Donnerstag, 17. Mai 2018

WGT 2018

Donnerstag
 
Baby macht lange Mittagsschlaf. Die Stadt ist endlich wieder so richtig schön in schwarz getaucht. Ja, auch mit ganz viel Klischee und Profitgier. Aber es fühlt sich trotzdem an, als habe im Zuhause etwas gefehlt und jetzt tickt alles wieder so, wie es soll. Mit Baby und Kleinkind wird die lange, lange Bändchenschlange schnell kurz, weil Menschen ohne Murren und Meckern und ohne darum gebeten worden zu sein der nächsten Generation ein Stück von ihrem Platz frei machen. Wildfremde Menschen lächeln sich freundlich entgegen. Wildfremde Punks strahlen und kommentieren das wunderschöne Bild mit Kindern. Die Stimmung ist friedlicher und herzlicher geworden. Wir haben Besuch. Insgesamt 9 Menschen. Aus Russland, Israel, Armenien, Deutschland und China. In unserer Wohnung wird Deutsch, Russisch Englisch und Chinesisch geredet. Dem Rabe ist erst alles zu viel und er muss auf den Arm. Weint. Alle sollen wieder gehen. Irgendwann platzt der Knoten. Er kommt aus seinem Rückzugsraum und spielt und rennt und lacht und macht Unfug. Und ausnahmslos alle machen mit. Er entführt eine Chinesin zum Spielen in sein Zimmer und redet konsequent Deutsch mit ihr, versteht aber jedes Wort, das sie auf Englisch zu ihm sagt. Er klettert auf den Schoß einer Armenierin und fragt ein Russin zu jedem ihrer Schmuckstücke aus. Im Bett sagt er, wie schön er WGT findet. Und fragen, warum die schwarzen Leute denn nicht alle bei uns schlafen können. Der Morgenstern derweil staunt, lächelt, staunt und schaut. Bis ihn die Müdigkeit übermannt und er mit lauter Stimme den Schlaf einfordert. Den er dann gleich bekommt. Ich genieße zunächst, mich mit den Kindern zunächst ein wenig aus dem Kennenlernern so vieler neuer Menschen zurückziehen zu können. Dann traue ich auf und genieße den Trubel. Um bald doch froh darum zu sein, dass alle weiterziehen und ich in Ruhe noch im Schlafanzug auf dem Sofa sitzen kann.




 
Freitag
 
Das Haselchen war bis 4 Uhr nachts bei der blauen Stunde. Entsprechend bin ich fitter, als er. Aber ungekrönte Königin bleibt unser reverse Aschenputtel, dass nicht nur einen Schuh verloren hat, sondern obendrein auch gleich im Bett eines Prinzen genächtigt hat, der dann für sie am Morgen den verlorenen Schuh suchte. Wenngleich ohne Erfolg. Ich hingegen mache mich ganz unmärchenhaft erstmal auf zur Rückbildungsgymnastik. Danach huschhusch beim Stillen Strumpfhosen zerschneiden und gefühlte 8643689633 Warum-Fragen beantworten. Anschließend im Eiltempo umziehen, schminken, Baby versorgen, Kind fertig machen, Haare machen, Tasche packen, nochmal Pipi und dann los. Der Blick auf die Uhr hält uns vom Trip zum Heidnischen Dorf ab. Stattdessen Moritzbastei. Mittelalter bleibt Mittelalter. Oder so. Angekommen erstmal Hunger. Essen. Rabe rennt so aufgedreht umher, wie es nur ein Kleinkind kann. Oder wahlweise ein Eichhörnchen auf Koks. Dank netter Dudelsackspielerinnen gibt es Ohrenschützer für den Morgenstern. Dem das eigentlich ganz gut gefällt. Im Gegenteil zu seinem Bruder. Also runter und los. Nur wohin? Ein Schluck Rotwein hilft und es werden Leute beobachtet. Spannend, dass die Dealer nur Stinos ihr Hasch andrehen wollen. Lasse ich an dieser Stelle mal unkommentiert. Kurz nach Hause. Während alle Familienmitglieder mit Penis zu Hause bleiben, gehe ich zu
 
Raison d'etre
 
Das Konzert ist verdammt gut. In Gänze ausformulieren kann ich es einfach zeitlich nicht. Aber die Kurzfassung:
 
Anspannung, Warten, Ruhe vor dem Sturm, wie vor Orgasmus - nur Detail, keine Chance einen Blick auf das große Ganze zu bekommen, es bleibt nur Vermutung - Bedrohung durch Vergänglichkeit, Blick wie bei einer Aura
 
Sowohl musikalisch, als auch durch die Visuals. Ich bin zwischenzeitlich derart gefesselt, dass ich mich nicht traue, mich zu bewegen. Genau dafür liebe ich es einfach, Ambient Konzerte zu sehen.
 
Anekdote am Rande: Nachdem ich Lustmord so genial fand, ging ich mit dem Haselchen im Jahr darauf zu einem anderen Ambient Konzert. Und musste nach wenigen Minuten raus. Weil ich es nicht mehr ausgehalten habe. Weil die Stimmung der Musik so intensiv war, so sehr triggerte, dass ich mich - einzig aufgrund der Musik - richtig panisch gefühlt habe. Als könne ich keine Luft mehr bekommen. Mich hatte dieses Gefühl so sehr überrumpelt, dass mir nur die Flucht blieb. Seitdem liebe ich Ambient Konzerte, mache mich aber innerlich immer auch auf ganz viel negative Emotion gefasst.
 
Nach dem Konzert lese ich in der Bahn, dass der Morgenstern offenbar schon eine ganze Weile schreit. Zu Hause angekommen tut er das noch immer. Bis ich ihn auf den Arm nehme. Dann ist plötzlich alles gut. Fremdeln bei Papa? Who knows... Ich streiche jedenfalls gedanklich Die Kammer für heute. Ich bleibe. Wir bringen die Kinder dann gemeinsam ins Bett. Kaum schläft der Morgenstern, stehe ich auf und gehe los. Nervös, ob er wirklich so schlafen wird, wie erhofft. Aber ich gehe und tanze. Ich komme nach Hause und schminke mich sogar noch ab und rede mit dem Haselchen,bevor das Baby meine Abwesenheit moniert.






2008
Vs.
2018 


 
Samstag
 
Frühstück und Fertigmachen werden zu einer Einheit, während ich versuche, nicht zu lange zu brauchen. Am Ende läutet es doch schon 12, als wir auf dem Weg sind. Im Victorian Village stelle ich fest, dass mein Reifrock über den Jordan gegangen ist. Nachdem uns also die Bekannte und Organisatorin des ganzen Trubels zum Brunch eingeladen hat, ziehe ich ihn aus. Dann halt nur Baumwolle. Fand ich sowieso schöner. Aber ätschi aber bätschi.
 
Der Rabe rennt wild herum, begrabbelt aufwändige Kleider, guckt in Taschen, zuppelt an Halsketten und erbettelt sich Weintrauben. Und die Menschen mögen ihn und möchten ihn fotografieren und erzählen von ihren Kindern und fragen, ob er Weintrauben haben darf. Dann gehen wir nach Hause und schmieden Pläne. So, wie geplant, wird der Tag ohnehin nicht mehr laufen. Es ist WGT. Das ist wie im echten Leben und fast nichts läuft so, wie man es plant. Wir versuchen uns an einem Spaziergang durch die Stadt. Die Massen und die Poser und die knipsenden Stinos sind gruselig. An der Moritzbastei trennen wir uns und während die Älteste und der Jüngste gen Peterskirche gehen, machen die Mittleren sich auf nach Hause.
 
Saeldes Sanc und Ernst Horn
 
Mit deutlich weniger Deko als letztes Mal. Tandaradei reißt noch immer mit. Die Kirche heute irgendwie ein bisschen weniger. Und mit plötzlich doch wachem Baby im Tuch noch weniger. Nachdem auch stillen den Morgenstern nicht beruhigt, gehe ich erst vor die Tür und dann nach Hause.
 
Auf dem Weg überfällt mich ein bisschen die Wehmut. Und der erste Katzenjammer. Schon 2 von 4 Tagen praktisch zu Ende für mich. Und statt mich einfach treiben zu lassen von Getränken, Fertigmachen, Menschen, Konzerten, Parties, Essen Möglichkeiten muss ich alles planen und rationieren und auf sehr viel verzichten. Und sobald ich irgendwann wieder theoretisch die Freiheit hätte, zu tun und zu lassen, was ich will, werde ich vermutlich zu alt für den Scheiß sein. Und meine eigenen Kräfte mit in die Gleichung dessen, was möglich ist, einfließen lassen.












 
Sonntag
 
Frühstücksbesuch am Morgen von Freunden aus Hannover. Weil sie das Victorian Village organisiert, waren sie da. Sonst aber eigentlich nicht. Deshalb fahren sie heute wieder nach Hause. Die Tochter wird jetzt 5. Ich weiß noch, wie sie damals hochschwanger auf dem Viktorianischen Picnic war. Damals nur für das Picnic gekommen. Weil es jederzeit hätte losgehen können. Für die beiden war irgendwie mit dem Kind das WGT zu Ende. Für uns war es das nicht. Jetzt spielen unsere Kinder zusammen. Und legen das Kinderzimmer ein bisschen in Schutt und Asche. Nachdem sie von dem Bananenbrot mit Ei drin gegessen haben, erzählen sie, dass sie jetzt komplett vegan leben. Ich sage lieber nichts. Weil gegessen ist das Brot ja jetzt schon... Aber ich fühle mich irgendwie schlecht. Als hätte ich ihnen ins Essen gespuckt.
 
Sie fahren ab und wir machen uns fertig. Heidnisches Dorf ist geplant. Die Bahnfahrt ist entspannter, als befürchtet. Trotz ausgesprochen großem Fragebedarfs des Raben. Aber die Schlange vor dem Dorf ist lang. Verdammt lang! Zu lang. Wir stellen uns vor, wie es drinnen aussieht. Und... Ähm, nein danke. Also Agra. Der Rabe darf zum ersten Mal in seinem Leben Kindergartenluft schnuppern, während wir uns die Flaniermeile begucken, was kühles trinken und kurz in den Schwarzmarkt schauen. Dann bekommen wir das Kind nur unter Hariboversprechen wieder losgeeist und fahren nach Hause. Abendessen, Zähne putzen, Pullern und ab ins Bett. Kaum schläft der Morgenstern, schon mache ich mich wieder auf ins Darkflower. Die Musik überzeugt heute leider nicht so sehr zum Tanzen. Aber ein bisschen was geht, bevor ich schnell wieder nach Hause huschen kann - noch bevor das Baby nach mir verlangt hat.









 
Montag
 
Heute müssen wir ins Heidnische Dorf. Ein WGT ganz ohne geht einfach nicht... Also packen wir ganz früh zusammen, ich mache stylingtechnisch nix besonderes und wir fahren los - und sind dann sogar noch vor Öffnung vor Ort. Ich war nämlich sicher gewesen, man dürfe ab 10 Uhr rein. Aber eigentlich ist es erst ab 11 Uhr soweit. Wir breiten unsere Decke aus und genießen die frische Luft, die Zeit, die Musik im Hintergrund und die Stände mit Essen und Trinken. Der Rabe bekommt sein erstes eigenes Trinkhorn. Irgendwann wird es Nachmittag und voller. Wir packen unsere Sachen, schauen uns noch ein wenig um, das Haselchen bekommt sein Schweineschwänzchen und wir gehen zur Agra. Dort darf der Rabe wieder in den Kindergarten. Die T-Shirts, die wir haben wollten, gibt es nicht mehr in der richtigen Größe. Dafür treffen wir Bekannte aus China, die uns auf eine Cola und ein Bier einladen. Wir versuchen, den Raben aus dem Kindergarten abzuholen - scheitern aber daran, dass er zu viel Spaß hat und nicht gehen will. Wir lassen ihn weiter spielen und unterhalten uns nochmal mit den Leuten aus Shanghai. Irgendwann ist es dann aber doch Zeit und der Rabe darf Kneten mitnehmen, weil er sonst gar nicht gegangen wäre. Abends geht das Haselchen zu dem für ihn wichtigsten Konzert und schlägt danach - ganz vernünftig und entgegen seines ursprünglichen Plans - eine Einladung zu einer coolen Party aus, um früh nach Hause zu kommen.








 
Dienstag
 
Wir beerdigen das WGT 2018. Der alkoholfreie Sekt lässt seinen Korken als Salut knallen. Zu den Trauergästen gehört eine sehr liebe Twitterin, mit der ich nächstes Jahr mehr Zeit einplanen möchte, und ein sympathisches Mutter-Tochter Gespann aus dem hohen Norden. Die unter anderem davon erzählen, wie schwer es mit fast 60 ist, ein passendes Outfit für die Obsession Bizarre zu finden. Wir sitzen bis nach 16 Uhr im Grünen und ich hohle mir einen leichten Sonnenbrand, obwohl wir immer wieder in den Schatten wandern. Dann ist das WGT 2018 endgültig vorbei.








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