Sonntag, 17. Juni 2018

Vom Sprachenlernen

Auf Twitter hatte ich einen Thread verfasst. Aus der Wut im Bauch heraus geschrieben, dass es (mal wieder) heißt "die Ausländer" sollen gefälligst richtig Deutsch lernen. In Verbindung mit Szenen, die mir im Kopf blieben, von Leuten, die gebrochen Deutsch sprachen und meinen persönlichen Erlebnissen beim Erlernen neuer Sprachen.

Wir waren bei der Schwiegerfamilie in Kazakhstan. Und Oma sowie Opa des Haselchens sprechen halt ausschließlich Russisch (gut, und teilweise Kazachisch, aber das kann ich noch weniger). Und wenn ich versuche, mit ihnen zu reden, dann kommt dabei halt teilweise ein übles Kauderwelsch bei raus. In den Tagen habe zum Beispiel gesagt "Ich glaube, er schlafen will", "Wir Spazierengehen. Weil Luft gut.", "Sie willst spazieren? Sehr nicht kalt ist!", "Er immer nicht kalt. Alles gut." oder "Du setzen. Essen, bitte!".

Und dann habe ich mir vorgestellt, wie man in Deutschland reagieren würde, wenn jemand sich dort so oder so ähnlich zu verständigen versucht.

Da mein Rant nun etwa hundert Mal so viel Resonanz bekommen hat, als ich erwartet hätte, möchte ich meine Gedanken nun auch nochmal hier verewigen (in etwas korrigierter und erweiterter Form):

Wisst ihr, was ein Problem sein könnte, warum Menschen irgendwann aufgeben, Deutsch zu lernen? Die Reaktionen auf "schlechtes" Deutsch.

Wenn ich anfange, eine Sprache neu zu erlernen, mache ich Fehler. Ich konjugiere und dekliniere falsch, werfe Zeitformen durcheinander, spreche mit Akzent.

Das ist vollkommen normal und lässt sich nicht vermeiden.

Ging mir überall dort, wo ich selbst eine Sprache neu gelernt habe, genau so.

In Spanien haben sich alle bemüht, mich irgendwie zu verstehen. Es war mir schon peinlich, beispielsweise "Du Telefon Taxi Bitte" zu sagen, weil ich es einfach nicht besser ausdrücken konnte. Mein Gegenüber zuckte ganz kurz mit dem Mundwinkel zu Anflug eines Grinsens, wiederholte dann meine Frage nochmal richtig um sicher zu gehen, ob er mich richtig verstanden hatte, und beantwortete sie dann.

Niemand sprach mit mir wie mit einem Kleinkind. Jeder versuchte, mich zu verstehen und sprach einfach ganz normal mit mir. Erst, wenn ich wirklich nicht verstanden habe, was mein Gegenüber mir sagen will, wurde langsamer, deutlicher, ggf einfacher und mit Händen und Füßen gesprochen.

Sobald in Deutschland jemand so spricht, wie ich anfangs in Spanien, redet der Großteil der Menschen mit dieser Person nur noch wie mit einem Idioten.

Anstatt "Du Telefon Taxi bitte" - "Du möchtest, dass ich für dich ein Taxi rufe?" - "Ja." - "Das ist nicht nötig. Geh einfach runter. Auf der Straße fahren immer Taxis und wenn du eins siehst, winkst du einfach." würde die Unterhaltung mit vielen Deutschen wohl irgendwie so verlaufen: "Du Telefon Taxi bitte." - "Du wollen ich rufen Taxi mit Telefon?" - "Ja" - "Das nicht nötig. Du gehen. Auf Straße immer Taxi. Du winken. Taxi kommen."

Aber wie zum Henker soll ich denn die Sprache lernen, wenn die Umwelt nicht richtig mit mir spricht? Woher soll jemand Übung im Deklinieren und Konjugieren bekommen, wenn man es nie hört? Oder korrekte Satzstellung? Oder die "Sie" - Form? Wenn man von Deutschen sofort und ohne es wenigsten versucht zu haben immer nur ein Deutsch a la "Du drücken Taste hier wenn blinkt grün" oder "Du putzen Treppenhaus gestern?" zu hören bekommt KANN man es doch gar nicht besser lernen. Dass Menschen dann auch nach Jahrzehnten hier immer noch so sprechen ist kein Wunder. Sie reden doch GENAUSO wie die Deutschen.

Und das zweite Problem sind die Reaktionen, wenn jemand es wenigstens versucht.

Als ich angefangen habe, Indonesisch zu lernen, habe ich immer mit allen so viel Indonesisch gesprochen, wie ich es halt konnte. Anfangs waren das ein paar Worte. Aber die Reaktion war immer Freude bis hin zu Begeisterung. Ich konnte keinen vollständigen Satz bilden, aber mein Gegenüber half mir, die fehlenden Vokabeln zu ergänzen und strahlte bis über beide Ohren, dass ich es wenigstens versuchte. In der Folge war ich super motiviert, paukte Vokabeln und gab mein bestes, um nicht immer so schnell auf Englisch umsteigen zu müssen.

Wer in Deutschland keinen ganzen Satz sagen kann, wird bestenfalls belächelt, aber meist mit einem genervten Augenrollen betrachtet.

Dass man dann irgendwann keinen Bock mehr hat und es halt gar nicht mehr versucht, ist einfach verständlich.

Ganz besonders auch noch wegen dem letzten Punkt: Sprachen lernen kann verdammt schwer sein!

Ich habe Spanisch und Indonesisch jeweils binnen 6 Monaten halbwegs flüssig gesprochen. Ich bin also, so habe ich es immer empfunden, sprachlich nicht gänzlich unbegabt. Ich habe 6 Jahre in China gelebt und gearbeitet und kann bis heute nur eine Hand voll Sätze und Wörter, die ich auswendig gelernt habe.

Weil die Sprache denen, die ich bereits kann, absolut nicht ähnlich ist. Trotz Kurs nebenher und Alltag habe ich die Vokabeln einfach nie behalten können. Es gibt nämlich sowas wie Sprachfamilien. Deshalb fallen einem manche Sprachen leichter, als andere. Wer schon Italienisch kann, dem Fliegt Spanisch einfach so zu. Aber wer Chinesisch spricht, der muss sich trotzdem richtig ins Zeug legen, um Russisch zu lernen.

Und wenn ich daran denke, wie schwer Deutsch als Fremdsprache ist (Grammatik, dasselbe Wort mit völlig unterschiedlichen Bedeutungen je nach Kontext, Dialekte,...) finde ich es wirklich nicht verwunderlich oder verwerflich, dass jemand Jahrzehnte braucht, um sich halbwegs ausdrücken zu können.

Wenn dann jeder noch so kleine Fehler, jeder falsche Artikel, jedes nicht richtig konjugierte Verb, argwöhnisch betrachtet und einem für solche Fehler der Intellekt abgesprochen wird, ist das einfach nur scheiße.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.