Freitag, 19. Januar 2018

Geburtsbericht des Morgensterns

Die Geburt des Morgensterns hatte sich schon lange ganz langsam angekündigt. Über viele Tage hinweg hatte ich immer mal wieder Wehen. Die blieben aber unregelmäßig und kamen und gingen so vor sich hin.

Am Abend des 8. Januar dachte ich, jetzt ginge es vielleicht los. Wir hatten abends noch einen Film geschaut und irgendwann konnte ich kaum noch ruhig sitzen bleiben, weil ich immer wieder Wehen bekam. Trotzdem wollte ich erstmal ins Bett und ging dann auch schlafen. Über Nacht jedoch ebbten die Wehen wieder ab und waren am nächsten Morgen weg.

Langsam ging mir die Warterei auf die Nerven. Schließlich ging zu diesem Zeitpunkt mein Schleimpfropf bereits seit 3 Tagen immer wieder stückchenweise ab. Und überhaupt nervte mich diese Unsicherheit, ob es noch Sinn machen würde, etwas für den nächsten Tag zu planen oder nicht...

Wir machten am Morgen alle zusammen einen kleinen Spaziergang. Relativ spät legte ich mich für meinen Mittags- bzw. Nachmittagsschlaf hin.

Als ich gegen 17:00 wieder aufwachte, hatte ich das erste leichte Ziehen im Bauch. Ich wäre gerne noch etwas liegen geblieben, aber das Haselchen musste kochen und der Rabe verlangte nach mir.

Also stand ich auf. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es jetzt langsam losgehen würde. Aber da ich das ja schon vorher gehabt hatte und es sich nicht bewahrheitet hatte, gab ich erstmal nicht so viel darauf.
Ich ging Duschen. Ich wollte mir gerne nochmal die Haare waschen, bevor ich nach der Geburt erstmal nicht wieder dazu kommen würde. Auch im warmen Wasserstrahl und zwischendurch bequem in der Wanne sitzend kamen immer wieder leichte Wehen. Ganz langsam wurden sie stärker. Eigentlich hätte ich gerne ein richtiges Vollbad genommen. Aber das, so dachte ich, könne ich mir ja auch noch für die Wannenprobe aufheben. Wahrscheinlich irgendwann in der Nacht...

Während das Haselchen das Abendessen vorbereitete, tanzte ich mit dem kleinen Raben durchs Wohnzimmer. Langsam, aber sicher, wurden die Wehen deutlicher und deutlicher. Und währenddessen tat es mir am besten, zu tanzen. Mit kreisenden Hüften und Schritten im Takt. Und ich spürte richtig, wie ich dabei jedes Mal mit der Wehe arbeitete, statt sie mir weg zu wünschen.

Eigentlich wollte ich dem Haselchen noch nicht von den Wehen erzählen. Schließlich sollten wir beide besser noch eine Runde schlafen, bevor es später richtig rund gehen würde. Ich ging davon aus, irgendwann so gegen 4 mit starken Wehen aufzuwachen und am nächsten Morgen, vielleicht so gegen 6 oder 7 mein Baby im Arm zu halten.

Aber beim Abendessen konnte ich wegen der Wehen teilweise nicht mehr stillsitzen. Ich musste mich einfach bewegen und ich stand sogar auf, um eine Wehe zu vertanzen. Also wurde auch das Haselchen nun ganz aufgeregt. Das war so gegen 20:30 Uhr.

Ich machte mich zusammen mit dem kleinen Raben bettfertig und wir legten uns alle hin.

Ich hatte immer weiter Wehen, spielte noch ein wenig auf dem Handy und wollte dann langsam schlafen. Plötzlich hatte ich eine Art Knacken irgendwo tief im Bauch. Ich war erst verwundert, dachte dann an die Fruchtblase und realisierte aber auch, dass ich noch immer komplett trocken war. Ich grübelte, was das wohl gewesen sein könnte. Vielleicht irgendwie der Muttermund? Ich entschied mich dazu, mir keine Sorgen zu machen und ging nochmal kurz auf die Toilette. Wieder im Bett drehte ich mich wie immer auf die linke Seite. Es knackte wieder, diesmal zwei Mal. Und in einem großen Schwall ergoss sich Fruchwasser über meine Oberschenkel. Das war um 22:50 Uhr.

Ich war erstmal ein bisschen erstaunt und ein wenig erschrocken. Schnell schlug ich die Bettdecke zur Seite und leuchtete mit dem Handy auf das klatschnasse (aber glücklicherweise wasserdichte) Laken. Alles hell. Also war das Fruchwasser klar und nicht grün. Das war schonmal gut. Ich schrieb dem Haselchen, dass meine Fruchtblase gerade geplatzt war und kletterte vorsichtig aus dem Bett.
Das Haselchen war ganz hibbelig und wollte am liebsten sofort ein Taxi rufen. Ich war die Ruhe selbst. Und wollte mich erstmal trocken legen. Also zog ich die nassen Sachen aus und duschte mich kurz ab. Dabei musste ich schon richtig inne halten, als eine Wehe kam.

Dann rief ich meine Hebamme an. Sie riet mir, mich erst einmal nochmal hinzulegen und mich ein wenig auszuruhen, bis die Wehen spürbar stärker wären. Ich zog ein frisches Schlafshirt an und legte mich im Kinderzimmer auf eine Wickelunterlage ins Bett. Das Haselchen war zu aufgeregt für alles und setzte sich ins Wohnzimmer.
So lag ich da und musste die ersten beiden Wehen vertönen. Beim ersten Mal stürzte das Haselchen sofort ins Zimmer, als glaubte er, jetzt gleich ein Baby auffangen zu müssen. Ich beruhigte ihn und schickte ihn wieder raus. Die Wehenpausen nutzte ich für Tiefenentspannung mit ein wenig autogenem Training. Irgendwann fiel mir ein, dass ich mich bei der Geburt des Raben auf die rechte Seite hatte drehen sollen, damit das Köpfchen richtig ins Becken eintreten konnte. Also drehte ich mich um. Und die nächste Wehe hatte es in sich! Ich musste richtig laut tönen und mich bewegen. Anders hätte ich sie nicht gut aushalten können.

Wieder stürzte das Haselchen ins Zimmer und meinte JETZT sei es wirklich an der Zeit. Ich gab ihm Recht. Jetzt war es wirklich soweit, ins Geburtshaus zu fahren. Ich rief erneut meine Hebamme an. Zu meiner riesen Erleichterung schlug diese dann vor, mich einfach gleich im Auto mitzunehmen. Sie wohnt nämlich nur 3 Häuser die Straße runter. Das war um 00:19 Uhr.

Ich zog mich an und das Haselchen half mir dabei, während ich ziemlich plötzlich ziemlich viele heftige Wehen hatte. Die ich unter dem Summen einer Melodie aus einer der Serien, die der kleine Rabe gerne schaut, vertanzte. Und andere seltsame Akrobatik wie "Laufen wie der Storch im Salatbeet" und "rechtes Bein nach hinten oben schwingen, dazu Oberkörper nach vorne beugen" machte. Es sah bestimmt amüsant aus, fühlte sich aber richtig an.
Die Hebamme kam, hatte den Beifahrersitz schon mit einer Unterlage bedeckt und wir fuhren los. Das Haselchen blieb zu Hause beim kleinen Raben. Auf der knapp 10 minütigen Fahrt hatte ich drei Wehen. Und war sehr froh, als ich nicht mehr stillsitzen musste!

Um 00:29 kamen wir im Geburtshaus an. Meine Hebamme bereitete den Geburtsraum noch ein wenig vor und richtete ein paar Dinge, während ich fleißig meine Wehen vertönte und mich dabei an einem Geländer fest hielt.

Um 00:36 waren wir im eigentlichen Geburtsraum. Zu allererst zog ich meinen Pullover aus. Denn ich schwitzte wie verrückt. Ich hatte tatsächlich total vergessen, wie körperlich anstrengend Wehenarbeit ist. Meine Hebamme fragte mich, ob das, was ich anhatte, mein Geburtsoutfit sei. Ich antwortete "Theoretisch nicht. Aber praktisch wohl ja." Und blieb in meinem alten Schul-Shirt aus dem Jahr 2003. Ich wehte weiter vor mich hin und stützte mich dabei auf den Wickeltisch.

Irgendwann suchte ich eine Position näher zum Boden. Ich hatte ein wenig Bedenken, dass meine Beine nachgeben könnten. Also kniete ich mich auf allen Vieren auf die ausgelegte Matte und verarbeitete dort die Wehen.

Plötzlich und für mich absolut überraschend - ich war davon ausgegangen, dass die Wehen jetzt noch wenigstens ein bis zwei Stunden so weiter gehen würden - spürte ich das erste Bedürfnis, zu pressen. Ich hatte noch nichts davon gesagt, aber meine Hebamme hatte offenbar etwas gemerkt. Sie fragte mich, ob es drückt - was ich bejahte. Also half sie mir aus Hose und Unterhose und schaute sich die lila Linie über meinem Po an - diese ließ ebenfalls erkennen, dass der Muttermund jetzt offen war. Sie rief die zweite Hebamme, die zur Geburt kommen würde, an. Und ich schickte dem Haselchen zwischen zwei Wehen eine Sprachnachricht mit "I think he is coming soon". Das war um 00:48 Uhr.

Ab da ist mein Zeitgefühl und die Reihenfolge, die ich im Kopf habe, etwas verschwommen. Denn schon mit der nächsten Wehen begann ich, zu pressen.
Die Schnipsel, an die ich mich noch erinnere, sind:

- Die Hebamme gab mir ein Kissen zum Aufstützen und ein Kopfkissen, an dem ich mich festklammerte und nicht mehr loslies.

- Ich machte tiefe, irgendwie grunzend-animalische Geräusche, von denen meine Kehle rau wurde.

- Die Hebamme beruhigte mich, dass ich mir keine Gedanken machen soll, falls beim Pressen sonst noch etwas kommt oder ich pullern muss.

- Ich hatte Angst. Vor dem Schmerz der nächsten Wehe und davor, vielleicht doch wieder nicht stark genug zu sein, es vielleicht doch nicht zu schaffen. Ich konnte das allerdings so nicht artikulieren und sagte nur "Ich habe Angst" und auf Rückfrage dann beim Pressen "Davor!"

- Ich fragte die Hebamme "Wie lange noch?" und sie meinte 4 bis 5 Wehen sollten es schon noch werden.

- Wenn das Baby wieder zurück rutschte tat es im unteren Bauch weh. Die Hebamme versuchte, mich anzuleiten, ein Bein aufzustellen, aber das war unbequem. Stattdessen schob ich meinen Po weiter runter und nach zwei weiteren Wehen wurde es besser.

- Ich fluchte immer wieder ein bisschen. Vor allem rief ich immer wieder "Argh, meine Scheide tut weh!"

- Wenn das Baby spürbar zurück rutschte, motzte ich. Unter anderem "Orrrr neihein! Du sollst doch RAUS! Nicht REIN!" und "Maaaaan, falsche Richtung!"

- Ich schwitzte. Die Hebamme tupfte mein Gesicht mit einem feuchten Tuch ab und reichte mir Wasser.

Um 1:20 Uhr schrieb ich dem Haselchen. "He is coming. Nearly there."

Als das Köpfchen stehen blieb und nicht wieder zurück rutschte, war ich zugleich total euphorisch und hatte Angst. Denn meine Scheide tat richtig übel weh. Dann wurde das Köpfchen geboren. Er hatte die Nabelschnur locker um den Hals liegen.
Und noch während wir auf die nächste Wehe warteten, begann der kleine Morgenstern bereits, zu quaken. Er brüllte nicht, sondern er quakte einfach ein wenig unzufrieden vor sich hin.

Dann kam die nächste Wehe und mit ihr das ganze Kind.

Um 1:40 gebar ich den Morgenstern.

Die Hebammen halfen mir aufs Bett und legten mir das Baby erstmal auf den Bauch. Die Nabelschnur war nämlich recht kurz und reichte nicht bis zur Brust. Als sie auspulsiert war und das Baby zu suchen begann, nabelte meine Hebamme ihn ab und legte ihn in meinen Arm an die Brust.
So kuschelten und beruhigen und entspannten wir erst einmal eine ganze Weile. Ohne jeden Stress. Ohne sofortiges Wiegen, Messen, Begutachten, Nähen oder sonstwas.

Um 1:53 schickte ich dem Haselchen das erste Foto des Morgensterns.

Und wir kuschelten einfach weiter.
Irgendwann nach 2:00 Uhr kam die Plazenta. Irgendwann nach 3:00 Uhr nähte die Hebamme meinen Dammriss und machte auch bei der Labienschürfung einen Stich. Und dafür wurde weder helles Licht angemacht, noch musste ich auf einen gynäkologischen Stuhl. Ich konnte weiter ganz geborgen mit dem Morgenstern kuscheln. Eine Hebamme gab meinen noch immer vor Anstrengung zitternden Beinen Halt und die andere versorgte vorsichtig die Geburtsverletzungen, wofür sie eine Stirnlampe trug - und mir jeden Schritt erläuterte.

Dann erst wurde der Morgenstern gewogen, gemessen und ein bisschen sauber gemacht.

3600 gr
52 cm
36 cm Kopfumfang

Und während die Hebammen Papierkram erledigten, Blutproben ins Labor schickten und aufräumten, konnte ich einfach immer weiter mit meinem Baby kuscheln.

Dann halfen die Hebammen mir, einmal auf die Toilette zu gehen (ich sollte unbedingt einmal gepullert haben) und mich anzuziehen. Eine zog auch den Morgenstern an. Die Hebammen packten meine Sachen und meine Hebamme nahm mich wieder mit dem Auto mit nach Hause.
Sie half sogar noch, die Sachen hinein zu tragen, weil der Rabe gerade aus einem Alptraum aufgewacht war und das Haselchen deshalb nicht sofort nach unten kommen konnte.

Um etwa 5:30 Uhr dann waren wir zu Hause.

Das Haselchen hatte Freudentränen in den Augen. Und der Rabe wachte von dem ganzen Tumult auch nochmal auf und wollte die Augen gar nicht mehr schließen, um sein Brüderchen nur weiter anschauen zu können.



Die Geburt des Morgensterns war kein Spaziergang. Es war körperlich unglaublich anstrengend und verdammt schmerzhaft. Aber es war eine wunderbare Geburt. Ich fühlte mich von Anfang bis Ende respektiert, beschützt, sicher und geborgen. Ich konnte mich komplett fallen lassen und blieb dabei komplett selbstbestimmt.

Ich bin verdammt stolz darauf, dass ich diesmal nicht entbunden wurde. Ich habe geboren. Aus eigener Kraft und ganz ohne irgendwelche Hilfsmittel.

Und ich bin verdammt dankbar für meine Hebammen. Ohne das Vertrauen, das ich in sie legen konnte, hätte ich das vielleicht so nicht geschafft. Zu groß, so glaube ich, wäre meine Angst geworden, es nicht schaffen zu können. Das Gefühl, mich in eine feindliche Umgebung zu begeben und mich potentiell vor den Menschen um mich herum schützen zu müssen... Stattdessen gaben mir die Hebammen und die ganze Umgebung die Sicherheit, die ich brauchte, um dieses kleine Wunder zu vollbringen.

Kommentare:

  1. Was für ein wunder-wunderschöner Geburtsbericht. So (ähnlich) hätte ich es mir gewünscht - wie toll für euch alle. Alles, alles Liebe ♥

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  2. So schön, ich habe Tränen in den Augen. Und Erinnerungen. Fruchtblase = Wehenturbo, vergessen zu haben, wie anstrengend das ist. Herzlichen Glückwunsch noch einmal.

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    1. Vielen Dank.

      Ja, man vergisst echt so vieles so schnell...

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  3. Hallo Fledermama,

    Vielen Dank, dass du die Geburt deines kleinen Wunders mit uns geteilt hast.
    Es freut mich so sehr, dass du so eine schöne Geburt hattest und der Bericht macht Mut darum zu kämpfen selbstbestimmt zu gebären.

    Viele Grüße
    Mama Maus

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    1. Ja, es macht mich auch sehr traurig und wütend, dass eben nicht jede Gebärenden die Chance bekommt, die Geburt auf diese Weise zu erleben.

      Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass ich unter anderen Umständen eben nicht eine derart unkomplizierte und schnelle Geburt gehabt hätte. Denn loslassen können und vertrauen sind ganz grundlegende Punkte für eine gute Geburt...

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  4. Wundervoll. Herzliche Gratulation zur Leistung und zum Morgenstern!

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  5. Wundervoll. Herzliche Gratulation zur Leistung und zum Morgenstern!

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