Sonntag, 17. Juni 2018

Vom Sprachenlernen

Auf Twitter hatte ich einen Thread verfasst. Aus der Wut im Bauch heraus geschrieben, dass es (mal wieder) heißt "die Ausländer" sollen gefälligst richtig Deutsch lernen. In Verbindung mit Szenen, die mir im Kopf blieben, von Leuten, die gebrochen Deutsch sprachen und meinen persönlichen Erlebnissen beim Erlernen neuer Sprachen.

Wir waren bei der Schwiegerfamilie in Kazakhstan. Und Oma sowie Opa des Haselchens sprechen halt ausschließlich Russisch (gut, und teilweise Kazachisch, aber das kann ich noch weniger). Und wenn ich versuche, mit ihnen zu reden, dann kommt dabei halt teilweise ein übles Kauderwelsch bei raus. In den Tagen habe zum Beispiel gesagt "Ich glaube, er schlafen will", "Wir Spazierengehen. Weil Luft gut.", "Sie willst spazieren? Sehr nicht kalt ist!", "Er immer nicht kalt. Alles gut." oder "Du setzen. Essen, bitte!".

Und dann habe ich mir vorgestellt, wie man in Deutschland reagieren würde, wenn jemand sich dort so oder so ähnlich zu verständigen versucht.

Da mein Rant nun etwa hundert Mal so viel Resonanz bekommen hat, als ich erwartet hätte, möchte ich meine Gedanken nun auch nochmal hier verewigen (in etwas korrigierter und erweiterter Form):

Wisst ihr, was ein Problem sein könnte, warum Menschen irgendwann aufgeben, Deutsch zu lernen? Die Reaktionen auf "schlechtes" Deutsch.

Wenn ich anfange, eine Sprache neu zu erlernen, mache ich Fehler. Ich konjugiere und dekliniere falsch, werfe Zeitformen durcheinander, spreche mit Akzent.

Das ist vollkommen normal und lässt sich nicht vermeiden.

Ging mir überall dort, wo ich selbst eine Sprache neu gelernt habe, genau so.

In Spanien haben sich alle bemüht, mich irgendwie zu verstehen. Es war mir schon peinlich, beispielsweise "Du Telefon Taxi Bitte" zu sagen, weil ich es einfach nicht besser ausdrücken konnte. Mein Gegenüber zuckte ganz kurz mit dem Mundwinkel zu Anflug eines Grinsens, wiederholte dann meine Frage nochmal richtig um sicher zu gehen, ob er mich richtig verstanden hatte, und beantwortete sie dann.

Niemand sprach mit mir wie mit einem Kleinkind. Jeder versuchte, mich zu verstehen und sprach einfach ganz normal mit mir. Erst, wenn ich wirklich nicht verstanden habe, was mein Gegenüber mir sagen will, wurde langsamer, deutlicher, ggf einfacher und mit Händen und Füßen gesprochen.

Sobald in Deutschland jemand so spricht, wie ich anfangs in Spanien, redet der Großteil der Menschen mit dieser Person nur noch wie mit einem Idioten.

Anstatt "Du Telefon Taxi bitte" - "Du möchtest, dass ich für dich ein Taxi rufe?" - "Ja." - "Das ist nicht nötig. Geh einfach runter. Auf der Straße fahren immer Taxis und wenn du eins siehst, winkst du einfach." würde die Unterhaltung mit vielen Deutschen wohl irgendwie so verlaufen: "Du Telefon Taxi bitte." - "Du wollen ich rufen Taxi mit Telefon?" - "Ja" - "Das nicht nötig. Du gehen. Auf Straße immer Taxi. Du winken. Taxi kommen."

Aber wie zum Henker soll ich denn die Sprache lernen, wenn die Umwelt nicht richtig mit mir spricht? Woher soll jemand Übung im Deklinieren und Konjugieren bekommen, wenn man es nie hört? Oder korrekte Satzstellung? Oder die "Sie" - Form? Wenn man von Deutschen sofort und ohne es wenigsten versucht zu haben immer nur ein Deutsch a la "Du drücken Taste hier wenn blinkt grün" oder "Du putzen Treppenhaus gestern?" zu hören bekommt KANN man es doch gar nicht besser lernen. Dass Menschen dann auch nach Jahrzehnten hier immer noch so sprechen ist kein Wunder. Sie reden doch GENAUSO wie die Deutschen.

Und das zweite Problem sind die Reaktionen, wenn jemand es wenigstens versucht.

Als ich angefangen habe, Indonesisch zu lernen, habe ich immer mit allen so viel Indonesisch gesprochen, wie ich es halt konnte. Anfangs waren das ein paar Worte. Aber die Reaktion war immer Freude bis hin zu Begeisterung. Ich konnte keinen vollständigen Satz bilden, aber mein Gegenüber half mir, die fehlenden Vokabeln zu ergänzen und strahlte bis über beide Ohren, dass ich es wenigstens versuchte. In der Folge war ich super motiviert, paukte Vokabeln und gab mein bestes, um nicht immer so schnell auf Englisch umsteigen zu müssen.

Wer in Deutschland keinen ganzen Satz sagen kann, wird bestenfalls belächelt, aber meist mit einem genervten Augenrollen betrachtet.

Dass man dann irgendwann keinen Bock mehr hat und es halt gar nicht mehr versucht, ist einfach verständlich.

Ganz besonders auch noch wegen dem letzten Punkt: Sprachen lernen kann verdammt schwer sein!

Ich habe Spanisch und Indonesisch jeweils binnen 6 Monaten halbwegs flüssig gesprochen. Ich bin also, so habe ich es immer empfunden, sprachlich nicht gänzlich unbegabt. Ich habe 6 Jahre in China gelebt und gearbeitet und kann bis heute nur eine Hand voll Sätze und Wörter, die ich auswendig gelernt habe.

Weil die Sprache denen, die ich bereits kann, absolut nicht ähnlich ist. Trotz Kurs nebenher und Alltag habe ich die Vokabeln einfach nie behalten können. Es gibt nämlich sowas wie Sprachfamilien. Deshalb fallen einem manche Sprachen leichter, als andere. Wer schon Italienisch kann, dem Fliegt Spanisch einfach so zu. Aber wer Chinesisch spricht, der muss sich trotzdem richtig ins Zeug legen, um Russisch zu lernen.

Und wenn ich daran denke, wie schwer Deutsch als Fremdsprache ist (Grammatik, dasselbe Wort mit völlig unterschiedlichen Bedeutungen je nach Kontext, Dialekte,...) finde ich es wirklich nicht verwunderlich oder verwerflich, dass jemand Jahrzehnte braucht, um sich halbwegs ausdrücken zu können.

Wenn dann jeder noch so kleine Fehler, jeder falsche Artikel, jedes nicht richtig konjugierte Verb, argwöhnisch betrachtet und einem für solche Fehler der Intellekt abgesprochen wird, ist das einfach nur scheiße.

Dienstag, 12. Juni 2018

12 von 12 - Juni 2018

12 Bilder vom 12. des Monats  Das ist 12 von 12. Mehr davon gibt es auf dem Kännchen-Blog.

Der Morgenstern und ich genießen das schöne Wetter im Garten der Schwiegers

Der Rabe "arbeitet  und braucht dafür natürlich einen Handschuh 

Aussicht auf die Berge 

Schwiegeropa in des Haselchens T-Shirt

Es kommen Gäste. Dementsprechend wird aufgetischt. 

Und so sieht danach dann die Küche aus. 

Natürlich gibt es auch noch Tee und Kuchen 

Während alle Erwachsenen glauben, dass irgendwer schon ein Auge auf die Kinder hat  haben die viel Spaß im Tomatenbeet

Noch ein Blick auf die Berge 

Und die Kamille, die den Morgenstern total fasziniert 

Abends geht es richtig Russisch in die Sauna 

Und hinterher noch Butterbroti mit Kaviar 

Sonntag, 10. Juni 2018

5 Monate Morgenstern

Mein liebster kleiner Morgenstern! So groß bist du schon - und zugleich doch noch so klein. Jeden Tag lernst du etwas neues. Du entwickelst dich rasend schnell. Und du hast dabei einen unglaublich großen Ehrgeiz. Alles willst du selbst und alleine schaffen. Du willst deine Beißringe selbst greifen und richtig herum drehen und dir selbst in den Mund stecken. Wenn das nicht so klappt, wie es soll, gibst du nicht so schnell auf. Du probierst und übst und strengst dich an. Bis es entweder klappt oder du nicht mehr kannst. Dann allerdings ist dein Frust nicht zu überhören.


 
Abenteuer
 
Eindeutig der Flug nach Almaty. Den hast du mit Bravour gemeistert. Nur zwei Mal hast du wirklich geweint - obwohl wir insgesamt über 12 Stunden unterwegs waren.
 
Essen
 
Im vergangenen Monat hast du mit der Beikost angefangen. Du warst jedes Mal so fasziniert, wenn wir gegessen haben, dass wir beschlossen, dir einfach auch was anzubieten. Kürbisbrei fandest du cool und hast zwei Löffel gegessen. Karotte-Kartoffeln und Pastinake waren nicht so dein Ding. Gurke war genial. Nudel sehr interessant. Bei gekochter Kartoffel am Stück hast du geschaut, als wolle ich dich vergiften. Ungesüßtes Apfelmus hingegen war der Renner. Genauso, wie Banane. Und der Grießbrei war alleine zum Würgen, aber mit Banane hast du davon satte 3 1/2 Löffel verdrückt.
 
Fortbewegung
 
Du schiebst und schimpfst, aber du kommst nicht vom Fleck. Noch nicht... Nur wie eine Uhr um deine eigene Achse wandern kannst du inzwischen echt gut.
 
Geschwisterplüschstatus
 
Dein Bruder und du, ihr seid und bleibt ein Herz und eine Seele. Er ist inzwischen öfter mal ein wenig zu überschwänglich und unvorsichtig mit dir, sodass wir ihn bremsen müssen. Dabei störst du dich nicht einmal daran, wenn er dir ins Auge fasst und strahlst ihn einfach weiter an.
 
Gesundheit
 
Aktuell hast du einen sehr hartnäckigen und nicht so gut klingenden Husten. Das müssen wir unbedingt beim Arzt abklären lassen, sobald wir zurück sind. Da es jedoch nicht schlimmer wird und du sonst keine Symptome hast, sind wir hier erstmal nicht ins Krankenhaus gefahren.
 
Maße
 
ca. 66 cm
ca. 7 kg
 
Motorik
 
Du greifst und steckst dir Dinge ganz super gezielt in den Mund. Manchmal wirfst du Sachen noch versehentlich weg, und regst dich dann tierisch drüber auf oder haust sie dir an den Kopf, aber es wird langsam weniger.
 
Schlaf
 
In der vergangenen Woche hast du einen ziemlich verlässlichen Rhythmus entwickelt: Du wachst morgens so gegen 7 auf, dann bist du immer 2 Stunden wach, bevor du zwischen 30 Minuten und 2 Stunden schläfst und abends zwischen 8 und 9 Uhr bist du durch und schläfst dann nachts mit Stillunterbrechungen alle 3-4 Stunden.
 
Sozialverhalten
 
Wer nett aussieht und/oder lustige Geräusche macht wird angelächelt. Mama, Papa und Rabe erstmal immer. Alle anderen werden erstmal kritisch gemustert.
 
Sprache
 
Agu und Ööö sitzen. Ich habe zudem den Eindruck, dass du, wenn du weinst, immer wieder versuchst, "Mama" zu sagen. Oder dein weinen klingt einfach so. Und seit Neuestem habe ich den Eindruck, dass du anzeigen möchtest, wenn du pullern musst. Heute habe ich dich probeweise jedes Mal abgehalten, wenn du dir wiederholt auf die Windel gehauen hast - und du hast jedes Mal ganz schnell Pippi gemacht.
 
Zähne
 
Noch kommt nichts durch, aber du beißt fleißig auf allem herum, dass dir zwischen die Kiefer kommt. Heute hast du dir mit so viel Elan auf den Finger herum gekaut, dass deine Zungenspitze ganz rot war und beinahe geblutet hätte.

Mittwoch, 6. Juni 2018

Tagebuchbloggen Juni 2018

Am 5. des Monats wollte Frau Brüllen wie immer wissen: Was machst du eigentlich den ganzen Tag? Hier unsere nachträgliche Antwort:

3:00 Stillen. Der Morgenstern ist unruhig und rödelt durchs Bett. Zwischendrin hustet er.

5:00 Stillen. Der Morgenstern ist unruhig und rödelt durchs Bett. Zwischendrin hustet er.

6:00 Stillen. Der Morgenstern ist unruhig und rödelt durchs Bett. Zwischendrin hustet er.

Mein Kopf dröhnt und ich bin klebrig von Schweiß. Insgesamt fühle ich mich, als sei ich gerade unter irgendeinem Stein hervor gekrochen. Top Voraussetzungen für einen Tag im Flugzeug... -_-

6:37 "Mama, erzähl mir, was morgen passiert!" Der Rabe fragt genau das gleiche wie gestern Abend rund 10 mal vorm Einschlafen. Auf mein "Morgen passiert nicht viel" will er fast anfangen, zu weinen, bis ich um "HEUTE fliegen wir nämlich zu Babulja!" ergänze.

6:47 der erste Kaffee. Dazu erkläre ich dem Rabe zum dritten Mal in Folge ausführlich, wann unser Taxi kommt und wann unser Flug geht. Zum dritten Mal werden meine Ausführungen mit "Nein, JETZT soll der Flug gehen!" quittiert.

7:01 Ich bin im Bad, als der Wecker klingelt.

7:10 "Es geht nicht schneller..." Sage ich dem Rabe gerade zum vierten Mal mantraartig, während er vor mir herum hampelt und verlangt, dass ich vom Klo steige und wir JETZT losfliegen.

Ich mache erst mich fertig, ziehe dann beide Kinder um und stille nochmal den Morgenstern, während das Haselchen die letzten Sachen einpackt und das Frühstück im Rucksack verstaut.

7:41 Alle sind soweit fertig. Wir bringen die Koffer, Rucksäcke, Taschen und Kinder nach unten. Nervös motzt das Haselchen herum, weil der Taxifahrer meine Handynummer nicht hat. Und wenn dann irgendwas ist und überhaupt Service in Deutschland und so.

8:00 Das Taxi ist da. Auf die Minute genau. Wir verstauen alles und jeden. Und ich bin sehr froh darüber, dass der Morgenstern noch in die Babyschale und der Rabe schon auf die Sitzerhöhung passt.

Die Fahrt ist erfreulich ruhig. Der Rabe muss nicht kotzen und der Morgenstern motzt einmal kurz und schläft dann ein.

8:51 Ich habe den Morgenstern schlafend ins Tuch gewickelt und wir geben unsere Koffer ab. Auf dem Weg zur Sicherheitskontrolle kommen wir an Zug und Rennwagen zum Münzen einwerfen vorbei und der Rabe stampft und weint ob der Tatsache, dass er damit jetzt nicht fahren darf. Stattdessen geben wir ihm auf einer Bank etwas Tortilla und was zu trinken. Das hilft bereits. Nur der Morgenstern ist jetzt wach.

Die Sicherheitskontrolle verläuft so entspannt wie erhofft.

Wir gehen zum Gate. Ich stille den Morgenstern, wickle ihn wieder ins Tuch und das Haselchen geht mit dem Raben den Mini-Spielplatz erkunden. Während das Kind viel Spaß hat, schläft das Baby ein.

10:10 Boarding. Mit Bus. Was aber ja für den ersten Teil des Fluges nicht anders zu erwarten war...

10:16 Wir stehen vor Flieger. Die Gruppe Jugendlicher neben uns unterhält sich über den Flieger. Ein Junge erklärt dem Rest genau, welche Maschine das ist, wie viele Plätze sie hat (80) und so weiter.

Die Stewardessen sind ganz entzückt vom Baby und wir bekommen zwei Greiflinge mit Rasseln und einen ganzen Berg Spielzeug für den Raben.

Kaum haben wir Flughöhe erreicht, fühlt es sich schon so an, als würden wir wieder sinken. Aber gut, anders ist eine Flugzeit von 35 Minuten auch nicht zu schaffen...

Letztendlich verschläft der Morgenstern den ersten Flug seines Lebens einfach komplett.

11:56 Wir müssen von Bereich A zu Bereich B des Terminals. Dazu erstmal mit dem Aufzug nach unten. Dort dann über gefühlt ewig lange Rollwege (oder wie heißen die ebenen Rolltreppen richtig?). Hier sind komische Fotodrucke an den Wänden. Aufnahmen aus der Großstadt mit verschwommen Lichtern, seltsamen Perspektiven und Bildausschnitten, sodass mir beim genaueren Hinsehen ein bisschen schwummerig wird. Außerdem kommen aus den Lautsprechern passend dazu ungewöhnliche Klänge, die an Ambient erinnern. Hier und da mit Highlights wie "sich entfernender Helikopter" oder "weit entfernt kreischende Kinder". Ich verbuche es unter Kunst - kann mir aber für den Flughafen bei Leibe angenehmeres Vorstellen...

Nun denn. Treppe hoch, weil die Schlange vorm Lift riesig ist und leicht schnaufend zur Passkontrolle. Dann erstmal schauen, wo unser Gate ist. Mit dem langsamsten Lift der Welt.

Da das Gate am Ende der Welt ist und es davor kaum freie Sitzplätze gibt, gehen wir erstmal nochmal hoch. Ich setzte mich ein wenig abseits hin und stille den Morgenstern, der schon längst wach war und zufrieden im Tuch umher geschaut hat.

12:30 Eine Inderin erklärt mir, dass ich mich das nächste Mal beim Stillen besser bedecken sollte. Wegen weil böser Blick und so. Dann wickle ich das Baby zurück ins Tuch und hole meine Jungs aus dem Duty free shop ab, wo der Rabe die ganze Zeit über das Aquarium bewundert hat.

12:45 Boarding. Schon wieder mit dem Bus. -_-

Der Flug verläuft ziemlich angenehm. Das Haselchen kümmert sich hauptsächlich um den Raben und ich mich um den Morgenstern. Das Essen ist gut und ich bin froh drum, vegetarische Kost bestellt zu haben. So bekomme ich nämlich mein Essen vor allen anderen und wir haben nicht immer alle Tische gleichzeitig runter geklappt.

Ich befürchte, dass sich bei mir eine Migräne anbahnt. Ich habe Kopfschmerzen und mir ist es nicht gut. Also nehme ich eine Koofschmerztablette und lehne mich mit dem Morgenstern auf der Brust zurück. Gemeinsam schlafen wir ein. Fast eine Stunde später wache ich auf, exe meinen Kaffee und fühle mich um Welten besser.

Der Morgenstern weint den ganzen Flug über genau zwei Mal und hat zwischendrin sogar richtig gute Laune. Der Rabe schaut drei Filme, beziehungsweise die laufen nebenher während er mit uns quasselt und die Kopfhörer immer wieder auf- und absetzt.

Nachdem die ersten vier Stunden wie im Flug vergangen sind, ziehen sich die letzten zwei Stunden nochmal etwas hin. Aber schließlich ist es geschafft und wir landen.

Eigentlich ist der Tag an dieser Stelle theoretisch vorbei. Denn Ortszeit ist es nun Mitternacht. Aber MEZ ja noch nicht...

Der Morgenstern ist wach und zufrieden im Tuch, als wir das Flugzeug verlassen. Vom Gate gehen wir zur Passkontrolle. Das Haselchen hat die arrival cards schon im Flieger ausgefüllt und wir werden - Dank Baby - schnell ganz nach vorne durchgelassen. Ein kurzes Foto und einen Stempel später sind wir offiziell in Kazakhstans eingereist und dürften jetzt theoretisch 30 Tage im Land bleiben.

Dann geht der Rabe erstmal mit dem Haselchen aufs Klo. Trotz seiner Bekundungen, überhaupt nicht zu müssen, wird er im Laufe des Prozesses etwas nass. Aber nun haben wir es ja fast geschafft.

Wir holen unsere Koffer und den als Sperrgepäck aufgegeben MaxiCosi vom Band, gehen durch den grünen Bereich und sehen beim Öffnen der Tür sofort Babulya, die uns freudig zuwinkt. Nachdem er sie ein paar Mal genau beäugt hat, hat der Rabe schnell Vertrauen zu ihr gefasst und geht an ihrer Hand mit zum Parkautomat. Der spuckt alle Scheine erstmal aus, bis Babulya alte im Geldbeutel gefunden hat. Es gab wohl hier vor kurzem neue Geldscheine, die von vielen Automaten noch nicht erkannt werden. Aber nun gut.

Wir laden das Gepäck in den Kofferraum und ich achte selbst penibel darauf, dass die Kinder ordentlich in ihren Sitzen sitzen und angeschnallt sind. In der Mitte muss ich mich dann ordentlich quetschen. Ganz schön klein, dieser SUV - aber für Babulya reicht es meist und im Winter oder in den Bergen käme sie mit einem Kleinwagen o.Ä. nicht zu Rande.

Auf dem Heimweg halten wir nochmal kurz an einem 24-Stunden Laden. Babulya war das Brot geschimmelt. Sie nimmt den aufgedrehten Rabe mit rein und zusammen kommen sie mit Brot, Kaffeestückchen und Skittles wieder raus. Die Skittles hatte der Rabe ganz von alleine korrekt benannt - nachdem er vor ca. einem Monat beim Einkaufen welche haben wollte und wir ihm gesagt hatten "Wir kaufen jetzt keine Skittles". Dann fahren wir zu Babulyas Wohnung. Unterwegs wird dem Rabe übel und der Morgenstern beginnt, zu schreien. Aber ich schaffe es trotzdem, aus dem Fenster zu schauen. Und auf den ersten Blick kommt mit Kazakhstan wie Bali oder Thailand auf Russisch vor.

Die Luft riecht nach Asien. Überall hängt Leuchtreklame - für Clubs Schönheitssalons und ähnliches. Überall wird Essen angeboten. Aber alles ist auf Kyrillisch geschrieben. Irgendwie ist es alles ein bisschen unwirklich...

Endlich in der Wohnung angekommen richten wir uns so schnell wie möglich ein. Der Rabe ist total happy über die ersten neuen Spielsachen und will partout nichts tun, außer spielen. Eine Weile lassen wir ihn noch. Der Morgenstern ist derweil nach dem Stillen endlich glücklich und schaut sich ruhig um. Erst machen wir ihn bettfertig, dann wird auch noch der Rabe mit Engelszungen überzeugt. Einen neuen Laster darf er dann auch noch mit aufs Schlafsofa nehmen. Und irgendwann kommt er doch noch zur Ruhe, tut es seinem Bruder gleich und schläft ein.

Ich komme nochmal für eine gute halbe Stunde auf viel Wasser und ein wenig Plov in die Küche zum Rest der Familie. Dann ist es fast 4 Uhr morgens, Mitternacht nach deutscher Zeit, und wir gehen alle todmüde schlafen. Es war ein langer Tag und morgen werden wir von der Wohnung in der Stadt aus zu den Großeltern aufs Dorf fahren.

Donnerstag, 17. Mai 2018

WGT 2018

Donnerstag
 
Baby macht lange Mittagsschlaf. Die Stadt ist endlich wieder so richtig schön in schwarz getaucht. Ja, auch mit ganz viel Klischee und Profitgier. Aber es fühlt sich trotzdem an, als habe im Zuhause etwas gefehlt und jetzt tickt alles wieder so, wie es soll. Mit Baby und Kleinkind wird die lange, lange Bändchenschlange schnell kurz, weil Menschen ohne Murren und Meckern und ohne darum gebeten worden zu sein der nächsten Generation ein Stück von ihrem Platz frei machen. Wildfremde Menschen lächeln sich freundlich entgegen. Wildfremde Punks strahlen und kommentieren das wunderschöne Bild mit Kindern. Die Stimmung ist friedlicher und herzlicher geworden. Wir haben Besuch. Insgesamt 9 Menschen. Aus Russland, Israel, Armenien, Deutschland und China. In unserer Wohnung wird Deutsch, Russisch Englisch und Chinesisch geredet. Dem Rabe ist erst alles zu viel und er muss auf den Arm. Weint. Alle sollen wieder gehen. Irgendwann platzt der Knoten. Er kommt aus seinem Rückzugsraum und spielt und rennt und lacht und macht Unfug. Und ausnahmslos alle machen mit. Er entführt eine Chinesin zum Spielen in sein Zimmer und redet konsequent Deutsch mit ihr, versteht aber jedes Wort, das sie auf Englisch zu ihm sagt. Er klettert auf den Schoß einer Armenierin und fragt ein Russin zu jedem ihrer Schmuckstücke aus. Im Bett sagt er, wie schön er WGT findet. Und fragen, warum die schwarzen Leute denn nicht alle bei uns schlafen können. Der Morgenstern derweil staunt, lächelt, staunt und schaut. Bis ihn die Müdigkeit übermannt und er mit lauter Stimme den Schlaf einfordert. Den er dann gleich bekommt. Ich genieße zunächst, mich mit den Kindern zunächst ein wenig aus dem Kennenlernern so vieler neuer Menschen zurückziehen zu können. Dann traue ich auf und genieße den Trubel. Um bald doch froh darum zu sein, dass alle weiterziehen und ich in Ruhe noch im Schlafanzug auf dem Sofa sitzen kann.




 
Freitag
 
Das Haselchen war bis 4 Uhr nachts bei der blauen Stunde. Entsprechend bin ich fitter, als er. Aber ungekrönte Königin bleibt unser reverse Aschenputtel, dass nicht nur einen Schuh verloren hat, sondern obendrein auch gleich im Bett eines Prinzen genächtigt hat, der dann für sie am Morgen den verlorenen Schuh suchte. Wenngleich ohne Erfolg. Ich hingegen mache mich ganz unmärchenhaft erstmal auf zur Rückbildungsgymnastik. Danach huschhusch beim Stillen Strumpfhosen zerschneiden und gefühlte 8643689633 Warum-Fragen beantworten. Anschließend im Eiltempo umziehen, schminken, Baby versorgen, Kind fertig machen, Haare machen, Tasche packen, nochmal Pipi und dann los. Der Blick auf die Uhr hält uns vom Trip zum Heidnischen Dorf ab. Stattdessen Moritzbastei. Mittelalter bleibt Mittelalter. Oder so. Angekommen erstmal Hunger. Essen. Rabe rennt so aufgedreht umher, wie es nur ein Kleinkind kann. Oder wahlweise ein Eichhörnchen auf Koks. Dank netter Dudelsackspielerinnen gibt es Ohrenschützer für den Morgenstern. Dem das eigentlich ganz gut gefällt. Im Gegenteil zu seinem Bruder. Also runter und los. Nur wohin? Ein Schluck Rotwein hilft und es werden Leute beobachtet. Spannend, dass die Dealer nur Stinos ihr Hasch andrehen wollen. Lasse ich an dieser Stelle mal unkommentiert. Kurz nach Hause. Während alle Familienmitglieder mit Penis zu Hause bleiben, gehe ich zu
 
Raison d'etre
 
Das Konzert ist verdammt gut. In Gänze ausformulieren kann ich es einfach zeitlich nicht. Aber die Kurzfassung:
 
Anspannung, Warten, Ruhe vor dem Sturm, wie vor Orgasmus - nur Detail, keine Chance einen Blick auf das große Ganze zu bekommen, es bleibt nur Vermutung - Bedrohung durch Vergänglichkeit, Blick wie bei einer Aura
 
Sowohl musikalisch, als auch durch die Visuals. Ich bin zwischenzeitlich derart gefesselt, dass ich mich nicht traue, mich zu bewegen. Genau dafür liebe ich es einfach, Ambient Konzerte zu sehen.
 
Anekdote am Rande: Nachdem ich Lustmord so genial fand, ging ich mit dem Haselchen im Jahr darauf zu einem anderen Ambient Konzert. Und musste nach wenigen Minuten raus. Weil ich es nicht mehr ausgehalten habe. Weil die Stimmung der Musik so intensiv war, so sehr triggerte, dass ich mich - einzig aufgrund der Musik - richtig panisch gefühlt habe. Als könne ich keine Luft mehr bekommen. Mich hatte dieses Gefühl so sehr überrumpelt, dass mir nur die Flucht blieb. Seitdem liebe ich Ambient Konzerte, mache mich aber innerlich immer auch auf ganz viel negative Emotion gefasst.
 
Nach dem Konzert lese ich in der Bahn, dass der Morgenstern offenbar schon eine ganze Weile schreit. Zu Hause angekommen tut er das noch immer. Bis ich ihn auf den Arm nehme. Dann ist plötzlich alles gut. Fremdeln bei Papa? Who knows... Ich streiche jedenfalls gedanklich Die Kammer für heute. Ich bleibe. Wir bringen die Kinder dann gemeinsam ins Bett. Kaum schläft der Morgenstern, stehe ich auf und gehe los. Nervös, ob er wirklich so schlafen wird, wie erhofft. Aber ich gehe und tanze. Ich komme nach Hause und schminke mich sogar noch ab und rede mit dem Haselchen,bevor das Baby meine Abwesenheit moniert.






2008
Vs.
2018 


 
Samstag
 
Frühstück und Fertigmachen werden zu einer Einheit, während ich versuche, nicht zu lange zu brauchen. Am Ende läutet es doch schon 12, als wir auf dem Weg sind. Im Victorian Village stelle ich fest, dass mein Reifrock über den Jordan gegangen ist. Nachdem uns also die Bekannte und Organisatorin des ganzen Trubels zum Brunch eingeladen hat, ziehe ich ihn aus. Dann halt nur Baumwolle. Fand ich sowieso schöner. Aber ätschi aber bätschi.
 
Der Rabe rennt wild herum, begrabbelt aufwändige Kleider, guckt in Taschen, zuppelt an Halsketten und erbettelt sich Weintrauben. Und die Menschen mögen ihn und möchten ihn fotografieren und erzählen von ihren Kindern und fragen, ob er Weintrauben haben darf. Dann gehen wir nach Hause und schmieden Pläne. So, wie geplant, wird der Tag ohnehin nicht mehr laufen. Es ist WGT. Das ist wie im echten Leben und fast nichts läuft so, wie man es plant. Wir versuchen uns an einem Spaziergang durch die Stadt. Die Massen und die Poser und die knipsenden Stinos sind gruselig. An der Moritzbastei trennen wir uns und während die Älteste und der Jüngste gen Peterskirche gehen, machen die Mittleren sich auf nach Hause.
 
Saeldes Sanc und Ernst Horn
 
Mit deutlich weniger Deko als letztes Mal. Tandaradei reißt noch immer mit. Die Kirche heute irgendwie ein bisschen weniger. Und mit plötzlich doch wachem Baby im Tuch noch weniger. Nachdem auch stillen den Morgenstern nicht beruhigt, gehe ich erst vor die Tür und dann nach Hause.
 
Auf dem Weg überfällt mich ein bisschen die Wehmut. Und der erste Katzenjammer. Schon 2 von 4 Tagen praktisch zu Ende für mich. Und statt mich einfach treiben zu lassen von Getränken, Fertigmachen, Menschen, Konzerten, Parties, Essen Möglichkeiten muss ich alles planen und rationieren und auf sehr viel verzichten. Und sobald ich irgendwann wieder theoretisch die Freiheit hätte, zu tun und zu lassen, was ich will, werde ich vermutlich zu alt für den Scheiß sein. Und meine eigenen Kräfte mit in die Gleichung dessen, was möglich ist, einfließen lassen.












 
Sonntag
 
Frühstücksbesuch am Morgen von Freunden aus Hannover. Weil sie das Victorian Village organisiert, waren sie da. Sonst aber eigentlich nicht. Deshalb fahren sie heute wieder nach Hause. Die Tochter wird jetzt 5. Ich weiß noch, wie sie damals hochschwanger auf dem Viktorianischen Picnic war. Damals nur für das Picnic gekommen. Weil es jederzeit hätte losgehen können. Für die beiden war irgendwie mit dem Kind das WGT zu Ende. Für uns war es das nicht. Jetzt spielen unsere Kinder zusammen. Und legen das Kinderzimmer ein bisschen in Schutt und Asche. Nachdem sie von dem Bananenbrot mit Ei drin gegessen haben, erzählen sie, dass sie jetzt komplett vegan leben. Ich sage lieber nichts. Weil gegessen ist das Brot ja jetzt schon... Aber ich fühle mich irgendwie schlecht. Als hätte ich ihnen ins Essen gespuckt.
 
Sie fahren ab und wir machen uns fertig. Heidnisches Dorf ist geplant. Die Bahnfahrt ist entspannter, als befürchtet. Trotz ausgesprochen großem Fragebedarfs des Raben. Aber die Schlange vor dem Dorf ist lang. Verdammt lang! Zu lang. Wir stellen uns vor, wie es drinnen aussieht. Und... Ähm, nein danke. Also Agra. Der Rabe darf zum ersten Mal in seinem Leben Kindergartenluft schnuppern, während wir uns die Flaniermeile begucken, was kühles trinken und kurz in den Schwarzmarkt schauen. Dann bekommen wir das Kind nur unter Hariboversprechen wieder losgeeist und fahren nach Hause. Abendessen, Zähne putzen, Pullern und ab ins Bett. Kaum schläft der Morgenstern, schon mache ich mich wieder auf ins Darkflower. Die Musik überzeugt heute leider nicht so sehr zum Tanzen. Aber ein bisschen was geht, bevor ich schnell wieder nach Hause huschen kann - noch bevor das Baby nach mir verlangt hat.









 
Montag
 
Heute müssen wir ins Heidnische Dorf. Ein WGT ganz ohne geht einfach nicht... Also packen wir ganz früh zusammen, ich mache stylingtechnisch nix besonderes und wir fahren los - und sind dann sogar noch vor Öffnung vor Ort. Ich war nämlich sicher gewesen, man dürfe ab 10 Uhr rein. Aber eigentlich ist es erst ab 11 Uhr soweit. Wir breiten unsere Decke aus und genießen die frische Luft, die Zeit, die Musik im Hintergrund und die Stände mit Essen und Trinken. Der Rabe bekommt sein erstes eigenes Trinkhorn. Irgendwann wird es Nachmittag und voller. Wir packen unsere Sachen, schauen uns noch ein wenig um, das Haselchen bekommt sein Schweineschwänzchen und wir gehen zur Agra. Dort darf der Rabe wieder in den Kindergarten. Die T-Shirts, die wir haben wollten, gibt es nicht mehr in der richtigen Größe. Dafür treffen wir Bekannte aus China, die uns auf eine Cola und ein Bier einladen. Wir versuchen, den Raben aus dem Kindergarten abzuholen - scheitern aber daran, dass er zu viel Spaß hat und nicht gehen will. Wir lassen ihn weiter spielen und unterhalten uns nochmal mit den Leuten aus Shanghai. Irgendwann ist es dann aber doch Zeit und der Rabe darf Kneten mitnehmen, weil er sonst gar nicht gegangen wäre. Abends geht das Haselchen zu dem für ihn wichtigsten Konzert und schlägt danach - ganz vernünftig und entgegen seines ursprünglichen Plans - eine Einladung zu einer coolen Party aus, um früh nach Hause zu kommen.








 
Dienstag
 
Wir beerdigen das WGT 2018. Der alkoholfreie Sekt lässt seinen Korken als Salut knallen. Zu den Trauergästen gehört eine sehr liebe Twitterin, mit der ich nächstes Jahr mehr Zeit einplanen möchte, und ein sympathisches Mutter-Tochter Gespann aus dem hohen Norden. Die unter anderem davon erzählen, wie schwer es mit fast 60 ist, ein passendes Outfit für die Obsession Bizarre zu finden. Wir sitzen bis nach 16 Uhr im Grünen und ich hohle mir einen leichten Sonnenbrand, obwohl wir immer wieder in den Schatten wandern. Dann ist das WGT 2018 endgültig vorbei.