Dienstag, 7. Februar 2017

Fledermama und Haselchen - A tale of real love

She was sweet and twenty-two
First time from home
He was a stranger
To her and in the town
Where they first met
In a club in Madrid, long time ago

This is how the fairy-tale begins
A tale of true love

Abgewandelt nach A Tale Of Real Love von Chamber: L'orchestre de Chambre Noir (https://www.youtube.com/watch?v=XxnHJ_JdXk8)



Vor 5 Jahren haben das Haselchen und ich uns das Ja-Wort gegeben. Wie es dazu gekommen ist, dass ich, Kind aus einem Dorf in Hessen, einmal in Hong Kong stehen und auf Englisch meine vows für einen jungen Mann mit spanischem und russischem Pass, der in der UdSSR im heutigen Kasachstan geboren wurde, geben würde und danach würden wir wieder zurück in unsere gemeinsame Wohnung in Shanghai gehen... Das will ich einmal auch hier festgehalten haben. Und ich fange mal wieder bei Adam und Eva an:


Die frühen Jahre

Das Haselchen wurde in Almaty geboren. Damals in der UdSSR, heute in Kasachstan. Als er zwei Jahre alt war, rannte sein Vater davon. In den lokalen Zeitungen wurde er sogar als Verräter beschimpft, denn er hatte sich auf in den Westen gemacht. Für fünf Jahre würde er seine Familie komplett ignorieren und sich in Spanien niederlassen. Währenddessen wuchs das Haselchen bei seiner alleinerziehenden und für die Familie sorgenden Mutter und seinen Großeltern auf. Der Zerfall der UdSSR brauchte viel Chaos und Verwirrung und Unsicherheit für die Familie.

Ich war währenddessen ein unbeschwertes Kleinkind in Westdeutschland. Für mich ist  das einzige, woran ich mich bezüglich des Zerfalls des Ostblocks erinnern kann, die Einführung der 5-stelligen Postleitzahlen. Dazu gab es nämlich Sticker, die ich auf meine Spielzeug-Truhe geklebt habe. Eine gelbe Hand mit cooler Sonnenbrille.


Umbrüche und Neuanfänge

Fast forward von den Stickern einmal 10 Jahre in die Zukunft.

Das Haselchen war mittlerweile ein 15jähriger Teenie, der gerne Punk hörte und Gitarre spielte. Seine Mutter war erneut verheiratet in einer eher zweckmäßigen Ehe in Fernbeziehung mit einem Deutsch-Russen. Sein Vater war wieder verheiratet, hatte drei weitere Kinder bekommen und lebte erfolgreich in Madrid. Es gab Kontakt, aber der war eher sporadisch. Dann zog das Haselchen zunächst nach Bayern zum neuen Ehemann seiner Mutter. Geplant war, dass sie eine Weile später auch hinterher kommen und dann in Deutschland leben würde. Dann stand fest, dass seine Mutter und ihr neuer Mann wohl zusammen wirklich nicht glücklich werden würden und sie lieber in Almaty bleiben, gutes Geld dort verdienen und sich um ihre Eltern kümmern würde. Das Haselchen aber sollte und wollte besser in Europa sesshaft werden. So zog er zu seinem leiblichen Vater nach Madrid. Also lernte er Spanisch mit Erklärungen auf Deutsch, weil sein Deutsch seinerzeit besser war, als sein Englisch. Er ging zur Schule. Er bekam die Spanischen Staatsbürgerschaft. Nur mit seinem Vater und seiner Großmutter väterlicherseits kam er nicht aus. Als er 18 wurde, setzte der Vater ihn dann vor die Tür, weil er jetzt ja erwachsen sei. Finanzielle Unterstützung bekam er jedoch noch. Er suchte sich eine WG, machte sein spanische Äquivalent zum Abi und begann, zu studieren. Und verbrachte viele Abende in seinem Stammclub, dem „666“.

Ich lebte derweil weiter ganz langweilig und normal in Deutschland. Im Dorf. Fuhr mit dem Bus zur Schule, machte mein Abi und begann dann auch, zu studieren. Für mein Studium suchte ich mir die *ähm* beschauliche Kleinstadt Hof in Oberfranken aus. Für mein Studium (Internationales Management) musste ich dann ein Semester Praktikum und ein Semester Studium im Ausland absolvieren. Daher ging ich 2009 zunächst für 6 Monate Praktikum (und mit „Hola. Yo me llamo Fledermama. Yo no hablo espaniol.“ Und „Tu telefono taxi“ als einzigen Spanischkenntnissen) nach Madrid, weil ich in Frankreich, wohin ich ursprünglich wollte, keine Stelle finden konnte. 


One night in Madrid

Natürlich hatte ich schon vorher online gesucht, wo man in der neuen, spannenden Großstadt so würde ausgehen können. Dabei hatte ich den „666 Gothic Club“ gefunden. An meinem ersten Wochenende war ich gleich dort gewesen und mit einer ganzen Gruppe von Leuten ins Gespräch gekommen. Der Abend wurde spät, nach dem „seis“ ging man gemeinschaftlich in „Dark Hole“, es wurde immer später und in den frühen Morgenstunden trennte man sich, um sich auszuschlafen.

Am selben Wochenende war auch das Haselchen im 666. Eigentlich hatte er lieber WOW spielen wollen. Aber Freunde überredeten ihn. Dann hatte er einen tollen Abend, im Zuge dessen er eine junge Frau kennen lernte. Sie gefiel ihm, er gefiel ihr. Also tauschten sie Nummern aus. Er versuchte auch noch am selben Abend, sie anzurufen um zu schauen, dass sie auch beide die richtigen Nummern hatten. Was klappte. Am nächsten Tag wollte er ihr eine SMS schreiben, um sich für irgendwann im Laufe der Woche zu verabreden. Aber ihre Nummer war weg.


Deja-vu?

An meinem zweiten Wochenende ging ich wieder ins „seis“. Erstaunlich, aber wahr: Einen anderen Gothic Club gibt (bzw. gab) es samstags abends in Madrid nicht.

Auch das Haselchen ging hin. Eigentlich hätte er keine große Lust gehabt. Aber er wollte nach dem Mädel suchen, dessen Nummer sein Handy auf so mysteriöse Weise selbstständig gelöscht hatte.

Ich holte mir gerade einen Gin Tonic an der oberen Bar, als ich ihn vor einer der Säulen stehen sah. Sofort hatte ich dieses deutliche Gefühl, dass ich ihn kennen würde. Mein Hirn ratterte. Hirn und Gefühl einigten sich darauf, dass er wohl bei der Gruppe von der Vorwoche dabei gewesen sein müsste. Sicher war ich mir zwar nicht, schließlich hatte ich auch nicht den blassesten Schimmer, wie er heißen könnte, aber anders konnte ich mir das Gefühl, ihn  zu kennen, nicht erklären. Aber wenn er Teil der Gruppe von der Vorwoche gewesen wäre, wäre es ja sehr unhöflich, ihn jetzt einfach zu ignorieren. Also ging ich einfach hin und sagte „Hi!“. Wir kamen ins Gespräch und redeten den gesamten Abend über. Nur kurz unterbrochen von Tanzpausen meinerseits.

Nein, wir hatten uns in der Vorwoche nicht bereits unterhalten. Es stellte sich heraus, dass wir uns nie zuvor begegnet waren. Wir tauschten also Nummern und Emailaddressen aus. Noch in der selben Nacht schrieben wir uns die ersten SMS hin und her. Und so sollte es von nun an weiter gehen. Wir trafen uns mindestens jedes Wochenende, wir redeten, wir machten die ganze Nacht im Seis und im Moscow und beim Dönermann durch um früh morgens in den Capricho zu fahren und dort dann fast auf einer Bank einzuschlafen. Wir schrieben fleißig über ICQ und sendeten uns zahllose SMS (hihi, so oldschool^^). Und wir verliebten uns. Richtig, richtig heftig.

Eines der ersten gemeinsamen Fotos 

Angsterfüllter Start

Das Haselchen genoss das erstmal mehr im Moment.

Mir machte es viele, viele Sorgen. War doch mein Plan gewesen, nach dem Studium in Deutschland einen guten Job zu bekommen. Was sicherer, im Controlling oder der Buchhaltung vielleicht. Ich fand mich schon super flexibel dafür, dass ich bundesweit umziehen würde. Und nun war ich gerade Hals über Kopf dabei, mein Herz an einen Kerl zu verlieren, der zwei Fluzgstunden von Deutschland entfernt lebte?! Zwei Flugstunden, das war so weit weg für mich. Das würde doch niemals klappen. Fernbeziehungen klappen doch nie... Und am Ende stehen ganz viele Tränen und ein tiefes, tiefes Loch voller Liebeskummer und übelstem Herzschmerz. Und so intensiv, so aus vollem Herzen und mit all meiner Seele hatte ich mich zuvor noch nie verliebt. Jede Faser meines Seins wollte mit diesem Menschen zusammen sein. Und je höher der Höhenflug, desto tiefer würde der Fall am Ende werden.


Ein Mann schafft mehr als 10 Pferde

Nachdem wir uns etwa 4 Monate kannten, musste das Haselchen unerwartet zurück nach Almaty fliegen, weil sein Oma einen Schlaganfall hatte und die Familie seine Unterstützung brauchte. Noch vor seiner Rückkehr nach Madrid musste ich zurück nach Deutschland und dann bereits 3 Wochen später ging mein Flieger zum Studium nach Bali.

Wir standen weiter via Email, Skype und vkontakte in Verbindung. Ich hatte in meiner Unterkunft kein Internet, sodass wir nur schreiben konnten, wenn ich gerade in einem Internetcafe saß oder in einem der „teuren“ Restaurants mit WLAN aß und mein Laptop dabei hatte. 

Und so kam es, dass sich draußen sinflutartig der tropische Regen ergoss, während ich in einem chinesischen Restaurant saß und mit ihm über vk schrieb. Er eröffnete mir, dass er nach dem Ende seines Studiums nach China gehen würde. Mir sackte erstmal das Herz in die Hose. Und ganz spontan, mit zitternden Fingern, schrieb ich zurück: „Ok. Ich komme mit!“. Natürlich nicht auf Deutsch, wir schrieben seinerzeit immer auf Spanisch und den genauen Wortlaut weiß ich nicht mehr. Aber so spontan und aus dem Bauch und Herz heraus, wie er getroffen wurde, so fest stand mein Entschluss: Wenn dieser Kerl nach China geht, dann gehe ich mit. Ich, die ich noch knapp ein Jahr zuvor gesagt hate, nach China würden mich keine 10 Pferde bekommen. Weil kommunistisches Regime und so, da hätte ich zu viel Angst und so. Nun, es brauchte keine 10 Pferde. Nur einen Mann...


Fernbeziehung

Zum Glück musste er nicht gleich los. Seine Uni ging noch bis Sommer 2010. So besuchte ich ihn Anfang des Jahres in Madrid. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir uns nach nur 4 gemeinsamen Monaten bereits seit fast einem halben Jahr überhaupt nicht gesehen. Entsprechend nervös war ich also auch, als ich aus dem Gate des Fliegers kam. Würden wir uns überhaupt noch mögen? Würde er anders riechen? Ein Teil von mir war sich sicher, dass dieser „Zauber“, diese „Funken“ zwischen uns jetzt weg wären und wir nach dem Besuch letzendlich doch getrennter Wege gehen würden. So war das doch am Ende immer. Dieses fremde Gefühl nach einer langen Trennung. Wie damals in der Schule, wenn man seine Freunde in den 6 Wochen Sommerferien nicht gesehen hatte und sich erst irgendwie wieder neu kennen lernen musste.

Als ich ihn am Gate stehen sah, machte mein Herz einen kleinen Freudensprung. Den macht es bis heute noch immer jedes Mal, wenn ich ihn irgendwo von weiter her entdecke. Und die Entfremdung blieb aus. Komplett. Es war, als seien wir erst letzte Woche im Warner Brothers Park gewesen. Unser letzter gemeinsamer Ausflug, bevor er nach Almaty hatte aufbrechen müssen. Wir redeten und redeten und waren verliebter denn je.

Nach ein paar schönen Tagen flog ich zurück und begann mit meinen konkreten Plänen für Shanghai. Um ihm zu folgen, sobald ich meinen Abschluss gemacht hatte.

Wir waren schon immer sehr ernst

Antrag via ICQ

Wir schrieben weiter täglich. Meistens über ICQ. Eines abends dann – wir redeten gerade darüber, wann genau er abfliegen würde – meinte er, er müsste mich etwas fragen. Unbedingt bevor er nach China ginge. Und dann stand da, im hellgrünen Rahmen des ICQ-Fensters „Quiero ‘verlobt’ contigo...“.

Nein, das war kein romantischer Heiratsantrag mit Kniefall und Ring und Rosen, wie man ihn sich als Mädchen manchmal ausmalt. Und trotzdem hätte ich es mir schöner nicht vorstellen können. Nicht für das „wie“, sondern für das „wer“.

Ich antwortete jedoch nicht gleich. Folter für ihn, wie er mir später erzählte. Aber zumindest ein Kuss, so meinte ich, MUSSTE drin sein, wenn man sich verlobte. Und bitteschön mehr als ein virtueller.

Ich fragte sofort am nächsten Tag eine russische Kommolitonin, wie „Ja, ich will mich mit dir verloben“ auf Russisch heißt und übte dann fleißig die Aussprache.

Nicht lange später dann kam er von Madrid nach Hof geflogen. Und eigentlich hätte ich mir das fleißige Üben auch sparen können. Denn nach dem „Da, ya hatschu...“ quietschte er sofort schon vor Freude los, jauchzte und drückte mich so fest, dass ich mich bis heute frage, wie meine Rippen dabei alle heile bleiben konnten.

Wenige Tage später, in Leipzig zum WGT, fanden wir dann auch unsere silbernen Ringe, die wir bis heute tragen.

Er flog nach China, ich machte meine Uni fertig und flog hinterher. Der Rest ist Geschichte. ;-)

Unsere Ringe

Frisch verlobt 

Mein erster Besuch in Shanghai 


Hochzeitstatoos

Zur Hochzeit an sich haben wir keine neuen Ringe gekauft. Stattdessen haben wir uns beide tätowieren lassen. Ich am linken, er am rechten Handgelenk, damit unsere Tatoos beim Händchenhalten zusammen sind. Eine Triskele als Symbol für Ewigkeit mit den Wörtern „Liebe Treue Respekt“ – er auf Deutsch, ich auf Russisch – im Kreis drum herum. 

Das Foto ist nicht perfekt, aber erkennen kann man die Tattoos 


Warum Hong Kong

Und wie es kam, dass wir in Hong Kong geheiratet haben? Nun, das hat letztendlich ganz pragmatische Gründe. Eigentlich hatten wir es jetzt nicht so super eilig mit dem Hochzeit feiern. Wir wollten uns Zeit lassen und alles in Ruhe planen. Ein großes Fest auf einer Burg in Deutschland schwebte uns vor. Dann allerdings kam das Problem, dass das Haselchen in China kein Visum mehr bekam. Er war kein Student mehr, Touristenvisum gab es nur für 3 Monate und der Graumarkt, auf dem einem Agenten business visa besorgen können, wurde immer illegaler und unsicherer. Unser Versuch, ein Dokument zu bekommen, das uns eine „eheähnliche Gemeinschaft“ belegen konnte, scheiterte ebenfalls. Ich hatte schon mein Arbeitsvisum und ein Ehepartner kann mit dem ein Spouse visa bekommen. Also flog er einmal nach Almaty, um nochmal 3 Monate Touristenvisum zu bekommen, weil selbst das mit der früher bei Expats üblichen HK-Tour nicht mehr klappte. Und wir planten die Hochzeit. In Hong Kong geht das sehr viel einfacher, als auf dem Festland. Alles, was wir brauchten, waren unsere Pässe, eine notariell beglaubigte Anmeldung und dann konnten wir den Termin buchen. Ein paar Tage vorher mussten wir vor einem HK Beamten schwören, dass es keinen Grund gäbe, warum wir nicht heiraten dürften (also nicht schon verheiratet oder miteinander verwandt seien). Am Tag selbst führen wir zum marriage registry, unsere Pässe und die Pässe unserer Trauzeugen wurden begutachtet und schon lasen wir unsere vows von großen Kunststoffkarten ab, beantworteten die Frage des Standesbeamten jeweils mit „Yes, I do.“ Und plötzlich waren wir ganz offiziell Mann und Frau.

Hier lese ich gerade die vows vor 

Die Standesbeamtin erklärt, wer welche Zeilen lesen muss 

Mini-Fotoshooting

Im Restaurant 

Wenn ich meinen Mann einen Kuchen beschriften lasse 

Über die Schwelle tragen 

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