es fällt auf.

 

Stärke

 

Aus dem Wissen, zuvor unvorstellbaren Schmerz – egal ob körperlich oder seelisch – überstanden zu haben und aus der Erfahrung, dass man es trotzdem schaffen kann, erwächst eine innere Stärke und weniger Angst. Kann erwachsen, sollte ich besser sagen. Aber ich spreche von konkreten Beispielen, in denen es so geschehen ist. Dinge, die einen vorher vielleicht verletzt oder sogar ganz aus der Bahn geworfen hätten, werden weniger wichtig. Die kleinen Schrecken des Lebens verblassen und verlieren ihre Macht über einen. Und wer einmal durch die Hölle gegangen ist und weiß, dass sie einen Ausgang hat (wie auch immer dieser aussieht), der geht mit einem anderen Wissen, einer anderen Einstellung und einem anderen Gefühl durch das nächste Jammertal.

 

Dankbarkeit und Glück

 

Nach der finstersten Nacht ist der Sonnenaufgang der schönste den man jemals gesehen hat. Aus Leid erwächst ein Bewusstsein dafür, wie gut es einem geht, wenn es einem gut geht. Und aus diesem Bewusstsein erwächst Dankbarkeit und Glück. Im Kleinen genau wie im Großen. Im Kleinen ist das wie dieser Moment, wenn die Kopfschmerztablette endlich anfängt zu wirken und die Schmerzen nachlassen. Objektiv betrachtet ist da vielleicht noch immer ein leichter Schmerz oder ein Unbehagen. Aber subjektiv geht es einem so viel besser und man freut sich, dass die Medizin wirkt.

 

Mein ganz persönliches Beispiel ist: Ich bin vom kleinen Raben nie genervt. Das scheint recht ungewöhnlich. Bestätigen mir doch praktisch alle anderen Eltern, dass sie manchmal die Nase voll haben von ihren Kids. Auch „schon“ mit 1 ½. Auch, wenn sie sie nicht ständig um sich haben. Ich finde diese Emotion bei anderen Eltern absolut legitim. Aber mir selbst ist sie fremd. Ja, es kann mich mal nerven, wenn ich den 30. LKW in Folge malen soll und dann schlage ich ein anderes Spiel vor. Aber dann bin ich trotzdem nicht vom kleinen Raben selbst genervt. Denn noch immer sind für mich die Erinnerungen an die Umstände seiner Geburt und unsere anschließende Trennung allgegenwärtig. Ja, damit sind auch Ängste verbunden, die andere Eltern vielleicht in dieser Intensität nicht so oft und so allgegenwärtig empfinden. Und vor einer weiteren Geburt muss ich mich da noch einigem stellen und es verarbeiten. Aber daraus resultiert auch eine derart unbändige Dankbarkeit und ein solches Glück, dass ich gerade schon wieder Freudentränen in den Augen habe. Einzig für die Tatsache, dass unser Kind bei uns ist und gesund ist. Dass er mit uns lacht und spricht, kreischheult, sich ausdrückt und ich ihn ihn den Arm nehmen und ihm einen Kuss ins Haar hauchen kann.

 

 

P.S.: Ich habe gerade einmal gegoogelt und bin dabei auf den Begriff „Posttraumatisches Wachstum“ gestoßen. Das scheint das alles ganz gut zu beschreiben...

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